„Ich habe das Buch Raum zum Schreiben genannt, weil jede Seite, jedes Kapitel eine Tür öffnet: zur Fantasie, zum Intellekt, zur Seele und zur Gefühlsebene."

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Lügen

08.07.2009


Aufgabe
Erfinden Sie heute ausschließlich Lügen. Es können absurde Lügen sein – 'Gestern Abend war ich beim Präsidenten von Honolulu zum Essen eingeladen' – oder Notlügen oder Schwindeleien, die Sie Ihren Freunden und Bekannten erzählen. Lügen Sie schamlos. Oder schreiben Sie auf, wann Sie in der Vergangenheit gelogen haben, und erklären Sie rückblickend, warum Sie es damals getan haben. Sie können auch eine Szene entwerfen, in der eine Ihrer Figuren sich entschließt, jemanden zu belügen.


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Leserbeiträge

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Eingetragen am: 06.09.2009 von Berthild Lorenz
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3291

Und plötzlich schrie das Telefon und ich schmiss den Hörer auf die Gabel.
„Halts Maul, du erzählst mir immer und immer wieder Geschichten von Menschen, die mit Tieren aus den Gesellschaften ausgewandert sind, weil sie dieses normale Leben satt hatten! Ich hab die Schnauze voll von deinen Lügen! Erst gestern hab ich Angela Merkel angesprochen, hab ihr gesagt, wie toll ich ihre Idee von der Woche der Lenkradlosen finde und sie guckte mich an, als sei ích ner geschlossenen Psychiatrie entlaufen, dabei hast du mir gesagt, dass die Idee von unser aller Dr. Angela stammt und ich, ich hab dir geglaubt und sie angesprochen! Ja, immerhin hat sie mir zugehört! Die Kacke war am dampfen, wie die Berliner Großschnauzen so gerne sagen. Die Stadt war voller Menschen, die meinten, wir sollten endlich mal richtig abschalten. Es ging um Atomkraft und die Folgen und vielleicht hatten die weit aufgerissenen Augen von unser aller Dr. Angela zu sagen, dass sie mir nur deshalb zuhört, um der aufgebrachten Masse der AtomkraftgegnerInnen zu entgehen. Ich weiß das nicht und ich wollte es auch nicht wissen, und ich wollte nicht ihr Seelsorger sein! Ich wollte mich dafür bedanken, dass sie diese tolle Idee hatte, weiter nichts!“

Wut klang in meiner Stimme mit und eigentlich wusste ich nicht so recht, weshalb ich mit meinem Telefon sprach. Es stand einfach so da und sah aus, als es starrte mich an und es bewegte ganz zaghaft die Wählscheibe. „Du, du hast sie angesprochen, wegen der Woche der Lenkradlosen, hab ich dich da richtig verstanden?“

Ich hatte meinen Kopf auf die Hände gestützt und saß nun neben dem Telefon. Das Telefon wechselte die Farbe. Knallrot stand es nun vor mir und ich fragte mich, ob mich mein Wissen um die menschlichen Phänomene der menschlichen Hirne narren.
Plötzlich sprang der Hörer in meinen Schoß und bei seinem Aufprall merkte ich deutlich, dass es Realität ist, dass mein Telefon wirklich nicht normal ist!

„Wie kann ein Telefon in einem Hauhalt, in dem nichts der Norm folgt, normal sein und bleiben? Das geht doch gar nicht!“, flüsterte die Hausspinne, die direkt über dem Telefon ihr Netz gewebt hatte. Wenn die Sonne durchs Fenster lugte, dann leuchtete es silbern und ich saß oft stundenlang davor und redete mit der Spinne.
`Vielleicht war das Telefon eifersüchtig, dass es nun auch mit mir reden wollte?`
Ich schüttele mich! Was geht mich das alles an, wichtig ist doch lediglich, dass die Kanzlerin endlich die „Woche der Lenkradlosen“ für Berlin ausgerufen hat! In dieser Woche dürfen alle BerlinerInnen ihre Autos Zuhause lassen. JedeR darf sich ein paar Tage zuvor einen Rollstuhl aussuchen, der zu ihm passt. Wir haben in Berlin genau so viele Rollstühle zur Verfügung, wie die Stadt EinwohnerInnen hat. Die Touris werden Augen machen! Gut, dass einige BerlinerInnen ganz sicher keinen Rolli in Anspruch nehmen werden, da können ein paar Touris die Idee gleich mit nach Hause nehmen ...

Ich liebäugele schon lange damit, mal einen Rennrollstuhl ausprobieren zu können! Die ham ja beim Marathon immer ein Tempo drauf, mit den Dingern, das ist ja unglaublich und auch wenn ich untrainiert bin, werde ich viel Spaß dabei haben! Tempo kommt dann beim Trainieren ...

Da setzt kein Bauch Fett an, wenn er sich mit eigener Kraft durch die Stadt bewegt! Mit das Schönste daran ist, dass kein Benzingestank entsteht und auch kein Lärm. Wahnsinn! Das ist doch die Idee! Und was das Allerbeste daran ist, die Öffentlichen fahren auch und die Menschen, die keinen Rollstuhl ausprobieren wollen oder können, die können mit Bahnen und Bussen kostenfrei fahren. Wer keine Kraft mehr hat, um mit dem Rollstuhl den Rückweg zu fahren, kann mit dem Rolli in die Bahn geschoben werden. Ohne Geld hingeben zu müssen, werden die Ausgepowerten nach Hause gebracht. So tolle Ideen kann doch eigentlich nur ne Kanzlerin haben, dachte ich bis gestern, bis ich sie dafür lobte!


Eingetragen am: 01.09.2009 von britta khokhar
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3227

Sonderveranstaltung Stadtbücherei fügte er noch dazu. es war ja nur eine Notlüge sagte Susanne.


Eingetragen am: 20.08.2009 von Berthild Lorenz
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3044

Die Kanzlerin hat mir den Auftrag gegeben, endlich klar zu machen, dass die Regierenden beschlossen haben, dass Berlin die Vorreiterrolle übernommen hat!
In den beiden kommenden Wochen ist es verboten, in Berlin mit irgendeinem Auto zu fahren! Der Mief ist nicht mehr zu ertragen, der Klimawandel muss gestoppt werden, die Fußgänger dürfen nicht immer auf die Bahnen warten müssen, weil sie vor lauter Autos nicht zur Straßenbahn kommen können! Die Regierenden haben beschlossen, dass für jeden Menschen, der in Berlin wohnt oder dort Gast ist, ein Rollstuhl zur kostenlosen Nutzung bereitgestellt wird. Jeder Mensch kann sich aussuchen, mit was für einem Rolli er/sie fahren will!


Eingetragen am: 09.08.2009 von Michele
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2836

Da bin ich doch glatt durch meinen kleinen Garten gelaufen und niemand würde mir folgendes glauben, aber ich schwöre schon mal jetzt das jedes Wort wahr ist!
Damals sah ich auf dem Steinboden einen kleinen Käfer! Einen wirklich häßlichen Käfer, aber irgend was trieb mich dazu dieses Ding unablässlich zu beobachten! Ich konnte einfach meinen Blick nicht abwenden und so starrte ich ohne Unterbrechung dieses kleine, schwarze Krabbeltier an und da auf einmal passierte es! Dieses Ding wurde immer größer und größer! Ich wollte weglaufen, aber ich konnte meine Füße nicht vom Boden lösen! Meine Angst wurde immer größer und ich nahm meine gesamten Kräfte zusammen, aber ich klebte fest und währenddessen platzte der Panzer des Käfers auf! Ich erschrak und schrie, aber niemand hörte mich! Ich schaute genauer hin und sah wunderschöne, leuchtende Farben! Das Bild, was ich sah war unglaublich schön und meine Angst war wie weggeblasen! Ich schaute genauer hin und sah das Gesicht eines wunderschönen Mädchens, welches bei meinem Anblick erschrak und auf einmal fort war! Ich habe dieses nicht geträumt! Es ist wirklich passiert! Ich schwöre hoch und heilig!
Das Mädchen hab ich nie wieder gesehen!


Eingetragen am: 05.08.2009 von Ursula Menzel
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2751

Lügen

Du sollst nicht lügen! Wenn das so einfach wäre! Ist es immer angenehm die Wahrheit zu sagen? Mit einer Notlüge ist man flugs aus der Szenerie. Mit anderen Worten: „Lügen haben schnelle Beine.“

Aus der Schule geplaudert:

Die Hausaufgabe

Der Lehrer: „Nun zeigt mal eure Aufsätze.“
Franz wühlt fieberhaft in seiner Schultasche. „Mist“, denkt er, „warum eigentlich dieser blöde Aufsatz.“ .Eine ganze Stunde hat er gestern über dem leeren Blatt gesessen, ohne auch nur ein Wort aufs Papier zubringen. Dabei war er um vier Uhr mit Freunden verabredet. Fußball spielen ist viel interessanter als einen Aufsatz über eine Katze schreiben. So hat er den gestrigen Nachmittag mit Freunden auf dem Fußballfeld verbracht. Dabei ist ihm die Hausaufgabe völlig entgangen. Und heute muss er sich irgendwie am Lehrer vorbeimogeln. Um Ausreden war Franz nie verlegen. Immer ist ihm im letzten Moment noch eine Notlüge eingefallen. Er sieht aus dem Fenster und überlegt angestrengt, welchen Vorwand er seinem Lehrer glaubhaft unterjubeln könnte.
Inzwischen hat dieser die Aufsätze einiger Schüler vorlesen lassen. Franz spürt tausend Schmetterlinge im Bauch. „Hoffentlich muss ich nicht vorlesen“, denkt er. Aber da hört er auch schon seinen Namen. Erschrocken wendet Franz seinen Blick zur Tafel.
„Franz, dein Aufsatz, oder hast du ihn vergessen.“
„Oh nein, ich habe ihn gestern geschrieben. Ich – ich glaube, ich habe nur mein Heft vergessen.“
„Dein Heft vergessen?“, wiederholt der Lehrer.
„Ja, es liegt sicher noch auf meinem Schreibtisch. Ich kann ihnen den Aufsatz morgen vorzeigen.“ Mit diesem Vorschlag glaubt Franz sich perfekt aus der Affäre zu ziehen. Der Lehrer sieht den Schüler eine Weile an. „Du hast doch keinen weiten Schulweg. Da dürfte es dir nichts ausmachen, dein Heft zu holen.“
Mit dieser Reaktion hat Franz wirklich nicht gerechnet. Daraufhin fällt ihm nicht einmal spontan eine Ausrede ein.
Langsam steht er auf, nimmt seine Schultasche und geht bedrückt zur Tür hinaus. Auf dem Weg nach Hause kreisen tausend Gedanken durch seinen Kopf. Sollte er umkehren und seinem Lehrer sagen: „Mein Vater hat das Heft versehendlich mit dem Altpapier verbrannt?“ Das würde Lehrer Böger ihm bestimmt nicht glauben. Und er wollte doch so elegant wie möglich aus der Unannehmlichkeit herauskommen.
Franz setzt sich an seinen Schreibtisch und schlägt das Heft auf. Jetzt noch den ganzen Aufsatz schreiben? Dazu reicht die Zeit nicht. Kurz entschlossen schreibt er ein paar Worte in das Heft, steckt es in seine Schultasche und macht sich wieder auf den Weg zur Schule.
Schnurstracks geht er auf das Lehrerpult zu. „Hier ist mein Aufsatz“, sagt er siegessicher und reicht dem Lehrer das Heft.
„Na Franz, was hast du denn geschrieben?“ Lehrer Böger schlägt das Heft auf und liest:

Überschrift: Unsere Katze

Wir haben keine Katze – Punkt.

Die gefälschte Unterschrift

In der Klasse war es mucksmäuschenstill. Man könnte eine Stecknadel fallen hören. Noch fünfzehn Minuten, dann musste die Mathearbeit abgegeben werden. Iris hatte nicht einmal die Hälfte der Aufgaben gelöst. Nein, Mathe war ganz und gar nicht ihre starke Seite. Wie oft hatte sie solche Arbeiten verbaut. Eine Fünf war meistens fällig. Nein, sie konnte sich nicht konzentrieren und kaum eine Aufgabe richtig lösen. Wie sehr hatte Vater geschimpft, als sie ihm die letzte Arbeit zur Unterschrift vorgelegt hatte. „Solche Arbeiten unterschreibe ich nicht mehr“, hatte er gesagt. Und diese Arbeit würde wieder mit einer Fünf benotet.
Einige Tage später wurden die Arbeitshefte ausgegeben. Mit zitternder Hand schlug Iris ihr Heft auf. Eine Aufgabe hatte sie richtig gelöst. Neben allen anderen leuchtete ein rotes F, und drunter stand eine Fünf – minus.
„Wenn ich Vater diese Arbeit vorlege, wird er wieder fürchterlich mit mir schimpfen und die Unterschrift verweigern“, dachte sie bei sich. Sie musste sich etwas einfallen lassen, damit Vater von der Mathearbeit nichts erfuhr.
Zuhause blätterte sie in ihrem Heft und schaute auf die anderen Arbeiten, die Vater unterschrieben hatte. Auf einem Zettel versuchte sie Vaters Unterschrift nach zu schreiben. Oh je, war das schwierig. Musste sie nun doch Vater die verbaute Arbeit zeigen? Nein, es musste noch einen anderen Weg geben. Iris überlegte lange. Dann kam ihr eine rettende Idee. Sie holte dünnes Pergamentpapier, presste es auf Vaters Unterschrift und versuchte die Buchstaben nachzuzeichnen – langsam und vorsichtig. Die Unterschrift übertrug sie mit Pauspapier in ihr Matheheft. Ja, jetzt sah es aus, als könnte Vater die Arbeit unterschrieben haben. Die Hefte wurden in der Schule wieder abgegeben. Niemand hatte gemerkt, dass Iris die Unterschrift gefälscht hatte. Einige Tage vergingen, als Vater fragte: „Wie ist denn deine letzte Rechenarbeit ausgefallen?“
„Es geht so“, antwortete Iris, „aber wir haben die Arbeiten noch nicht zurück.“


Eingetragen am: 01.08.2009 von marga
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2626

Ich war heute zum Kaffee eingeladen. Wir wollten über alte Zeiten plaudern und über Filme, die sie gemacht hat mit Fassbinder, aber sie war nicht da. Ich habe geklingelt, doch es öffnete niemand. Ein Nachbar kam hinzu und sagte, dass sie umgezogen ist. Er gab mir die Adresse vom Friedhof, die Hausnummer wußte er nicht. Bei der Friedhofsverwaltung sagte man mir wo sie wohnt. Ich musste zu Fuß hin, die Wege waren nicht befahrbar. Es dauerte eine Weile bis ihre Hausnummer gefunden hatte. Ich sagte "guten Tag Frau Mira", wir waren zum Kaffee verabredet, haben sie das etwa vergessen? Jetzt stehe ich hier vor einem Haufen Blumen hinter denen sich ein Stein verbirgt auf dem Ihr Name steht, als wären sie nicht mehr da. Können Sie mir das erklären? Wir wollten doch einen Kaffee trinken, oder mögen Sie keinen Kaffee? Wir können auch Tee oder in Anbetracht der Hitze etwas kühles trinken, einen Orangensaft vielleicht. Hauptsache Sie kommen. Wir sollten uns auch irgendwo setzen, das lange Stehen geht in die Beine, finden Sie nicht? Ich hätte mir ja auch etwas zum Sitzen mitbringen können, wenn ich gewußte hätte, dass Sie jetzt so unbequem wohnen. Naja, und dann wollten wir doch über die Filme reden, bei Fassbinder, wie war das denn damals. Am meisten beeindurckt war ich von "Angst essen Seele auf", wie sehen Sie das. Also wissen Sie, es wird mir jetzt hier etwas ungemütlich, wollen wir nicht irgendwo einen Kaffee trinken und ein Stück Torte essen, mögen Sie Torte? Ich schon. Also gut, wenn es Ihnen heute nicht passt, komme ich ein anderes Mal wieder, ich werde Sie anrufen. Also bis dann...


Eingetragen am: 30.07.2009 von Maria Weiss
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Hey Tagebuch, ich bin‘s mal wieder Amelie!

Ach, weißt du, ich bin die Lügerei so satt.

Es gibt drei verschiedene Lügner. Der Notlügner! Der Schutzlügner! Und der Mitvollerabsicht-Lügner!

Ich bin der Schutzlügner!

Ich lüge aus eigenem Schutz! Ich verdrehe halt nur ein bisschen die Wahrheit. Ich mache es nicht, weil es mir Spaß macht oder um andere Leute zu verarschen.
Ich mache es um mich selbst vor der Umwelt zu schützen. Denn wenn du einer gewissen Randgruppe von Menschen angehörst, wirst du sofort ausgegrenzt, sollte es heraus kommen. Du wirst verspottet oder mit schiefen Augen beäugt. Ich verschweige einfach gewisse Sachen, die mich “stürzen“ könnten. Dadurch verrate ich mich selbst, aber Hauptsache ich habe meine Ruhe und mich nervt niemand mit blöden Sprüchen oder klugen Ratschlägen.
Manchmal ist es besser die Wahrheit zu verschweigen. Es gibt niemanden der keine Geheimnisse hat. Oder etwa doch? Mit Sicherheit nicht!
Manche Leute können einfach drüber stehen und es ist ihnen schlicht weg egal, was andere von ihnen halten oder denken könnten. Ich bewundere solche Menschen sehr, denn sie gehören nach meiner Meinung nach zu den starken Persönlichkeiten. Wenn ich doch auch so wäre, dann bräuchte ich nicht, irgendwelche Sachen zu erfinden oder um die Wahrheit herum zu lügen.

Ein gutes Beispiel. Ich finde da einen Typen voll süß, doch dieser Typ ist nicht gerade beliebt in der Schule. Stell dir mal vor, ich würde mich auf ihn ein lassen, was das für einen Skandal geben würde und ein ständiges Gerede darüber! Welche Beziehung würde da stand halten? Und mit sechzehn ist man doch außerdem noch viel zu jung um sich fest zu legen. Also wieso sollte ich mich jetzt auf diesen einen Jungen versteifen, wenn es doch noch mehr süße Jungs gibt. Doch dieses Problem werde ich so einfach nicht los, in meinem Kopf kreist er ständig herum. Ich versuche es zu bremsen, auszuschalten, aus meinem Kopf zu löschen, aber dieser Gedanke ist immer da. Das ich heimlich Trickfilme gucke, ist wirklich das kleinste Problem, das ich verschweige. Doch dieser Typ, ist wie ein Virus, den man nicht so schnell los werden kann.

Heute fragt mich Claudia, wie ich denn ihr neues Kleid finde. Gott, sie sieht aus wie eine eingequetschte Wurst. Das kann ich ihr natürlich nicht sagen. Ich meinte, das Kleid sieht wirklich gut aus. Und das war noch nicht mal gelogen, das Kleid sah gut aus, aber nicht an ihr.
Diesen Monat ist wieder Kirmes angesagt, wie ich das hasse. Was für eine Ausrede soll ich mir denn dieses Jahr wieder ausdenken!?! Zugeben, das ich es hasse kann ich nicht, also muss ich jedes mal so tun, als würde ich mich darüber freuen und wenn ich nicht hin gehe, mich ärgern, das ich es verpasst habe. So was doofes! Alle freuen sich wie verrückt darauf und ich könnte jedes Mal kotzen, wenn dieses Thema wieder beginnt. Immer das Gleiche blabla darüber.
Und dann noch dieser eklige Typ in meiner Klasse, der so von sich eingenommen ist, das er glaubt, ich sei in ihn verliebt, nur weil ich ihn aus reiner Freundlichkeit dumm anlächele. So ein Schwachkopf, von Mann!
Ich bin so froh, wenn endlich das letzte Schuljahr endet und ich endlich von diesen ganzen Schafsköpfen weg bin, jedes mal dieses Oberflächliche Gelaber und ist die eine Freundin weg, fängt gleich die angebliche andere Freundin an über sie frech zu lästern. Tolle Freundschaft! Ich möchte gar nicht wissen, was die über mich reden, wenn ich mal nicht anwesend bin. Die glauben wohl, ich glaube jeden Schwachsinn, den die mir auftischen Nur weil ich so blöd tue, heißt es nicht, das ich in Wirklichkeit auch doof bin!!!
Mich kotzt diese verlogene Welt so an, bröckelt mal der Schein, dann steinigen sie dich alle! Wenn es darauf ankommt, ist keine Sau für dich da! Jeder ist sich der nächste!
Ich hoffe, ich finde in der neuen Welt bessere Freunde als diese angeblichen Freunde. Doch ich habe gehört in der Arbeitswelt sieht es nicht besser aus. Was für eine fucking Welt!

Das war mein Schlusssatz für heute! Deine Amelie


Eingetragen am: 29.07.2009 von Britta Carlson
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2554

Ich sah sprachlos auf den Bildschirm, ich hatte heute Morgen eine Mail von Klaus bekommen, ich las noch mal seine Worte: „Liebe Britta, ich habe Sehnsucht nach Dir, ich möchte dich endlich real kennen lernen! Sieh mal, wir schreiben uns schon seit drei Monaten, wir haben uns alles anvertraut. Ich habe das Gefühl, wir kennen uns schon ewig. Immer zögerst du immer schiebst du ein Treffen hinaus, langsam Zweifel ich daran das du die bist, für die du dich ausgibst.
Wir haben doch sogar miteinander telefoniert, du hast so eine angenehme Stimme. Ich möchte endlich dieses Wochenende mit dir zusammen treffen, unbedingt sonst ist es aus! Liebe Grüße dein Klaus.
Ich stand auf und ging ins Schlafzimmer. Ich nahm meine Lieblingskleidung raus und zog mich um. Ich sah meine Figur im Spiegel, 100 kg Weiblich verteilt auf 172 cm. Ich ließ meine roten langen Haare offen fallen, dann legte ich mich aufs Bett und heulte.
So sah keine schlanke Frau mit langen blonden Haaren aus, aber ich dachte ich könnte mich im Internet austauschen aber niemals verlieben. Ich dachte damals nur an ein bisschen flirten. Aber dann wurden unsere Mails immer intimer immer ausführlicher. Wir hatten ähnliche Hobbys, und Interessen. Und je mehr wir voneinander erfuhren desto mehr sehnte ich mich nach ihm. Meine Güte ich war wütend auf mich, musste ich mich so bescheuert verhalten, wie in einem blöden Film, eine Komödie? Naja er hatte mir von seiner Ex erzählt, eine kalte Rothaarige Frau. Er mochte Rothaarige nicht mehr leiden. Das war ja das kleinste Problem, wozu konnte man Haare färben. Ich hatte ihm ein Bild von mir gemailt mit blonden Haaren es war 3 Jahre alt, da hatte ich mir die haare mal blond gefärbt. Aber meine schlanke Figur… Daran war nichts mehr zu drehen nicht bis zum Wochenende. Oh ich konnte doch nicht ahnen das aus einem Flirt im Internet was Ernstes würde.
Ich hörte auf zu heulen, ich war entschlossen reinen Tisch zu machen, das Lügen musste ein Ende haben, entweder er mochte mich noch, oder er war dann doch nicht der Richtige. Ich machte mit der Kamera und Selbstauslöser ein paar Ganzkörperaufnahmen, dann suchte ich das schönste Bild heraus. Ich lud es in den PC und schickte es ihm… Und jetzt musste ich einfach mal abwarten, er ist erst mal auf seiner Arbeit, vor heute Abend bekomme ich keine neue Nachricht von ihm.Das werden die längsten Stunden meines Lebens.


Eingetragen am: 20.07.2009 von Arrisull
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2373

Sie lügt - sie lügt um der Lügens Wille. Sie macht es sich einfach und bequem in der Welt. Die kleinen und großen Lügen, die so leicht über die Lippen gehen.

"Nein, das Kleid steht dir ausgezeichnet!"oder "Ich ruf dich an" - wie oft und unbeschwert verlassen Lügen ihren Mund ? Fast ohne nachzudenken, ohne mit der Wimper zu zucken und ohne Gewissen.

Es ist ein Schutzmechanismus, da die Wahrheit doch nur Kummer und Schmerz verbreitet. Wahrheit ist nur etwas für starke Menschen, die es sich leisten können, nicht gemocht zu werden. Aber sie will doch gemocht werden. Von ihrer Familie, von ihren Freunden - von der Welt. Sie baut sich ihre Lügenwelt auf und lebt diese mit ganzem Herzen. Ein Stück vom Glück ist das für sie, welches sie in ihrem Leben vielleicht noch nie gespürt hat.

Man möchte sie in den Arm nehmen und ihr sagen, dass sie als Person geliebt wird und nicht als Konstrukt von Lügen. Aber wie kann man jemanden vertrauen, der es einem nur recht machen will und lügt um des Lügens Willen ?


Kommentar von Maria Weiss

Hi^^. Kurz und prägnant!Dein Beitrag hat mir gut gefallen. Liebe Grüße Maria

Eingetragen am: 30.07.2009

Eingetragen am: 19.07.2009 von Sigrid Leister
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2340

Mutter
Wenn ich meine Mutter besuche, ist es jedesmal eine Qual für mich. Sie lebt in einem Altenheim und ist schwer Altersdement. Ich weiß das sie glücklich ist und das macht mich froh. Wenn ich sie besuche lüge ich immer wieder aufs Neue und das macht mich traurig. Ich liebe meine Mutter und will nicht die Trauer in ihren Augen sehen auch nicht für eine Sekunde. Auch wenn sie alles was ich ihr erzähle wieder vergessen wird.
Sie braucht immer sehr lange bis sie mich erkennt. Ich bin ihre einzige Tochter unter ihren vier Söhnen. Die Entfernung zwischen dem Altenheim und meinem Haus beträgt ungefähr 300 Kilometer doch die Entfernung zwischen Tochter und Mutter ist von hier bis zum Mond. Ich liebe meine Mutter und verlüge meine Trauer sie so zu sehen. Ich lache und singe mit ihr obwohl mein Herz in winzige Splitter zerspringt. Dann sehe ich wie sie gewesen ist meine Mutter. Immer darauf bedacht das alle gleich behandelt werden und doch ihre Lieblingskinder hatte. Ich war es leider nicht. Schon als Kind habe ich gelogen als ich sie nicht merken ließ das es mir aufgefallen war.
Jetzt belüge ich sie wieder, wenn sie mich nach meinem Mann fragt und ob wir uns noch immer so gut verstehen. Dann lache ich und erfinde Geschichten von ihm und mir und verheimliche ihr das er mich vor fünf Jahren verließ. Dann fehlt mir eine tröstende Mutter doch die ist in Vergessenheit geraten. Und so lache und singe ich mit ihr wie sie es früher mit mir getan hat. Und dann sind wir uns manchmal nah. Dann bin ich froh das sie mir die Lügen nicht ansieht.


Kommentar von Bärbel

Berührend erzählt. Ich unterstreiche Liliana-Louisas Kommentar.

Eingetragen am: 20.07.2009

Kommentar von Liliana-Louisa

Bittersüß. Und ein sehr gelungener Vergleich mit den Entfernungen.

Eingetragen am: 19.07.2009

Eingetragen am: 18.07.2009 von FM Christians
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2304

Die Lüge ihres Lebens

Thelma senkte die Augen und nippte an ihrem Glas. Die Runde um sie herum lachte anerkennend über ihren Kommentar. Nach einem kurzem Moment der Entspannung kam das Gespräch wieder in Fahrt. Sie lauschte ihm noch einen Augenblick, ehe sie sich abwandte und ihren Weg, zur Tür am anderen Ende des Zimmers, fortsetzte. Weiter Gurppen von Freunden, Bekannten und Leuten, die sie kaum kannte, standen zwischen ihr und ihrem Ziel. Höflich blieb sie immer wieder stehen, hörte sich eine Geschichte an, nickte, lächelte und antwortete mechanisch. Es war gar nicht schwer, wenn man einmal verstanden hatte, wie das Spiel lief. Sie stellte ihr Glas auf dem Tablett eines vorbeikommenden Kellners ab und setzte ihren Weg fort. Oh ja! Sie war beliebt. Die Leute mochten sie. Das war keineswegs immer so gewesen. Thelma erreichte ihr Ziel und drückte die Klinke langsam hinunter. In dem Flur dahinter empfing sie eine wohltuende Ruhe. Nur ganz leise waren die Stimmen und die Musik noch zu hören. Zwei weitere Schritte brachten sie zu ihrem Ziel.
Im Bad war es vollkommen still. Kein Laut drang hier herein. Sie drehte den Schlüssel und wandte sich um. Prallte erschrocken vor der Gestalt zurück, die ihr entgegensah. Die Fremde folgte ihren Bewegungen. Thelma lachte erleichtert. Seit wann war sie so schreckhaft, dass sie ihr eigenes Spiegelbild in Angst versetzte. Sie trat näher und musterte die Frau, die ihr entgegensah. Keine Schönheit, aber auch nicht hässlich! Sie war nicht dumm, hatte einen guten Job und war bei Kollegen und Bekannten beliebt. Sie lächelte ihrem gläsernen Ich zu. Alles war normal. Endlich - nach all Jahren in denen sie mit der Welt gehadert hatte, eine Einzelgängerin gewesen war, die unbeirrt ihren Zielen folgte, war sie nun ein Mensch wie alle anderen. Überall gern gesehen und von den Symbolen eines erfolgreichen Lebens umgeben. Ihr Lächeln erstarb. Wie leicht das gewesen war. Nur ihr Ich hatte sie dafür opfern müssen.


Kommentar von Liliana-Louisa

Mir ist, als hätte ich einen Roman in der Mitte aufgeschlagen und eine Seite testgelesen. Und ja, es würde mich interessieren, ob sie ihr altes Ich wiederfindet.

Eingetragen am: 19.07.2009

Eingetragen am: 17.07.2009 von Elisabeth Becker
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2301

Missverständnisse
Welch eine große bemerkenswerte Chance, die wir jeweils unserem Gegenüber in Form unseres momentanen Projektionsinhalt bieten.
Missverständnisse welch große Chance zu offenbaren, was wir geneigt sind im anderen Mitmenschen jeweils zu vermuten. Und wie viele andere Optionen und Gründe könnten doch jeweils vorliegen, doch wir wählen genau jene Vermutung, und keine andere. So geht es uns allen hier und da mal.

Verraten kann man zum Beispiel entweder durch das Gesicht des unbewusst gewählten Missverständnisses, dass man Nahrung benötigte für eine Charaktertendenz, als Opfer fühlend zu leiden.

Andere offenbaren durch den Inhalt ihres gewählten Missverständnisses die große Fähigkeit, in eine konstruktive Möglichkeit zu vertrauen, auch falls sie sich dabei ein Stück weit selbst belügen.

Missverständnisse, welch schöne Chance, die Welt und sich selbst mit Humor betrachten zu können, ab und zu, wenn es passt.


Und mit dem Missverständniss auf deiner Seite, das du dich bei mir entschuldigend zugegeben hast, hat es dann endlich geklappt, meine begonnene Lüge zu entkräften. Ich hänge nicht mehr an dir, war ja, wie ich es dir zuvor halb gelogen, halb wahr, erklärte, dabei, dich ganz schnell wieder vergessen zu wollen, das heißt, diese dummen schönen Schmetterlinge im Bauch.

Es hat dann also tatsächlich so schnell geklappt, denn du hast nicht an mich geglaubt, nicht an das Uns. Zogst das Gesicht dieses Missverständnisses vor, der Möglichkeit, dass es nur ein Missverständnis hätte sein können..

Zogst es vor, mir etwas zu unterstellen, auf meiner Seite den Grund für deine Enttäuschung zu suchen.

Denn bei der Neigung zu leiden und den Kopf über andere zu schüttlen, müssen ja auch schließlich Gründe her. Ist keiner wirklich vorhanden, modelliert man sich grad mal schnell einen.

Ein bisschen ironisch war das, ich weiß. Es befreit mich.

Ich mag es, wenn ein Mann an mich glaubt, im Zweifelsfall erst recht. Du hast einen Hauch von dieser Lüge in mir wohl gespürt, bevor ich dies konnte. Das war gut so. Und konntest dadurch nicht wirklich an mich glauben oder mir glauben, oder dem, was ich dir mailte, von dem ich glaubte, es sei überzeugend, auch mich selbst überzeugend.

Du schlussfolgertest einfach, dass ich nicht wollte, du weißt schon, den Hörer sofort nach dem Klingeln abheben, anstatt mir deine Stimme erst später auf dem Anrufbeantworter anzuhören.

Aber es lag ein anderer Grund vor, nicht den, den du annahmst, es war die Technik des Internets oder meines PC´s. Irgend etwas hatte sich aufgehangen und hat dir meine "Iam agree-Antworten" nicht mehr gesendet.

Aber der Zauber des Verliebtseinkönnens ist weg, und dafür danke ich dir, denn es geschah durch die Wahl deines Missverständnisses. Du hast dich für mich uninteressant gemacht, nachdem ich deine Zweifel las.

Doch so wie ich glaube es wahr zu spüren, benötigst du einen Menschen, der zu deiner augenblicklichen Neigung passt, zu leiden.

Vielleicht daher, weil ich dies intuitiv gespürt habe, oder an deinem Gesicht ablesen konnte, wollte etwas in mir mich nicht so wirklich in dich verlieben können. Ja vor allem, weil du kein Österreicher bist, das stimmt und gebe ich zu, dass es nur ein Österreicher sein soll, der mich bis in jede Faser meines Herzens und Körpers verrückt machen kann.

Und dass diese Schmetterlinge nunmal erwacht waren in mir, durch deine vorhergehenden wundervollen Zeilen, geschah halt, es war schön, mehr als schön, aber ich wollte es doch gar nicht wirklich, wegen meiner Treue zu meiner Vision.

Und so etwas hast ja auch du nicht verdient. So gesehen, habe ich dich mir selbst nicht gleich merklich benützt. Oder kann man da schon sagen belogen? Weil du mir solche guten Gefühle zu vermitteln fähig warst und ich es - dich darin ermunternd - geschehen ließ. In der Ermunterung lag die Lüge, vermute ich.

Aber in der Konsequenz hätte ich mich nicht zu dir bekennen können, außer im Taumel der Verliebtheit ohne zu denken.

Ich weiß, es wird seit Jahren propagiert als das einzig Richtige, auf seinen Bauch zu hören, und sich seinen Gefühlen hin zu geben. Ich weiß nicht, so dachte oder denke ich ja im Grunde auch. Doch da ist diese noch stärkere Kraft und dieser Wunsch nach einem Österreicher an meiner Seite in mir, also dann kann ich doch nicht solche Umwege weiterhin machen. Es sind doch Menschen auf diesen meinen Umwegen aus Feigheit getrampelt, die sich in mich verlieben. Und das darf ich ihnen doch nicht antun! Also darf ich nicht auf solche anfänglichen "dummen" schönen" Gefühle hören, nicht darauf reagieren, als seien sie Bauchgefühle in mir, auf die es wider alle kühlere Vernunft zu reagieren gelte! Oder?

Sollte also dankbar sein, dass er sich nicht mehr meldete bis jetzt.

Klar das tut ein wenig weh, aber er gestand ja gestern auch, dass er leidet, wegen meiner Einstellung, die sich nicht für ihn entscheiden kann, weil er kein Österreicher ist.

Ich war sehr sehr offen, das heißt, ich verletzte ihn wohl, als ich ihm sagte, dass ich kein Blatt vor den Mund nehme, falls mir seine Stimme beim Erstkontakt am Telefon nicht gefallen würde. Genauso wenig wie ich mein Gefallen ebenfalls frei heraus zeigen würde. Das war nicht so ok von mir, denke ich.

So bin ich. Klar, ich hätte mir diesen Part auch verkneifen können, aber wahrscheinlich wollte ich ja einen Schnitt herbei führen, und dann doch am Besten durch ihn vollzogen an mir, damit er das Gefühl haben sollte, er hätte die Sache beendet. So was tut vielen Männern gut, besser, als wenn ich zu Allem noch mit ihm Schluss gemacht hätte.

So ist es besser, ich leide ein wenig, weil ich ihn ein wenig mehr vermisse, als es mir recht ist.

Hatte oder habe mich schon an ihn gewöhnt, nicht nur das, war schon in meiner Vorstellung bei ihm in Griechenland, in seinem Haus, wurde von ihm schon geliebt...in Gedanken.

Ging zum Strand durch die Altstadt mit einer weißen bis etwas über die Knie gereichenden Hemdsbluse und einem breiten weißen Strinband und einer großen schwarzen Sonnenbrille.
Barfuß. Barfuß war es glaube ich, nein ich ziehe mir nachträglich jetzt lieber mal Schuhe an, weiße ebenfalls, und braun ist meine Haut in dieser Vision. Und ich flirte anständig, also damit meine ich, nicht wirklich flirten, sondern auf distanzierte Weise, mit den Einheimischen. Achtung kommt mir entgegen. So hätte ich es gerne, deshalb kommt es mir so vor.

Oder die Achtung kann auch echt sein. Ich bin nichts anderes als Achtung gewöhnt, habe immer viel dafür getan. Zu viel? Daher habe ich sie vielleicht gar nicht in dem Kleide verdient, geht mir grade durch den Sinn.
War es Kompensation dafür, dass ich längst nicht so moralisch tugendhaft ticke, wie ich es mir schon seit eh und je auferlegt habe. Nämlich so ganz anders zu sein, als meine kleine Schwester.

Na so etwas!, dachte ich damals empört, als ich es mitbekam, nämlich dass sie schon rauchte, sie war doch erst 11.
Nur, weil sie kurz danach schon mit einem Jungen geschlafen hatte, wartete ich vielleicht damit, bis ich 19 war.

Ja, Kompensation wird ein gutes Stück an Weg bisher wohl bei mir gewesen sein, so wird es wohl sein, ist mir aber auch plötzlich egal. Ich spüre diese Anständigkeit in mir vorrangig. Ist was anderes mit dabei, soll es sich endlich zeigen. Denn sich selbst etwas vorspielen, ist nicht ok, denke ich. Ist auf jeden Fall eine Lüge.

Jedenfalls steht mir diese Aufmachung in Weiß auf brauner Haut sehr sehr schön. Wie ich mir gefalle! ich glaube ich bin in meiner Vision auf dem Weg zum Markt durch die Altstadt, ach so, war ja auf dem Weg zum Strand -, etwas größer bin ich als in Wirklichkeit, auch ohne Schuhe. Oder sind vielleicht die Menschen dort in Griechenland meist kleiner als hier im Allgemeinen. Oder sehe ich im Grunde gar nicht mich selbst, sondern...keine Ahnung.

Ist´s eine Projektion in der Vision, ja so wird es wohl sein. Und auch ist es doch eigentlich gar nicht mein Gesicht. Oder es ist nicht mein Gesichtsausdruck. Dieser, den ich sehe, ist cooler und hat weniger von, weiß jetzt nicht genau, weniger wovon.

Jedenfalls sehe ich aus, wie ein Model auf den Titelseiten von Frauenzeitschriften mit diesem typisch blinzelnden attraktiven Blick gegen die Sonne. Und wie mir dieses Bild gefällt!

Aber ich bin nicht dort. Sitze hier vor dem PC in Ruhpolding, wurde nicht von ihm nach Griechenland eingeladen. Obwohl ich schrieb, ich habe bis nächste Woche frei. Wäre das schön gewesen, - er weiß ja, dass ich als Künstlerin das Geld für den Flug nicht übrig hätte. -, aber wäre das schön gewesen, wenn...
Nein, man soll ja keine Konjunktive gebrauchen, auch nicht in seinen Träumen. Also formuliere ich es so:
Die Vision gefällt mir: Er mailt mir, dass er mir den Flug bezahlt hat, und ich solle doch unbedingt sofort zu ihm nach Griechenland fliegen. Zu ihm kommen. Er hole mich ab am Flughafen.

Ich tue es.

Dann sehen wir uns zum ersten Mal in Natura. Es gefällt mir so gut, ihm ins Gesicht zu sehen. Dann ergreift er mit Leidenschaft, von welcher Art genau, weiß ich in dem Moment noch nicht, meine Hand.

Und ich weiß es endlich, auch ich gefalle ihm also in Natura. Diese dumme Unsicherheit während des Flugs, wo ich genügend Zeit zur Unsicherheit hatte, fiel ab, wie lästige Pizzakrümel von den Mundwinkel, wenn man beide Hände dazu gebrauchen muss, um sich den Mantel anzuziehen, den er zwar geschenkt hat...
Er kann es kaum abwarten, was abwarten, weiß ich nicht, jedenfalls hat er das Gesicht eines Kindes und eines Mannes zugleich.

Das Gesicht eines Kindes, das tief am Durchatmen ist, weil er endlich sein ersehntes Fahrrad mit seinen stolzen Händen lenkt und nur noch ein geeignetes Stück Weg sucht, um es auszuprobieren, aber er hat alle Zuversicht der Welt im Gesicht stehen, dass er rundum zufrieden sein wird.

Ja so fühle ich mich in meiner Vision an seiner Hand. Und den Vergleich mit dem Fahrrad find ich gar nicht so verkehrt. Denn man sagt ja, ...und wenn man mal vom Fahrrad gefallen ist, soll man gleich wieder aufsteigen und weiterfahren, so verliert man die Angst.

Ja super, ich als sein Fahrrad. Dann gibt es ja noch das Gesicht des Mannes in meiner Vision, das mich gleichzeitig verstohlen mit blitzenden Augen alle paar Schritte anschaut, während ich seinen festen Griff um meine Hand genieße.

Ja, er scheint alles im Griff zu haben, Und ich scheine im Moment, dieses "Alles" für ihn zu sein. Schönes Gefühl! Echt. Ein schönes Gefühl!


Kommentar von Ro McGer

@Lisa Becker/Lilly, jetzt muss ich doch mal einem Kommentar direkt beantworten. An meinem Pseudonym habe ich lange gefeilt. Der Nachname existierte schon mal wirklich, ist aber vor langer Zeit nach Amerika ausgewandert. Der Vorname steht auch in der Liste der in Deutschland zulässigen Vornamen, leider spreizen und sträuben sich einige elektronische Formulare, einen zweibuchstabigen Vornamen zu akzeptieren. Die ungeschriebene Regel, dass beim bürgerlichen Namen und beim Pseudonym die Anfangsbuchstaben übereinstimmen könnten, wurde eingehalten. Welche Nationalität habe ich? Was ist in der heutigen Zeit und in diesem Europa mit der einheitlichen Länge eines Kondoms (Verzeihung, früher glaubte ich einmal, es gäbe wichtigeres) die Nation noch wert? Ich bin ein Deutscher im Sinne des deutschen Grundgesetzes. Deine Vermutungen hauen mir mehr Beine weg, als ich überhaupt besitze. Bisher glaubte ich, das reine Hochdeutsch zu sprechen und zu schreiben. Es haben aber mehrere mit einer Selbstverständlichkeit meine Herkunft erkannt, so dass mich heute Zweifel verunsichern. Ich bin ein Berliner, der nie über seine heutige Stadtgrenze hinausgekommen ist. Weil ich aber nicht im Territorium der ursprünglichen Stadtgründung vor knappen 800 Jahren wohne, hängt das Schwert einer Ausgliederung nach Brandenburg über mir, über uns. Beim Volksentscheid zur Vereinigung von Berlin und Brandenburg wollten uns die Brandenburger nicht haben. Aber das ist ein anderes Thema. Ich bin natürlich nicht frei von Fehlern und in meiner ab und zu durchbrechenden Überheblichkeit gehe ich mal davon aus, dass ich Dich schwer inspiriert habe. Die Uhrzeit kann ja jeden oder jede inspirieren. Die Urzeit ebenso. Interessant, über was man unter einer göttlichen Überschrift so alles nachdenken kann. Als geborener ev. Christ und als erzogener rat. Atheist hatte ich kürzlich nach 50 Jahren wieder einmal einen Gottesdienst besucht. Der hat zu nichts inspiriert. War ja bei einem Dienst auch nicht anders zu erwarten. Ro McGer

Eingetragen am: 22.07.2009

Kommentar von Lisa Becker

Hello Ro, oh, vielen herzlichen.... Du hast ja, finde ich, einen interessanten und wunderschön klingenden Namen! Welcher Landsmann bis du? Oh, aus welchem Jahrhundert heraus frage ich denn da solche Sachen?! Also bei uns im Saarland sagt man auf jeden Fall so. Ok, übsetzt: Welche Nationalität hast du? - Nee, is schoa klar, a Österreicher bist wohl net!? Ich allerdings ebenfalls selbst nicht. Morgen - um 4 Uhr 10 sollte ich vielleicht eher schreiben: heute - will ich mir dann unbedingt mal etwas von dir reinlesen, ähm, ich meine damit, anlesen und rein lassen, ins Herz und so. Ich dachte mir eben, naja durch dich angeregt, wenn wir schon dabei sind, dann behalte ich doch mal zum Spaß das etwas Zer-Franz-te bei. Und als echte Elisabeht in Bayern könnte ich ja dann auch ausnahmsweise mich diesmal verabschieden mit: Liebe Grüße aus dem Chiemgau "Sissi" Klingt es nach "Schneid? Er", (ich meine damit dich), kennt sie vielleicht und vielleicht auch nicht, des Rätsels Lösung. Sorry, spielte mich mit dir grade in die Sissi-Zeit zurück. Ro, ich muss schon sagen, keine Ahnung, wie ich dazu kommme, solchen M zu schreiben. Hast mich schwer inspiriert!! Oder ist´s die Uhrzeit, dass ich zu dieser eigentlich dabei bin, in Träumen Zer-Franz-tes aufzuarbeiten... Lilly

Eingetragen am: 21.07.2009

Kommentar von Ro McGer

Eine interessante Geschichte. Ein bisschen „zerfleddert“ und „zerfranst“, aber das Leben ist ja nun mal so. Wenn ich beim Inhalt über das eine und das andere konkrete Detail großzügig hinweg gehe, fühle ich mich direkt unmittelbar angesprochen. Und bei den Motiven biege ich mir auch oft etwas zurecht, damit es besser passt.

Eingetragen am: 20.07.2009

Eingetragen am: 15.07.2009 von Lillilu
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2217

Er fuhr mit dem Taxi vor. Als er ausstieg, spürte Frau Löhlein einen Hauch Verwunderung. Normalerweise hatten ihre Kunden immer eine Aktentasche bei sich, oder zumindest einen Ordner unter dem Arm. Er kam ohne alles. Heller Trenchcoat, weiße Haare, schon etwas gelichtet, um die fünfzig Jahre schätzte sie. Ein gut geschnittenes, interessantes Gesicht.

„Danke, dass sie so kurzfristig Zeit für mich haben. Es ist alles sehr dringend.“ Sie schüttelten sich die Hände und Frau Löhlein bat ihn ins Haus.

Sie war seit vielen Jahren als beeidigte Übersetzerin und Dolmetscherin tätig, vorwiegend für die Gerichte und Polizeidienststellen. Er hatte sie vor einer Stunde am Telefon gefragt, ob sie für ihn die Sterbe- und Geburtsdokumente seiner Frau und seiner Tochter umgehend übersetzen könnte. Beide waren in den Staaten in einem Verkehrsunfall gestorben und er wollte nun ihren Leichnam nach Deutschland überführen. Der Pfarrer hatte Frau Löhlein angerufen und den Kontakt vermittelt: „Herr von Weizäcker ist völlig fertig. Nein, natürlich nicht DER von Weizäcker, er ist wohl ein Neffe. Ich habe versucht, ihm Trost zu spenden. Würden Sie die Übersetzungen anfertigen?“

Sie bat ihn in das Esszimmer, in ihrem Arbeitszimmer war kein Platz für Kunden. Eigentlich kamen sie auch nie zu ihr nach Hause, aber dies war ja ein so dringender Fall, da musste sie eine Ausnahme machen. Ihr Mann würde auch bald nach Hause kommen.

Sie bot ihm eine Tasse Kaffee an, die er dankend annahm. Im Schein der Tischlampe sah sie, dass sein Gesicht zerschrammt war, auch seine Hände schienen verletzt zu sein und sie zitterten leicht. Er sah tatsächlich aus, wie ein Verwandter des berühmten Richard von Weizäckers, nicht so gepflegt, irgendwie mitgenommen, was nur verständlich war.

„Ich habe meine Frau und meine Tochter verloren...was bleibt mir noch vom Leben? Sie sollen wenigstens hier beerdigt werden!“ Seine Hände zitterten und er hatte Tränen in den Augen. „Hätten Sie vielleicht etwas Stärkeres für mich, einen Schnaps oder ein Bier?“

‚Ja, natürlich, wie unaufmerksam von mir’ dachte sie, ‚Der arme Mann!’

Sie brachte ihm ein Bier. Dann kam Herr Löhlein von der Arbeit nach Hause.
Sie verspürte Erleichterung und wusste nicht, wieso. Nun saßen sie zu dritt am Esszimmertisch und Herr von Weizäcker legte seinen eigentlichen Wunsch dar, nämlich, dass Frau Löhlein mit ihm nach Amerika fliegen sollte und zwar gleich am nächsten Tag. Er bräuchte sie drüben als Dolmetscherin, nein, einfach nur die Papiere zu übersetzen sei nicht sein Anliegen, das hatte der Herr Pfarrer missverstanden. Natürlich würde er für alle Unkosten aufkommen und ihr ein reguläres Honorar für ihre Arbeit zahlen. In einigen Tagen wäre sicher alles erledigt und sie würden beide, mit den Särgen von Frau und Tochter, wieder nach Deutschland zurückfliegen.

Herr Löhlein bat seine Frau in die Küche, um mit ihr die Sachlage zu diskutieren. Da stimmte doch etwas nicht! Er würde sie auf keinen Fall mit diesem Mann nach Amerika fliegen lassen! Aber Frau Löhlein fand ihren Mann gefühlskalt! „Schau ihn dir doch an! Er ist völlig fertig! Er braucht meine Hilfe!“

Das einzige Problem war, dass Frau Löhlein am nächsten Tag einen Zahnarzttermin hatte, der nicht aufgeschoben werden konnte und da es ein größerer Eingriff sein würde, wäre ein Flug nach Amerika mit dicker Backe ganz ausgeschlossen.

Ach, sie bräuchte ja ein Visum. Natürlich, wie dumm, dass er nicht daran gedacht hatte. Aber vielleicht könnte eine Kollegin aushelfen? Eine Amerikanerin vielleicht?

Sie verschwand im Arbeitszimmer und rief reihenweise Kollegen an, bis sie ihre amerikanische Kollegin Gill bewegen konnte, für sie einzuspringen. Wann würden sie fliegen, wie würden sie sich treffen? Ja, einen gültigen Pass hatte sie schon. Frau Löhlein rannte zwischen Ess- und Arbeitszimmer hin und her, um die Fragen und deren Antworten zu übermitteln.

Dann stand der Plan fest: Gill und Herr von Weizäcker würden sich morgen Vormittag um 11.00 Uhr am Bahnhof in der Stadt treffen. Gill gleich mit ihrem Gepäck. Herr von Weizäcker hatte es nicht gemocht, dass Frau Löhlein ihre Telefonate hinter verschlossener Tür geführt hatte. „Was gab es denn da zu besprechen, was ich nicht hören durfte?“ Das war Frau Löhlein unangenehm gewesen – er vertraute ihr nicht! Herr Löhlein hatte noch ein weiteres Glas Bier eingeschenkt, er war froh, dass seine Frau nun nicht mehr nach Amerika fliegen würde, sondern eine Kollegin.

„Das Dumme ist nur, dass ich meine EC-Karte beim Herrn Pfarrer habe liegen lassen. Ob Sie mir eventuell mit einem kleinen Betrag aushelfen könnten? Ich möchte heute Nacht noch ein Fax nach Amerika schicken und muss morgen früh aus dem Hotel auschecken.“

„Aber Sie können unser Fax benutzen! „ schlug Frau Löhlein vor. Nein, das ginge nicht, er bräuchte dafür Unterlagen, die er im Hotel hatte.

An welchen Betrag hatte er gedacht? Wie, gleich €200,- ? Die beiden Löhleins sahen sich an, sie schaute flehentlich und er missgestimmt. Dann gaben sie Herrn von Weizäcker den gewünschten Betrag. Er würde ihnen gleich morgen, bei dem Treffen mit der Kollegin am Bahnhof das Geld wiedergeben, sie bräuchten sich keine Sorgen zu machen. In welchem Hotel war er denn abgestiegen? Oh, das Hilton, recht nobel. Und wie wollte er da nun hinkommen? Sie entschlossen sich, ihn zum Hotel zu fahren. Im Hoteleingang drehte er sich noch einmal um und winkte ihnen zu.

Am nächsten Tag fuhr Herr Löhlein seine Frau zum Zahnarzt. Auf dem Weg dorthin sprachen sie wieder über Herrn von Weizäcker. „Ich rufe jetzt mal im Hilton an“ schlug Frau Löhlein vor und griff nach ihrem Handy. Sie fragte im Hotel nach Herrn von Weizäcker, aber es gab dort keinen Gast mit diesem Namen. Aber das konnte doch nicht sein, sie hatten ihn ins Hotel gehen sehen! Schnell den Pfarrer anrufen! „Sie hatten mich gestern wegen Herrn von Weizäcker angerufen..“ begann Frau Löhlein und dann sah Herr Löhlein seine Frau blass werden. Als sie das Gespräch beendet hatte, erzählte sie Herrn Löhlein, was der Pfarrer gesagt hatte. Es täte ihm so unendlich leid, dass er sie da mit reingezogen hätte, heute morgen sei die Polizei bei ihm gewesen, Herr von Weizäcker sei ein Betrüger, ja, er hätte ihm auch Geld gegeben, €150,-. Das könnten sie nun alles in den Wind schreiben. Es hatte keinen Unfall gegeben? Keine Ehefrau und keine Tochter, die im Sarg nach Deutschland überführt werden sollten? Nein, nein, dies sei seine persönliche Masche. Er wendete sich an Menschen, die sich für ihn engagierten, weil er von Vertrauenspersonen weiterempfohlen wurde. Was denn, für die paar hundert Euro? Na ja, für etwas Schnaps und ein Dach über dem Kopf würde es schon reichen, notfalls die nächste Brücke. Nein, natürlich nicht das Hilton, da kann man ja vorne rein und hinten wieder raus. Sie sahen ihn vor sich: Er war betrunken gewesen, hatte sich geprügelt, oder war von empörten Leuten verprügelt worden, die Kratzer im Gesicht hatten nichts mit einem Unfall zu tun.
Seine Ähnlichkeit mit der Weizäcker-Familie hatte sie geblendet: ein kleiner Halunke, ein schlauer Penner!

Frau Löhlein hatte dann etwas später eine dicke Backe, hielt sich die Ohren zu und wollte nichts mehr über die Schlechtigkeit der Welt hören. Herr Löhlein aber begab sich wutschnaubend um 11.00 Uhr zum Bahnhof in der Stadt und lauerte zusammen mit der Kollegin Gill auf Herrn von Weizäcker. Ganz unsinnig, natürlich. Aber Herr Löhlein musste mit seiner Wut etwas tun. Nur Herr von Weizäcker hatte wohl keine Lust auf noch mehr Prügel und Kratzer an der Backe und bot sich zur Revanche nicht an.


Kommentar von Lillilu

Liebster Ginko, mit dieser WeizSäcker-Tour ist der kleine Gauner tatsächlich vier Jahre lang durch bundesrepublikanische Lande gezogen und traf dabei auch auf die Löhleins. Plausibler kann ich den Ablauf nicht darstellen, wohl aber habe ich es mir leicht gemacht. Der Text hat wenig mit Literatur zu tun, aber auch ich kann ja mal im Plauderton daher kommen. Deshalb nehme ich mir es nicht zu Herzen, wenn hier MEHR von mir erwartet wird. Auf jeden Fall habe ich so Herrn und Frau Löhlein als meine Protagonisten eingeführt und werde sie in Zukunft immer mal wieder bei Belanglosigkeiten und Petitessen zu Wort kommen lassen. Halsstarrig, Lillilu

Eingetragen am: 16.07.2009

Kommentar von Ginko

Liebe Lillilu, der berühmten Familie hast Du ein "s" geklaut. Mit Absicht? Wenn Du in den ersten Sätzen schon Zweifel und Verwunderung anklingen lässt, kann keine Spannung mehr aufkommen, weil der Hochstapler von vornherein als solcher erkannt ist. So zieht sich die Kaugummigeschichte in die Länge, mit Würzversuchen aus Nebenschauplätzen, zu einem abstrusen Ende. Spätestens, als die Scheckkarte angeblich beim Pfarrer liegen geblieben war, hätte die Seifenblase platzen müssen. Verwundert, Ginko.

Eingetragen am: 15.07.2009

Eingetragen am: 14.07.2009 von Suze
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2215

Stellen Sie sich das einmal vor! Gestern gehe ich ahnungslos aus der Haustür, hole die Zeitung aus dem Briefkasten, drehe mich um, und da starrt mir Nachbars Katze direkt ins Gesicht! Jemand hatte den Kadaver an unsere Haustür genagelt! Das arme Tier war schon ganz steif, das Fell ganz struppig. Die toten Augen starrten glasig ins Leere. Hatte weißen Schaum vor dem Maul. Hing an der Tür wie gekreuzigt, ein Nagel durch jede Pfote. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich dieses Bild immer noch deutlich vor mir. Jakob berichtete später, wie er mich gefunden hatte. Das Treppengeländer im Rücken, die Hände um die Zeitung verkrampft. Er war aus dem Haus gelaufen, als er mich schreien hörte. Jakob war es auch, der den Kadaver von der Tür nahm und ihn zu den Nachbarn brachte. Bis auf die Löcher, die die Nägel hinterlassen hatten, war am nächsten Tag alles wie immer. Ich habe die Katze gern gehabt, das kann ihnen Jakob bestätigen. Sicher, manchmal war sie etwas nervig. Wenn sie nachts herumschrie und ihre Hinterlassenschaften im Blumenbeet vergrub. Wahrscheinlich war jemand in der Nachbarschaft nicht so tolerant wie ich. Aber natürlich gibt man allen voran erstmal mir die Schuld! Genauso wie damals mit dem Papagei von der alten Gruber. Was konnte ich denn dafür, dass die Gruber den Käfig nicht richtig
zugemacht hat? Hat behauptet, ich hätte mich mit dem Zweitschlüssel, den sie mir zum Blumengießen mal gegeben hatte, in ihr Haus geschlichen und das Vieh freigelassen. Einfach lächerlich! Und das nur, weil ich mich mal vorsichtig über den Lärm beschwert habe! Normal war das sicher nicht, dass man den Vogel später auf dem Gartenzaun aufgespießt vorfand. Aber was soll ich damit zu tun haben? Die Leute haben einfach zu viel Phantasie! Auch das mit dem Hund von Schillers soll ich gewesen sein. Ich habe den Schiller dabei erwischt, wie er um mein Auto herumging und scheinheilig fragte, ob es frisch gewaschen sei. Da haben wir´s mal wieder. Anständige Bürger verdächtigen, nur weil die ihre Sachen pflegen. Wo gibt´s denn sowas! Was weiss ich denn, wer die Töle überfahren hat? Ich hatte ja nichts gegen das Tier. Auch wenn ich die Hundehaufen nicht gerne von unserer Ausfahrt gekehrt habe! Ich möchte wirklich mal wissen, welcher Irre die Katze an meine Tür genagelt hat. Ich traue mich kaum noch auf die Straße. Gestern haben sich die Kinder zusammengerottet und mich bis zur Bushaltestelle verfolgt. Ich spüre ihre hasserfüllten Blicke immer noch im Nacken. Sie murmelten und krakehlten etwas von "Mörderin", oder so. Dass die Eltern sowas nicht unterbinden! Wenn das so weitergeht mit dem Mobbing hier in der Gegend, muss ich mir wohl oder übel eine andere Bleibe suchen. Jakob liest schon die Immobilienanzeigen. Was habe ich den Leuten bloß getan, dass mir sowas andauernd passiert?


Kommentar von Iris H.

Liebe Suze, diese Geschichte finde ich Klasse! Vor allem, weil im Grunde tatsächlich offen bleibt, ob sie die Täterin ist oder zu Unrecht verdächtigt wird. Beides wäre schrecklich. Man kann als Leser nur genau wie die Nachbarn Vermutungen anstellen und hoffen, dass sie sich tatsächlich eine neue Bleibe sucht. Und bis dahin: Passt auf eure Kinder auf!!! LG Iris

Eingetragen am: 15.07.2009

Eingetragen am: 14.07.2009 von minnelayde
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2210

Sie ist schön. Wirklich schön. Nicht nur schön anzusehen, sie ist wahrhaft schön, strahlt von Innen heraus. Sie ist alles in allem. Die zarte Fee mit zerbrechlichen Flügeln, durchscheinend, ihr zarte Haut erinnert an Elfenbein. Die tiefblauen Augen, deren Blick den Betrachter auf eine Reise durch nicht enden wollende Meere schickt, ihr langes rotbraunes Haar, das mit dem Wind spielt und dabei sanft alle Gedanken, alle Sorgen raubt, das ist sie. Und da ist noch ihre Stärke, der unbeugsame Wille, der Gerechtigkeit einen Platz zu geben, all die Kraft, die in ihr wohnt, das Herz, das so kräftig schlägt, dass es Verirrten den Weg weisen kann, den Weg zurück in die Sicherheit. Sie ist Geborgenheit und Schutz. Die Freundin, die dich nie verlässt. Ihre starken Arme ziehen dich aus der Verzweiflung, wiegen dich in Ruhe und Liebe. In ihr lebt die Freude an dem Dialog der Sterne in der Nacht, wenn sie mit dem Mond leise plaudern während am anderen Ende der Welt die Sonne in ihrem Lauf das Land mit ihren warmen Strahlen streicht. Ihre Stimme ist zart wie warme Milch mit Honig.
Sie ist mein Spiegelbild – sie ist in mir. Und doch ist sie nur ein Traum, denn ich bin nicht sie.
Es ist alles nicht wahr, aber es wäre schön, wenn es so wäre.


Kommentar von putzi

Liebe minnelayde. Du bist einzigartig und sehr wertvoll. Ohne Dich, würde Deine Welt nicht exstieren. Nur Dein Bewusstsein lässt Dich erleben, was auf der Erde geschieht. Lass Dir nie etwas Anderes einreden. Du allein entscheidest, ob Du Gut oder Böse handeln möchtest. Deine Lebensenergie macht Dich zu unserer Schwester. Das musste Mal gesagt werden. Viele Grüße, putzi

Eingetragen am: 14.07.2009

Eingetragen am: 13.07.2009 von Erwina
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2199

Heute war mein Scheidungstermin. Der Schmerz ist immer noch da, auch wenn unsere Ehe nur ungefähr zwei Stunden alt geworden ist. Melanie hat mich betrogen! Und gemerkt habe ich es erst am Tage unserer Hochzeit, kurz nach der Eheschließung.
Wie weh sie mir damit getan hat, lässt sich kaum beschreiben. Ich habe nie verstanden, warum sie mich getäuscht hat, warum sie niemals wirklich Schluss mit ihrem Ex-Freund gemacht hat! Wie unnötig war es, meinen Heiratsantrag überhaupt anzunehmen!

Es stimmt, wir haben uns erst ein halbes Jahr gekannt, als ich Melanie einen Heiratsantrag machte. Aber es gab so viele Übereinstimmungen! Sie ist eine echte von und zur Mühlen, ich komme ebenfalls aus einer beiderseits (!) adligen Familie. Nicht nur meine Eltern wollten gern, dass ich mir eine Frau wähle, die meinem Adelsstand entspricht – auch ich wollte es. Wir gehören einer anderen Klasse an, wir sind gewohnt, viel Geld zu verwalten, was auch eine gewisse Verantwortung mit sich bringt, wir sind auch gewohnt, uns in Kreisen zu bewegen, die nicht jedermann zugänglich sind und sein dürfen.
Zudem gefiel mir Melanie von Anfang an. Sie lief mir in der juristischen Fakultät über den Weg. Ihre Erscheinung gefiel mir sofort. Sie fiel mir gleich durch ihre interessante Schönheit auf, aber auch durch ihren Charakter, deren Schattenseiten ich so schmerzlich zu spüren bekam. Melanie hat langes dunkelbraunes, fast schwarzes Haar und einen etwas dunklen Teint. Ihre Augenfarbe ist hellblau. Es ist eine ganz eigene Schönheit, die ihr innewohnt, und entspricht sicher nicht dem Schönheitsideal.
Ich habe wie gesagt, gleich gemerkt, dass sie Charakter hat, und das hatte mich vielleicht noch mehr fasziniert. Als ich dann hörte, dass sie eine geborene von und zur Mühlen war, war ich kaum überrascht.
Diese Frau, in die ich mich schwer verliebte, wollte ich für mich. Das ist der Grund, weswegen ich ihr schon an unserem ersten gemeinsamen Osterfest einen Heiratsantrag machte.
Mein Vater war überwältigt, als ich ihm erzählte, wen ich kennen gelernt hatte. Ich habe erst nicht verstanden, warum es ihn so gefreut hatte, bis er mir von seinen finanziellen Schwierigkeiten erzählte, von denen ich bis dahin nicht einmal etwas geahnt hatte. Wegen eines Aktienfonds, auf den er zu hoch spekuliert hatte, war unser Familienbesitz, unsere Villa in Bonn als einzige Sicherheit in Gefahr.
Ich weiß nicht, ob Sie sich vorstellen können, was es heißt, den Wohnsitz einer alteingesessenen Familie, die zudem über hohes gesellschaftliches Ansehen verfügt, in Gefahr zu wissen. Mich traf diese Nachricht wie ein Blitz.
Es mag sein, dass mich auch diese Tatsache antrieb, Melanie baldmöglichst zu heiraten. Aber wirklich: In erster Linie war ich verliebt, und ich wollte diese Frau ganz für mich, und zwar schnell.
Nachdem mein Vater offenbart hatte, wie es um unser Vermögen stand, versuchte ich natürlich, zu helfen, wo ich konnte. Ich führte viele Gespräche mit Finanzexperten, hatte Treffen zusammen mit meinem Vater bei Rechtsanwälten und Bankiers. Kurzum: Meine Zeit, die ich viel lieber mit Melanie hätte verbringen wollen, wurde knapp. Es gab Momente, in denen ich für sie nicht erreichbar sein wollte. Vor allem wollte ich nicht, dass sie ahnte, wie es um unsere Familie und unser Vermögen stand. Dabei wusste ich aber genau, dass es ihr nicht wichtig war, dass ich aus reichem Hause stamme. Deshalb habe ich dies Thema ihr gegenüber niemals angesprochen.
Ich bemerkte jedoch, dass mit ihr eine Veränderung vorging, die ich nicht einordnen konnte. Heute weiß ich, dass sie damals schon wieder angefangen hatte, ihren Exfreund regelmäßig zu treffen! Wenn ich doch nur mit ihr damals darüber geredet hätte! Viel Kummer – und diese unerfreuliche Hochzeit – wären uns erspart geblieben!
Ich traute mich einerseits nicht, sie zu fragen, was los war. Andererseits war ich mit meinen eigenen Dingen stärker beschäftigt, als mir lieb war. Mein Vater drängte zudem auf diese Hochzeit, weil er darin die Lösung seiner Probleme witterte, was mir arg zusetzte, da ich Melanie ja liebte und sie nicht täuschen wollte.
Ich wurde in ihrer Gegenwart immer unsicherer, weil ich spürte, dass etwas mit ihr nicht stimmte. Gleichzeitig brachte ich nicht den Mut auf, sie zu fragen, ob sie die Verlobung vielleicht nicht wieder lösen wollte? Ich konnte ihr diese Frage einfach nicht stellen, es hätte mir das Herz gebrochen!
So war ich am Tag unserer Hochzeit auch deshalb nervös, weil ich bis zum Schluss nicht sicher war, ob sie im entscheidenden Moment nicht einen Rückzieher machte. Wie war ich froh, als sie ihr ‚Ja’ über ihre schönen Lippen brachte!

Um so befremdeter war ich, als ich sah, dass Melanie die Dreistigkeit besessen hatte, ihren Exfreund zur Hochzeit einzuladen!

Als ich sie mit meinen eigenen Augen im Forsthaus mit ihm in flagranti erwischte – bitte: an unserem Hochzeitstag! – brach eine Welt für mich zusammen. Ich fühlte mich schwer getäuscht und verletzt. Es brach mir das Herz, Melanie in den Armen eines anderen Mannes zu finden.

Ich kann bis heute nicht verwinden, was sie mir angetan hat. Ist es nicht schizophren, einer Hochzeit zuzustimmen, wenn sie doch eigentlich und ganz offensichtlich einen anderen Mann mehr liebte und begehrte als mich?
Bitte versetzen Sie sich in meine Lage: meine Frau war futsch, und auch das Familienerbe war damit verloren. Dieser Tag war der schwärzeste in meinem Leben!


Diese Geschichte gehört zu Geschichte Nr. 2130.


Eingetragen am: 13.07.2009 von Hadassa
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2188

Das Licht blitzte für einige Sekunden auf, erlosch.
Morven, die an der Wasserkante stand, schaute gebannt zu diesem Punkt, wartete, zählte. Jetzt... Das Blitzen kehrte zurück. Es hatte sich nichts in diesen vergangenen Jahren geändert. Der Leuchtturm am Ende der langen Bucht war immer noch da, sandte unverändert seine Signale.
Es war Ebbe, es war früher Morgen, bis auf die Möwen, die auf einer Sandbank hockten, war sie alleine am Strand.
„Allein, aber in meinem Kopf ist es übervoll, es herrscht ein Gedränge an Lebenslügen und den Stimmen derer, die sie mir einredeten“, dachte sie bedrückt und hörte wieder diese Stimmen, daß sie faul sei und dazu neigte Geschichten zu erzählen, die überhaupt nicht stimmten, also erlogen waren.
Seit Tagen dachte sie über die Lügen und die Erzähler nach, drehte jede erkannte Lüge im Kreis und in Gedankenspiralen.
In der vergangenen Nacht hatte sie es nicht mehr ausgehalten, war dem Bett mit seinem durchgewachten Kopfkissen und der zerwühlten Decke entflohen und zum Strand gefahren.
Sie zog ihre dünnen Schuhe aus, spürte den nassen, festen Sand unter ihren Fußsohlen, bohrte ihre Zehen in die Tiefe, schaute zu, wie das Wasser hinterherdrängelte.
Vor vierzig, als sie ein Kind war, hatte sie hier gestanden und die Zehen in den Sand gebohrt, hatte zu dem Leuchtturm geschaut und das ganze Drumherum vergessen.
„Was träumst du schon wieder“, hatte die ewig mahnende Stimme ihrer Mutter gerufen. „Wenn du nicht aufpaßt, zieht dich die Ebbe ins offene Meer. Es ist mir lieber, du kommst zu uns.“
Sie hatte sich unwillig umgedreht und war zu der Sandburg, die ihre Mutter an jedem Sandstrand baute, zurückgekehrt. Sie hatte sich auf das Laken gesetzt und auf das glatte Meer geschaut.
„Warum spielst du nicht ein wenig mit Lisabeth, ich habe ihr so schöne Förmchen gekauft und nun hat sie niemandem, der mit ihr spielt,“ ihre Mutter konnte nicht schweigen. Morven wußte, wenn sie sich nicht den Wünschen ihrer Mutter anpaßte, gäbe es nur weitere Nörgeleien, Unterstellungen und irgendwann Geschrei und Tränen. Und sie würde am Abend um Verzeihung bitten müssen, weil sie so ein undankbares und ungehorsames Kind war, das nicht das tat, was die Erwachsenen wünschten und von einem erwarteten. Also buk sie mit den Förmchen Sandkuchen – dabei fühlte sie sich mit ihren neun Jahren entschieden zu alt dafür. Später, als ihre kleine Schwester schlafen sollte, hatte sie sich auch in den Schatten gesetzt, weil es ihrer Mutter zu warm war und weil Lisabeth Ruhe brauchte; sie hatte nicht zu viel Limonade getrunken, weil sie sonst garantiert Bauchweh bekäme....
Die Hinweise, Ratschläge und Ermahnungen gingen nahtlos ineinander über. Ihre Mutter schien genau zu wissen, was jemand brauchte und was ihm schadete. Ihre Ansichten waren Wahrheit und Gesetz.
„Warum kannst du nicht so ein liebes Mädchen sein wie es alle anderen kleinen Mädchen sind“, ihre Mutter war zu ihr in die Schlafkammer gekommen.
„Ich war doch den ganzen Tag lieb“, versuchte Morven sich zu verteidigen und überlegte, was sie falsch gemacht haben könnte.
„Man muß dich immer wieder ermahnen“, die Stimme ihrer Mutter klang betont traurig. „Vorhin beim Abendessen mußten deine Patentante und ich dich zwei Mal bitten die Suppe aufzulöffeln.“
„Sie war heiß, ich habe mir fast die Zunge daran verbrannt“, Morven wirbelte mit der Zungenspitze in ihrem Mundraum.
„Laß das, das sieht furchtbar häßlich aus“, die Stimme ihrer Mutter klang ungeduldig. „Und außerdem war die Suppe nicht heiß. Wir alle haben sie gegessen und keiner hat sich beklagt. Du lügst wieder einmal. Es macht mich furchtbar traurig, daß du dir diese Unart angewöhnt hast.“ Ihre Mutter bemühte sich noch trauriger auszusehen.
Morvan antwortete nicht, sondern schaute regunglos auf die Bettdecke. Seitdem ihr Sprachlehrer ihrer Mutter gesagt hatte, daß sie eine rege Phantasie hätte und sehr gute Aufsätze schriebe, sprach man zuhause über sie und man hatte entschieden, daß ihre Begabung auf Lügerei beruhe.
„Früher nannte man solche Kinder notorische Lügner“, hatte ihre Großmutter beim Mittagstisch erklärt, als sie das Lob des Lehrers hörte. „Du solltest aufpassen, daß das Kind nicht so viele Geschichten liest und nicht so viel redet. ‚Viel Geschwätz braucht viele Lügen’, das pflegte schon meine Großmutter über Leute zu sagen, die den Tag mit Reden und nochmals Reden verbrachten“, fügte sie noch hinzu. Niemand hatte darauf geantwortet, sondern nur zu Morven hinübergeschaut. Ihre Mutter hatte dabei furchtbar blass ausgesehen.
Die nächsten Monate waren anstrengend. Alles, was sie sagte, wurde auf den Wahrheitsgehalt überprüpft und man kontrollierte, wie viel sie am Tag las.
Morven, die im Schullandheim einem Mädchen aus der Nebenklasse mehrere Tage Geschichten über ihre zahlreichen Pferde erzählt hatte – und Morven hatte in der Geschichte viele Pferde besessen und viele Abenteuer zu bestehen und sie hatte die ganzen Geschichten im Kopf und vergaß nichts oder erzählte etwas falsches – Morvan verstummte bei dieser ganzen Prüferei und die Geschichten in ihrem Kopf wurden auch stumm.
Man zwang sie zum handarbeiten, damit sie etwas ordentliches lernte und nicht so viel las und träumte. Morven haßte Handarbeiten und ihre Arbeiten sahen so scheußlich aus, daß sie niemandem gezeigt wurden.
„Du strengst dich nicht an, du bist faul, das machst du mit Absicht“, waren die Dauervorwürfe ihrer Mutter, Großmutter oder Patentante.
Die Monate schleppten sich zu Jahre dahin, Morven wurde erwachsen, erlernte den Beruf, den man von ihr erwartete und den die Beratung in der Oberstufe des Gymnasiums vorschlug. Morvan war gut, aber er machte ihr keinen Spaß.
Als sie Mitte dreißig war, belegte sie einen Kurs für kreatives Schreiben. Nach mehr als dreißig Jahren erwachten die stummen Geschichten in ihrem Kopf.
„Du kannst schreiben“, ermunterte die Dozentin. „Es würde mich nicht wundern, wenn wir schon bald deine Geschichten gedruckt lesen werden.“ Morvan hatte genickt. Als sie damals, als sie Kind war, gesagt hatte, daß sie Schriftstellerin werden wollte, hatte ihre Mutter gelacht. „Das ist kein Beruf, davon wirst du nicht leben können. Das ist alles nur Spielerei.“
‚Alles Lüge’, dachte Morvan an diesem Morgen am Strand. ‚Sie haben mich angelogen und mir eingeredet, daß ich faul und verlogen sei, daß ich zu nichts eine Begabung hätte. Nicht ich habe gelogen – sie haben es getan. Sie haben ständig gelogen – immer dann, wenn es ihnen in den Kram paßte, wenn sie ihren Willen durchsetzen wollten.’ „Ihr habt mich angelogen!“, schrie sie und schreckte die Möwen hoch. „Ihr wart die Lügner, nicht ich. Und das schlimme daran ist, daß ich Euch geglaubt habe.“Sie bohrte nochmals ihre Zehen in den feuchten Sand, schaute wie das Wasser hinterherdrängelte und ihre Füße umspülte. „Und die Ebbe zieht mich nicht ins offene Meer“, fügte sie hinzu.


Kommentar von Hadassa

Hallo Erwina, hallo Leanda, danke für die Kommentare. Obwohl einige Passagen in meinem Text biographisch sind (Handarbeit und die Geschichte mit dem Schullandheim, der Kommentar des Deutschlehrers), bleibt vieles andere Fiktion. Ich bin nicht Morven und meine Familie hat mich auch nie als notorische Lügnerin abgestempelt. Mit meinem Text wollte ich diese subtilen Lügen im Leben eines jeden Menschen aufschreiben. Subtile Lügen, die auf Unterstellungen und Vorurteilen, auf andere Lebenseinsichten beruhen und sich zu Lebenslügen entwickeln, denen man so lange glaubt ... bis man sie als Lüge entlarven und sich von ihnen befreien kann.

Eingetragen am: 16.07.2009

Kommentar von Erwina

Ein wirklich starker Text! Und sicher sind diese Art von Lügen die Verbreitetsten. 'Das Drama des begabten Kindes' ist ein Buch, das mir ganz spontan zu dieser Geschichte einfällt. Falls Deine Geschichte autobiografische Züge tragen sollte, dann hast Du schon viel reflektiert. Schreib weiter, hol sie raus, die vielen Geschichten in Deinem Kopf! In ihnen wird mehr Wahrheit stecken als in dem Gerede der anderen.

Eingetragen am: 14.07.2009

Kommentar von Leanda

Ein ausgezeichneter Text und die Erinnerungen stecken in einem sehr gut gewählten Rahmen. Du bist eine feinfühlige Psychologin und eine wohl erfahrene Schreiberin. Ich denke, dein Bericht ist autobiografisch. Er hat mich sehr betroffen gemacht, weil es nämlich aufs Haar genau auch MEINE Erinnerungen sein könnten. Zum Beispiel: „Ihre Ansichten (der Mutter) waren Wahrheit und Gesetz“ oder „...dass ihre (deine) Begabung auf Lügnerei beruhe“. Die Lehrer gaben mir jeweils die zwar sehr gut benoteten Aufsätze mit der Frage zurück: „Aus welchem Roman hast du das?“ Dann: „Man zwang sie (dich) zum Handarbeiten!“ Hiiiilfe, mich ja auch! Nachdenklich gemacht hat mich deine Erklärung „Und das Schlimme daran ist, dass ich euch geglaubt habe“. Hier frage ich: Hat ein Kind überhaupt eine andere Wahl?

Eingetragen am: 14.07.2009

Eingetragen am: 13.07.2009 von Mara
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2178

"Und dein Vater ist echt Grönlandforscher, was macht der denn da genau?"

"Na ja, er ist für die Fotos zuständig. Wenn er zurückkommt, wird er einen neuen Bildband veröffentlichen" antwortete Jonathan.

"Geil, mein Vater ist nur Buchhalter," sagte einer der Jungen, die um ihn herum standen.

"Du bist sicher mächtig stolz auf deinen Dad?" wollte eines der Mädchen wissen und schmachtete ihn an.

"Ist doch logo." Er genoß die bewundernden Blicke, sodaß er Max erst bemerkte, als dieser seine Pranke wie einen Schraubstock um seine Schulter legte.

"Na, erzählt unser kleiner Spinner wieder von seinem Superdad? Was ist er denn diesmal? Polarforscher am Nordpol, Goldgräber in Südafrika oder kämpft er als Held in Afghanistan gegen die Bösen?" Der Druck der Hand wurde fester und Jonathan verspürte einen stechenden Schmerz.

"Warum läßt du mich nicht in Ruhe?" sagte er und entwand sich dem Größeren. An Abhauen war jetzt nicht mehr zu denken, denn aus seinem Zuhörern waren Zuschauer geworden und die witterten Aktion.
"Weil ich Lügner nun mal nicht leiden kann." Max grinste und Jonathan ahnte nichts Gutes. Immer wenn dieser Großkotz ankam, gab es Ärger. "Ihr müßt wissen, der Vater meines ganz speziellen Freundes sitzt nämlich im Knast und das schon ziemlich lange." Da stand er, breitbeinig, die Daumen lässig in den Hosenbund geklemmt und ließ sein Gegenüber nicht aus den Augen. David gegen Goliath, aber Jonathan hatte keine Steinschleuder.

"Du bist der Lügner"schrie er, riß die Fäuste aus der Tasche und ließ sie auf Max Brustkorb niederprassseln. Der blickte lachend in die Runde, wie um sich zu vergewissern, dass er es war, dem nun die Aufmerksamkeit galt. Er stieß den Jonathan so heftig von sich, daß der auf seinem Hinterteil zu sitzen kam. "Ich mach mir doch die Hände nicht an dem Sohn eines Verbrechers schmutzig",sagte er, spukte aus und ging.

Als Jonathan nach Hause kam, hatte er immer noch Tränen der Wut und Scham in den Augen.
"Mein Gott Junge, wie siehst du aus?. Hast du dich wieder geprügelt?" Jonathan ließ den Kopf hängen und nickte. Die Mutter nahm sein Gesicht in beide Hände. "War es wieder wegen Papa". Auch diesmal nickte er. Dann sprudelte es aus ihm heraus. "Setzt dich", sagte sie, goß ihm ein Glas Cola und sich einen Kaffee ein. Müde ließ sie sich auf einen Stuhl fallen. "Jonathan, sieh mich an". Er hob den Kopf. "Schatz, du weißt dass Max Recht hat?"
In seinen Ohren rauschte es und sein Herz hämmerte in der Brust, als wollte es heraus. "Ja", sagte er leise. Die Mutter fuhr ihm zärtlich durchs Haar, dann nahm sie seine Hände in die ihren.

"Ich habe heute Post bekommen, von deinem Vater. Er wird nächse Woche entlassen."
"Papa kommt nach Hause." er fiel seiner Mutter um den Hals. "Dann wird alles wie früher" jubelte er und sprang auf. "Ich, ich muss noch soviel für ihn vorbereiten." Schon war er verschwunden. Er hörte nicht meh wie seine Mutter sagte:" Nichts wird mehr wie früher."

Die Woche verging für Jonathan so langsam, wie es die letzte Woche vor den Ferien immer tat. Je fröhlicher er wurde, um so stiller wurde seine Mutter. Als der große Tag kam, konnte Jonathan nicht schnell genug nach Hause kommen, doch etwas hielt ihn davon ab, sofort ins Haus zu rennen, so blieb er hinter dem Haselnussstrauch stehen. Er erkannte die Stimme seines Vaters, der seine Mutter anbrüllte. Prozelan zerbrach, Holz splitterte, dann war es still, unheimlich still. Selbst die Blätter am Strauch hatten ihr Rascheln eingestellt. Sein Vater stürzte aus dem Haus, sprang in den alten Ford, der neben dem Gesteig parkte und raßte los.

Als Jonathan eine Wochen später wieder in die Schule kam, lümmelte Max auf der Freitreppe herum. Diesmal ließ es ihn völlig kalt. Als sie auf gleicher Höhe waren, rempelte Max ihn an.
"Na, was gibt es Neues vom Superdad?"

"Der ist ein Schwein, hat meine Mutter umgebracht und jetzt werde ich ihn umbringen."

"Mensch, toll, erzähl schon, "wie hat er es gemacht?" Max hatte wieder sein fieses Grinsen aufgesetzt und wartete darauf, daß Jonathan ausrastete. Doch der drehte sich still um und ließ ihn einfach stehen. Sollte der doch selbst herausbekommen, dass Jonathan diesmal nicht gelogen hatte.


Kommentar von Mara

Hallo Ginko, Hallo Hadassa, vielen Dank für eure Beiträge, sie haben mir gezeigt, was noch alles in der Geschichte steckt. Ich bin halt noch Neuling und finde es gut, von alten Hasen (für die ich euch halte) ein paar Tips zu bekommen. Liebe Grüße Mara

Eingetragen am: 15.07.2009

Kommentar von Hadassa

Hallo Mara, mir geht es so wie Iris und Ginko. Ich war gespannt, wie Jonathan mit den Tatsachen dauerhaft umgehen wird, wie sich das Leben dieser Familie mit der besonderen Belastung entwickeln wird und war erschüttert, was dann kam. Irgendwie finde ich auch, daß es zwei völlig verschiedene Geschichten sind. Und viele Fragen bleiben auch offen. Was meint die Mutter mit ihrer rätselhaften Antwort und wenn sie etwas ahnt, warum versucht sie sich und Jonathan nicht zu schützen? Oder ist Schutz gar nicht möglich? Und wieso weiß Max auch nach Wochen nichts von der Tat? So etwas spricht sich doch herum? Trotzdem: der Erzählstil ist großartig. Ich fand es spannend, was Du zum Thema 'Lügen' geschrieben hast. liebe Grüße Hadassa

Eingetragen am: 15.07.2009

Kommentar von mara

Hallo Iris, vielen Dank für deine Kritik. Ich hab auch lange überlegt, ob ich den Schluß so bringen soll. Versuche beim nächsten Mal auf mein Bauchgefühl zu hören. Liebe Grüße Mara

Eingetragen am: 14.07.2009

Kommentar von Ginko

Angebereien von Kindern, die ihre Eltern als nicht zu fassende Übermenschen darstellen, sind wohl in den Entwicklungstufen der Heranwachsenden fester Bestandteil, so dass deren Bewertung als Lügen fehl greift. Am Beispiel des Jonathan wirkt zunächst alles ganz harmlos. Seiner Mutter fällt hier die Rolle einer Vermittlerin zu. Würde dieses Verhältnis stärker heraus gearbeitet, erhielte die Erzählung noch mehr Tiefgang. Leider verschüttet der brutale Schluss nicht nur die Möglichkeit, tiefer zu schürfen, sondern plättet das bisherige Geschehen zur Oberflächlichkeit. Natürlich öffnet der Mord neue Gesichtspunkte und gibt der Geschichte eine Wende, doch dafür wäre das zuvor Berichtete eine überlange Einleitung. Mitleidend mit Jonathan, Ginko.

Eingetragen am: 13.07.2009

Kommentar von Iris H.

Liebe Mara, diese Geschichte finde ich sehr anrührend und die Szene in der Schule von der Angeberei bis zum Streit mit Max sehr realistisch geschildert. Was dann zum Schluss mit dem Vater passiert, ist für meinen Geschmack zu heftig. Da lenkt die äußere Dramatik von der inneren Dramatik, dem von dir so subtil gezeichneten Konflikt des Jungen ab und nimmt der Geschichte damit die Tiefe. Ich finde, da steckt einfach viel mehr Potential drin. Auf jeden Fall würde ich gerne noch mehr über Jonathan erfahren. LG Iris

Eingetragen am: 13.07.2009

Eingetragen am: 12.07.2009 von Charis
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2172

Die SMS kam, als Jan die neuen Gäste auf ihr Zimmer führte.
„Das ist Ihr Reich fürs Wochenende. Genießen Sie es. Wir sehen uns beim Abendessen.“
Er schloss die Tür hinter sich und zog das Handy aus der Hemdtasche. Sein Atem beschleunigte sich, als er den Text las. Sanft strich er über die Tasten, bevor er die SMS löschte.
Zwei Stunden später saß er Anna im Büro gegenüber. Sie schrieb das Angebot für die Silberhochzeitsfeier ihrer alten Lehrerin und schenkte ihm keine Aufmerksamkeit. Jan betrachtete ihr konzentriertes Gesicht mit einer Distanz, wie er sie ihr gegenüber noch nie gespürt hatte. Was bedeutete ihm diese Frau? Er sah die kleinen Fältchen und die Schatten unter den Augen, die Nase, die etwas schief stand, den Mund, der schon lange nur noch freundschaftliche Küsse verteilte. Mühsam riss er sich zusammen und griff nach einem Stapel mit fälligen Rechnungen. Diese Frau war nicht nur seine Ehefrau, sondern auch seine Geschäftspartnerin. Er musste die SMS vergessen.
Fünf Minuten später hatte er die Rechnungen mehrmals hin- und hergeschoben, ohne auch nur eine einzige Überweisung auszufüllen. Das Gewicht des Handys in der Tasche zerrte an seinem Gewissen.
Anna speicherte ihr Angebot und streckte sich aufseufzend. „Hoffentlich habe ich mich nicht verrechnet. Ist schon ein komisches Gefühl, die eigene Lehrerin als Gast zu haben.“ Sie blickte Jan an und zog die Augenbrauen zusammen. „Was schaust du so ernst? Überlegst du, wie du es mir beibringen sollst?“
Jan zuckte zusammen. „Was meinst du?“, stotterte er.
„Lass mich raten, Gammelfleisch in der Küche, Wanzen in den neuen Matrazen, Anruf von der Bank oder hat etwa die Gruppe für nächstes Wochenende abgesagt?“. Anna lächelte, aber ihr Tonfall war angespannt.
Jan atmete auf. „Nein, nein, nichts dergleichen. Im Hotel läuft alles. Es ist nur -“, er stockte und suchte nach Worten. „Ein ehemaliger Kollege, der Frank, du kennst den nicht, jedenfalls, er würde mich gerne zu so einer wer-kennt-wen-Party mitnehmen. Kann ja nicht schaden, wenn ich mal wieder Wochenendausflügler von unserem Paradies überzeuge, oder?“
„Ein paar Buchungen mehr in den nächsten Wochen könnten tatsächlich nicht schaden. Wann ist denn die Party?“
„Morgen. Nein, ich meine -. Doch. Morgen. Genau.“ Jan spürte das Handy schwer an seiner Brust.
„Morgen schon? Und was ist mit dem Grillabend?“
„Schatz, das bekommt Ihr auch ohne mich hin. Martin ist doch da.“ Jan griff über den Schreibtisch und legte seine Hand auf Annas. „Außerdem wird die Männerrunde aus dem ersten Stock bestimmt mehr Spaß haben, wenn ich ihnen nicht mit finsteren Blicken jeden Flirt mit dir verderbe.“
Anna seufzte. „Ich fänd's ja schöner, wenn du das tätest, die sind ziemlich aufdringlich. Aber Geschäft ist Geschäft. Dann fahr halt.“ Sie zog Jans Hand kurz an ihr Gesicht und legte ihre Wange an den Handrücken. „Bleibst du in der Stadt?“
Jan zog seine Hand zurück und wich ihrem Blick aus. „Ja, Frank hat ein Schlafsofa, das geht schon für eine Nacht.“
„Länger kann ich mir die Herren auch nicht vom Leib halten. Am besten blickst du heute abend doppelt so grimmig, dann behalten sie vielleicht auch nach dem vierten Bier einen Rest Anstand.“ Anna grinste. „Und ich meine Tugend.“
Sie stand auf und räumte die Unterlagen zusammen. „Dann bereite ich Martin darauf vor, dass er morgen für dich einspringen muss. Mal schauen, ob er ebenso grimmig gucken kann.“
Jan blieb stumm sitzen und ließ sich von Anna auf die Wange küssen. Angespannt wartete er, bis er die Tür hinter sich zufallen hörte. Dann schrieb er die Antwort. Seine Fingerspitzen liebkosten die Tasten, als würden sie endlich über den Körper streichen, nach dem sie sich seit Tagen sehnten. „Ob ich Lust habe? Du wirst mich anflehen, eine Pause einzulegen!“


Kommentar von Mara

Hallo Charis, es macht Spaß deine Geschichte zu lesen. Ich kann mir die beiden gut vorstellen . Liebe Grüße Mara

Eingetragen am: 13.07.2009

Kommentar von Anja

Hallo Charis, dein Text ist von Anfang bis Ende fesselnd. Die Dialoge sind stimmig und treiben die Handlung voran. Die kleine Geschichte bietet viele Möglichkeiten fortgesetzt zu werden. Der letzte Satz deutet an, dass er ein ziemlicher Macho ist. Ich bin gespannt, wie es weiter geht. Super geschrieben! Liebe Grüße Anja

Eingetragen am: 13.07.2009

Eingetragen am: 11.07.2009 von Anja
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2143

Lügen (Fortsetzung von Text 528)


Wie einfach mir doch das Lügen fällt, hätte ich früher nicht geglaubt.
Aber die Tränen sind echt. Alles ist wahr.
Ich weiß nicht, welche Lüge die erste war, aber die spontanen waren die besten.
Als ich das neue Konto eröffnen wollte, musste ich für ein Formular einige Fragen beantworten.
Name, Alter, Beruf…
Familienstand.
Ich lächelte dem Bankangestellten freundlich ins Gesicht und sah ihm fest in die Augen.
„Ledig.“
Er machte ein Kreuz.
So ging es immer weiter. Kleine Lügen an kleinen Stellen.
„Wohin gehst du, Liebling?“
„Ich bin mit Ute zum Mittagessen verabredet. Wahrscheinlich gehen wir danach noch shoppen.
Bis später, Kuss!“
Ute war hier der Mann von der Lottogesellschaft.
Jan verkraftete die Sache schlechter, als ich erwartet hatte.
Seine Alzheimer-Erkrankung griff ihn zusehends an. Und ich musste noch nicht einmal nachhelfen.
Den Lottoschein konnte er nicht vergessen. Ständig redete er darüber. Ich hielt es kaum aus.
Zudem wurde er immer depressiver, bis er sein Bett gar nicht mehr verließ.
Als er nach drei Wochen aus der Klinik entlassen wurde, ging es ihm nicht wesentlich besser.
Der behandelnde Arzt sah besorgt aus.
„Wir haben das Antidepressivum noch einmal leicht erhöht. Er spricht auf das Mittel ganz gut an. Stellen sie ihren Mann bitte regelmäßig bei seinem Hausarzt vor. Es ist allerdings so…“
Er machte eine Pause und starrte auf den Kuli in seiner Hand.
„Es kommt vor, dass depressive Patienten in der Anfangsphase der Behandlung noch Suizidgedanken haben. Sie haben dann noch nicht genug Antrieb, um leben zu wollen, aber genug, um sich das Leben zu nehmen.
Ich will Ihnen keine Angst machen, aber sie sollten ihren Mann in der nächsten Zeit genau beobachten!“
„Ja, natürlich, Vielen Dank für die Information.“
Es war wirklich eine traurige Geschichte, ich wusste nicht, wie lange das noch dauern würde.
Am Abend saß Jan in seinem Sessel vor dem Fenster und starrte in die Dunkelheit. Hier saß er den ganzen Tag.
„Komm, Liebling, lass uns ins Bett gehen. Es ist schon spät.“
Ohne Kraft nahm er meine Hand, konnte sie kaum halten.
„Es tut mir leid, dass ich so eine Last für dich bin. Ich weiß nicht, was ich noch machen soll. Ich wünschte, ich wäre tot!“
Er hatte es gesagt. Ich lächelte für ihn ein mildes Lächeln.
„Ach, mein Schatz! Ich finde, du solltest wieder Tagebuch schreiben. Das hat dir auch früher immer geholfen. Ich hab dir sogar schon eins besorgt. Mit Ledereinband. Warte, ich hole es.“
Ich nahm das Buch und einen Stift aus der Schublade und reichte es ihm.
„Schreib alles auf, schreib es dir von der Seele! Jetzt gleich, ich setze mich ein Weilchen zu dir.“
Ich küsste ihn zärtlich auf die Stirn.
„Alles wird gut!“

Nun stand ich an seinem Grab, die Trauergäste kondolierten.
Es tat mir leid, dass es so kommen musste. Das ist nicht gelogen. Am nächsten Morgen würde ich erst einmal verreisen. Nach Kenia. Alles hinter mir lassen.
„Mein Beileid, Linda.“
Der letzte Gast in der Reihe, sein Bruder Uwe.
„Ich danke dir. Für dich muss es auch sehr schwer sein.“
Ich wollte ihn umarmen, aber er ließ es nicht zu.
„Ich kann immer noch nicht glauben, dass er sich umgebracht hat. Das passt nicht zu ihm.
Denkst du vielleicht, es hat etwas mit diesem Lotto-Schein zu tun?“
Ich spürte, wie ich Gänsehaut bekam.
„Was für ein Lotto-Schein?“
Uwe blickte mir in die Augen.
„Dass du dich daran nicht erinnerst!
Das hat ihn doch völlig fertig gemacht. Er hatte ihn wohl verloren, dachte, er hätte ihn dir gegeben.
Am Telefon erzählte er mir immer wieder, wie großartig und verständnisvoll du warst.“
Er musterte mich von oben bis unten. Erwartete eine Reaktion.
Ich konnte nichts sagen.
„Hübsches Kleid, übrigens, das du da trägst. Sieht teuer aus.“
Die Art, wie er mich ansah, machte mich wütend.
Ich lächelte und nahm seine Hand.
„Weißt du, Uwe, dein Bruder war sehr krank.
Menschen verändern sich, wenn sie krank sind.
Alzheimer ist übrigens eine Erbkrankheit. Du solltest also sehr gut auf dich aufpassen!“

Ich denke, ich werde meine Reise verschieben müssen.


Kommentar von M.P.

Hallo Anja. Gute Fortsetzung deiner Lottogewinnerin. Vielleicht sollte der Bruder des Verstorbenen einen anderen Namen als gerade Uwe erhalten oder die Freundin einen anderen als Ute, ist sonst wirklich etwas verwirrend. Normal finde ich, dass du die Freundin als Alibi für ein Treffen mit dem Lottofuzi herhalten lässt. Alles in allem gelungen. LG M.P.

Eingetragen am: 14.07.2009

Kommentar von Mara

Hallo Anja, echt fies, deine trauernde Witwe. Tolle Geschichte Liebe Grüße Mara

Eingetragen am: 13.07.2009

Kommentar von Ginko

Raffiniert, wie mittels Andeutungen das gegenwärtige und künftige Geschehen verknüpft wird! Stolpersteinchen für mich sind: Lügen fällt einfach , statt leicht. Dem Angestellten ins Gesicht, statt ihn anlächeln. Ute -Uwe ? Die grammatische Zeitenfolge und die Zeichensetzung verwirren mich. Prädement, Ginko.

Eingetragen am: 12.07.2009

Kommentar von putzi

Gute Geschichte. Etwas stolperte ich über den Namen Ute. Er ist für mich ein Frauenname. Bei Dir aber heißt der Mann von der Lottogesellschaft so. Zähle ich alle Indizien zusammen, dann stellst Du uns eine eiskalte Mörderin vor. Eine Lüge ergibt de andere, alles passt zusammen. Da sie wenigstens Tränen vergießt hoffe ich, dass ihr kranker Mann nicht leiden musste, bevor er seinen letzten Atemzug aushauchte. Du hast Deine Aufgabe hervorragend gelöst und leichzeitig unterhalten. Bravo, putzi

Eingetragen am: 12.07.2009

Kommentar von Iris H.

Super Fortsetzung! Armer Uwe ... Und wie viele werden sich ihr noch in den Weg stellen, bis sie endlich ihre Reise antreten kann? Hoffentlich können wir hier noch mehr von der Geschichte lesen. LG Iris

Eingetragen am: 12.07.2009

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