„Ich habe das Buch Raum zum Schreiben genannt, weil jede Seite, jedes Kapitel eine Tür öffnet: zur Fantasie, zum Intellekt, zur Seele und zur Gefühlsebene."

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Tschüs, Lebewohl, Auf Wiedersehen

29.09.2009

Songwriter Paul Simon wusste schon vor vielen Jahren, dass es »fifty ways to leave your lover« gibt. Dabei müssen Sie sich nicht auf Liebhaber beschränken. Ebenso gibt es wenigstens fünfzig Möglichkeiten, sich von seinen Eltern, seinen Kindern, einer langweiligen Party, Madison Square Garden oder einer Laune zu trennen.

Ist Ihnen aufgefallen, dass die in der Überschrift genannten Formeln in ihrer Bedeutung für den Abschied ganz unterschiedlich sind ? »Tschüs« ist umgangssprachlich, lässig, locker. Das etwas veraltete »Lebewohl« drückt den Wunsch aus, die betreffende Person möge vor allem Unbill bewahrt werden, ähnlich wie das französische »Adieu« buchstäblich den, der geht, Gottes Obhut anvertraut. »Auf Wiedersehen« dagegen nimmt dem Abschied die Endgültigkeit.

Eine Person, einen Ort oder einen Gemütszustand zu verlassen, bedeutet, etwas Vertrautes aufzugeben. Ein Abschied vollzieht sich oft schrittweise und in verschiedenen Stadien. Abgänge und Abschiede sind Gegenstand von Romanen, Gedichten, Theaterstücken und Songs, weil jeder Mensch ständig mit der Frage konfrontiert wird, wie er von einem Stadium ins nächste gelangen soll.

Für Schriftsteller ist »Abschied« ein lohnendes Gebiet, da es sich oft um einen Höhepunkt handelt. Aber wegzugehen, etwas zu verlassen, sich zu verabschieden ist nur dann bewegend, wenn das, was zu diesem Moment hinführt, überzeugend dargestellt wird. Wenn eine Figur die Stadt verlässt und ein Autor geht zum nächsten Absatz über, muss es einen guten Grund dafür geben.

Aufgabe
Beschreiben Sie einen Abschied. Entwerfen Sie eine Abschiedsszene zwischen zwei Personen. Erzählen Sie, wie Sie (oder eine Figur) einen vertrauten Ort verlassen – findet vorher noch ein letzter Rundgang statt oder liegt die Konzentration ganz auf dem neuen Ziel?
Oder zählen Sie fünfzig Möglichkeiten auf, ein langweiliges Gespräch zu beenden.




Jeder Abschied ist eine Ankunft.
Tom Stoppard

© 2008 Autorenhaus Verlag GmbH, Berlin
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Leserbeiträge

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Eingetragen am: 17.10.2009 von Ro McGer
[ Lesezeichen ]

3770

Offensichtlich ist dieser Arbeitskreis ganz still und leise zu Ende gegangen. Auch ich möchte den Organisatoren danken. Und den Lesern, die sich mit meinen Texten befasst hatten, obwohl es wesentlich bessere in dieser Runde gab. Am meisten möchte ich denen danken, die dann noch die Kraft hatten, mir ein paar Zeilen zu schreiben. Ich hoffe, ich habe niemand mit meinen Antworten ernsthaft verletzt, es lag nicht in meiner Absicht. Viele werden mich nicht wiedersehen. Einige werden mich vielleicht auch nicht wiedererkennen. Meinen Blog führe ich unter einem Nicknamen. Deshalb nochmals meinen Dank an alle.


Kommentar von Ursula Menzel

auch ich möchte mich den Dankesworten anschließen. Ebenfalls danke ich denen, die sich für eine konstruktive Kritik Zeit genommen haben, zeigt es mir doch das Interesse der Leser an den Texten. Ich freue mich schon auf einen neuen Workshop im nächsten Jahr. Allen nochmal herzlichen Dank. Ursula Menzel

Eingetragen am: 20.10.2009

Eingetragen am: 14.10.2009 von Berthild Lorenz
[ Lesezeichen ]

3762

Der fünfjährige Martin lag im Bett. Die Einschlafgeschichte war gelesen und ich wollte noch ein Mal durch die Wohnung gehen. Zu viel hing von meiner Entscheidung morgen ab. Lege ich den Wohnungsschlüssel im Briefkasten ab, weiß Christine, dass wir nicht mehr zurück kommen. Ich muss entscheiden, ob wir zurück kommen werden oder im Westen bleiben werden, ich ganz alleine, mit eben 5 Jahre alt gewordenem Kind, das nicht blond ist.

Ich wollte Abschied nehmen, von dem so mühvoll erkämpften Klavier, das hier bleiben musste. Den alten Sekretär mit Kaufvertrag von 1911 hatte ich schon vor einem halben Jahr verkauft und den wunderschönen, ebenso alten Bücherschrank mit den schönen Glasscheiben, den uralten Kleiderschrank und die Kommode und das Vertiko, den uralten Küchenschrank und die Korbsessel auch. Alles war verkauft, um seit einem halben Jahr leben zu können; Wohnungsmiete bezahlen zu können.

Nun, am Vorabend unsere Reise, wollte ich noch ein Mal meine vielen Grünpflanzen ansehen, von ihnen Abschied nehmen. Oh, was hatte ich für diese schöne Wohnung alles getan! Ich hatte einen Ausreiseantrag gestellt, um mit meinem Kind zusammen endlich eine Zwei-Zimmer-Wohnung in der DDR Hauptstadt zu bekommen und erst nachdem Herr Staasi mehrmals bei mir war und ich den Ausreiseantrag zurück genommen hatte begannen sie, mir Wohnungen zuzuweisen.

Aus 8 von 16 Wohnungen, die ich mir alle mit meinem kleinen Sohn auf dem Arm angesehen hatte, wollten die Mieter überhaupt nicht ausziehen!

Sie hatten mich Wohnungen ansehen geschickt, damit ich schweige!

Und nun hatte wir seit zwei Jahren endlich eine wunderschöne Wohnung und seit einem halben Jahr stand fest, dass ich in einem Land, in dem das Recht nur auf dem Papier steht, nicht bleiben will! Ich hab die Verantwortung für ein Kind und das soll in Freiheit aufwachsen; wir gehen! Ich nehme Abschied von der Hoffnung auf eine bessere DDR!

Und immer wieder zweifelte ich an der Richtigkeit meines Entschlusses, eben weil ein Kind mitbetroffen war. Wir konnten hier mit wenig Geld auskommen und diese mühvoll erkämpfte Wohnung hatte drei Zimmer, obwohl wir nur zwei Personen waren. Ein Privileg, für das ich so hartnäckig geblieben war, damit wir mit Hilfe der Einnahmen für Untervermietung finanziell abgesichert sind. Ich wollte mit in Martins ersten Lebensjahren mit ihm Zuhause bleiben und ein bis zwei Tageskinder dazunehmen. Von diesen Ideen hieß es Abschied zu nehmen. Was wird uns wohl dort, in der Freiheit erwarten? Offensein für Neues, ohne Freunde in der Nähe? Von den Freunden Abschied nehmen, vielleicht für Jahre!

Und weil wir in der angeblichen Freiheit Westdeutschlands kein Ziel hatten, fiel es mir so schwer, Abschied von allem Liebgewordenen zu nehmen und ich legte mich müde auf mein Bett und schlief sofort ein.


Eingetragen am: 13.10.2009 von barbara frisch
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3759

Ich gehe. Ganz schnell werden meine Schritte. Will deine jämmerlichen Erklärungsversuche nicht hören. Nicht jetzt, zu spät. Die Treppen haste ich hinunter, die Reisetasche über der linken Schulter geworfen. Deine Rufe hallen gegen die Wände zu Dir zurück. Ich öffne die schwere Haustür ein letztes Mal, kratze meinen Namen vom gemeinsamen Klingelschild und laufe weg. Das Wir ist tot. Weg von Dir und deinen Geheimnissen. Lügner, war das letzte Wort das ich dir, in deine grüne Augen schauend, entgegenwarf. Aus dem Wir wurde ein Kampf. Alleine habe ich mich gefühlt in den letzten Woche, hunderte kleine Abschiede von Dir waren das für mich in den vielen einsamen Nächten. Diese ist nur lauter und am endgültig.Ich will leben, ohne Dich. Rufe mich nie wieder an.


Eingetragen am: 13.10.2009 von putzi
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3758

Schon ist dieser wunderbare Workshop zu Ende.
Ein Wunsch bleibt mir noch, dass wir uns in irgendeinem Literaturforum wieder treffen.
Salue, es war eine Freude, hier mitzumachen.

putzi


Eingetragen am: 12.10.2009 von Frog
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3756

Vor 15 Jahren hätte ich es niemals für möglich gehalten, meine erste Eigentumswohnung jemals wieder zu verlassen. Sterben wollte ich hier. Das war mein Zuhause! Aber dann hat mich die große Welle der Veränderung mitgerissen in einen neuen Lebensabschnitt!
Ich ziehe aus! Gehe in einen neuen Stadtteil, in ein neues Viertel. Schicke damit gleichzeitig meinen Sohn in die Freiheit, in seine erste eigene Bude.
In den letzten Monaten habe ich schwer daran gearbeitet, die beste Lösung zu finden für mich, für uns.
Nun sind die meisten Kisten gepackt, ein halbes Leben wurde in Kartons gestopft, der Rest ist im Müll gelandet und in zwei Wochen ist meine Zeit hier vorbei.
Das ist auch der Grund, warum ich hier nur sporadisch hereingeschaut habe. Es hat Spaß gemacht, alte Bekannte wieder zu treffen und neue Talente zu lesen. Aber für Kontinuität in diesem Workshop reichte meine Energie nicht aus.
Wenn mein Schreibtisch an seinem neuen Platz (mit Fenster zum Hof) steht, darf es wieder losgehen. Dann werde ich wieder schreiben. Viel Stoff ist in meinem Kopf, von widerlichen Maklern, durchgeknallten Käufern, von betulichen Wohnungsbaugesellschaftern und gerissenen Entrümpelungsunternehmern, von verplanten Küchenplanern und geschickten Handwerkern, freakigen Elektrikern und verschlafenen Klempnern – die dusseligen Banker nicht zu vergessen...
Auf jeden Fall wird es um Mut gehen, um Neugierde und die spannende Vorbereitung eines wundersamen Starts in ein neues Leben. Mein Leben.
Ich bin gespannt. Arrivederci! sagt Frog.


Kommentar von Lillilu

Hallo liebe Frog! Wenn du wüßtest wie gut ich dich verstehen kann! Auch bei mir ist es eine ähnliche Geschichte - ich ziehe im November um und noch sind die Maurer, die Tischler, die die die... nicht fertig. Ich muss meine gemietete Nähe zum dem geliebten Redelsheimerhaus aufgeben und ziehe nun in das Haus meiner Kindheit, das mir unerwartet angeboten wurde. Eigentlich wollte ich ja nach Cuxhaven ziehen. Da hätte ich dich dann leicht besuchen können. Die Bautätigkeit ist auch bei mir der Grund, warum ich hier nur sporadisch auftauchte. Ich grüße dich und hoffe auf ein Wiedersehen. LG Lillilu

Eingetragen am: 16.10.2009

Kommentar von wladimir

Viel Glück in Deiner neuen Wohnung und viel Erfolg beim Schreiben!! wladi

Eingetragen am: 14.10.2009

Eingetragen am: 08.10.2009 von Rosima Ka
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3716

Diese zwanzig Wochen waren ein tolles Schreiberlebnis. Der leichte Zwang, jede Woche einen neuen Text zu schreiben hat mir gezeigt, zu was man fähig ist, wenn man weiß, dass dieser Text von vielen gelesen wird. Ich hoffe, dass es bald wieder einen solchen Workshop hier geben wird. Darauf freue ich mich schon jetzt. Grüße an alle, besonders auch an die freundlichen Kommentatorinnen. Rosima


Eingetragen am: 07.10.2009 von Gerti
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3712

Ich sag zum Abschied leise "Servus"
und wünsche allen, die sich hier entfalteten....eine gute Zeit.
Gerti


Eingetragen am: 06.10.2009 von Iris H.
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3704

Liebe Redaktion, liebe Gerhild Tieger, lieber Manfred Plinke! Ich möchte mich ganz herzlich für die Organisation dieses Workshops bedanken, der mir sehr viel bedeutet und gebracht hat. Danke für die Mühe, das unermüdliche Lesen und Einstellen der Beiträge, sogar am Wochenende. Über eine weitere Auflage in nicht allzu langer Zeit würde ich mich freuen. Herzliche Grüße und alles Gute! Iris H.


Kommentar von Berthild Lorenz

Ja, wenn es so weit ist, dann kann ich mich nur anschließen! Herzlichen Dank von umme Ecke, aus Weißensee. Berthild Lorenz

Eingetragen am: 17.10.2009

Eingetragen am: 06.10.2009 von Lillilu
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3702

Zu einem Dialog hat es zeitlich nicht gereicht, obwohl eine Szene ständig in meinem Kopf bruzzelt. In diesem Sommer konnte ich nur kurz die Schreibmöglichkeiten nutzen, bitte verzeiht. Aber ich grüsse euch alle und hoffe auf ein Wiedersehen! Und Gerhild Tieger danke für diesen leider zu kurzen Workshop. Meinen "Redelsheimern" werde ich noch einige Jahre treu bleiben. Alle Gute wünscht euch Lillilu


Eingetragen am: 05.10.2009 von Hadassa
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3695

Abschied von Cornelia

Was bleibt
Dein Lächeln
Deine Worte
Und Deine Farben
Deine Weigerung,
schwarz zu sehen.
Deine Warmherzigkeit
Und
Deine ehrliche
Betroffenheit
Die Gelassenheit
zum Ja
Dein Harren
Auf ein gutes Ende
Deiner Geschichte
Deines Lebens


Kommentar von Hadassa

Hallo Rosima, hallo Babs. Danke für Eure Kommentare und Eure Gedanken zu meinem Text. Ich hoffe, daß wir uns alle wiederlesen werden. Auch allen anderen Kursteilnehmern wünsche ich alles Gute und eine kreative Zeit. Und ganz herzlichen Dank dem Autorenhaus-Verlag für diesen bereichernden Sommerworkshop. liebe Grüße Hadassa

Eingetragen am: 08.10.2009

Kommentar von Rosima Ka

Liebe Hadassa, Cornelia wäre sicher auch sehr bewegt von deinem Abschiedstext an sie,wenn sie es lesen könnte, so wie auch ich es bin. Mir scheint, wir haben so einige ähnliche Erlebnisse in unserm Leben gehabt. So, goodbye and I hope we'll meet again. Rosima Ka

Eingetragen am: 06.10.2009

Kommentar von Babs

Hallo Hadassa, sehr bewegende Worte des Abschieds, ich kann dem nichts hinzufügen als: Danke dafür! Liebe Grüße Babs

Eingetragen am: 05.10.2009

Eingetragen am: 05.10.2009 von Veronika Oswald
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3693

ABSCHIED

Es war zwei Uhr nachts. Mit schmutzigen Händen kehrte Lisa von der Beerdigung zurück.
Sie wohnte erst seit kurzem in dieser Stadt und kannte niemanden, der einen Garten hatte, in dem sie ihr Kaninchen hätte begraben können.
Also schaufelte sie ihm um Mitternacht ein Grab auf dem Hauptfriedhof, genau unter der großen Eiche am Eingang.
Es war dunkel und kalt und sehr unheimlich, aber Lisa wusste, dass sie das ihrem Kaninchen schuldig war.
Idefix war ein zu klein geratenes Zwergkaninchen und hatte in den Augen seines Züchters jede Lebensberechtigung verloren, da mit ihm keine Preise zu gewinnen waren.
So gelangte er zu Lisa, als sie 14 Jahre alt war.
Ein halbes Jahr später kam ein Meerschweinchen dazu, dessen Vorbesitzerin eine Allergie entwickelt hatte.
Idefix war ein kräftiges männliches Kaninchen und störte sich bei der Auslebung seiner Triebe nicht im Mindesten an der Tatsache, dass seine Partnerin nicht von seiner Art war. Die Größe stimmte ungefähr, und das war alles, worauf es ankam.
Auch die Meerschweinchendame schien nicht unzufrieden.
Leider erfreute sie sich aber nicht der gleichen robusten Gesundheit wie Idefix und so entdeckte Lisa eines Morgens nur noch das Kaninchen. Vom Meerschweinchen keine Spur. Erst nach längerer Suche fand sie das arme Ding sorgfältig unter einer Schicht Hobelspäne begraben.
Sie nahm es heraus, begrub es im Garten ihrer Eltern und reinigte gründlich den Stall.
Nun war Idefix nach vier Jahren der Geselligkeit alleine.

Jedoch schon ein Jahr später gesellte sich ein Wellensittich dazu. Von seinen Vorbesitzern verstoßen, erhielt auch er Asyl bei Lisa.
Zwischen Toby, dem Wellensittich, und Idefix entwickelte sich eine Freundschaft der ganz besonderen Art.
Idefix bewohnte zu dieser Zeit, wenn er nicht gerade im Zimmer umher sprang, einen Stall, der oben einige Gitterstäbe als Abschluss hatte; eng genug, damit Idefix nicht durch konnte, wenn er nicht sollte, aber weit genug für einen Wellensittich. Und so flog Toby mehrmals täglich auf das Gitter, vollbrachte einen gekonnten Felg-Unterschwung, so dass er zunächst kopfüber am Gitter hing und ließ sich dann auf die Hobelspäne fallen.
Das erste Mal war Idefix noch ziemlich irritiert, vor allem, als der Vogel anfing, in seinem Trockenfutter zu picken.
Im Laufe der Zeit schob Idefix dann seinen Futternapf in Richtung Toby, sobald dieser gelandet war.
Lisa war zunächst skeptisch und behielt die beiden genau im Auge. Als sie jedoch sicher war, dass es keine Kämpfe gab, ließ auch ihre Aufmerksam nach.
Üblicherweise verließ Toby den Käfig nach einiger Zeit auf die selbe Art, wie er rein kam, nämlich mit einem kühnen Sprung von unten an das Gitter, gefolgt von einem Felg-Aufschwung, wie Lisa ihn niemals im Turnunterricht hingekriegt hätte.
Als er eines Tages jedoch gar nicht mehr aus dem Stall wollte, nahm Lisa ihn auf den Finger, hob ihn hoch, und ließ ihn mit einem kleinen Schwung zu seinem eigenen Käfig fliegen.
Er fiel herunter wie ein Stein.
Nach näherer Untersuchung stellte Lisa fest, dass Idefix dem Vogel, während dieser sein Trockenfutter fraß, die Schwanzfedern abgeknabbert hatte. Da es jedoch keinerlei Kampf gegeben hatte, geschah das offensichtlich im gegenseitigen Einverständnis.
Toby lebte noch fast zwei Jahre mit Idefix zusammen, konnte allerdings nicht mehr fliegen.

Dann war Idefix wieder alleine und blieb es von nun an auch.
Lisa war inzwischen fertig mit der Schule und wohnte in einer anderen Stadt. Natürlich machte auch Idefix den Umzug mit.

Er zog insgesamt sechs Mal mit Lisa um.
Er lernte Lisas Freundinnen kennen.
Er lernte ihre erste Liebe und auch alle weiteren kennen.
Manche mochte er, vor anderen verkroch er sich und einen biss er sogar.
Er durchlebte mit Lisa ihre Pubertät und die Scheidung ihrer Eltern.
Er zitterte mit ihr vor dem Abi und unterstütze sie beim Büffeln fürs Studium.
Er lebte in seinem Stall, in verschiedenen Zimmern und sogar draußen. Er lernte Gras, Sonne und Wärme kennen, aber auch Regen und Schnee.
Er wurde vierzehn Jahre alt.

Es war abends, als Lisa spürte, dass etwas nicht in Ordnung war. Sie nahm ihn auf den Schoß und streichelte ihn, bis er friedlich eingeschlafen war. Und obwohl ihre Trauer groß war, fühlte sie doch Dankbarkeit. Nicht nur für die lange Zeit, die sie mit ihm verbringen durfte, sondern auch dafür, dass er in seiner letzten Stunde nicht alleine war.
Und der Gedanke tröstete sie, dass Idefix nun in einem würdevollen Grab auf dem Bochumer Hauptfriedhof ruhte.


Kommentar von Berthild Lorenz

Dankeschön für diese so tiefsinnige, anrührende Erzählung! Herzliche Grüße! Berthild

Eingetragen am: 14.10.2009

Kommentar von Ursula Menzel

Hallo Veronika, das ist ja eine bewegte Geschichte. Es tut weh, wenn man sich von einem geliebten Hausgenossen verabschieden muss. Und dazu gehört auch ein Tier, egal welcher Art. Viele Grüße Ursula

Eingetragen am: 08.10.2009

Eingetragen am: 05.10.2009 von Babs
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3691

Tschüs, Lebewohl, auf Wiedersehen

Ich nehm dir die Würde, sagte der Hass
Und mache dich klein gleich einem Kind
Was weißt du schon vom Leben?
Frage mich, ich kenne mich aus.

Ich nehme dir dein Lachen, sagte der Hass
Und deinen Humor mache ich klein
Was weißt du schon vom Leben?
Frage mich, ich kenne mich aus.

Ich nehme dir deine Unbekümmertheit, sagte der Hass
Und deinen Kummer mache ich klein
Was weißt du schon vom Leben?
Frage mich, ich kenne mich aus.

Ich nehme dir dein Gefühl, sagte der Hass
Und gebe dir Kälte zurück
Was weißt du schon vom Leben?
Frage mich, ich kenne mich aus.

Ich nehme dir deinen Mut, sagte der Hass
Und lasse dir Tränen und Resignation
Was weißt du schon vom Leben?
Frage mich, ich kenne mich aus.

Was weißt du schon vom Leben, sagte die Liebe
Frage mich, ich kenne mich aus.
Ich gebe dir alles zurück
Leise schlich sich der Hass von dannen.


Kommentar von Hadassa

Hallo Babs, gut, daß die Liebe über den Hass siegt und er das Feld räumen muß. Danke, daß Du diese Sicht geschildert hast, sie macht Mut für den Alltag. liebe Grüße Hadassa

Eingetragen am: 07.10.2009

Eingetragen am: 04.10.2009 von Erwina
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3688

Jetzt heißt es, Abschied nehmen. Lang waren wir perfekt zusammen! Doch nun passt Du nicht mehr zu mir. Was soll ich sagen? Es ist meine Schuld, dass Du so alt aussiehst, so schäbig, so heruntergekommen. Ja, ich war es, die Dich kaputt geliebt hat! Und jetzt, da Du so unansehnlich geworden bist, dass sich schon alle fragen, warum ich mich mit Dir noch sehen lasse, ist es an der Zeit, dass Du gehen musst.
Der Abschied fällt mir nicht leicht. Was haben wir alles zusammen erlebt! Schon wie ich Dich fand, war einfach wunderbar! Ich war bummeln, auf der Suche nach nichts – und da sah ich Dich! Es war Liebe auf den ersten Blick, ich nahm Dich ohne ein Zögern, und ab diesem Moment waren wir unzertrennlich. Meine Freundinnen lobten mich ob meiner Wahl, und einige waren auch neidisch, das merkte ich. Doch ich war stolz und präsentierte Dich wie einen ganz besonderen Schatz, der Du seitdem wirklich für mich warst. Du warst mein ständiger Begleiter bei meinen ausschweifenden Erkundungen, und schütztest mich, denn Du machtest mich stolz auf meine Schönheit, machtest mich zur Königin der Nächte! Ließest auch zu, wenn ich Dich schlecht behandelte, hast mir oft verziehen, wenn ich reumütig ankam und über deinen samtigen Körper streichelte, und warst bald wieder der Alte.
Fünf Jahre verbrachten wir zusammen. Mit Dir ging ich durch dick und dünn, es gab Zeiten, in denen ich vor Freude die ganze Welt umarmen wollte, aber auch andere, in denen ich traurig, ja, untröstlich war. Doch Du warst mir Trost in den schweren Stunden, und in anderen, besseren Zeiten ein hochgeschätzter Wegbegleiter, der mein großes Glück noch unterstrich.

Doch dann erhieltest Du die ersten Verletzungen, als ich Dich wütend aus der Kneipe zerrte, in der mich meine Liebe hatte sitzen lassen. Deine Narben, die ich jetzt zärtlich berühre, schmerzen mir noch immer: warum war ich nur so grob zu Dir?
Den nächsten Makel erhieltest Du, als ich mich mit einem neuen Liebhaber herumtrieb. Ich weiß bis heute nicht, wie es passierte, aber es blieb ein Fleck, wie eine neue Wunde.
Und schließlich musste ich der Wahrheit ins Gesicht sehen: Du bist alt geworden, Dein Inneres ist zerfetzt, und Deine einst strahlende Haut dünn. Und deshalb stehe ich nun hier vor dem Container, mit Dir, und wünsche Dir eine gute Reise – mögest Du noch nützlich sein, wenn man Dich in Fetzen zerreißt und Papier aus Dir macht – vielleicht sehen wir uns wieder, wenn Du eine andere Form, ein anderes Wesen besitzt? Doch nun habe ich fast zu lang gezögert. Adieu, mein geliebter Blazer, ich werde Deiner immer gedenken!


Kommentar von Angela Barotti

Ich stimme Audrey zu. / P.S.: Ich hatte auf eine Handtasche getippt

Eingetragen am: 09.10.2009

Kommentar von Audrey81

Hallo Erwina, wunderbar geschrieben und auch wirklich eine ganz tolle Idee! Aber an guten Ideen hat es dir ja nie gemangelt! Es hat immer Spaß gemacht, deine kleinen Geschichten zu lesen. Auf hoffentlich bald! Liebe Grüße, Audrey

Eingetragen am: 05.10.2009

Eingetragen am: 04.10.2009 von Ursula Menzel
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3685

Tschüss, lebe wohl, auf Wiedersehen


Sieben Monate arbeitete Walter schon als Bäckerlehrling bei Thiedemann in Kiel. In dieser Zeit hatte er einmal seine Eltern in Hamburg besuchen können. Umso mehr wunderte es ihn, als an einem Sonntagvormittag unangemeldet seine Mutter in der Bäckerei auftauchte. Beim ihrem Anblick dachte Walter an den kleinen Ort Ahrenfeld, wo sie ebenfalls eines Tages urplötzlich in Erscheinung trat. Und dieser Auftritt hatte damals sein Leben und das seines Bruders schlagartig verändert. "Was für einen Grund hatte sie wohl diesmal?" fragte sich Walter.
Es war Claras Art, ohne Umschweife die Dinge beim Namen zu nennen.
„Wir müssen Deutschland verlassen. Du weißt, dass die Juden jetzt massiv verfolgt werden. Vaters Schicksal ist ungewiss. Irgendwann werden sie ihn abholen. Es ist nur eine Frage der Zeit. Fast im gleichen Atemzug, und ohne, dass Walter reagieren konnte, teilte sie ihm mit: „Ihr müsst hier bleiben – du und dein Bruder Günter. Euch wird die GESPAPO nicht verfolgen, denn ihr seid ja arischer Abstammung.“
Walter stockte der Atem. Der Schock machte es ihm unmöglich, seine Worte zu artikulieren.
"Ihr wollt aus ---wandern? Wann und wohin?"
"In ein paar Tagen. Nach Südamerika."
"Warum habt ihr mir nichts davon erzählt? Das wisst ihr doch nicht erst seit ein paar Tagen!"
"Wir konnten nicht drüber reden – mit niemandem. Es ist gefährlich, wenn man redet. Das musst du doch verstehen, Walter."
Walter schüttelte den Kopf. Er war erst fünfzehn, soeben den Kinderschuhen entwachsen. Was Verlassenheit bedeutete, hatte er schon in seiner Kindheit erfahren, und dieses Trauma verfolgte ihn noch heute.
"Dann nimm mich mit.“ Seine Augen schwammen in Tränen.
"Das geht nicht. Du musst erst deine Lehre beenden und deinen Wehrdienst leisten. Wenn du Geld verdienst, kannst du nachkommen.“
"Nachkommen?" Walter schluckte. "Wie werde ich jemals das Geld für eine Überfahrt nach Argentinien zusammen bringen?"
"Du könntest dich zum Beispiel auf einem Schiff als Bäcker oder Koch durcharbeiten. Aber zuerst beende deine Lehre und mach deinen Wehrdienst. Wie ich sehe, bist du hier gut versorgt."
Clara hatte nur ein paar Stunden gebraucht, um ihrem Sohn diese, für sein Leben so gravierende Entscheidung mitzuteilen und sich auf unbestimmte Zeit zu verabschieden. Walter begleitete seine Mutter am frühen Nachmittag zum Omnibus, der nach Hamburg fuhr. Seine Bitte, ihn doch nach Argentinien mitzunehmen, stieß bei Clara auf taube Ohren. War sie wirklich so gefühllos? Oder waren es die Umstände, die sie so erbarmungslos handeln ließen? Walter lief dem Bus, indem seine Mutter saß, hinterher. "Bitte nimm mich mit - so nimm mich doch mit - biiiitte!“
Dann blieb er stehen und schaute dem Bus nach, der sich immer weiter entfernte. Seine Mutter fuhr weg - für immer. "Es ist sinnlos ihr nach zu laufen", stellte Walter fest. "Alles ist sinnlos, - alles." Ein Gefühl unendlicher Verlassenheit überkam ihn. Allein unter fremden Menschen und ohne irgendeine familiäre Bindung, das war ab jetzt seine Zukunft.
Er dachte an jenen Silvesterabend, wo seine Mutter beim Bleigießen von einer großen Reise sprach, die ihr bevorstünde. Sollte sie damals schon den Entschluss gefasst, und besagte Reise von langer Hand vorbereitet haben?
Das Orakel von der großen Reise an jenem Silvesterabend war nüchterne Realität. Clara nahm auch von Günter, der zurzeit in einem Musikinternat in Hagenow war, Abschied.
"Unsere Möbel haben wir zu einem Teil verkauft. Bis zur Abreise sind es nur noch ein paar Tage."
Günter war als einziger in das Vorhaben seiner Eltern eingeweiht, wenn auch nur vage.
„Ihr wollt wirklich auswandern?"
"Wir müssen es, mein Junge. Es bleibt uns keine Wahl. Vaters Zukunft ist gefährdet."
"Wann reist ihr ab, und mit welchem Schiff?" Günter sah zu Boden. Das Sprechen fiel ihm schwer.
"Der Name des Schiffes ist nicht wichtig. Es genügt, wenn du weißt, dass es ein französischer Dampfer ist."
Sie fürchtete sich vor der GESTAPO, die ihr im letzten Moment noch Schwierigkeiten bereiten könnte.
"Du kannst uns nach Buenos-Aires folgen, wenn du deine Ausbildung beendet und deinen Wehrdienst geleistet hast." Clara sagte es, als sei dies eine Fahrt von Hagenow nach Hamburg. Es war ihre Art, mit der sie über Probleme hinweg flog, die sie im Augenblick nicht lösen konnte. „Ich habe in der Nähe eine Reinigung beauftragt. Dorthin kannst du deine Wäsche bringen.“ Günter presste seine Lippen zusammen. Er brachte keinen Ton heraus. "Nachkommen, nach Buenos-Aires", dachte er bei sich, "ob sie das wirklich ernst meint? Und wie soll ich das Geld für eine solche Überfahrt zusammenbringen? Ich kann ja nicht einmal die Reinigung für meine Kleidung bezahlen."
Claras absurde Idee konnte Günter über die Tatsache nicht hinweg täuschen, dass er von nun an, noch keine siebzehn Jahre alt, auf sich allein gestellt war. Seine Eltern gingen weg - für immer. Das war traurige Gewissheit. "
„Ich werde dir noch einen Brief schreiben, bevor das Schiff ablegt. Mach's gut, mein Junge." Clara gab ihrem Sohn einen flüchtigen Kuss auf die Stirn. Günter sah auf den Boden und nickte leicht mit dem Kopf. Tränen des Abschieds wollte er nicht zeigen. Es hätte die Situation nicht verändert. Er musste das Problem für sich bewältigen und wollte auch mit niemandem darüber reden. Günter ging auf sein Zimmer. Sein Gesicht war ernst, um Jahre älter geworden. Von einem Augenblick auf den andern war er wie umgewandelt, still und verschlossen.


Eingetragen am: 04.10.2009 von Maria Lauke
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3683

Sie hatte zu oft schon Abschied genommen. In Briefen, die sie nie abgesandt hatte. Als sie davon hörte, man hatte ihn gefunden, in seinem Laden, war sie nur im ersten Moment betroffen. In gewisser Weise bewunderte sie ihn. Er hatte den Mut gehabt, den sie nicht aufzubringen vermochte. Eigentlich hatte sie ihn kaum gekannt, nun fühlte sie sich ihm so sehr verbunden. Sollte sie zu seiner Beerdigung gehen? Sollte sie seiner Familie schreiben? Doch was? Beileid? Dieses Wort sagt nichts. Eine leere Formel für alle, die nichts zu sagen wissen. Es tut mir Leid? Das wäre gelogen. Sie wusste, wie es um ihn gestanden hatte. Noch kurz zuvor war sie bei ihm gewesen, hatte nur etwas Kleines noch gebraucht, und er hatte ihr erzählt, hatte sie nicht angelogen. Es geht ihm besser, da wo er jetzt ist? Wenn sie es sagen könnte, wenn sie davon überzeugt wäre, wenn sie dessen sicher wäre, ... Sie wäre schon seit Jahren nicht mehr hier. Sie ging nicht zur Beerdigung, schwieg gegenüber der Familie. Was hätte sie sagen können? Doch nur: "Ich bewundere ihn. Ich wünschte, ich hätte die Kraft und den Mut, endlich endgültig Abschied zu nehmen."


Kommentar von Angela Barotti

Eine bewegende Geschichte. Hier steckt so viel zwischen den Zeilen, dass ich automatisch neugierig werde. Deshalb könnte ich mir diesen Abschnitt auch gut als erstes Kapitel eines Romans vorstellen, in dem dann in Rückblenden erzählt wird, warum die Protagonistin solche Todessehnsucht hat.

Eingetragen am: 06.10.2009

Eingetragen am: 03.10.2009 von Andriana
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3677

Am Vormittag hat die ganze Familie sich von ihr verabschiedet. Nach zwei Wochen Besuch in seiner Heimat, muss sie nun zurück. Seine Mutter, die sie so herzlich aufgenommen hat, drängt ihr in letzter Minute noch Reiseproviant auf. Als wenn sie jetzt etwas essen könnte... Sein jüngerer Bruder blickt sie in scheuer Verehrung an und traut sich kaum ihre Umarmung zu erwidern. Ans Herz gewachsen sind sie ihr, diese vormals Fremden. Nun geht es endlich los Richtung Flughafen. Gut zwei Stunden werden sie im Auto sitzen und plaudern wie flüchtige Bekannte. Sein Betrug, ihre verlorene Liebe, all das steht unsichtbar zwischen ihnen. Vorher hatten sie Momente geselligen Schweigens genossen; nun war da eine Leere, ein tiefer Abgrund. Seit sie erfahren hat, daß er sie betrog, ist sie wie unter Schock. Irgendwie hat sie funktioniert in den letzten Tagen, mit aller Kraft weiter gelächelt. Ein Eisklumpen umhüllt ihr Herz, betäubt den Schmerz. In der Kehle drücken ungeweinte Tränen. Endlich kommen sie am Flughafen an, sehr zeitig. Sie ist eine der Ersten am Check-in-Schalter. Unbehaglich sitzen sie neben einander auf einer Bank und sie spürt, daß sie das keine weitere Stunde aushalten wird. Also atmet sie tief ein und sagt mit flacher Stimme: „Du brauchst nicht bis zum Schluss mit mir warten, ich komme schon zurecht.“ Er sieht sie an, zum letzten Mal mit diesen kornblumenblauen Augen, dann nickt er und steht auf. Er wünscht ihr einen guten Flug, geht mit schnellen Schritten zum Ausgang. Sie unterdrückt die aufwallenden Tränen mit Gewalt; wenn sie jetzt anfängt zu weinen, könnte sie nicht mehr aufhören. Sie blickt sich um und sieht ihn durch die Glaswand zum Auto gehen. Als hätte er es gespürt, dreht er sich um und winkt kurz, dann fährt er davon. Sie beißt sich in die Hand um ein Aufschluchzen zu unterdrücken, später versteckt sie ihr Gesicht hinter einer Zeitung. Sie wird mit starrer Miene den Sicherheitscheck durchlaufen, ins Flugzeug steigen, aus dem Fenster sehen. Ein Blick aus trockenen Augen auf das entschwindende Land unter ihr; sie stellt sich vor wie er im Auto sitzt und nach Hause fährt. Dort wird er sein übliches Leben wieder auf nehmen, sie wird 2 Stunden später das Flugzeug verlassen, alles wird aussehen wie immer, aber nie wieder so sein.


Kommentar von Angela Barotti

Der erste Teil des Textes enthält viele ungelöste Rätsel und hält mich als Leser auf Distanz. Wo ist die Heimat des Mannes? Blaue Augen = nördliches Europa? Amerika? Und aus welchem Land kommt die Protagonistin? Wann hat sie von seinem Betrug erfahren? Während ihres Besuches bei ihm? Wie hat seine Familie darauf reagiert? Anscheinend gar nicht, jedenfalls geht aus dem Text nichts hervor. Oder wurde es eventuell vor ihnen verheimlicht? Warum?/Der zweite Teil des Textes lässt mich näher am Geschehen sein. Ihren Schmerz konnte ich gut nachempfinden. Aber wieder tun sich Fragezeichen in meinem Kopf auf. Warum ist sie so passiv? Weshalb sucht sie keine Aussprache? Weshalb macht sie ihm keine Szene?/Wahrscheinlich ist dein Text nur ein kurzer Ausschnitt aus einem längeren Manuskript. Und in der Gesamtheit würden sicherlich auch meine Fragen beantwortet werden.

Eingetragen am: 06.10.2009

Eingetragen am: 03.10.2009 von Audrey81
[ Lesezeichen ]

3674

Späte Erkenntnis - Abschied
(Eine Audrey & Chris Story)

Als ich die Augen öffnete, traute ich meinen Augen kaum. Ich kannte dieses Zimmer, ich kannte dieses Bett in dem ich lag. Es war das Bett von Chris, ich befand mich in seinem Schlafzimmer. Mein Herz fing an zu rasen, bei dem Versuch mich an den letzten Abend zu erinnern. Was genau war passiert? Ich drehte mich um. Er lag neben mir. Unwillkürlich fragte ich mich, ob ich unter der Decke wohl nackt war. Ich traute mich jedoch nicht nachzusehen, denn ich wurde beobachtet. Auch Chris war bereits aufgewacht und er sah mir direkt in die Augen. Ich spürte wie mir die Schamesröte ins Gesicht stieg. Ich sah ganz bestimmt furchtbar aus. Meine Haare zeigten mit Sicherheit in alle Himmelsrichtungen. Chris hingegen, sah wie immer perfekt aus. Der Schlaf hatte seiner Frisur keinen Abbruch getan. Nur seine funkelnden blauen Augen, sahen vielleicht einen Tick müder aus als sonst. Ich war mir schon immer seiner Schönheit bewusst gewesen, aber noch nie hatte er so hinreißend ausgesehen wie in diesen Augenblick.
Mir viel nichts Besseres ein, als einfach stumm zu lächeln. Er lächelte nicht zurück. Er sah mich einfach nur an. Es war als könnte er geradewegs in meine Seele schauen. Als würde er nach etwas bestimmten suchen, aber nicht finden können. Sein Blick verursachte bei mir eine Gänsehaut. Vom Kopf bis in die Zehenspitzen, alles fing an zu kribbeln. Ich traute mich nicht etwas zu sagen. Dabei hätte ich ihn so gerne gefragt, was genau er in mir suchte. Was er in mir sah.
Ich wollte gerade ansetzten zu sprechen, als plötzlich sein Handy, das auf seinem Nachttisch lag, anfing zu klingeln. Für einen Moment, schloss er die Augen. Ein Ausdruck des Bedauerns lag auf seinem Gesicht. Dann setzte er sich auf. Erst jetzt bemerkte ich, dass sein Oberkörper nackt war. Ich wollte mich abwenden, aber ich tat es nicht. Mein Blick blieb an seinem makellosen Rücken haften. Wieder fragte ich mich, wie ich wohl unter der Decke aussah. Was war gestern Abend nur passiert?
„Hey Luca, was ist los?“ natürlich war es Luca, wer sonst?! „Oh shit! Wie spät ist es denn?“ langsam aber sicher fing mein Gehirn an zu arbeiten. Und mein Herz begann wieder an zu rasen, als mir bewusst wurde, dass Chris London heute verlassen würde. Und somit auch mich. Chris verließ mich. Er würde heute noch gehen. Er würde mich hier allein lassen. Warum hatte ich bisher keinen Gedanken daran verschwendet? Warum traf mich diese Erkenntnis jetzt wie eine Bombe?
„Audrey?“ ich antwortete ganz automatisch, hing aber immer noch meinen Gedanken nach „Ja?“ ich starrte vor mich hin „Begleitest du mich noch zum Flughafen? Ich hätte eigentlich schon vor zwei Stunden dort sein müssen.“ Ich nahm all meinen Mut zusammen und sah ihn an. Er hatte seine Stirn in Falten gelegt und er wirkte bereits jetzt, als wäre er Meilen von mir entfernt. „Natürlich komme ich mit.“ Ich sprach die Worte ohne Gefühl. Dabei hätte ich am liebsten geweint. Was war nur los mit mir? Warum war ich so durcheinander? „O.k., aber wir müssen uns beeilen, ja?“ Ich warf die Decke von mir und stand auf. Obenrum trug ich nur meinen BH, ansonsten trug ich aber immer noch meine viel zu enge Lieblingsjeans. Ein wunder das ich im schlaf nicht erstickt war. Ich wurde wieder rot, bei dem Gedanken, dass Chris mich so gesehen hatte. Ich versuchte es zu überspielen, während ich mir meinen Pullover anzog. „Warum haben wir nur unsere Pullover ausgezogen als wir ins Bett gegangen sind?“ Er fing an zu lachen „Ich wusste, dass dir der viele Wein nicht bekommen würde. Du hast einen Filmriss, was?!“ Verdammt, ich konnte mich wirklich nicht erinnern. Mein Gesichtsausdruck schien Chris als Antwort zu genügen. „Na ja, jeder von uns hat behauptet die schönere Brust zu haben. Also mussten wir nachsehen.“ Und wieder schien mein Gesichtsausdruck Bänder zu sprechen „Schau nicht so entgeistert, Audrey. Du hast natürlich gewonnen.“ Abermals fing er an zu lachen „Ich hätte wirklich nicht damit gerechnet, dass du dich ausziehst. Du warst wirklich sehr betrunken.“ Oh Gott, wie peinlich. Wer weiß, was ich sonst noch so gemacht habe „Und was habe ich sonst noch so angestellt?“ Jetzt wurde Chris wieder etwas ernster „Du kannst dich wirklich an nichts erinnern?“ Mein Herz rutschte mir in die Hose, so schlimm war es also „Nein!“ Sein Gesicht nahm einen unergründlichen Ausdruck an „Dann kann es nicht von Bedeutung gewesen sein.“ Lag da Enttäuschung in seiner Stimme? „Du hast mich geküsst.“ Und mit diesen Worten, verließ er den Raum. Ich wollte in Erdboden versinken.

Im Taxi auf dem Weg zum Flughafen, sprach er darüber, wie sehr er sich freue nach sechs Monaten wieder nach Hause zu kommen. Seine Familie wieder zu sehen. Ich hörte ihm zu, aber ich war nicht bei der Sache. In mir herrschte das totale Chaos. Ich hatte ihn also geküsst und konnte mich nicht daran erinnern. Was war das wohl für ein Kuss gewesen? Ich warf ihm einen verstohlenen Blick von der Seite zu. Ich konnte ihn unmöglich fragen. Und warum tat es plötzlich so weh, dass er London verließ? Es war doch von Anfang an klar gewesen, dass unsere Freundschaft nur eine Freundschaft auf Zeit war. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, mich so sehr auf ihn eingelassen zu haben. Ich hatte zugelassen, dass er auf mein Leben Einfluss nahm. Ich hatte zugelassen, dass ich ihn brauchte. Ich war wirklich eine dämliche Kuh. „Wann kommst du wieder.“ flüsterte ich in seine Richtung. „Ich weiß es nicht. Vielleicht in ein paar Wochen. Vielleicht erst in ein paar Jahren. Oder vielleicht nie wieder.“ Ich wusste nicht, ob das sein Ernst war, oder ob er mir nur weh tun wollte. Wenn es letzteres war, funktionierte es. Für einen Moment stockte mir der Atem, es fühlte sich an, als hätte mir jemand mein Herz rausgerissen.

Am Flughafen angekommen, hatten wir keine Zeit mehr. In 10 Minuten sollte der Flieger Richtung Kanada abheben. Chris wies den Taxifahrer an, auf meine Rückkehr zu warten. Dann rannten wir los. Ohne Rücksicht auf Verluste, rannten wir durch die Menschen hindurch. Rempelten, stießen, schupsten bis wir gerade noch rechtzeitig am Gate ankamen. Chris sah mich an „Audrey, es war mir eine Ehre dich kennen gelernt zu haben. Ich hatte nie eine bessere Beste Freundin.“ Alles ging so furchtbar schnell. Ich konnte nicht begreifen was er da sagte. Ich war wie betäubt. Sollte ich ihn wirklich nie wieder sehen? Dann küsste er mich. Ganz zaghaft und zärtlich berührten seine weichen, vollen Lippen die meinen. Ich war wie elektrisiert.
Ganz plötzlich war alles wieder da. Die Erinnerung kam wieder: Im Schneidersitz saßen wir uns beide auf seinem Bett gegenüber. Unsere Pullover lagen bereits in irgendeiner Ecke. Ich konnte mich lallen hören „Und wer von uns beiden hat nun die schönere Brust?“ mit einem süffisanten Lächeln blickte Chris mir in die Augen, dann sah er ganz langsam an mir herunter. „Ich würde sagen, Du hast ganz eindeutig gewonnen.“ Ich lachte ausgelassen und sagte „Dann habe ich jetzt wohl einen Wunsch frei.“ Chris löste sich aus dem Schneidersitz und legte sich hin „Du kannst alles haben was du möchtest“ sagte er. „Sing für mich.“ Er sah mich an „Das ist alles. Du kannst alles haben was du möchtest und alles was du willst, ist das ich für dich singe?“ ich ließ es mir noch einmal durch den Kopf gehen „Du hast recht. Ich will doch lieber etwas anderes.“ Dann beugte ich mich über und küsste ihn. Es war ein Leidenschaftlicher Kuss, den er ohne zu zögern erwiderte. Ich konnte ihn immer noch schmecken, ihn immer noch spüren. Es war kein Freundschaftlicher Kuss gewesen. Jetzt war der Kuss ganz anderes. Auch wenn unsere Lippen länger aufeinander verweilten, als bei einem üblichen Kuss, war er irgendwie anonymer. Chris löste sich von mir. Er sah mich ein letztes Mal an. Und während er sich umdrehte, sagte er „Ich melde mich.“ Wie angewurzelt blieb ich dort stehen. Weitere Bilder des vergangenen Abends formten sich in meinem Kopf. Ich lag neben ihm auf dem Bett
„Chris? Glaubst du man kann sich in seinen besten Freund verlieben?“ wir hatten beide die Schlafzimmerdecke angestarrt, jetzt drehte er seinen Kopf in meine Richtung „Ja, ich kann es mir sogar sehr gut vorstellen.“ Zufrieden lächelte ich, dann schlief ich ein.
Tränen rannen mir über das Gesicht, als ich auf der Rückbank im Taxi saß. Ich konnte es einfach nicht begreifen. Wie konnte es dazu kommen? Wie hatte ich es zulassen können? „Alles in Ordnung bei Ihnen?“ fragte der ältere Taxifahrer und sah mich über den Rückspiegel an. „Nichts ist in Ordnung! Ich habe mich in meinen besten Freund verliebt.“ Und vielleicht würde ich ihn nie wieder sehen.


Kommentar von Angela Barotti

Liebe Audrey! Danke für dieses Schmankerl zum Schluss. Ich habe deine Lovestory immer sehr gerne gelesen. Du schaffst es, dass der Funke beim Leser überspringt. Ich werde dich vermissen./Diesen Text siedele ich in der Mitte deines Romans an. Oder sollte es tatsächlich das Ende sein?

Eingetragen am: 09.10.2009

Kommentar von Erwina

Liebe Audrey, na, das war ja noch ein doller Ausgang mit Audrey & Chris, einfühlsam und lebendig geschrieben... - Habe Deine Storys gerne gelesen! Bleib dran, unbedingt, wir lesen uns wieder! Erwina

Eingetragen am: 07.10.2009

Kommentar von Iris H.

Liebe Audrey, zunächst mal danke für deinen lieben Kommentar, der mich wirklich rührt. Schön, dass du zum Schluss noch mal einen Teil der Audrey-und-Chris-Story einstellst. Und gemein, dass du ihn so enden lässt ;) Ich hoffe auch, dass wir uns wiederlesen. Zum Schluss noch ein Zitat, das du vielleicht kennst und das, wie ich finde, sehr gut zu dir passt: "Dream as if you'll live forever, live as if you'll die tomorrow." (James Dean) Liebe Grüße, Iris

Eingetragen am: 04.10.2009

Eingetragen am: 02.10.2009 von Johanna31
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3665

Tschüs, Lebewohl, Auf wiedersehen.

Abschied

Wer das sagte, kann ich mich nicht mehr erinnern: " Ein Abschied ist, wie ein bisschen sterben,, ob es ein Dichter oder ein Philosoph war, wer weiß das schon.
Wenn ich aus dem Fenster sehe und die Blätter von den Bäumen fallen, wenn in der Frühe die Nebel über der Donau ziehen und die Dahlien im Garten leuchten die Sonne ihre Kraft verliert, ist es ein Abschied vom Sommer. Werde ich traurig, es ist auch ein Abschied von meinen Freunden, die ich in mein Herz geschlossen habe, die mich den ganzen Sommer begleitet haben. Ich danke euch für die liebevollen Kommentare, die ihr mir geschrieben habt. Tschüs, Lebewohl und auf wiederschreiben.
Nach jeden Abschied gibt es zum Glück einen Neuanfang. Vielleicht sehen wir uns im Winter oder nächsten Sommer wieder.
Liebe Grüße Johanna 31


Kommentar von Lillilu

Liebe Johanna, lass es dir gut gehen, schreibe weiter und ich freue mich auf ein Treffen in einem neuen Workshop! Lieben Gruss von Lillilu

Eingetragen am: 06.10.2009

Kommentar von Babs

Hallo Johanna, ja - auch mir geht es so. Ein wenig Wehmut, dass der Sommerworkshop nun zu Ende ist. Aber auch ich freue mich auf "ein Neues"! LG Babs. Ps. Das Zitat ist aus einem Lied von Katja Ebstein.

Eingetragen am: 05.10.2009

Kommentar von Iris H.

Liebe Johanna, ich mochte besonders die Erzählungen über deine Familie, vor allem deinen Großvater mit seinem originellen Fuhrpark (Motorrad im Schlafzimmer!) und dem Totenschädel in der Hutschachtel habe ich in lebhafter Erinnerung. Wäre schön, irgendwann mehr davon lesen zu können. Alles Gute! Iris

Eingetragen am: 04.10.2009

Eingetragen am: 01.10.2009 von Rosima Ka
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3663

UNVERGESSEN

Zu spät für Lebewohl, zu spät für Auf Wiedersehen. Adieu könnte man sagen, wenn man fromm wäre.
Er ist tot. Mein jüngster Sohn ist tot. Tot mit 29 Jahren. Zusammen mit dem Pilot eines Hubschraubers und drei Studienkollegen ist er in einem Schneesturm im kanadischen Norden abgestürzt. Die Gruppe war auf dem Weg in ein nördliches Gebiet um botanische Studien zu machen.
Ich war am Telefon, als die Nachricht kam. Alles was ich sagen konnte, war nein, immer wieder nein, nein nein.
Die Zeit gefror in diesem Augenblick; auch ich erstarrte, und ich weiß nicht mehr, wie ich es zustande brachte, in den Keller zu gehen, wo Nikos Vater sich gerade aufhielt. Ich konnte nur immer wieder seinen Namen sagen, bis Georg mich bei den Schultern fasste und schüttelte: „Was ist mit ihm, was ist mit Niko?“ Diese Sekunden, oder Minuten, die vergingen, bis ich die schwersten Worte meines Lebens aussprechen konnte, waren endlos: „Er ist tot“. Habe ich diese Worte geflüstert? Geschrien? Ich weiß es nicht. Schließlich hielten wir uns aneinander fest und weinten und weinten dort unten im Keller.
Dann kamen die Tage, an denen wir alle die notwendigen Dinge erledigen mussten, an denen wir mit Nachbarn, Verwandten und Freunden sprechen mussten, ob wir wollten oder nicht. Am schlimmsten war, wenn sie fragten, wann ist die Beerdigung. Es gab keine Beerdigung. Nach einem solchen Absturz ist das manchmal nicht mehr möglich. Es gab eine Trauerfeier.
Ein paar Tage später kam ein Anruf. Einer von Nikos Feunden fragte, ob er mit einigen von Nikos Freunden und Studienkollegen zu uns kommen dürfe. Diese Bitte beunruhigte mich. Ich sagte, ich würde mit Nikos Vater sprechen. Georg war bestürzt. Nein, nein, rief er aus. Das geht nicht, das können wir nicht. Mir war auch nicht wohl bei dem Gedanken. Wir wollten allein sein, unsere Trauer sollte niemand stören.
Doch dann hörte ich wieder diese bittende Stimme des jungen Mannes am Telefon, und mir wurde klar, dass diese jungen Menschen, diese Freunde unseres Sohnes, dass auch sie vertraut mit ihm gewesen waren und ihn geliebt hatten und auf ihre Art von ihm Abschied nehmen wollten, ja, vielleicht sogar meinten, dass sie uns vielleicht trösten könnten.
Es war nicht einfach, Georg zu überzeugen, aber schließlich stimmte er dem Besuch zu.
Und am nächsten Abend kamen sie. Ich weiß nicht mehr, was ich mir da vorgestellt hatte; drei, vielleicht vier Personen? Als ich die Haustür öffnete, standen acht junge Männer und Frauen vor mir. Damit hatten wir nicht gerechnet, aber nun waren sie da. Manche von ihnen kannten wir, einige nicht. Wir improvisierten einen großen Kreis von Sitzgelegenheiten, und als alle einen Platz gefunden hatten, war die erste Beklommenheit vorbei. Sie alle wollten noch einmal ihrem Freund nah sein in dem Haus seiner Eltern, sie wollten mit uns über ihn sprechen, sich an Erlebnisse mit Niko erinnern, und uns daran teilhaben lassen. Das haben sie getan.
Es wurde ein Abschied, den ich nie vergessen werde.


Kommentar von Angela Barotti

Eine berührende Geschichte, die den Leser trotz aller Traurigkeit mit einem guten Gefühl zurücklässt. Die Beliebtheit, die sich Niko erfreute, überdauert den Tod und vermittelt den Eltern ein tröstliches Gefühl.

Eingetragen am: 10.10.2009

Kommentar von Babs

Liebe Rosima, danke für diesen Text. Für den Mut, ihn zu schreiben und hier zu veröffentlichen. Ich möchte mich Iris anschließen: Auch ich mochte Deine Texte! Alles Gute, Babs

Eingetragen am: 04.10.2009

Kommentar von Maren

Rosima, wie schön das Ende, sie haben Nico weiterleben lassen.VG Maren

Eingetragen am: 02.10.2009

Kommentar von Iris H.

Liebe Rosima, dein Text geht mir sehr nahe. Dass du einen solchen Verlust erleben musstest. Das ist viel zu persönlich für einen Kommentar. Ich möchte dir aber gerne sagen, dass ich all deine Beiträge sehr mochte, vor allem die poetischen. Liebe Grüße, Iris

Eingetragen am: 02.10.2009

Eingetragen am: 01.10.2009 von Ginko
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3662

Hinab


Sie wird durchs Teleskop sehen, hat sie gesagt.
Haken greift Sims.
Über ihrem Negligée wird sie der Pelzmantel wärmen.
Stahlzehe krallt.
Wie soll sie die Optik einstellen, wird sie fragen.
Leite hält Zug.
Morgenluft wird ihre Beine kühlen.
Zug schert Karabiner.
Pagen werden über die Terrasse eilen.
Karabiner nickt.
Sie wird heißen Hotelkaffee schlürfen.
Sicht an auf.
Wird sie heraufsehen?
Eis funkelt.
Die Teleskoplinse blitzt.
Eislicht gleißt.
Im Objektiv wird die Gestalt aus der Wand winken.
Seil läuft hält.
Wird sie lächeln?
Licht tagt sonnt.
Sie wird lachen.
Stein schlägt Hanf.
Sie wird sich umarmen lassen vom anderen.
Eis ritzt Seil.
Sie wird das Teleskop umstellen.
Sicht ab ein.
Sie wird die Augen schließen.
Seil peitscht.
Wem wird sie folgen?
Entscheide unterscheide Unterschied.
Sie wird sich zum anderen wenden.
Abschied ab ab.


Kommentar von Iris H.

Bergsteiger nimmt der geliebten aber leider untreuen Frau die Entscheidung ab. Freiwillig oder unfreiwillig? --- Wer klettert denn heute noch mit Hanfseil, gehört das nicht eher in die Seefahrt? --- Hast du zufällig Markus Werner, Am Hang gelesen? Daran erinnert mich dein Text sofort. Die drei Personen, der Berg, die Terrasse, das Fernrohr - könnte fast ein alternatives Ende dieses großartigen Romans sein. --- Gefällt mir sprachlich sehr. Gruß, Iris

Eingetragen am: 02.10.2009

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