Schreiben Sie mit!
Ursprünge
Aufgabe
Schreiben Sie heute über Ihre Ursprünge. Beginnen Sie mit dem Satzfragment »Ich komme aus …«. Fügen Sie Wörter und Klänge ein, an die Sie sich erinnern, Gerüche, Geschmäcke, Schauplätze. Schreiben Sie über all die Dinge, die Sie beeinflusst haben und Sie zu dem Menschen gemacht haben, der Sie heute sind.
Leserbeiträge
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3750
Ich komme aus dem kurzzeitigen Zusammenschluss zweier Menschen, die in unserem Land (A)Eltern genannt werden, eben weil sie (a)elter sind, oder?
Ich höre noch immer deutlich, wie meine Mutter sagte, dass sie fünf Jahre lang, nach Kriegsende auf ihren Mann gewartet hat und dann dachte, dass er tot sei und eines Tages stand er in ihrer Zimmertür. Und sie erschrak und ich kann sie verstehen und er wollte Freude in ihrem Gesicht und sie hatte sie nicht und sie zeugten mich und dann ging er!
Und irgendwann begann sie mir mit böser Stimme vorzuhalten, dass ich sie 36 Stunden lang bei der Entbindung gequält habe und dann haben die Ärzte endlich zur Zange gegriffen und mich herausgeholt!
Ich höre noch heute, ein halbes Jahrhundert ist seit ich sie zum ersten Mal diesen Satz sprechen hörte vergangen, wie sie sagte, dass mein Vater ja mit ner Anderen abgezogen ist. Der spitze Ton durchbohrte mein Kinderherz und sie ging täglich in die Kirche, um sie zu putzen und um Vergebung der Sünden der Menschheit zu bitten.
Hass auf den Mann, der ihr Kind verursacht hat und die Frau, mit deren drei Kindern mein Vater zusammenzog und fromme Gesänge prägten meine Kindheit.
In der Schule der Arbeiterkinder schrille Stimmen und spitze Finger auf mich gerichtet, weil ich in der Kirche wohnte ...
Ein Seil um den Hals, dessen Schraben noch heute in meinem Ohr klingt, wenn ich mich daran erinnere, wie sie es immer enger zogen,mitten auf der Straße.
Die Angstschreie, die in mir starben, weil alle wegsahen, klingen noch dumpf in mir.
Um mich herum überall Gewalt, getarnt mit den Deckmänteln Kirche und sozialistische Schule.
In der Kirche wohnend sagte meine Mutter immer wieder den einen Satz: „Wen Gott liebt, den züchtigt er!“, und schlug auf mich ein.
Auf meinem Rücken trugen sie ihre Schwäche aus und ich habe lange Jahre gebraucht, um das zu durchschauen und für mein Leben zu verändern.
Das ist die Grundlage für meinen so großen Wunsch nach Frieden in den Menschen und um die Menschen herum.
Das ist die Grundlage für meine Sehnsucht danach, dass wir überall restorative Circel gründen und pflegen, überall auf der Welt.
Ich brauche die Harmonien der Bachschen Musiken, die nur in großen Kirchen erklangen und in meinem Herzen lebendig sind und bleiben ...
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3638
Mosaiksteinchen
Weizenfelder und Höfe im Osten
Industrie im Westen
zwei Landschaften mit ihrer Prägung
Stadt und Land
Konzerte und Kuhställe
Bergwerke und Bibliotheken
Gössel und Grubenarbeiter
dazwischen die Familie –
geflohen, vertrieben,
seßhaft,
der Scholle verbunden,
eingeheiratet
jede beansprucht ein altes Geschlecht zu sein
weist auf die alten Stammbäume,
die Traditionen hin,
jede trägt andere,
dem anderen fremde Wurzeln
dazwischen die Familie –
die neue Generation
Ost und West mischen sich
die Bräuche und die Vorlieben der Gerichte auch
der Akzent ist nie ganz sauber –
und manches bleibt für immer fremd
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3624
Ursprünge
Ich komme aus einer kleinbürgerlichen Familie.
Unsere Siedlung am Rande des Streudorfes bestand aus ein paar Häusern zwischen denen eine unbefestigte, vom Frühjahr bis zum Herbst dennoch weitaus von landwirtschaftlichen Fahrzeugen befahrene Straße schnurgerade in die Felder führte. Umringt von Hügeln, barg der Ort ein Geheimnis, das es für mich irgendwann zu lüften galt. Oder war hinter den Höhen wirklich die Welt zu Ende? In unserem kleinen Ort lief alles nach einem gewissen Rhythmus ab. Von den nahe gelegenen Bauernhöfen tönte das vertraute Quieken der Schweine, wenn Futterzeit war, oder das Brüllen der Kühe, wenn die Melkzeit heranrückte. Das Quietschen der Räder und das Klappern der Hufe, wenn die voll beladenen Erntewagen an unserem Haus vorbei fuhren, gehörten zur Dorfidylle. Wenn im Herbst die Felder abgeerntet waren, breitete sich der Geruch von Stalldung über die Siedlung. Im Winter bevölkerten einige Scharen Krähen und ein paar Hasen die schneebedeckten Äcker. Vom Bahnhof her tönte das Rauschen der sechs Züge herüber. Sie bestimmten den Zeittakt. „Wohin fahren sie“, fragte ich. „Von Löhne nach Hameln und umgekehrt“, erklärte mir Mutter. Löhne - Hameln, wo liegt das? Vielleicht am anderen Ende der Welt? Ja, es musste unendlich fern von meinem Heimatort sein. So stellte ich es mir vor, war ich doch nur bis zur nächsten Kleinstadt gekommen, die ganze zehn Kilometer weit entfernt war. Es keimte der Wunsch in mir: „Das möchte ich mal sehen“, oder „dorthin möchte ich mal fahren.“
In der Schule waren Deutsch und Erdkunde meine Lieblingsfächer, machten sie mich doch mit Gegenden bekannt, die ich noch nie gesehen hatte. Oft nahm ich meinen Schulatlas vor und reiste mit dem Finger auf der Landkarte in ferne Erdteile. Als uns unsere Großmutter aus Buenos Aires besuchte, bat ich sie: „Nimm mich doch bitte mal mit.“ Das aber haben Mutter und Großeltern niemals zugelassen.
„Bleibe im Lande und nähre dich redlich“, hörte ich sie oft sagen. Ja, es war die Heimat meiner Mutter, wo auch ihre Eltern und Großeltern ihre Wurzeln hatten. Die Welt, in der sie lebten, genügte ihnen. Hier waren sie geboren und nur hier wollten sie einst begraben sein.
In unserem Dorf an der Weser lebten vorwiegend Einheimische. Man erkannte sie an ihrer Mundart. Wer ein anderes Plattdeutsch sprach war ein Fremdling und Außenseiter, und das konnte schon jemand aus dem Nachbarort sein. Die Einheimischen duzten sich untereinander. Man kannte Verwandtschaftsgrad und Familienverhältnisse und machte sich seinen Reim daraus, eben Heimatkunde besonderer Art. Mein Vater, der aus Hamburg stammte, wurde von den Einheimischen bis zu seinem Lebensende als „Auswärtiger“ angesehen.
Kinder meines Alters gab es in unserer Gegend kaum. Außerdem duldete Großmutter es nicht, dass „fremde“ Kinder unseren Hof betraten. „Du hast eine Schwester, mit der du spielen kannst. Da musst du dir keine Fremden holen.“
Mit dem Erwachsenwerden brannte in mir die Neugierde. Der kleine Ort im Wesertal konnte doch nicht die ganze Welt gewesen sein. Mein innerer Kompass zeigte von nun an in alle Himmelsrichtungen. Also sprengte ich den Rahmen der Heimattradition.
Mein erstes Auto öffnete mir die Möglichkeit, die Orte hinter den Hügeln meines Dorfes und der weiteren Umgebung kennen zu lernen. Von nun an stand mein Fuß öfter auf dem Gaspedal. .Ich fuhr zu Veranstaltungen in die nahe gelegenen Städte. Kino, Theater, Konzerte öffneten mir den Blick für das kulturelle Leben. Der Film Doktor Schiwago weckte mein Interesse an Russland – damals noch die große Sowjet-Union. Gerade dieses geheimnisvolle Land und seine Menschen wollte ich kennen lernen, lag es doch noch in den 70er Jahren hinter dem „Eisernen Vorhang“, und was man aus den Medien von dort hörte, so war dessen Verhältnis zum Westen mehr als frostig. Auf dem Weg, meinen Traum irgendwann zu erfüllen, nutze ich jede Gelegenheit. Ich nahm Russisch-Unterricht in der Volkshochschule. Eine ehemalige Kollegin gab mir die Adresse einer russischen Studentin. Sie hatte diese in einem Bulgarien-Urlaub kennen gelernt. Also stellte ich mich dieser Studentin in einem Brief vor, und bekam Antwort. Unsere Brieffreundschaft hielt über zwanzig Jahre, ohne, dass wir uns begegnet waren. Inzwischen war ich verheiratet und mit meinem Mann und den Kindern nach West-Berlin gezogen. Erst jetzt, im Zuge der Reiseerleichterungen zwischen Ost und West, bekam ich eine Einladung nach Wladimir. Ich fuhr mit meinem Mann im Zug dorthin, eine dreißigstündige Reise voller Erlebnisse. In Wladimir lernten wir liebe, gastfreundliche Menschen kennen, und bekamen einen Einblick in ihr nicht ganz einfaches Leben. Sie fuhren mit uns nach Petersburg, wo uns das „Venedig des Nordens“ faszinierte. Ein Besuch auf dem Basar und ein Wochenende auf einem Dorf bei Wladimir vermittelten uns etwas, was wir mit einer Reisegesellschaft nie erlebt hätten. Ebenso waren auch unsere Freunde bei uns willkommene Gäste in Berlin. Zum letzten Mal sahen wir uns in Koschalin. Danach verlor sich ihre Spur. Aber in Berlin hatte ich viele Freunde und ich bin froh, dass ich damals den Weg aus meinem Heimatdorf in eine weltoffene Stadt gefunden hatte.
Hey und wann treffen wir uns, ich bin auch in Berlin; im sowjetischen Sektor aufegwachsen! Dein Text hat mich doppelt und dreifach fasziniert - vielleicht mal mündlich? Herzliche Grüße aus Weißensee! Berthild
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3622
URSPRÜNGE
Ich komme aus einer ganz normalen Familie.
Mein Vater, streng katholisch, wünschte sich immer einen Sohn, bekam aber zwei Töchter. Das erklärt vielleicht, warum ich, die ältere Tochter, wie ein Junge aufgezogen wurde. Ich hatte kurze Haare, meine Schwester lange. Ich trug einen blauen Anorak, meine Schwester einen roten, ich bekam einen Werkzeugkasten, meine Schwester Barbiepuppen.
Dabei hatte ich jedoch selten das Gefühl der Benachteiligung.
Mein Vater verstand es, mir zu suggerieren, dass ich das alles so wollte. Nur die Puppen vermisste ich.
Diese frühkindliche Prägung führte vielleicht auch zu meiner Liebe zur Physik. Während andere Mädchen schöne Bilder malten, gefühlvolle Aufsätze schrieben, kurz: ganz dem damaligen Klischee entsprachen, vergrub ich mich in astronomische Bücher und schnitzte mir Pfeil und Bogen.
Das Verhältnis zu meinem Vater verschlechterte sich erst dann dramatisch, als ich auch Physik studieren wollte. Dafür hatte er kein Verständnis, würde ich als Frau doch nur heiraten, Kinder kriegen und fortan in der Küche stehen.
Nun, das ist alles lange her. Ich habe geheiratet, Kinder bekommen und stehe auch ab und zu in der Küche.
Aber ich habe auch Physik studiert und arbeite jetzt als Astrophysikerin.
Ich will schon lange nicht mehr wie ein Junge sein, fühle mich aber doch manchmal wie in einer Zwischenwelt. Zu weiblich, um von Männern als Kumpel akzeptiert zu werden und zu exotisch in meinen Interessen, um dem gängigen Bild einer besten Freundin zu entsprechen.
Und dann freue ich mich, wenn ich meine Kinder beobachte: Meinen Sohn, der vom wilden Spiel mit seinen Kumpels zurückkommt, um danach mit seiner kleinen Schwester und ihren Barbiepuppen zu spielen und meine Tochter, die eben noch mit ihrer Freundin albern herumgekichert hat und jetzt mit ihrem Bruder Cowboy und Indianer spielt.
Wunder, wunderschön für mich, danke! Herzliche Grüße der ganzen Familie! Berthild
Hallo Veronika, sehr schön geschrieben und auch sehr interessant. Trotz aller Einflüsse und Bemühungen von Außen, werden wir doch trotzdem so wie wir wollen. Und das ist auch gut so. Liebe Grüße, Audrey
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3621
URSPRÜNGE
Ich komme aus dem Luftschutzkeller, habe gerade die letzte Patientin nach unten gebracht. Noch heulen die Sirenen – Fliegeralarm. Die Patientin weint, weil sie ihren Kulturbeutel vergessen hat und bittet mich, ihr dieses Utensil doch bitte noch eben zu holen. „Wir haben Alarm,“ sage ich. „Die Ami- Bomber kommen!“ Sie gibt keine Ruhe, und so renne ich durch das leere Krankenhaus hinauf in den zweiten Stock und greife mir den Beutel. Schon höre ich das vertraute Brummen der herannahenden feindlichen Flieger und dann die ersten Einschläge in der Ferne. Auf der Treppe begegnet mir ein Pfleger, der prüfen soll, ob auch alle sicher im Luftschutzkeller sind. „Was machst du denn noch hier oben?,“ fragt er. „Du hörst doch, die Amis sind nicht mehr weit weg, mach schnell.“
„Ja ja, bin gleich weg. Wird schon nichts passieren.“ So leichtgläubig kann man nur sein, wenn man so jung ist,
Dieses Mal kriegt die Stadt um uns herum einen schweren Angriff mit. Das Krankenhaus selber wird verschont, und als die Entwarnungssirene tönt, bringen wir die Patienten wieder auf ihre Station zurück, aber es dauert lange, bis sich alles hier beruhigt. Draußen brennt die Stadt.
Einmal wird der Krieg vorbei sein, und dann werden wir anfangen, richtig zu leben. Dieser Gedanke, diese Sehnsucht, diese Hoffnung beherrschen unser Dasein. Und das Bangen um die Väter, die Brüder, die Liebsten an den Fronten. Werden wir sie jemals wiedersehen?
Diese sechs Kriegsjahre sind verlorene Jahre. Es sind meine Lebensjahre von 16 bis 22. Ich habe meine Jugend versäumt. Welche Spuren bleiben da für für das weitere Leben?
„Ich komme aus Deutschland,“ antworte ich den Kanadiern, wenn sie nach meiner Herkunft fragen. Wir leben nun ein Jahr in Kanada und machen immer wieder neue Entdeckungen.. Mein Englisch ist schon ganz passabel – habe ja fünf Jahre Englisch in der Schule gelernt.
Eines Abends hält der englische Schauspieler Charles Laughton einen Leseabend im Theater, und da muss ich hin. Dieser massige Mann betritt die Bühne mit einem Armvoll Bücher, die er auf dem Pult vor sich aufbaut. Er liest Passagen aus zeitgenössischen amerikanischen Romanen, er deklamiert Gedichte, er trägt Szenen aus Shakespeare-Dramen vor. Dieser Schauspieler lebt in seiner Sprache, und mit einem Mal wird mir bewusst, wie reich und lebendig die englische Sprache ist. Ich habe mir darüber kaum Gedanken gemacht. Ich komme aus dem Land der Dichter und Denker und bin überzeugt, an unsern Goethe oder Schiller kommt keiner heran, auch nicht an Böll, Grass oder Walser, die zu der Zeit aktuell sind, kein Engländer (höchstens Shakespeare) und schon gar kein Amerikaner! In unserer Vorstellung ist Englisch eine Art Handelssprache, die sich ganz sicher nicht mit der Ausdrucksstärke der deutschen Sprache messen kann. Jetzt tut sich eine neue Welt vor mir auf. Es ist nicht so, dass ich unbekannte, nie gehörte Vokabeln vernehme; nein, mir wird klar, was diese Sprache vermag, wenn ein Autor, ein Dichter sich ihrer annimmt und Emotionen und Gedanken eine solche Fülle von Ausdruck gibt, die meine eigenen Gefühle in ungeahnte Schwingungen versetzt. Dieser Abend ist eine unvergessliche Offenbarung.
Dass der Wortschatz der englischen Sprache auf 700,000 Wörter beziffert wird und der deutschen auf nur 400,000, das habe ich erst viel später erfahren.
Ich komme aus dem ‚Community College’ in Winnipeg, einer Stadt in Kanada. Ich habe ‚Creative Writing’, ein Samstags-Seminar, belegt und bin mit Begeisterung dabei. Habe schon viel gelernt und weiß jetzt, das ist es! Ich habe schon immer gern geschrieben, und hier, in diesem Seminar, bekomme ich die Gewissheit, dass ich das kann, auch wenn ich jetzt in englischer Sprache schreibe. In diesem Seminar verfasse ich Texte, die ich früher für unmöglich gehalten hätte. Jeder muss z.B. ein kleines Theaterstück schreiben. So etwas habe ich noch nie versucht; jetzt tue ich es, und ich schreibe Kurzgeschichten, Naturbeschreibungen und einiges mehr.
Am Ende des Semesters bringt der Dozent einen Stapel Romane mit, und jeder von uns bekommt ein Exemplar zugewiesen, über das wir eine Buchbesprechung schreiben sollen. Es sind dies Leseexemplare von Verlagen, wie sie Buchhändler und Zeitungen bekommen zwecks Werbung oder Rezension. Der Dozent begutachtet unsere Arbeiten, sucht die fünf besten aus und übergibt sie der Zeitungsredaktion. Der Redakteur wählt dann eine für sein Feuilleton aus. Nie hätte ich erwartet, dass mein Text ausgesucht würde, aber so ist es, und mein Dozent ist ganz stolz auf mich, denn ich bin nicht nur die Älteste in der Runde, sondern auch noch eine Immigrantin mit einer fremden Muttersprache. Dieser Erfolg beflügelt und bestärkt mich. Die Zeitung druckt tatsächlich meinen Text und zahlt mir sogar mein erstes Honorar.
Ich komme aus Kanada zurück in die alte Heimat, nach 35 Jahren. Wieder beginnt mein Leben neu: Ich bin jetzt im so genannten Ruhestand und außerdem Witwe. Dazu kommt, dass ich mich um meine 86-jährige Mutter kümmern muss, die zum Glück noch ziemlich gesund und rüstig ist. Ich habe meine geliebte Weser wieder in der Nähe, und auch die alten Freundschaftsbande haben gehalten. Was will ich noch mehr?
Ich will schreiben, endlich nicht nur an Wochenenden, sondern immer wenn mir danach ist. Eine Schreibmaschine habe ich schon, und es könnte jetzt losgehen.
Da überrascht mich mein Bruder mit einem Weihnachtsgeschenk, das es in sich hat: Er schenkt mir einen Computer! Dieses Geschenk löst anfangs mehr Bedenken als Freude aus. Immerhin bin ich ja schon in einem reiferen Alter. Kann man da noch lernen, mit so einem komplizierten Gerät umzugehen? Meinem Bruder gelingt es schließlich, meine Zweifel zu zerstreuen, indem er mir klar macht, was man alles mit so einem fantastischen Hilfsmittel machen kann.
Inzwischen weiß ich, dass man alles lernen kann, wenn man nur ernsthaft will. Und ich will. Nicht dass es kinderleicht gewesen ist – das heißt, Kinder scheinen es ganz leicht zu lernen – aber auch ich habe es geschafft. Glück habe ich noch dazu, denn ich habe einen Lehrmeister auf diesem Gebiet kennen gelernt, der mir sehr vieles sehr gut erklären kann, und wir sind nach Jahren noch immer in Verbindung.
Schon bald beginne ich, meine Geschichten mit dem PC zu schreiben, und ich kann kaum verstehen, wieso manche Schriftsteller immer noch ihre ganzen Romane (angeblich) mit der Hand schreiben. Unvorstellbar.
Der Computer hat mein Leben verändert. Einige Erinnerungen aus meiner Kindheit habe ich schon seit längerer Zeit aufgeschrieben und gesammelt. Dazu kommen jetzt noch neue Texte, Buchbesprechungen, Kurzgeschichten, manchmal auch Lyrik. Schließlich habe ich eine Anzahl Texte im Speicher, die ich mir gesammelt als Buch vorstellen kann, und tatsächlich ist ein Buch daraus entstanden, mein erstes Buch. Das ist zwei Jahre her. Zur Zeit schreibe ich an meinem zweiten.
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3620
Ich komme aus dem Bauch des Sommers. Jetzt bin ich im Garten und spiele. Der Tag war sonnig, und die Fliesen, der Rasen, die Bäume und ich haben die Wärme gespeichert. Nun steht die Sonne tief und wirft freundlich ihr gelbes Licht auf mich mit dem kleinen Gummiball, den ich in der Hand halte. Der Gummiball ist orange, wie meine heutige Lieblingsfarbe. Es gibt nichts als den Sommer, die Sonne und meine Freiheit. Ich werfe den Ball. Er rollt den langen schmalen Fliesenweg entlang.
In diesem Moment steigt ein Glücksgefühl in mir auf, das mich von innen wärmt, wie die Sonne von außen. Ich fühle mich glücksdurchflutet. Und denke an Sommer und Kindsein und Sein wie ich bin.
Liebe Erwina, diese Vollkommenheit eines Augenblicks und das plötzliche Durchflutetwerden von einem tiefen Glücksgefühl hast du wunderschön beschrieben. Ich kann mir die Situation sehr gut vorstellen und spüre die Wärme. LG Iris
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3617
Grüße aus dem "Irgendwo"
Ich komme aus dem „Irgendwo“. Das liegt zwischen dem „hier“ und allen Fantasiewelten in meinem Kopf. Meine Mutter sagt immer, ich war das liebste Kind. Sie konnte mich mit einem Spielzeug in ihrer Reichweite absetzten und ohne mich zu bewegen, saß ich Stunden später immer noch an dem gleichen Platz. Ich denke damals hat es angefangen. Das Tagträumen.
In den ersten beiden Klassen der Grundschule, kam ich regelmäßig zu spät. Nicht, solange mich meine Mutter in die Schule brachte. Es fing erst an, als sie mich alleine losschickte. Auf dem Weg zur Schule, betrachtete ich die Welt um mich herum sehr genau. Sah mir jeden Baum an, jeden Stein der meinen Weg kreuzte. Beobachtete die Vögel, wie sie in der Luft ihre Runden drehten Ich war schon immer von der Schönheit fasziniert und was gibt es schon schöneres als die Natur. Neue Freunde fand ich auch jeden Tag. Einen Marinenkäfer, eine Fliege, eine Spinne. Sie erzählten mir von ihren Abenteuern und ich hörte zu.
Es war so schön ein Kind zu sein. Denn als Kind darf man Fantasie haben. Aber was ist, wenn man sich von dem „Irgendwo“ einfach nicht verabschieden will?
In der weiterführenden Schule hatte ich schnell meinen Namen weg. Ich war die „Träumerin“, die „Ruhige“, die „Schüchterne“, die „liebe“ und die „Langweilige“. Ich litt darunter. Ich wollte so nicht sein. Ich wollte auch zu den Mädchen gehören die beliebt waren. Zu den Mädchen die die super stylischen Klamotten trugen, die alles zu wissen schienen und von den Jungs angehimmelt wurden. Aber dazu gehörte ich nicht, niemals. Ich gehörte zu der Gruppe zwischen Beliebt und Unbeliebt. Unter ihnen fand ich auch Freunde, verbrachte jedoch die meiste Zeit mit mir und meiner Fantasie.
Damals wurde die Musik zu meinem Lebenselixier. Ich verbrachte ganze Wochenenden damit Kassetten zusammen zu stellen oder Songtexte zu übersetzten. Wieder schuf ich mir meine eigene Welt und Songtexte wurden meine Leidenschaft. Ich wollte auch Songtexte schreiben und versuchte mich ein paar Mal daran, allerdings mit wenig Erfolg.
Während alle anderen anfingen an den Wochenenden Partys zu feiern, sich in Discos schlichen und ihren ersten, zweiten oder dritten Kuss bekamen, begann ich mit der Suche nach mir selbst. Und auch hier spielte die Musik wieder eine große Rolle. Mit dem Heavy Metall wurde meine Garderobe schwarz, meiner Haare schwarz, meine Fingernägel schwarz. Ich sah mich als gefallenen Engel, wollte nicht mehr lieb und süß sein. Nach dem Metall verschrieb ich mich ganz kurz dem Punk. Die Haare kamen ab und wurden rot. Die Jeans wurden kaputt geschnitten und meinem Vater klaute ich die alten Holzfällerhemden. Ich sah frech aus, war aber immer noch das schüchterne Mädchen, das nicht wusste wo es hin gehörte. Mit dem Punk kam das Interesse an England. Eine neue Leidenschaft wurde geboren. Und auch Englands Musik blieb mir nicht verborgen. Britpop. Alles am mir wurde bunt und schrill. Die Spangen in meinen Haaren, mein Make-up. Ich wollte unbedingt ein Teil von Great Britan werden.
Inmitten dieser vielen Verwandlungen und dem betreten all der verschiedenen Welten aus Wort und Klang, fand ich schließlich einen Teil von mir. Ich fing wieder an zu schreiben. Inspiriert von der Musik die mein Herz erfüllte.
Und hier sitze ich nun, 14 Jahre später. Bin immer noch „die Ruhige“ immer noch „die Tagträumerin“. Die Zeit ist auch an mir nicht vorbei gegangen und dennoch fühle ich mich immer noch, wie das Mädchen auf der Suche nach sich selbst.
Aber heute lasse ich andere für mich suchen.
Ich habe Audrey & Chris nach London geschickt, sie führen zwei völlig unterschiedliche Leben. Werden sie trotzdem, eines Tages, zu einander finden?
Breanna hat alles verloren, mehr als sie selbst ahnt. Während Ruby sich in einem Alptraum wieder findet. Sie beide kennen ihre Ursprünge nicht, für beide liegt alles im Dunkeln. Werden sie trotzdem den richtigen Weg finden?
Auf die Antworten bin ich selbst gespannt. Und bis ich sie gefunden habe, verweile ich weiter, hier im „Irgendwo“.
Liebe Audrey, eine liebenswerte Träumerin bist du! Die Ursprünge, die du beschreibst und deine Geschichten passen gut zusammen. Und das kleine Mädchen, das von der Natur fasziniert ist, geht ja durchaus mit offenen Augen durch die Welt. Ich glaube, dass wir im Pendeln zwischen Innen- und Außenwelt uns immer auf einem schmalen Grat bewegen zwischen uns Finden und uns Verlieren, zwischen Treiben lassen und Getrieben sein. Und das Schreiben kann sowohl Höhenflug als auch Erdung bedeuten. Mir gefällt dein Text, und in einigen Details finde ich mich selbst wieder. LG Iris
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3614
Geisterstunde
Es ist kurz nach Mitternacht – die perfekte Stunde für ein Rendez-vous mit sich selbst.
Gerate ich meinem Vater nach, seiner abenteuerlustigen Nomadenseele? Viele Jungen aus seiner Familie sind mindestens einmal als Kind weg gelaufen, und wurden zappelnd und empört von freundlichen Nachbarn und Postboten wieder zu Hause abgeliefert. Mich hat man auch bald eingefangen, weit bin ich nicht gekommen, damals, als ich zu Fuß nach Sansibar pilgern wollte. Die rastlose Reiselust verlässt mich auch heute nicht, und doch…
Und doch lebt auch die Familie meiner Mutter in mir, diese sesshaften, bodenständigen Bauersleute, die sich freiwillig niemals von einem Stück Land getrennt hätten. Welch eine Mischung, was für ein Paar! Der Vater, der politischen Zwängen den Rücken kehrte und vertrauensvoll das Glück in einem anderen Land suchte. Die Mutter, die unter den Flüchtlingsjahren litt, und sich lange Zeit das Heimweh aus der Seele weinte.
Und hier tanzen sie nun alle an, zu dieser Geisterstunde. Vom wortkargen Großvater habe ich vielleicht die Liebe zur Literatur und zur Malerei geerbt. Er steht jetzt vor mir, kerzengrade, mit ernstem Blick. Ich habe ihn nie gut kennen gelernt, die Mauer, die sich durch unsere Familie zog, fiel erst 1989. Es heißt, dass er sogar die jungen Apfelbäume im Garten zu aufrechten Soldaten erzog. Seine poetischen, im Geheimen geschriebenen Geschichten und schnell hingeworfenen Skizzen habe ich erst vor kurzem entdeckt. Seine erste Frau, meine Großmutter, blieb gerade lang genug, um meine Mutter zur Welt zu bringen, und tauchte gleich wieder ab in die Anonymität und Freiheit einer großen Stadt. Vielleicht, wer weiß? Von ihr die Angst vor allzu großer Nähe, vor engen Bindungen?
Und da kommt Franz, der aufmüpfige Dickkopf aus der Familie meines Vaters, ein junger, energischer Kerl, in weißem Hemd, Bundhose, Lederwams. Irgendwann im 18. Jahrhundert wurde er auf dem Hauptplatz der Kreisstadt wegen Aufstands gegen den Landesherrn öffentlich gehängt. Was von ihm in mir lebt, soll hier nicht näher untersucht werden. Enrique, der Spanier, drängt sich jetzt vor, mit blitzenden Augen und einer Flasche Rioja unterm Arm. Ob er Enrique, Luis oder Ramon hieß, weiß heute keiner mehr. Berichtet wird, dass in die erdige Sippe meiner Mutter vor vielen Generationen ein Spanier gespuckt hat. Auf der Durchreise aus dem südlichen Spanien hat er im kalten Norden einen Völker verbindenden Akt vollzogen, und es sieht so aus, als hätte er mir eine Menge Lebenslust hinterlassen.
Und wenn alles ganz anders war? Vielleicht tobte im Inneren des wortkargen Großvaters eine Gier nach Leben, die sich darin manifestierte, dass er erst in den Armen seiner dritten Ehefrau zur Ruhe kam? Vielleicht war Franz weder aufmüpfig noch dickköpfig, sondern nur zu dumm oder zu schwach, um die ins Rollen gekommenen Ereignisse rechtzeitig aufzuhalten? Und Enrique? War Enrique wirklich ein Spanier, oder versteckt sich hinter dieser Mär ein Bursche aus dem Dorf, der aus guten Gründen unerkannt bleiben wollte? Auch während unserer vergnüglichen gemeinsamen Stunde haben die Geister mir nicht mehr verraten. Schade, es geht schon auf eins, gleich werden sie wieder verschwinden…….
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3612
Mein Ursprung ist in der bürgerlichen Mittelschicht zu finden. Meine heimatlichen Wurzeln liegen im (politischen) West-Berlin. Dort wurde ich Mitte der 60er Jahre geboren. Meine Eltern - eine Mantel– und Kostümschneiderin und ein Elektroinstallateur. Liebevolle Menschen, zu denen ich innerhalb kürzester Zeit ein Urvertrauen entwickelte.
Als ich viereinhalb Jahre alt war überraschten sie mich mit einem „Brüderchen“. Das kleine Kerlchen war ganz drollig. Ich schloss das brüllende Baby in mein Herz, obwohl der Junge sofort meinen Teddybären vollkotzte.
Der plüschige Brummer (Bööhh) von Steiff wurde in die Waschmaschine gesteckt – übrigens eines der ersten Modelle für den „normalen deutschen Haushalt“ – und mein Spielzeug war fortan zottelig und stumm.
Ende der 60er Jahre besaß der Kleinbürger, der Ottonormalverbraucher keineswegs eine elektrische Waschmaschine. Nein, das war noch keine Selbstverständlichkeit.
Meine Eltern waren sehr stolz auf dieses exotische Gerät, mit dem sie 1966 als Pioniere in unserer Nachbarschaft, Freundeskreis und der gesamten Familie galten.
Pioniere zunächst im negativen Sinne, da die Nützlichkeit dieser unfassbar teuren Anschaffung den meisten nicht einleuchten wollte. Die kritischen Stimmen, die damals einfach nicht verstummen wollten, hielten meine fleißige Mutter für faul und meinen patenten Vater für einen Pantoffelhelden.
Meine Eltern aber hielten überzeugt und stur an ihrer Waschmaschine fest. Noch heute lacht meine Mutter laut auf, bei dem Gedanken an einen riesigen Holzbottich, in welchem auf dem häuslichen Herd Bettwäsche und Stoffwindeln stundenlang vor sich hin köchelten.
Die Buntwäsche schrubbte damals die deutsche Hausfrau nicht nur mit der Hand, sondern beinah mit vollem Körpereinsatz, auf einem Waschbrett.
Und warum sollte ausgerechnet meine Mutter das nicht so machen?!
Alle anderen köchelten, dampften, schrubbten, wrangen, keuchten, stöhnten und ächzten weiter über ihrer Wäsche, während meine Eltern (ja, auch mein Vater) gemütlich den Toplader befüllten und die schnittige Bauknecht (weiß, was Frauen wünschen) wurde per lässigem Knopfdruck in Gang gesetzt.
Ich durfte als knapp Fünfjährige das Waschpulver in das geöffnete Kläppchen im Frontbereich rieseln lassen. Man erzählt sich gern, dass ich das wohl mit wichtig-feierlicher Miene durchführte – geradezu zelebrierte.
Nachdem das, zugegeben recht laute, Gerät nach rund 90 Minuten mit allerlei gurgelnden Spülgeräuschen, mechanischem Getöse und schleuderndem Gerumpel seine Arbeit erledigt hatte, konnte es geöffnet und ihm die tatsächlich gereinigte Wäsche zum Aufhängen entnommen werden. Verblüffend…
Zur Brüderchen-Taufe saßen dann mal allerlei Familienmitglieder zum anschließenden Kaffeeklatsch bei uns zusammen.
Tante Ursula, die Frau meines Onkels mütterlicherseits, begann das obligatorische Waschmaschinen-Lästern mit den Worten: „Wieso hast du denn nicht mehr als eine Torte gebacken, Doris? Du müsstest doch sooo viel Zeit haben durch dieses Ding…, dieses Waschgerät.“
Zustimmendes Gemurmel der weiblichen Gäste.
Meine Mutter gab an, dass sie in der gesparten Zeit mehr Kleidungsstücke (in Heimarbeit) nähen und dadurch mehr Geld verdienen kann.
Tante Ursula, die ebenfalls zuhause für eine namhafte Firma schneiderte, verlor zwar nicht ihre abweisende Miene, ließ sich aber doch von meinen Eltern das in der Küche stehende Gerät zeigen und angedeutet vorführen.
Meine Tante begutachtete dann auch noch mit kritischem Blick die Wäsche auf dem Ständer im Bad, knurrte was von „das Ergebnis lässt zu wünschen übrig“ und kaufte dann aber doch wenige Tage später eine eigene Waschmaschine.
Jedenfalls stand, als wir uns zu einer weiteren Familienfeier am Wochenende nach der Taufe bei Onkel und Tante einfanden, eine fesche Miele-Frontlader mit klobigem Bullauge wie selbstverständlich neben dem Brotschrank in der Küche.
Niemand machte einen Aufstand. Keiner regte sich auf. Meine Eltern grinsten nur und sagten nichts.
Innerhalb kürzester Zeit zogen alle anderen Haushalte unseres Umfeldes nach. Plötzlich hatten sie alle eine Waschmaschine und auch die größten Kritiker verkauften diesen Umstand als „ihre eigene Idee, denn schließlich sei man stets sehr offen für den Fortschritt“.
Dann grinsten meine Eltern noch breiter und nickten betont zustimmend.
So ist es also kein Wunder, dass ich bin wie ich bin. Ein Kind meiner Pionier-Eltern mit leicht rebellischem Geist, tausend Ideen, aber fröhlicher Seele.
Mama und Papa – lieben Dank dafür!
(Sorry für den langen Text und auch für die Schleichwerbung "Steiff", "Bauknecht", "Miele". Gehörte irgendiwe zur Erzählung. Ich mag außerdem Nostalgie-Reklame und auch diese Blechschilder)
Hallo Janis, gelungene, amüsante Darstellung der Eroberung der Waschmaschine in den deutschen Haushalten. Pionier auf einem Gebiet zu sein, ist natürlich toll. Bei uns war es die Mikrowelle, die damals noch niemand sonst zu Hause hatte. Mein Vater hatte sie für seinen Imbiss gekauft, nach Schließung des Imbiss dann zu Hause genutzt. Schön, dass du wieder mal einen Text eingestellt hast. LG Monika
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3611
Ich komme aus einer Zeit in dem Menschen anderen Menschen unsägliches Leid angetan haben. Man hat mir meine Jugend gestohlen, aber ich habe überlebt. Alles was ich heute bin, musste ich mir erkämpfen. Jetzt bin ich 78 Jahre. Es ist herrlich altzu sein. Die Kinder und die Enkel sind erwachsen. Jetzt hat man Zeit, das zu machen, wozu man in der Jugend keine Zeit und kein Geld hatte. Wenn irgend etwas nicht klappt und man sich blamiert und über meine verrückten Ideen gelacht wird, keine Panik, man ist ja Alt.
Ich glaube man traut den alten Menschen nicht mehr viel zu. Aber weit gefehlt. Um mein Gehirn nicht einrosten zu lassen, besuchte ich vor Jahren einen Reiki Kurs. Das Haus lag im tiefen Bayrischen Wald. In das alte Holzhaus verliebte ich mich sofort. Gut ich war die Älteste und konnte mich bei den Übungen nicht mehr so verrenken wie die Jungen, aber die Gedanken, die Einsichten und die Philosophie hat mich sehr beeindruck. Dieses Wochenende war so fröhlich und unbeschwert. Man kochte und aß zusammen. Legte einem anderen die Hände auf den Körper, ich genoss diese Wärme der Hände und die beruhigende Atmosphäre. Wir umarmten Bäume und sprachen mit ihnen. Seit dem sehe ich die Menschen und das Leben mit anderen Augen, bin gelassener und fröhlicher. Diese drei Tage haben die Seele gestreichelt. Wir trafen uns noch einige mal in dem alten Haus. Wegen ihrer Tochter, die in die Schule kam, ist die junge Familie weg gezogen. So blieb es bei mir nur beim ersten Grad.
Wenn mal trübe Gedanken kommen, umarme ich meinen Lieblings Baum im Garten und flüstere mit ihm, und die trüben Gedanken fliegen mit dem Wind davon
Liebe Johannna, dein Text macht Mut zum älter werden! Danke! Liebe Grüße Anja
Hallo johanna31, ich hoffe, du bleibst noch lange so lebensfroh und interessiert, denn das ist keine Frage des Alters sondern der inneren Einstellung.Bäume umarmen ist eine gute Sache, sie geben uns Energie und Entspannung gleichermaßen. Gruß Monika Han.
Liebe johanna Deine zarte Geschichte ist tröstlich, denn auch Menschen, die den Krieg nicht erlebt haben, wird sehr oft wertvolle Lebenszeit gestohlen. Schön, dass Du diese Ausgeglichenheit gefunden hast! Liebe Grüße Ulli
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3609
Ich komme aus einer Familie von Geschichtenerzählern und Wanderern. Meine Wurzeln liegen in Süd- und Osteuropa, am Schwarzen Meer, in Masuren. Mein Urgroßvater gehörte zu den Gründern eines Dorfes in Nordgriechenland; sein ältester Sohn floh aus politischen Gründen nach Taschkent. Dabei ließ er seine Frau und vier Kinder zurück, darunter meine Mutter. Sie wuchs in den Wirren der Nachkriegszeit auf und ging mit 2o Jahren nach Deutschland; dem Versprechen von Arbeit und Wohlstand folgend. Sie wanderte von Süden nach Norden und dort begegnete sie meinem Vater. Dessen Familie stammt aus Masuren; sie siedelte sich später im Ruhrgebiet an.
In meiner Kindheit hörte ich gerne die Märchen der Gebrüder Grimm aber noch mehr liebte ich es, wenn meine Mutter aus Homers Werken vorlas. Lange Zeit glaubte ich an jedes Abenteuer aus der Odyssee, einschließlich der Zauberinnen und Seeungeheuer. Als ich endlich selber lesen konnte, öffnete das wunderbare neue Welten. Ich verschlang jedes Buch, daß mir in die Finger kam und es gab zu Hause viele Bücher. Besonders liebte ich Abenteuer und Reisegeschichten aus fernen Ländern. In Gedanken erstieg ich mit Sven Hedin den Himalaya, grub mit Schlieman Troja aus und bestaunte die Ruinen Babylons. Die Namen ägyptischer und aztekischer Götter blieben in meinem Gedächtnis deutlich besser haften als das Einmaleins. Als Achtjährige lautete mein Berufswunsch: Archäologin. Daraus ist leider nichts geworden, alte Gemäuer habe ich nie ausgegraben. Tagträumerei und Eskapismus begleiteten mich durch die Pubertät und dann war ich endlich alt genug, selber zu reisen und die Welt zu erkunden. Eines habe ich dabei gelernt: das Leben schreibt die besten Geschichten. Purer Realismus liegt mir nicht und so versuche ich weiterhin, die Wunder im Alltag zu entdecken. Neulich bezeichnete mich jemand als „Hasch-mich“ und Träumerin, daß nehme ich einfach als Kompliment. Es spricht für mich nichts dagegen, den Kopf in den Wolken zu haben, solange man mit den Füßen fest auf der Erde steht. Also Freunde, spinnt weiter! Fantasien, Mittelerde und Nimmerland brauchen uns...
„Lasst uns fortfahren, Geschichtenerzähler, und furchtlos jede Beute ergreifen, nach der unser Herz begehrt. Alles existiert, alles ist wahr und die Erde ist nur ein bisschen Staub unter unseren Füßen.“
W.B.Yeats
Hallo Adriana, wirklich wunderschön geschrieben. Da ich selbst mit Stolz eine Träumerin bin, fühle ich mich dir jetzt richtig verbunden. Mit Vergnügen,werde ich weiter spinnen...Liebe Grüße, Audrey
Hallo Andriana, Hab Dank für diesen träumerischen Beitrag, der mich schnurstracks in meine eigene Kindheit geführt hat, als ich mit Thor Heyerdahl die Osterinseln erforschte. Alles existiert! Alles ist wahr! Liebe Grüße Ulli
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3607
Es ist dunkel; dunkel und warm, auch etwas feucht aber behaglich. Plötzlich werde ich geschoben. Was ist das? Grelles Licht und dann... Aua! Man hat mich gehauen! Willkommen im Leben. Ich schreie!
Essen, Trinken, Baden - vorzüglicher Service. Nur das Vorwärtskommen lässt zu wünschen übrig. Besser ich kümmere mich selbst darum. Auf allen vieren klappt es schon ganz gut, aber dabei sieht man so schlecht. Haue mir öfter den Kopf an.
Wow! Unglaublich was man alles tun kann, wenn man die Hände frei hat. Und auch mit den Lauten aus meinem Mund experimentiere ich erfolgreich. Meine Leute fangen an mich zu verstehen.
Hmm! Ich weiß nich nicht, was ich davon halten soll. Ich soll still sitzen. Darf keine Fragen mehr stellen. Schule nennen sie das.
Irgendwie hat sich das Leben verändert. Ich verstehe mehr und will mehr wissen, aber Neugier ist nicht willkommen. Steht wohl nicht im Lehrplan.
Seltsam! Früher war das ganz toll, wenn ich etwas begriffen hatte und nun? Das verstehst du nicht! Aber das will ich doch. Erklärt es mir!
Ändert sich das nie? Sei nicht so neugierig! Wie ich diesen Satz hasse. Pädagogen sollten ihn nicht in den Mund nehmen. Lasst mich in Ruhe! Ich suche jetzt meinen eigenen Weg.
Toll! Kein Tag an dem die Professoren uns nicht vorhalten wieviel dümmer wir sind, als sie es je waren. Sie werfen uns das Versagen der Schulreform vor. Ich wende mich wieder ab.
Arbeit! Geschafft! Jetzt geht es los - oder auch nicht. Funktionieren ist gefragt. Will ich aber nicht.
Internet! Erst ist es ein Spiel, dann wird es mehr. Plötzlich sind da mehr Leute mit Fragen und zusammen finden wir Antworten. Manchmal!
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3605
Ich halte es nicht für wichtig, dass Menschen wissen müssen, woher ich komme, was ich erleben durfte oder was mich prägte. Mein Leben ist nicht aufregender verlaufen, als das vieler anderer auch und doch habe ich eine Meinung zu vielen Dingen. Eine Meinung, die mit jeder meiner Aussagen öffentlich wird, denn ich beziehe Stellung und präge meine Protagonisten, durch mich. Ich gebe ihnen Persönlichkeit und Struktur, hauche ihnen Gedanken ein und verleihe ihnen eine Stimme, die mich sprechen lässt. In jeder Zeile steckt ein Teil von mir. In jedem Thema finde ich mich wieder und immer wenn ich es zum Abschluss bringe, lasse ich ein wenig von mir darin zurück.
Ein Grund, warum ich nicht verstehen kann wenn ein Autor behauptet, er schreibe völlig emotionslos, losgelöst von seiner eigenen Persönlichkeit und wertfrei. Wie soll das gehen? Wie kann ich ein Thema wählen, über das ich schreibe, zu dem ich keinen Bezug herstelle? Wie kann ich erwarten, ehrlich und authentisch bei meinen Lesern anzukommen, wenn ich mich nicht mit dem Thema identifizieren kann, oder schlimmer noch, nicht will? Niemand will politisieren und dem Leser seine Meinung aufdrängen, um Himmels Willen, nein. Nur, dass man Stellung bezieht, nicht mehr aber auch nicht weniger.
Ich bin nicht bereit, mich und meine Leser zu belügen, ich stehe zu meinen Texten und zu den Themen, die ich wähle. Ich schreibe nicht autobiografisch, denn wie ich schon anmerkte erscheint mir mein Leben nicht interessanter als das anderer. Ich schreibe Thriller. Nervenzerreißende Geschichten, die einem kalte Schauer den Rücken runter jagen lassen. Auch in diesem Genre muss ich mich als Autor sichtbar machen. Es wäre fatal, meine Emotionen und meine Meinungen außen vor zu lassen, wenn nicht sogar karrieremordend. Ich will mich bekennen und auch, dass der Leser weiß, was ich denke und fühle. Ich werde also immer Stellung beziehen. Warum das so ist? Ich denke, weil mich Episoden in meinem Leben zu dem Typ Menschen machten, der ich nun einmal bin. Aber eine Biographie wird es von mir nicht geben, dafür reicht zum einen der Platz nicht aus und zum anderen finde ich zuviel Offenheit unsexy. Was wäre ich für ein Mann, wenn ich keine Geheimnisse mehr hätte? ;O)
Ich bin noch recht jung und entdecke oft ganz neue Seiten an mir. Ich erlebe Dinge, von denen ich vorher nicht zu träumen wagte oder treffe auf Menschen, die mich nachhaltig beeinflussen. Das war in den zurückliegenden Jahren schon so und ich freue mich auf viele kommende, die hoffentlich ähnlich verlaufen.
Mag sein, dass manche Entscheidungen meiner Protagonisten haarsträubend sind, weil unerwartet. Aber genau das bin ich, nicht alltäglich und schon gar nicht durchschaubar.
Lieber M.P., ich teile viele deiner Meinungen. Auch wenn ich in meinem Beitrag zu diesen Thema, viel von mir preiszugeben scheine, ist es doch nur ein winzig kleiner Teil meines "Ursprungs". Ich kann mich Monika und Gerti nur anschliessen, bleib wie du bist und schreib wie es dir gefällt. Liebe Grüße, Audrey
Ich wünsche Dir, dass Du noch viele neue Seiten an und in Dir entdecken kannst. Und sonst, bleib wie Du bist und versuche nie, wie andere zu sein. Gruß Gerti
Hallo M.P., auch wenn du keine genauen Angaben über dein Leben machst, so sagst du doch mit deinem Text viel über dich. Mir gefällt, was du über dich und über das Schreiben an sich geschrieben hast.Gruß Monika Han.
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3604
Die Eltern meines Vaters waren Fahrende, damals als ich Kind war, sagte man Zigeuner.
Dagegen die Eltern meiner Mutter waren Krämerseelen, sie handelten mit allem was nicht niet- und nagelfest war, sie brachten keinen Wohlstand zustande.
Mein Vater, er war ein richtiger Zigeuner, ein liebenswerter. Meine Mutter regte sich gerade darüber oft auf. Sie war sehr korrekt, führte Buch über jeden Pfennig, putzte viel, eigentlich machte sie sich das leben schwer und manches Mal auch uns.
Mein Vater hatte immer Zeit für uns, wir drei Geschwister, meine ältere Schwester Estafania, meine jüngste Schwester Carmelita und ich, Manuela, haben viel gelacht mit ihm. Er übte seine Rollen als Clown, manchmal trat er im kleinem Dorfzirkus auf. Das war herrlich. Seine Mimik konnte Estafania genau nachmachen. Wir konnten alle drei gut tanzen und singen.
Einmal kam ich weinend aus der Schule, sie hatte „ Zigeunerkind“ mir nachgerufen. Mein Papa spielte extra für mich, damit ich lachen musste, die zwei anderen sangen, tanzten und dann lachten wir alle vier. Wie schön war das doch immer.
Dann kam ich ins Berufsleben, ich machte die Lehre in einem Textilgeschäft. Da sollte ich plötzlich ganz ernsthaft sein. Es war schlimm für mich. Wie oft kam ich weinend nach Hause! Aber ich schaffte es immer wieder, mein Papa tröstete mich. Er setzte seine rote Nase auf und begann zu spielen.
Heute als erwachsene Frau verstehe ich, warum ich mich bei den anderen Menschen einsam fühle, oft fremd fühle. Ich und auch meine Schwestern wir haben gelernt, die Probleme anders zu lösen, mit Mimikspielen, mit Musik und Tanz. Wenn wir dann gelacht oder geweint haben, war das Problem schon ganz klein. Wir kamen aus unserer „Wunderwelt“.
Noch heute werde ich manchmal als Zigeunerin bezeichnet. Nur jetzt macht es mich stolz. Manches Mal trage ich auch solche Kleider, dann tanzen ich bis ich umfalle, aber dann bin ich glücklich.
Es versteht kaum jemand, dass, wenn ich dieses Blut in mir habe, nicht so sein kann wie die anderen.
Hallo Maren, schön das du heute stolz über deine Herkunft bist. Ich glaube, dass ist ein Fass aus dem du schöpfen kannst. Denn ich hätte gerne noch mehr über deine "Wunderwelt" erfahren. Liebe Grüße, Audrey
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3601
Ursprünge
Ich komme aus der Zwischenwelt eines Traums. Als ich merke, dass ich nicht dort aufwache, wo ich eingeschlafen bin, setzt für einen Moment mein Herzschlag aus. Dann springe ich auf und renne los. Bleibe abrupt stehen. Laufe zurück. Drehe mich im Kreis. Neugier und Furcht ziehen aus entgegen gesetzten Richtungen an mir.
Ich treffe wilde Kerle auf einer Insel und denke an das Essen, das auf meinem Nachttisch steht. Ob es noch warm ist, wenn ich nach Hause komme? Lukas fährt mich in seiner Lokomotive immer wieder um die zwei Berge herum, obwohl ich ihm schon vor Stunden gesagt habe, dass ich endlich aufs Schiff will. Übersee. Nach Maycomb, Alabama. Muss Scout, Jem und Dill wiedersehen. Will wissen, ob Atticus es geschafft hat die Nachtigall zu befreien.
Ich renne wieder los. Und wieder zurück. Es gibt keine Begrenzungen, keine Richtungshinweise. Und was das Schlimmste ist: Ich sehe Nichts unter meinen Füßen und Nichts über meinem Kopf. Ich schließe die Augen.
Finde mich in Salinas wieder, besuche Cathy im Bordell. Caleb hat sie gefunden und zur Rede gestellt, bald wird er Aaron von ihr erzählen. Ich schaue noch kurz bei Adam und Lee vorbei, dann durchquere ich Nordamerika bis zur Ostküste. Tauche in den Atlantischen Ozean und schwimme mit dem Golfstrom und der Atlantischen Strömung bis nach Norwegen. Dort stoße ich auf unentdecktes Land und nehme es in Besitz, mache es urbar, kaufe mir eine Ziege, richte mich nach den Tages- und Jahreszeiten. Freunde mich mit Isak und seiner Frau Inger an. Die Erde schenkt uns ihren Segen.
Ich öffne die Augen einen Spalt breit und erkenne, dass ich mich auf einer schiefen Ebene befinde. Sofort beginne ich zu wanken und zu rutschen. Ich rudere mit den Armen. Senk die Lider! Finde dein inneres Gleichgewicht!
Nun hat es mich an die englische Küste verschlagen. In der Lyme-Bucht sehe ich sie zum ersten Mal: Sarah aus der Schattenwelt. Wir treffen uns auf einer Lichtung wieder und lesen uns Gedichte von Tennyson und Hardy, Clough und Arnold vor. Sarahs und Charles’ Geschichte erinnert mich an die eines Leutnants, den ich kannte, Anton Hofmiller. Er heiratete die gelähmte Edith aus Mitleid – oder aus „Ungeduld des Herzens“, wie es ihr Arzt nannte. Niemals würde mir so etwas passieren! Ich muss weiter, Arturo auf seiner Insel besuchen. Er will mir Nunziata vorstellen, die junge Frau seines Vaters. Gemeinsam werden wir auf den Klippen stehen und uns an den Wind lehnen.
Vorsichtig lege ich mich hin, rolle mich zusammen wie ein Embryo, lege die Hände vors Gesicht und weine ein wenig. Weine um mich, um die endlose Kette des Aufwachens, um den Verlust der Bilder.
Schönheit holt mich ein: Ein Taubennest, ein Gartenfest, Glück … Ich treffe Milly, Laura und Bertha wieder. Wir trinken Tee und erzählen von damals. Von damals …
Erneut öffne ich die Augen und entdecke neben mir ein Buch. Ich schlage es auf – und da endlich finde ich mich wieder. Im Zeitraffer wachsen Gärten um mich herum und Städte, ziehen Wolken über mich hin, kitzelt Gras meine nackten Füße, wechseln Sonne und Mond. Ich bin wieder da, nur anders und lese über mich:
„Wer kennt sie, diese, welche ihr Gesicht
Wegsenkte aus dem Sein zu einem zweiten,
das nur das schnelle Wenden voller Seiten
manchmal gewaltsam unterbricht?
Selbst ihre Mutter wäre nicht gewiß,
ob sie es ist, die da mit ihrem Schatten
Getränktes liest. Und wir, die Stunden hatten,
was wissen wir, wie viel ihr hinschwand, bis
sie mühsam aufsah: alles auf sich hebend,
was unten in dem Buche sich verhielt,
mit Augen, welche, statt zu nehmen, gebend
anstießen an die fertig-volle Welt:
wie stille Kinder, die allein gespielt,
auf einmal das Vorhandene erfahren;
doch ihre Züge, die geordnet waren,
blieben für immer umgestellt.“
(Rainer Maria Rilke)
Liebe Iris, wieder eine wunderschöne Reise auf der du uns hier mitnimmst. Viele fantastische Bilder hast du geschaffen und ich war immer mittendrin =) Auch der Teil von Rainer Maria Rilke passt wunderbar. Liebe Grüße, Audrey
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3600
"Ich komme aus..."
dem Süden und dem Westen, je nachdem, welchen Zeitabschnitt ich nehme. Wenn es einen Kompass gäbe, der die Zuneigung anzeigen würde und ausschlaggebend wäre mein Herz, würde es in den Süden zeigen. Nürnberg wird wohl immer meine Heimatstadt sein. Meine großzügigen Großeltern haben mich geprägt, ihre Erzählungen vom furchtbarem Zweiten Weltkrieg, meine heile Kindheit in den 70ern, wenn ich die Sommer- und Winterferien in Nürnberg verbracht habe. Mein Großonkel, meine Omi und mein Urgroßvater arbeiteten bei Faber-Castell in Stein. Und in Stein habe ich auf einer mit Wasser vollgelaufenen Wiese Schlittschuhlaufen gelernt und war stolz wie Oskar. Anschließend gab es heißen Kakao vor einem mollig warmen Ofen.
In Hessen bin ich zur Schule gegangen. Es gibt viele interessante Geschichten, die man sich erzählt in der Gegend, in der ich aufgewachsen bin. Die Stadtbücherei war mein zweites Zimmer. Draußen habe ich am liebsten auf der Schaukel gesessen und habe bis zum Anschlag geschaukelt, um zu erleben, wie es sich anfühlt abzuheben. An der Reckstange habe ich viel geturnt und hangeln am Turngerät war meine Lieblingsbeschäftigung neben Laufen - laufen und durchhalten. Ich habe sehr gerne gesungen, während ich wandern gegangen bin. Eine Zeitlang habe ich im Kinderchor und Schulchor gesungen. Als mich die Chorleiterin ausgelacht hatte, bin ich freiwillig gegangen. Vielleicht hat sie gar nicht über meine Stimme gelacht, aber dass sie gelacht hatte, reichte mir damals. Oft ist es nur ein Ameisenknochen, der einen zum Stolpern bringt. Pubertät und Selbstbewusstsein waren bei mir zwei Dinge, die nicht zusammengepasst haben.
Mein absolutes Lieblingsbuch hat seinen Ehrenplatz in meinem Bücherregal - "Carlino Caramel" von Sempé. Es ist eine Geschichte über einen kleinen, schüchternen Jungen namens Carlino Caramel, der immer rot wird und einen Freund findet, der immer niesen muss. Sie werden vom Schicksal getrennt, weil der niesende Freund Rudi Rettich mit seinen Eltern wegzieht. Als Erwachsene treffen sie sich wieder und es ist, als ob sie nie voneinander getrennt waren.
Hallo Lilli, ich kann mich Iris nur anschliessen, der "Ameisenknochen" ist köstlich. Ich glaube dein Lieblingsbuch "Carlino Caramel" werde ich auch mal lesen. Hört sich wirklich nett an. Liebe Grüße, Audrey
Liebe Lilli, den "Ameisenknochen, der einen zum Stolpern bringt" finde ich genial! LG Iris
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Ich komme aus der zweiundsechzigsten Dimension.
Am Dasein nehme ich in drei Dimensionen teil,
davon mit euch wiederum nur in den zweien, die diese Schriftfläche im Forum bilden.
Ich versuche, euch damit Anregungen zu vermitteln, wie eure Sinne über das lesende Sehen hinaus wirken können.
Weil ihr euch für Angehörige einer wichtigen Form von Lebewesen haltet, gelingt mir das am ehesten, indem ich euch lobe für eure Gefühle und für euer Empfinden mit Artgenossen. Wenige von euch möchten sich damit auseinander setzen, dass die Schwingungen von Gedanken weit mehr umgreifen, als die Einflüsse eures Stoffwechsels während der Abfolge von höchstens hundert Kreisläufen eures Planeten. In eurer Lebenszeit seid ihr empfänglich für Wahrnehmungen solcher Weise nur dann, wenn ihr noch nicht lesen könnt, und erst wieder, wenn ihr nicht mehr lesen könnt. In den Jahren, die dazwischen liegen, befasst ihr euch mit mühseliger Fortpflanzung, die sich in nichts unterscheidet von den Wiederholungen anderer Molekülhaufen. Da ich innerhalb der Enge, die ihr Weltraum nennt, mich mit den Ausdrucksmöglichkeiten organischer Sinne begnügen muss, habe ich die Gestalt eines Menschen angenommen. Und so lausche ich eurem Geklingel, empfange Aromen, koste Süßes und Bitteres, und beobachte frierend oder schwitzend die Schatten an eurer Höhlenwand.
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Verehrungswürdiges Wesen aus einer unbekannten Dimension! Hab Dank für die Zuwendung und großzügige Anregung. Dank meiner Synästhesie steigen für mich aus der zweidimensionalen Abbildung deiner Worte Klänge, Farben, Gerüche, Geschmäcke und Tastbares hervor. Denkanstöße purzeln durch mein Hirn und suchen nach Anknüpfungspunkten. Meine aufgerüttelte Seele fordert mehr Raum. / Ein kleiner Makel macht deine Annäherung an uns normal Sterbliche perfekt: die „Ausdrucksmöglichkeiten organischer Sinne“ – unsere Sinne dienen der Wahrnehmung, dem Erfassen von Eindrücken. „Ausdrücken“ können sie sich, soweit ich weiß, nicht. Vielleicht nur ein kleiner Schnitzer deines Ghostwriters Ginko? Mit mehrdimensionalen Grüßen, Iris
Herzliche Grüße aus der dreizehnten Dimension von Zellhaufen E.V.A. mit der Adresse 4.328.964