„Ich habe das Buch Raum zum Schreiben genannt, weil jede Seite, jedes Kapitel eine Tür öffnet: zur Fantasie, zum Intellekt, zur Seele und zur Gefühlsebene."

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Der lebendige Tod

09.09.2009


Aufgabe
Schreiben Sie über den Tod. Beschreiben Sie, wie Sie sich Ihren Tod vorstellen.
Oder geben Sie eine Begegnung mit dem Tod wieder. Schreiben Sie eine Sterbeszene für eine Ihrer Figuren.

© 2008 Autorenhaus Verlag GmbH, Berlin
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Leserbeiträge

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Eingetragen am: 29.09.2009 von Alexandra Tumler
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3635

Der lebendige Tod...

Als ich ängstlich das Zimmer betrat, bemerkte ich sofort die christlichen Symbole auf den zu erwartenden Tod. Auf einem kleinen Tisch, direkt unter dem Fenster, befand sich ein Kruzifix und eine brennende Kerze.

Er lag in dem Krankenbett, den Kopf ziemlich nach hinten gebeugt, den Mund weit aufgerissen, als ob er lautlos nach Luft schnappen will. Nur hin und wieder erschrak mich das Röcheln, das sein Kehlkopf von sich gab. Er rang tatsächlich nach Luft. Seine dünnen, langen, knochigen Hände hat man ihm auf der Bettdecke, die seinen Leib schützte, zurecht gelegt. Sie lagen ganz still, wurden nur durch das Auf und Ab seines Körpers bewegt.

Ich nahm einen Stuhl, und setzte mich neben das Bett. Leise sprach ihm zu ihm. Ich erzählte ihm von meiner Hilflosigkeit, und dass ich noch nie einen sterbenden Menschen erlebt habe. Ich sagte ihm, dass ich zwar toten Menschen begegnet bin, aber dass mich das Begleiten des Sterbens so sehr verunsichert. Seine starren Hände nahm ich in die meinen. Mal streichelte ich sie, mal hielt ich sie nur vorsichtig fest. Ich wünschte mir, dass meine Körperwärme ihm ein wohliges Gefühl vermittelte. Mir kam der Gedanke, dass ihm meine Stimme, die er sicher nicht mehr mit meiner Person in Verbindung bringen konnte, ihm vielleicht eine Art Gewissheit des Nicht-Alleinseins geben würde. Als mir die Worte fehlten, begann ich zu singen. Ich sang leise ein paar von den „Gute-Nacht-Liedern“, die ich früher meinem Kind zum einschlafen vor sang. Irgendwie stellte ich mir vor, dass es auf ihn beruhigend wirken könnte, Melodien aus der Kindheit in den letzten Minuten zu hören. Ich hoffte so sehr, dass ihm die singende Frauenstimme den Abschied und das Loslassen vom Leben erleichtern würde. Mit der zunehmenden Häufigkeit seines Röchelns, wurde meine Stimme und der Druck meiner Hände kräftiger. Unbedingt wollte ich ihm jetzt das Gefühl geben, dass er nicht allein ist, dass jemand sein Sterben miterlebt. Und ich konnte nicht weinen, hatte keine Tränen vor aufgewühltem Gefühl und gleichzeitiger Ruhe in mir.

Diese Zweisamkeit wurde durch ein Telefonat unterbrochen. Mein damaliger Mann fragte, ob es nötig wäre, dass er kommt. Ich bat ihn sehr eindringlich darum, weil ich instinktiv das Gefühl hatte, der Sterbende würde gerade auf ihn warten, um gehen zu können. Nach etwa einer halben Stunde, die ich noch singend und summend am Sterbebett verbrachte, öffnete sich die Tür, und gemeinsam mit einer Schwester kam mein EXmann ins Zimmer. Er stellte sich ans Fußende des Bettes, während die Schwester dem immer ruhiger werdenden Sterbenden den Puls fühlte und ihm die Stirn streichlte. Nach wenigen Minuten sagte sie „nun ist er gegangen“. Und ich fühlte mich bestätigt in meiner Annahme, dass er gewartet hatte, um gehen zu können.


Eingetragen am: 21.09.2009 von Maria Lauke
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3569

"Wirst Du traurig sein, wenn ich sterbe?" - "Willst Du sterben?" - "Ach, als ob es darauf ankäme, zu wollen... Wirst Du traurig sein? Wirst Du weinen um mich?" - "Ich kenn Dich ja kaum." - "Also wirst Du nicht traurig sein?" - "Doch, sicher." - "Aber Du wirst nicht weinen?" - "Wenn Du morgen stirbst? Vielleicht. Wenn Du stirbst, nachdem wir uns besser kennengelernt haben, werde ich bestimmt weinen." - "Wenn Du mich besser kennenlernst, wirst Du nicht um mich weinen. Du wirst nicht einmal traurig sein." - "Ich werde traurig sein." - "Nein, wirst Du nicht..." - "..." - "Wenn wir jetzt auseinandergehen und wir sehen uns nicht wieder, nur ab und zu, ganz zufällig, beim Einkaufen zum Beispiel, nur wenn wir wenig Zeit haben eben, und dann hörst Du in 25 Jahren: 'Sie ist tot.' -wirst Du traurig sein?" - "Woran stirbst Du?" - "Mein Herz hört auf, zu schlagen." - "Warum in 25 Jahren?" - "Laß uns optimistisch sein und sagen: In 30 Jahren?" - "Aber... Dann bist Du gerade 50 Jahre alt..." - "53, um genau zu sein. Und 48, wenn wir bei den 25 Jahren bleiben." - "Du wirst nicht sterben." - "Natürlich werde ich sterben!" - "Aber doch nicht in 25 Jahren, auch nicht in 30. Du wirst alt werden!" - "Nein. Ich werde vielleicht 50. Mein Herz wird aufhören, zu schlagen. Und es wird keiner merken, keiner wird traurig sein. Es wird ganz einfach vorbei sein." - "Woher willst Du das wissen?" - "Es steht fest." - "Woher willst Du das wissen?" - "Ich weiß es." - "Woher?!" - "Du wirst betroffen sein, wenn Du davon hörst. Du wirst Dich an dieses Gespräch erinnern und betroffen sein, weil Du nicht traurig bist." - "Ich werde traurig sein. Ich verspreche es." - "Du wirst nicht traurig sein. Nur betroffen, weil Du Dich an das Versprechen erinnerst und merkst, Du kannst es nicht einhalten." - "Ab... Ich... bestimmt... Wie...? ..." - "Sie werden alle betroffen sein! Sie werden betroffen sein und lange Gesichter machen und 'Beileid' wünschen. Vielleicht werden sie sogar einige Tränen heucheln. Doch sie werden nicht traurig sein meinetwegen, sie werden nicht weinen um mich. Sie werden um ihretwillen weinen. Sie werden weinen, weil sie nicht weinen können um mich. Und Du, Du wirst auch nicht weinen um mich. Du wirst nur betroffen und verstört sein, weil ich Dich gefragt habe, ob Du traurig sein wirst, wenn ich sterbe."


Eingetragen am: 17.09.2009 von marga
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3504

Nun marschieren sie wieder. Der Krieg ist bereits vorbei, als er er endlich von der Front heimkehrt, eine eiternde Wunde am Arm, ein glatter Durchschuss vom Feind, der nun keiner mehr ist. Im Krankenhaus keine Medikamente, kein Verbandsmaterial, alles bereits aufgebraucht. Wenn die Schmerzen unerträglich werden, greift er zur Flasche und wenn das nicht reicht und das Zittern beginnt, besorgt er sich Drogen, in der Kneipe am Bahnhof. Danach scheint ihm die Welt wieder erträglich. Er sitzt dann stundenlang vor dem Haus und starrt ins Leere. Seine Schwester ist inzwischen verheiratet und hat zwei Kinder. Er nimmt sie oft in die Arme, eins rechts, eins links und erzählt Geschichten vom Kaninchen und Eichhörnchen. Und wenn er dann zu weinen beginnt werden die Kinder ganz still und bören und schweigen in ihn hinein und geben ihm ihre Wärme. Wenn er gut drauf ist, setzt er sie auf sein Motorrad, das Mädel nach vorne, den Jungen auf den Sozius und fährt mit ihnen eine Runde über die Dörfer. Nur an den Tagen an denen er auf dem Platz vorm Haus herumtobt, wilde Befehle schreit und droht die Bestien zu erschießen die ihm das Schießen befohlen haben, fürchten sie sich vor ihm. Einzig seine Schwester kann ihn dann beruhigen und daran hindern mit dem Gewehr los zu ziehen und es zu vollenden. Eines Tages aber kommen die Kinder aus der Schule und auf dem Hof ist es seltsam still. Auf der Bank sitzen nun Mutter und Großmutter und weinen und sagen, dass er tot ist. Dann erzählen sie vom Krieg in Russland, von Norwegen, Rumänien und Frankreich und von seinen Verwundungen und dass er weder geraucht noch getrunken hat, als man ihn einzog und als er zurückkehrte, konnte er die Schmerzen der vielen Verwundungen an Leib und Seele nur noch mit Alkohol und Drogen ertragen. Was er alles überlebt hat und dann war es war nur eine kleine Fliege, die ihn getötet hat. Er war völlig nüchtern und ohne Drogen, wie die Untersuchung ergab, als er mit dem Motorrad gegen einen Baum prallte, weil ihm die kleine Fliege ins Auge geflogen war. Er war fünfunddreißig und hatte keine Chance auf mehr. Die Mutter tröstete sich damit, dass der Krieg nun auch für ihn zu Ende wäre. Einige Leute in der kleinen Stadt hatten nun nichts mehr zu fürchten und meinten, dass es für ihn das beste sei. Die Kinder aber vermissten ihn sehr und fragten und ließen nicht locker und wollten begreifen was der Krieg mit Menschen macht und warum der Onkel so seltsam war. Der Vater verbrannte die Erinnerung und alle Uniformen. Zu Familienfesten wischten sich die Frauen einpaar Tränen von den Wangen. Noch nicht vergessen ist der Bruder, da weint die längst zur Urgroßmutter gewordene Mutter um ihres Enkels Söhne, die, wie einst er, begeistert in den Krieg, nun nach Afghanistan marschieren.


Kommentar von Marc

Hallo Marga, Dein Text ist sehr gut, er trifft ins Schwarze, ist gut formuliert, bleibt beim Wesentlichen und beschreibt den Tod über Details und über Generationen hinweg. Er zeigt auf wie schnell die Gesellschaft vergisst, wenn sie im Konsumbrei erblindet. Dein Text hat eine Aussagekraft die es wert ist aufgeschrieben zu werden. Alles Gute für Deine weitere schreibtätigkeit.

Eingetragen am: 11.10.2009

Eingetragen am: 16.09.2009 von Lilli Bernstein
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3499

"California here I come"

Ich hatte den Tod nicht erwartet, nicht so. Auf gar keinen Fall.

Seit meiner Kindheit quälte mich ein und derselbe Alptraum. Ich stand vor dem Haus meiner Eltern. Der Dachstuhl unseres idyllischen Fachwerkhauses stand in Flammen. Es schien, als würden die Flammen die dunkelblauen Wolken am nächtlichen Himmel berühren und anzünden wollen. Ich war mir sicher, dass wir alle draußen waren, dass keiner unserer Familie in dem brennenden Haus zurück geblieben war. Doch hinter einer glühenden Wand in orange, rot und gelb sah ich plötzlich das Gesicht meines Vaters. Mir stockte der Atem. Ich lief voller Panik zum Haus, meine Mutter hielt mich am Ärmel meines Schlafanzuges fest. Ich wollte zu ihm, ihn retten. Mein Atem wurde flacher. Ich hatte das Gefühl, meine Brust sprengt sich selbst. Mein Nacken war kalt und verschwitzt. Ich wachte auf. Diesen Traum hatte ich das erste Mal, als ich neun war. Als ich dreizehn war, war es vorbei, doch nun mit 33 Jahren hatte ich wieder diesen Traum. Ich verstand es nicht, zumal mein Vater vor drei Jahren gestorben war. Meine Mutter hatte ich letzte Woche beerdigt. Und wie ein lästiges Gespenst aus der Vergangenheit tauchte dieser Alptraum wieder auf.
Nachdem ich drei Nächte schweißgebadet aufgewacht war, überwand ich meine Scheu und ging zu einer Therapeutin. Es war eine Empfehlung von meiner fünf Jahre älteren Schwester Elisabeth.

Die Praxis der Therapeutin hatte helle Wände, in zartem rosa und orange gestrichen. Ich versank in dem pastellgrünen Zweisitzer-Sofa und blätterte in verschiedenen Esoterik-Magazinen. Ein Magazin hatte es sich zum Thema gemacht, Geschichten über Menschen zu berichten, die schon mal gelebt haben und die Erinnerungen an ihr altes Leben oder sogar mehrere alte Leben nicht abstreifen konnten. Ich merkte nicht, wie in diesem mit Räucherstäbchenduft erfüllten Raum die Zeit an mir vorbei glitt. Ich hatte tatsächlich zwei Stunden gewartet, aber es kam mir vor, als hätte ich mich gerade erst hingesetzt. "Frau Weber?", rief mich eine helle, freundliche Stimme aus dem Zimmer rechts von mir. Eine engelsgleiche Frisur umrahmten die strahlendblauen Augen einer 40jährigen Frau. Sie streckte mir freudig die Hand entgegen. Ich setzte mich auf einen blauen Stuhl. Sie nahm gegenüber auf einem Gymnastikball in pink Platz. Eilig tippte sie auf der Tastatur, dann wendete sie den Blick zu mir. Durchdringend, als hätte sie Röntgenaugen blieb ihr Blick auf Höhe meines Herzens hängen. "Ein Alptraum beschäftigt Sie, stimmt`s?" Erstaunt nickte ich ihr zu und spürte meinen Herzschlag stärker als sonst. Reflexartig griff ich mir mit der rechten Hand ans Herz. Sie hob das Kinn. "Ein Traum aus alten Tagen ist wiedergekehrt, richtig?" Mein Herz pumpte vermehrt Blut. Leichte Schwindelgefühle machten sich bemerkbar. Mit einem Schritt war sie bei mir. "Alles klar? Brauchen Sie einen Schluck Wasser?" Ich nickte, hörte das Rauschen in meinen Ohren, als würden hohe Wellen an einer Felswand aufklatschen. Die Therapeutin verschwand. Im Hintergrund hörte ich ganz leise, wie aus weiter Ferne, dass sie einen Wasserhahn aufdrehte. Das Geräusch der Wellen war ohrenbetäubend laut. Schwarze Punkte flackerten vor mir. Schwarze Höhle, war das letzte, was ich dachte. Das war das letzte, was ich von diesem Leben wusste. Ich hatte einen sogenannten Sekundentod erlitten. Von einer Sekunde auf die nächste war ich weg geputzt, weg gewischt von der großen Tafel des Lebens. Ich konnte in diesem Moment nicht einmal denken, dass ich das nicht verdient hatte. Dieses Gefühl kam erst später.
Würde ich in eine Tretmühle aus Wiedergeburt eintreten?

Ein Gefühl von Wärme und Liebe breitete sich über meiner ganzen Seele aus. Dann war ich mir sicher. Ich befand mich in Warteposition mit Milliarden von anderen Seelen. Wessen Körper dürfte ich dieses Mal leben? Ein Leben wie ein Supermodel? Ein Leben als Millionärtochter? Ein Leben als genialste Musikerin? Oder gar ein Leben als Mann?

Doch es kam anders, sehr viel anders. Ich wurde ausgespien vom Jenseits ins Diesseits an einem warmen Wintertag im Januar, mit viel Sonne. Es war im Jahr 2507, gut 500 Jahre nach meinem Ableben im November 2007. Und ich landete in der Familie eines kalifornischen Predigers. Ich hatte mit Religion doch nie was am Hut. Erst diese Wiedergeburtssache und dann auch noch Tochter eines Predigers. Ein Lied von Sophie B. Hawkins schwirrte in meinem Geist. "California, here I come."


Eingetragen am: 16.09.2009 von Sophie
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3496

Tränen liefen ihr über die Wangen als sie ihren verstorbenen Kater betrachtete. Carlos war ihr ein und alles und jetzt ist er tot...?
Was für eine ungerechte Welt, dachte Lili, soll doch eine Katze von den Nachbarn sterben. Mimchen! Mimchen, so haben sie alle ihre Katzen genannt. Mimchen 1, Mimchen 2 und Mimchen 3! Na wenn das mal nicht liebevoll war. Warum nicht lieber Mimchen an Stelle von Carlos? Lieber Gott, ich tausche das Leben von Carlos gegen das von Mimchen, du kannst dir sogar eine von den dreien aussuche….
Aber nichts geschah!
So saß Lili neben Carlos und weinte. Im Grunde wusste sie doch, dass er bald sterben muss. Hatte Mama nicht gesagt, dass er Blutkrebs hat! Was das auch immer sein sollte jetzt war er tot und Lili wünschte sich, dass es nicht so wäre.
Einmal hatte sie versucht zu verstehen was Blutkrebs heißen soll. Was Krebse waren das wusste sie, zum einen waren das Tiere die im Meer schwammen und dort auch lebten und dann war das auch noch Papas Sternzeichen. Und Blut, dass wusste sie auch. Blut ist das Lebenselixier der Menschen und der Tiere. Das fließt im Körper und transportiert wichtige Dinge hin und her, so dass der Mensch leben kann. Und das Herz arbeitet dafür, dass es regelmäßig überall hinkommt. Und wenn das Herz einmal nicht mehr arbeitet kann das Blut auch nicht mehr fließen und der Mensch ist tot.
Aber wo waren jetzt die Krebse? Carlos ist nie am Meer gewesen und hat dort Wasser getrunken, so dass ein Krebs in seinen Körper gelangen konnte oder so. Können denn überhaupt Tiere in anderen Tieren leben? Und außerdem hat Carlos nie gerne Fisch gegessen immer nur Hünchen oder meine Leberwurstbrote.
Bei den Gedanken an die Leberwurstbrote huschte über Lilis Gesicht ein Lächeln. Das war eine schöne Erinnerung an die vergangene Zeit mit Carlos.
Sie liebte ihn so sehr und spürte, dass nun alles anders werden wird, wenn sie nicht mehr mit ihm kuscheln konnte. Aber sie merkte auch, dass es ihr gut tat daran zu denken was für eine schöne gemeinsame Zeit sie miteinander verbracht haben. Das fühlte sich besser an als daran zu denken, was ihr jetzt ohne ihn fehlen wird.
Carlos war jetzt bestimmt im Katzenhimmel, mit vielen anderen lieben Katzen und ganz viel zu Essen! Und dort wird ihm der Krebs, der in seinem Blut lebt, auch nicht mehr wehtun können denn er ist ja jetzt tot!
Als Lili verstanden hatte, dass es ihrem Carlos nicht schlechter gehen wird war sie ein wenig glücklicher. Sie hörte auf zu weinen und versuchte sich einfach vorzustellen wie Carlos neues Leben im Katzenhimmel aussehen wird und was für eine schöne gemeinsame Zeit sie mit ihm verbringen durfte. Sie dachte sich, besser dass sie Carlos überhaupt als Haustier haben konnte, als ihn nie im Leben gesehen zu haben!


Eingetragen am: 16.09.2009 von Lillilu
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3493

Ich war immer die Kleinste, die Jüngste, deren Leben noch vor ihr lag.

Jetzt war ich die Älteste, umgeben von Jüngeren, deren Leben noch vor ihnen lag.

Ich war an der Reihe, vor mir war keine ältere Generation mehr, mein Abschied war näher gerückt.

Ich wusste, ich würde meine letzte Sekunde auf einem weichen Erdreich liegend erleben, den Duft des frischen Bodens einatmend, vielleicht nach einem warmen Sommerregen.

Oder auch in meinen Träumen verbleiben – da wo ich auch sonst im Traum lebe: In einer Stadt, die am Meer liegt, über dessen Buchten ich schon oft geflogen bin. Ich kenne die Strassen, die Hügel, die Häuser. Von dort komme ich und dorthin würde ich zurückkehren.

Und alle, die ich liebe, würden dort mich erwarten. Jeden Menschen würde ich so sehen, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Und jeder andere Mensch würde auch mich so sehen, wie er mich in Erinnerung hatte. Das wäre eines der Geheimnisse dieser anderen Welt.

Und dann würde ich erneut auf die Erde kommen, mit dem Wissen und Können in mir, das ich im Hier und Heute erworben habe. Mit all den Antworten, die ich gefunden habe und mit der Aufgabe, wieder weitere Aufgaben zu lösen.

So würde ich mich um die Welt bewegen und es wäre mir eine Freude.


Kommentar von Lillilu

Danke für alle Kommentare! Es ist schon erstaunlich, wozu dieses Forum themenmäßig anregt. Diesen kleinen Text hätte ich nie ohne die Aufgabenstellung und ohne die Anregung der Texte der anderen geschrieben. Eine Bereicherung!

Eingetragen am: 18.09.2009

Kommentar von Angela Barotti

Der Tod auf weichem Erdreich. So fällt es leichter, ins Gras zu beißen. ;-) Aber nun ernsthaft: Die Vorstellung am Busen der Natur zu sterben, hat was Tröstendes. Das gefällt mir gut. Genau wie die Vorstellung, das man im Jenseits so wahrgenommen wird, wie man optisch in Erinnerung behalten wurde.

Eingetragen am: 17.09.2009

Kommentar von Iris H.

Liebe Lillilu, wir "kennen" uns ja nur aus diesem Raum zum Schreiben. Dennoch glaube ich sofort, dass alles für dich genauso sein wird wie du es beschrieben hast. Richtig schön ... Gruß, Iris

Eingetragen am: 17.09.2009

Kommentar von Lillilu

Den ersten Satz würde ich gerne ändern: "Lange war ich die Kleinste und Jüngste gewesen, die, deren Leben noch vor ihr lag."

Eingetragen am: 16.09.2009

Kommentar von Babs

Hallo Lillilu, ich wünschte, es wäre alles so, wie Du es beschreibst. Wundervolle Vorstellung! LG. Babs

Eingetragen am: 16.09.2009

Eingetragen am: 14.09.2009 von Jördis-Elna
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3482

Großvaters Tod

Mein Großvater starb, als ich 5 Jahre alt war. Ein Krankenwagen hatte ihn wenige Tage zuvor abgeholt und seitdem war er nicht zurückgekehrt. Man hatte es mir nicht mitgeteilt, vielleicht wollte die Familie mich schonen, vielleicht waren auch alle zu sehr in Aufregung, zu sehr mit den notwendigen organisatorischen Dingen der Beerdigung beschäftigt, dass sie mich darüber vergaßen.

Am Tag der Beerdigung standen die Frauen der Nachbarschaft in der Küche meiner Großmutter. Alle waren schwarz gekleidet, redeten durcheinander, weinten, jammerten, schnäuzten sich, hatten gerötete Augen. Und ich saß auf dem alten Sofa, ließ die Beine baumeln und verstand nicht, was um mich herum geschah. Ich hörte, dass der Großvater gestorben sei. Die Worte blieben ohne Bedeutung für mich. Meine Großmutter weinte, meine Mutter weinte, meinen Vater sah ich nicht. Und ich dachte, wenn alle weinen, dann muss ich auch weinen, das gehört sich so. Und weil ich meinen Opa sehr mochte, drückte ich mir ein paar Tränen heraus. Aber ich war nicht wirklich traurig. Ich begriff nicht, was geschehen war. Ich hatte keine Vorstellung vom Tod. Ich hatte den Leichnam meines Großvaters nicht gesehen. Und natürlich verspürte ich keine Angst vor dem eigenen Tod. So war dieses Wort eine leere Hülle, die mich nicht schrecken konnte. Als eine der Schwarzgekleideten meine Tränen – es können nicht viele gewesen sein – in meinen Wimpern oder auf meinen Wangen entdeckte, nahm sie mich auf den Arm und überschüttete mich mit tröstenden Worten, lamentierte über das arme kleine Mädchen, dass den lieben, lieben Opi verloren hätte, drückte und herzte mich und setze mich wieder ab.

Ich durfte nicht mit in die Kirche zur Beerdigungsfeier, das könne man dem Kind nicht zumuten, der zarten Seele nicht zumuten. Ich baumelte inzwischen schon wieder mit den Beinen auf der Couch. Ich musste bei der Kochfrauen bleiben, die man engagiert hatte, den Leichenschmaus zuzubereiten. Und ich glaube es roch nach Rinderbraten und Rotkohl.


Kommentar von Lillilu

Schöne Kinderperspektive, mit einem Hauch von vergangenen Zeiten (Kochfrauen). Der letzte Satz passt perfekt. Aber vielleicht nicht zweimal Beine baumeln?

Eingetragen am: 16.09.2009

Eingetragen am: 14.09.2009 von Claudia Tyrchan
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3475

Für Gerd.

Drei Kerzen tauchen den Raum in warmes Licht. Bis eben war alles grell erleuchtet, nüchtern und kalt. Voller hektischer Geschäftigkeit. Sie haben dir die Kabel und Schläuche abgenommen, damit du gehen kannst.
Nun ist alles friedlich und irgendjemand hat angefangen, dass VATER UNSER zu beten. Den Arzt, der immer noch dezent in einer Ecke des Raumes steht, nehme ich kaum wahr. Alles um mich herum ist verschwommen. Stimmen wie durch Watte. So wie vorhin im Gespräch mit dem Arzt. „Sie müssen jetzt eine Entscheidung treffen“, hatte er zu uns gesagt. Ich hasste ihn dafür. Wie kann man eine solche Entscheidung treffen? Gott spielen. Entscheiden, dass es nun Zeit ist, dein Leben zu beenden. „Er wird nicht mehr aufwachen. Sein Hirn ist durch den Sauerstoffmangel zu stark geschädigt.“ Vorgestern hatten sie dich noch einmal wiederbelebt. Zwanzig Minuten lang presste ein Arzt seine Faust auf deine Brust und massierte mit rhythmischen Bewegungen dein Herz. Bis es wieder schlug.
Wir wussten, dass du gehen würdest. Aber du hast dich gegen den Tod gewehrt und er hat dir jahrelang immer wieder Aufschub gewährt. Nun kämpften wir um seit zwei Tagen um jede Minute, die wir noch länger mit dir erleben durften. Seit vorgestern war die Intensivstation mein Zuhause. Ich hoffte auf Verständnis bei meinem Mann und den Kindern. Sie mussten verstehen, dass ich dich jetzt nicht allein lassen wollte. Zu tief die Angst, dass du stirbst, wenn ich gerade auf dem Weg nach Hause bin. Zu groß die Hoffnung, dass du noch einmal die Augen öffnest und ich dir sagen kann, wie sehr ich dich liebe. Und wie dankbar ich dir bin, für alles, was du für mich getan hast.
Ich hätte dir das längst sagen sollen. So viele Gelegenheiten, die ich ungenutzt verstreichen ließ. Wie oft habe ich mir vorgenommen, dich anzurufen, um zu fragen, wie es dir geht. Ich habe es viel zu selten getan. Die Erkenntnis, es nicht nachholen zu können, tut weh. So wie dein Anblick in den letzten Tagen. Ganz verloren hast du im Bett gelegen, verkabelt zwischen all den Geräten und Monitoren, die über Leben und Tod wachten. Kaum einer konnte glauben, dass du krank bist, wenn er dich sah. Immer kräftig und braun gebrannt. Ein Mann wie ein Bär. Und nun hilflos im Koma. Reduziert auf Zahlen und Vitalkurven. Ich habe deine Hand gehalten und gestreichelt. Stundenlang. Habe versucht, dir etwas zu sagen, aber der Kloß in meinem Hals hat fast jedes Wort erstickt. Trotzdem habe ich gehofft, dass du meine Anwesenheit spürst.
So wie jetzt. Die Ärzte haben mit unserem Einverständnis die Geräte und Monitore abgestellt. Du hast weitergeatmet. Fast trotzig. Als wolltest du dem Tod noch einen weiteren Tag abringen.
Erst als alles um dich herum ruhig ist, als alle Maschinen weg sind, wir an deinem Bett stehen und die Kerzen brennen, hört dein Herz auf zu schlagen. Ich werde diesen Moment nie vergessen.


Kommentar von Berthild Lorenz

Ja, dieser Moment, der eine Befreiung ist, für alle, denen gerade dieses Sterben so nahe ist ... Er-Lösung für alle, das Loslassen vom Leidenmüssen. Wir Menschen verlängern so oft das Leiden anderer Menschen und ich frage mich, weshalb wir in einer solchen Not sind, dass wir die Sterbenden nicht einfach gehen lassen können. Weshalb Herz-Druck-Massagen? Würden die Sterbenden dazu "Ja, mach das mit mir!" sagen? Herzliche Grüße und ein Dankeschön für diesen Text, dir, liebe Claudia. Berthild

Eingetragen am: 09.10.2009

Kommentar von Babs

Hallo Claudia, man kann spüren, wie es Dich bewegt hat, diesen Text zu schreiben. Mich hat er sehr berührt und es ist traurig, wenn man nichts mehr sagen, mitteilen kann. Aber die Menschen, die im Koma liegen, nehmen uns und unsere Schwingungen wahr, sie wissen um unsere Gedanken. Das war mir jedenfalls ein Trost, ich hoffe, er kann es auch für Dich sein. Alles Gute Babs

Eingetragen am: 15.09.2009

Kommentar von Lillilu

Liebe Claudia, ein sehr bewegender Text. Ich habe den Tod beider Eltern ähnlich erlebt und ich bin mir sicher, dass sie immer über uns wachen. LG Lillilu

Eingetragen am: 15.09.2009

Eingetragen am: 14.09.2009 von Ursula Menzel
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3474

Der lebendige Tod

„Sie haben einen bösartigen Tumor an der Bauchspeicheldrüse. Ich muss sie sofort in eine Klinik einweisen.“
Der Arzt sagte dies seinem Patienten ohne Umschweife.
„Krebs – ich habe Krebs!“ Einen Augenblick lang war er wie betäubt. War dies das Resultat eines achtundvierzigjährigen Arbeitslebens? Wie sehr hatte er sich auf seinen bevorstehenden Ruhestand gefreut! Was hatte er sich mit Beginn des neuen Jahrtausends vorgenommen! Endlich ein anderes Leben, mehr Zeit für eine Zweisamkeit, sich etwas mehr Muße gönnen! Er erinnerte sich an den Leidensweg seines Vaters, der die letzen Monate seines Lebens fast ausschließlich in OP-Sälen, auf Intensivstationen und Krankenzimmern verbracht hatte. Er hatte die siebzig nicht erreicht - und nun? Musste nun auch er dieses Erbe antreten?
„Melden sie sich gleich morgen in der Klinik.“ Mit diesen Worten überreichte der Arzt ihm die Einweisung ins Krankenhaus. Eile war geboten. Dennoch begriff er die ganze Tragweite nicht. Noch war ihm nicht bewusst, dass ein Pankreaskarzinom die aggressivste Krebsart im Oberbauch ist, und dass die Lebenserwartung zwischen sechs und vierundzwanzig Monaten liegt. Allein die Diagnose Krebs rückt unser Lebensende ein gewaltiges Stück näher. Wir wissen, dass wir alle einmal sterben müssen, jedoch schieben wir die Tatsache hinaus, so, als gäbe sie es nicht, als lebten wir bis in alle Ewigkeit auf dieser Erde. Es mag die Furcht sein, vor dem Ende, vor Schmerzen und vor dem was danach kommen wird und was wir mit unserem Verstand nicht erfassen können. Es ist auch die Angst vor dem Krebs selbst, was uns psychisch mürbe macht. „Da ist etwas in mir, das unaufhaltsam wächst, ohne dass ich es merke oder gar gegensteuern kann.“
Auf der onkologischen Station der Klinik verabschiedete er sich von seiner Frau, die ihn dorthin begleitet hatte. Sie strich ihm über sein dünnes Haar.
„Machs gut, mein Schatz, morgen komme ich wieder. Jetzt müssen wir beide stark sein. Wir wollen uns doch vom Schicksal nicht unterkriegen lassen, nicht wahr?“
„Nein, wir lassen uns nicht unterkriegen. Viele tausend Menschen bekommen diese Krankheit. Warum sollte ich eine Ausnahme machen?“
Er sagte es mit einem bitteren Lächeln auf seinem Gesicht, als sei dies eine „ganz normale Pestilenz“ unseres modernen Lebens. Seine Worte klangen ihr noch lange in den Ohren. Sollte er mit seiner Äußerung Recht haben? Laut Statistik sterben allein in Deutschland jährlich mehr als 200.000 Menschen an Krebs, eine erschreckende Zahl, und das in unserer fortschrittlichen Zeit, wo Millionen von Spendengeldern in die Krebsforschung fließen. Warum nur bekommen die Wissenschaftler diese Krankheit nicht in den Griff? Diese Fragen geisterten ihm immer wieder durch den Kopf.
Seine Frau wartete derweil gespannt und in großer Sorge auf einen Anruf der Klinik. Das Telefon lag griffbereit. Endlich, um fünfzehn Uhr kam die befreiende Nachricht: „Ihr Mann hat die Operation gut überstanden, keine Komplikationen, keine Metastasen. Jetzt hoffen wir, dass ihr Mann zu denjenigen gehört, die eine gute Überlebenschance haben.“
Die erste Hürde war genommen. Sie spürte eine innere Erleichterung. Was für eine Meisterleistung der Chirurgen, die in einer solch komplizierten Operation ihrem Mann das Leben retteten!
Am nächsten Tag besuchte sie ihn in Begleitung ihrer Tochter und ihres Sohnes auf der Intensivstation. Ein Gewirr von Schläuchen, die sie so schnell nicht zuordnen konnte, umgab ihn und führte zu irgendwelchen Apparaten. Grüne Kurven liefen über einen schwarzen Monitor, der Atmung, Herzfrequenz und Blutdruck registrierte. Sie setzte sich zu ihm und hielt seine Hand. „Hab keine Angst, du schaffst es“, sagte sie leise. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Die Anwesenheit seiner Familie schien ihm innere Kraft und Zuversicht zu geben.
Nun begann für Beide ein Lernprozess. Wenn sie ihrer Verzweiflung keinen Raum geben wollten, dann galt von nun an der Grundsatz; „Wir leben heute, und können auch nur die Last von vierundzwanzig Stunden tragen. Was gestern war, wird nie wieder kommen, und was morgen sein wird, darüber müssen wir uns heute noch keine Gedanken machen.“ Dieser Leitsatz machte sie allmählich frei von Ängsten und Grübeleien. Schließlich ist positives Denken ein wichtiger Faktor für den Heilungsprozess.
Seine Entlassung aus der Klinik war für Beide ein Neubeginn.
Zur weiteren Behandlung erwägten die Ärzte eine leichte Chemo- und eine Strahlentherapie. Sie sei zwar nicht zwingend notwendig, jedoch als vorbeugende Maßnahme durchaus empfehlenswert. In gutem Glauben, den Krebs für immer gebannt zu sehen, stimmte er der Chemo- und Strahlentherapie zu. Zur Strahlentherapie fuhr er täglich in die Klinik. Die Chemotherapie konnte mittels Dauerchemo- zuhause durchgeführt werden. Entgegen seiner Hoffnung wurde die Chemotherapie von massiven Nebenwirkungen begleitet, die ihn gesundheitlich an den Rand des Ruins brachte. So glich er innerhalb weniger Wochen einem wandelnden Skelett. Eine Infektion hätte ihn fast das Leben gekostet. Die Worte des behandelnden Arztes gravierten sich in ihr Gedächtnis und haben ihre Meinung gegenüber der Chemo-Therapie grundlegend geändert. „Die Chemo-Therapie greift massiv das Knochenmark an, dort, wo die Blutzellen gebildet werden. Hierdurch wird das Immunsystem drastisch herabgesetzt, dass der Mensch nicht mehr am Krebs stirbt, sondern an jeder Krankheit, so kann auch ein Infekt, zum Tode führen.“ Also wurde die Chemotherapie nicht mehr fortgesetzt. Die Worte des Arztes waren niederschmetternd. So musste er erkennen: „Bei Krebs gibt es keine Heilung – oder doch?“
Eine Einladung zu einem Infoabend, bei dem es um nebenwirkungsfreie Krebstherapie ging, gab ihnen neue Hoffnung. War eine Krebstherapie auch ohne Behandlung von Zellgiften möglich? Ehemalige Kebspatienten, denen der Arzt bereits eine „Empfehlung“ zum Beerdigungsinstitut gegeben hatte, erfreuen sich heute bester Gesundheit Dank natürlicher Vitalstoffe. So wollte auch er nichts unversucht lassen. In der Hoffnung, den Krebs doch noch besiegen zu können, versuchte er es mit Naturpräparaten, die er aus Holland bezog. Sein Allgemeinzustand besserte sich von Monat zu Monat. Allerdings hatte die Sache einen Wehmutstropfen. Die Kosten einer Naturtherapie, die zu gesund erhaltenen Maßnahmen gehört, werden nicht von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Die Begründung: „Für die Abgabe von Arzneimitteln aus dem Ausland sähe das SGB die Erstattung von Kosten nicht vor. Eine Kostenerstattung von Präparaten aus dem Ausland sei daher nicht möglich.“
Er zahlte also aus eigener Tasche, solange das bei seiner geringen Rente eben möglich war.
Die regelmäßigen Kontrolluntersuchungen ergaben ein erstaunliches Bild.
Nach fünf Jahren wurde er als geheilt entlassen. Die Ärzte in der Klinik versetzt es in Erstaunen. Auf seine Frage welche Erfahrungswerte es denn bei Pankreaskrebs gäbe, lautet die Antwort: „Es gibt keinen vergleichbaren Krankheitsverlauf. Kein Patient dieser Klinik hat bisher den Pankreaskrebs überlebt – sie alle liegen bereits auf dem Friedhof. Sie sind eine große Ausnahme.“ Für ihn stand es nun fest: Er hat Dank der Zell-Vitalstoffe überlebt.

Das Jahr 2006 brachte keine nennenswerte Einkommensverbesserung, im Gegenteil. Für sie, die schon eine Zeit lang arbeitslos war, trat die Regelung Hartz IV ein. So musste er aus Kostengründen mit Zellvitalstoffen pausieren. Also tröstete er sich mit dem Gedanken, dass eine spätere Kur mit Vitalstoffen ja auch hilfreich wäre. Der Pankreaskrebs war schließlich gebannt und auch die umliegenden Organe ließen keinen Grund zur Sorge aufkommen. Er fühlte sich wieder gesund. Aber dann, nach fünfeinhalb Jahren, verspürte er krampfartige Schmerzen im Unterleib. Die Diagnose: ein Darmverschluss, der sich erneut als bösartiger Tumor mit Metastasen in der Leber herausstellte. Also wieder Chemotherapie. Diese Giftkur aber, lehnte er ab, er hatte sie schon einmal in allen Fassetten genossen und das Vertrauen in diese Therapie verloren.
Seine ganze Hoffnung setzte er nun auf natürliche Heilmittel und Nebenwirkungsfreie Therapien. Da gab es ja noch hoch dosiertes Vitamin C, das Krebszellen zerstört, gesunden Zellen aber nicht schadet. Das wäre eine Alternative. Zumindest musste es einen Versuch wert sein. Es zu beschaffen dürfte nicht allzu schwierig sein, und ein Arzt, der ebenfalls offen für Naturheilkunde war, würde es ihm intravenös verabreichen. Eine Ampulle aber, kostet fünfhundert Euro, ein Kostenfaktor, den er sich mit seinem niedrigen Einkommen nicht leisten konnte. Abgesehen davon, dass es mit einer Vitamin C -Ampulle nicht getan wäre. So stieß er erneut auf den Widerstand unseres Gesundheitssystems, da die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für nebenwirkungsfreie Naturheilmittel nicht übernehmen. Ungeachtet dessen kamen die bewährten Zellvitalstoffe wieder zum Einsatz in Verbindung mit einer Misteltherapie, jetzt aber zu spät. Es war ein verzweifelter Kampf gegen den immer weiter wuchernden Krebs. „Wenn du arm bist, musst du früher sterben“, hörte sie ihn in letzter Zeit immer wieder sagen. Waren die letzten fünf Jahre nur eine Gnadenfrist? Ja, es war eine Gnade und ein Glück, dass er seinen Enkel noch sehen durfte. Er spürte, wie sehr der Krebs ihm immer mehr an Kraft und Energie raubte.
Die letzten Wochen verbrachte er zuhause in einem Pflegebett.
„Nun liege ich hier auf dem Bett“, sagte er zu ihr. Sie nickte. „Es ist schön, dass du zu Hause sein kannst. Wir werden die gemeinsamen Stunden genießen.“ Tränen zeigte sie in seiner Gegenwart nicht. Das Zimmer war weihnachtlich geschmückt. Kerzen brannten. So oft er es hören wollte, erklang Advents- und Weihnachtsmusik. So erlebte er ein letztes Mal das Weihnachtsfest und die Jahreswende inmitten seiner Familie.

Wie so oft saß seine Frau an seinem Bett und drückte ihm wortlos die kalte Hand.
„Ich habe dich lieb“, hauchte er.
„Das freut mich, du bist mein lieber Schatz.“
„Wir müssen noch über etwas reden.“
„Ja, dann reden wir doch miteinander.“
„Später, nicht jetzt.“
Ein Später gab es nicht mehr.
Sie beobachtete, wie er stoßweise ausatmete und strich ihm über die kalte Wange. „Du hast es geschafft“, sagte sie leise, „jetzt gehst du hinüber in eine bessere Welt.“ Sie rief ihren Sohn an: „Mit Papa geht es zu Ende.“ Er legte das Blutdruckmessgerät an sein Handgelenk. Es zeigte keinen Pulsschlag mehr an.
Sie zündete eine Kerze an und stellte sie neben sein Totenbett.
„In meinem Herzen wird immer ein Licht für dich leuchten“, sagte sie mit Tränen erfüllten Augen.


Eingetragen am: 13.09.2009 von Angela Barotti
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3459

Es war spät, als ich aus der Firma kam. Zu Hause begrüßte mich nur das freudige Gebell von Prince. Thomas und Gaby waren nirgends zu entdecken. Auf der Anrichte lag ein Zettel: Sind im Kino.
Prince rückte mir nicht von der Pelle. Anscheinend waren die beiden schon längere Zeit aus dem Haus. Der Hund suchte Gesellschaft. Ich dagegen suchte nach etwas Essbarem und fand im Kühlschrank einen Teller mit Hacksteak, grünen Bohnen und Reis vor.
Wenn Gaby für Thomas das Mittagessen kochte, blieb stets eine Portion für mich übrig, die ich mir abends warm machen konnte. Ich nahm den Teller heraus und stellte ihn in die Mikrowelle.
Prince bellte vor Vorfreude wie wild. Er dachte wohl, ich würde ihm etwas vom Essen abgeben. Das hatte ich nicht vor. Doch als ich den ersten Bissen vom Hacksteak im Mund hatte, überlegte ich es mir anders. Die Fleischmasse war völlig überwürzt und schmeckte grauenhaft. Prince schien es nicht zu stören. Er schlang das Zeug im Nullkommanichts hinunter, das ich ihm in seinen Napf getan hatte.
Ich begnügte mich mit den grünen Bohnen und dem Reis. Nach dem Essen ging ich ins Wohnzimmer und wartete auf Gaby und Thomas, während ich durch die Fernsehprogramme zappte.
Ich hörte Prince irgendwo im Haus asthmatisch fiepen, dann war ein Würgen zu vernehmen. Ich konnte es ihm nicht verdenken, dass er den Hackbraten nicht bei sich behalten wollte. Das Zeugs war ungenießbar.
Einen kurzen Moment überlegte ich, ob ich ihn suchen sollte, um die Schweinerei wegzuwischen. Doch es war Gabys Hund. Sollte sie sich doch darum kümmern, wenn sie wieder zurück war.

Gegen Mitternacht kamen Thomas und Gaby nach Hause. Verwundert sahen sie mich an. „Ist alles in Ordnung mit dir?“, fragte mich Thomas und musterte eingehend mein Gesicht.
Ich verstand seine Frage nicht. „Sind mir Haare auf der Nase gewachsen, oder warum schaust du mich so prüfend an?“, wollte ich wissen.
„Nein, nein“, wiegelte er ab. „Ich dachte nur, du sähest ein wenig blass aus.“ Er machte eine Pause, in der er Gaby einen kurzen Blick zuwarf. Dann wandte er sich sofort wieder an mich. „Lass uns ins Bett gehen“, sagte er. „Es ist schon spät.“
Wir wünschten Gaby eine gute Nacht und verschwanden in unserem Schlafzimmer. Ich hatte mich kaum zur Nacht umgezogen, als wir Gabys Schrei vernahmen.
Mist, dachte ich. Du hast vergessen sie zu warnen, dass Prince irgendwo hingekotzt hat. Sicherlich war sie barfuß mitten hinein getapst.
Thomas war sofort zu Gaby geeilt. Ich folgte ihm im normalen Tempo.
Im Gästezimmer sah ich eine schluchzende Gaby mit einem leblosen Prince im Arm. Thomas hatte tröstend seine Arme um sie gelegt und redete leise auf sie ein. Ich verstand kein Wort, doch ich verstand die Situation. Die Erkenntnis raubte mir schier den Atem. Ich musste hier weg. Sofort! Mein Leben war in Gefahr.
In meinen Schlafsachen rannte ich aus dem Haus, klingelte beim Nachbarn Sturm. Ich musste umgehend die Polizei von meinem Verdacht informieren.


Kommentar von Angela Barotti

Vielen Dank für eure Kommentare. @Lillilu: An der Präposition bin ich ebenfalls hängen geblieben. Anscheinend habe ich mich dann doch für die falsche entschieden. ;-) @ Iris H.: Ja, ich bin am Experimentieren. Das Ganze soll auch kein Roman werden. Die Firmenchefin habe ich für die erste Übung erfunden. Der rote Faden ist Zufall. Ich lasse mich von den Aufgaben leiten. Und Kritik jeder Art ist mir stets willkommen. Und deine ganz besonders.

Eingetragen am: 14.09.2009

Kommentar von Iris H.

Liebe Angela, das ist eine logische Fortsetzung deiner Geschichte. Gut geschrieben, ich beneide dich immer wieder um deine Fähigkeit mitreißende Dialoge zu schreiben. Trotzdem fesselt mich die Geschichte nicht mehr so wie am Anfang, und ich frage mich woran das liegt. Vielleicht war sie am Anfang subtiler, mit mehr Überraschungspotential? Vielleicht ist das weitere Geschehen zu bekannt oder vorhersehbar? Du bist ja sicher noch in der Experimentierphase und hast noch kein festes Konzept, oder? Ich glaube, du könntest inhaltlich mehr herausholen. Ich hoffe, die Kritik ist ok für dich! LG Iris

Eingetragen am: 14.09.2009

Kommentar von Lillilu

Wunderbar, habe es in einem Rutsch durchgelesen! Folgerichtig und spannend. Nur zwei kleine Korinthen:Den Satz "Das Zeugs war ungeniessbar" würde ich rausnehmen, da unnötig. Ist die Präposition für informieren nicht "über" statt "von"?Oder irre ich mich? LG Lillilu

Eingetragen am: 14.09.2009

Eingetragen am: 13.09.2009 von Veronika Oswald
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3466

DER LEBENDIGE TOD

Heute war ein großer Tag am CERN bei Genf und ehemalige Kollegen hatten uns eingeladen, beim Start des neuen Beschleunigers dabei zu sein. Bislang verlief unsere Fahrt einigermaßen ruhig. Obwohl dichter Verkehr herrschte, kamen wir doch zügig bis hinter die französische Grenze.
Dann war unser neunmonatiger Sohn, der in seinem Römersitz bislang friedlich schlief, wach und auch sofort der Meinung, dass es nun genug sei mit der Fahrerei. Und er zögerte nicht, seine Meinung lautstark kundzutun. So lautstark, dass ich mich gezwungen sah, meinen bequemen Beifahrersitz aufzugeben und mich nach hinten neben meinen Sohn zu setzen, in der Hoffnung, dass ihn das beruhigt.
Aber nein. Undankbares Kind! Er wurde immer lauter. Gerade als ich erwog, meinen Sohn trotz aller Sicherheitsbedenken auf den Schoß zu nehmen, hörte ich die Bremsen quietschen, meinen Mann fluchen und dann tat es plötzlich einen Knall.
Ich wurde nach vorne in den Gurt geschleudert, hatte das vage Gefühl, dass der Wagen sich einige Male um sich selbst drehte und dann endlich zum Stillstand kam.

Ich dachte noch, wie gut, dass ich mein Kind nicht aus seinem Sitz geholt habe, dann fiel aller Schmerz von mir ab. Ich fühlte mich leicht und befreit. Um mich herum verschwamm alles mehr und mehr in einheitlichem Grau.
War das der Tod? Es fühlte sich nicht schlimm an.
Ich spürte, wie ich meinen Körper verließ, wie ich in einen hellen Tunnel hinein gesogen wurde.
Ich wartete darauf, dass nun mein ganzes Leben wie ein Film an mir vorbeizog. So wurde doch immer von Menschen berichtet, die den Tod vor Augen sahen.
Aber für mich lief kein Film ab.
Stattdessen dieser immer heller werdende Tunnel.
Ich erinnerte mich, von diesem Effekt gelesen zu haben.
Sterbende Menschen berichteten – natürlich nach ihrer Wiederbelebung –von diesem Tunnel und dem hellen Licht und deuteten es als Gott oder Himmelreich.

Ich war nie ein besonders gläubiger Mensch. Zumindest dem gängigen Bild von Engeln mit Harfen auf Wolken oder dem Kontrastprogramm der in der Hölle schmorenden Seelen konnte ich nichts abgewinnen. Ich erinnerte mich an eine Physikvorlesung über Thermodynamik, in der wir anhand entsprechender Beschreibungen in der Bibel („brennender Schwefel in der Hölle“ und im Himmel „sieben mal sieben mal mehr Strahlung als auf der Erde“) berechneten, dass es im Himmel mindestens 80 Grad heißer ist als in der Hölle.

Das helle Licht, das Menschen im Angesicht des Todes sahen, konnte biologisch erklärt werden. Es entstünde nämlich dadurch, dass die Nervenbahnen und Synapsen im Augenblick großer Panik wie wild feuerten.
Aber ich fühlte keine Panik. Eigentlich – obwohl es mir selber unpassend erschien – empfand ich Neugier.
Die Physikerin in mir fragte, was wohl gleich hinter dem Licht kommen mag?
In der Physik gibt es ja den so genannten Tunneleffekt. Der erlaubt einem Teilchen die Überwindung einer Barriere, für die seine Energie eigentlich nicht ausreichen würde. So, als würde einem Menschen, der zu müde ist, auf dem Weg von einem Tal ins nächste den dazwischen liegenden Berg zu überqueren, plötzlich ein Tunnel durch den Berg erscheinen.

Ich war gespannt. Das Licht am Ende meines Tunnels kam näher.
Plötzlich nahm ich ein Flimmern neben mir war. Und ehe ich noch lange darüber nachdachte, wendete ich mich dem Flimmern zu und glitt durch die Tunnelwand wie durch Nebel. Da war keine Materie, mich aufzuhalten und ich selbst war auch nicht aus Materie.
Nach einiger Zeit wurden Konturen sichtbar.
Ich schaute angestrengt.

Was ging hier vor? Wo war ich?
Deutlicher und deutlicher wurde alles um mich herum. Ich nahm Geräusche wahr und spürte etwas an meinem Arm. Langsam kehrten alle meine Sinne zurück. Auch eine gewisse Schwere erfasste mich.

Ich befand mich in unserem Auto. Neben mir saß mein Sohn in seinem Römersitz.
Hatte ich nur geträumt? Ich war verwirrt. Alles wirkte so vertraut und doch war da etwas Fremdes.
Mein Sohn schlief friedlich. Hatte er nicht eben noch gebrüllt?

„Also, was denkst du?“ hörte ich meinen Mann fragen. Ich sah sein Gesicht im Rückspiegel. Es dauerte einen Moment, bis mir die Veränderung auffiel. „Wo ist deine Brille?“

„Brille? Wieso? Ich trage doch seit 15 Jahren keine Brille mehr. Was soll das?“
Meine Verwirrung wuchs.
„Also, was machen wir jetzt wegen Linus?“ fragte er nochmals.
„Wieso? Was meinst du, was wir mit ihm machen sollen? Wir können doch froh sein, dass er endlich schläft.“

„Hä? Er schläft doch jetzt schon die ganze Fahrt über. Sollten wir ihn nicht wecken und füttern? Sonst schläft er womöglich in der Nacht nicht mehr.“

„Was meinst du mit „er schläft die ganze Fahrt“? Er hat doch bis eben gebrüllt. Deshalb habe ich mich doch nach hinten gesetzt.“
Mein Mann schaute mich entgeistert im Rückspiegel an. „Du hast dich doch von Anfang an nach hinten gesetzt, damit wir die Essenskiste auf den Beifahrersitz stellen konnten. Was ist denn los mit dir?“
Ich wusste es auch nicht. Ich traute mich nicht zu fragen, ob wir einen Unfall hatten. Ganz offensichtlich nicht.
Aber ich konnte mir doch auch nicht alles eingebildet haben. Die fehlende Brille. Das schlafende Kind. Und erst jetzt fiel mir auf, dass mein Mann wieder einen Bart trug. Das tat er damals, als wir uns kennen lernten. Aber seit der Geburt unseres Sohnes rasierte er sich täglich. War ich verrückt?

Einer plötzlichen Eingebung folgend fragte ich: „Wo sind wir eigentlich gerade?“

„Fast an der Fähre. Da müssen wir Linus dann aber sowieso wecken. Schließlich kann er nicht im Auto bleiben.“
Fähre? Auf dem Weg nach Frankreich? Geographie war zwar nie meine Stärke, aber soweit ich mich erinnerte, kam man auf dem Landweg nach Frankreich.
In der Dunkelheit tauchte ein Wegweiser am Straßenrand auf. Puttgarden 18 km.
Puttgarden. Wir waren auf dem Weg nach Skandinavien!
Und jetzt bemerkte ich auch erst, dass es um uns herum dunkel war.
Es war doch eben noch ... also vor dem Unfall ... als ich noch ...
Ich wusste nicht mehr, was ich denken sollte.

Ich schwieg. Ich hatte Angst, unter Wahnvorstellungen zu leiden.
Aber gab es Geisteskrankheiten, die solche Effekte hervorrufen? Ich wusste es nicht.
Aber wenn ich nicht verrückt war, wenn das alles keine Einbildung war, dann wäre ich doch jetzt tot, oder? Sollte dies hier das Leben nach dem Tod sein?
Auch wenn ich nicht an Himmel und Hölle glaube, ganz so prosaisch hatte ich mir das Jenseits nicht vorgestellt.
Und wie ist es mit Wiedergeburt? An so was glauben doch auch viele. Aber dann müsste ich doch jetzt ein frisch geborener Säugling sein, und keine dreißigjährige, die nahtlos dort weitermacht, wo ihr voriges Leben endete. Fast nahtlos.

Wir saßen im Aufenthaltsbereich der Fähre. Vogelfluglinie Puttgarden-Rödby.
Ich starrte auf den großen Flachbildschirm, auf dem ununterbrochen irgendwelche Nachrichten liefen, ohne jedoch etwas wahrzunehmen.
Ich fühlte mich wie in einem falschen Film, ja mehr noch, wie in einem falschen Leben.

Nur ganz langsam drangen die Worte des Nachrichtensprechers in mein Bewusstsein vor.
„ ... sofort abgeschaltet ..... noch keine Erklärung .... Wissenschaftler untersuchen ...
leistungsfähigste Teilchenbeschleuniger der Welt am CERN, der nach vielen Startschwierigkeiten heute in Betrieb genommen wurde, wird von Kritikern als Hauptursache angesehen.
Die ersten Vermutungen der Wissenschaftler beziehen sich auf die Existenz paralleler Universen, die durch die während des Experiments am LHC auftretenden Kräfte für die Dauer von zwei Sekunden miteinander in Verbindung traten.
Das würde die Erscheinung der auf der ganzen Welt beobachteten Doppel- und Mehrfachbilder erklären.
Nach dem Zusammenbruch des Stromnetzes in weiten Teilen Frankreichs und der Schweiz seien nach Meinung der Wissenschaftler allerdings augenblicklich alle Verbindungen in parallele Welten zusammen gebrochen.
Alle am Experiment beteiligten Wissenschaftler versicherten, dass zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr bestand, da es keine Möglichkeit gäbe, von einem ins andere Universum zu wechseln.“


Kommentar von Veronika Oswald

Hallo Eva, zu deiner Frage: Das CERN liegt bei Genf, teils auf schweizer Boden, teils auf französischem Boden. Viele Mitarbeiter dort leben auf der französischen Seite im Pay de Gex, meist, weil es bezahlbarer ist als Genf.

Eingetragen am: 14.09.2009

Kommentar von Iris H.

Liebe Veronika, das finde ich spannend. Und ein wenig unheimlich. Tja, wer weiß ... Diese Geschichte könntest du gut weiterspinnen. Spontan hat sie mich an Thomas Lehrs "42" erinnert, oder auch an Jonathan Lethems "Als sie über den Tisch kletterte", zwei wie ich finde bemerkenswerte physikalisch-philosophische Romane. Vielleicht hast du ja Lust weiterzuschreiben. Mich jedenfalls würde eine Fortsetzung interessieren. LG Iris

Eingetragen am: 14.09.2009

Kommentar von Eva Marcuse

Glück gehabt, dass die Physikerin nur ins Paralleluniversum gewechselt ist und nicht in einem schwarzen Loch verschwand. ______Frage: Warum wollte die Familie unbedingt nach Frankreich? Wenn ich recht verstanden habe, sollte es doch zum CERN in der Schweiz gehen.

Eingetragen am: 14.09.2009

Eingetragen am: 13.09.2009 von Susanne
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3453

Die erste Tote

„Sie müssen schon mitkommen“, drängte mich mein Chef. Aber ich zögerte immer noch, ihm zu folgen und blieb steif vor der Haustür stehen.
„Herr Kemer, jetzt machen Sie schon!“ Mein Chef drehte sich um und blickte mich ungeduldig an. Aber ich blieb stocksteif stehen.
Warum trieb er so zur Eile? Am Ende des Flures wartete doch nur eine Tote, die alle Zeit der Welt hatte.
Die Sanitäter kamen mit der Bahre und dem Notfallkoffer den Flur entlang und zwängten sich an uns vorbei. Fast beschwingt gingen sie zum Rettungswagen und stiegen ein. Gewöhnte man sich an den Anblick von toten Menschen und empfand nichts mehr? Waren sie schon so abgebrüht? Ich konnte es mir nicht vorstellen.
„Herr Kremer“, holte mein Chef mich aus meinen Gedanken, „brauchen Sie eine Extraeinladung?“
Ja, worauf wartete ich eigentlich? Die Tote würde nicht weglaufen, da konnte ich noch so lange stehen bleiben. Aber ich konnte mich einfach nicht überwinden, eine Leiche anzuschauen. Es war meine erste.
Schon als der Anruf im Büro einging und mein Chef mir gestenreich bedeutete, meinen Mantel anzuziehen, ahnte ich nichts Gutes. Auf der Fahrt erklärte er mir, dass die alte Bäuerin tot von ihrem Sohn gefunden worden war. Der Arzt würde den Totenschein ausstellen, und danach könnten wir sie mitnehmen.
Wie sah sie wohl aus, die alte Frau? War sie eingefallen? Stierten ihre Augen an die Decke?
Vor diesem Moment hatte ich mich insgeheim immer gefürchtet: das erste Mal dem Tod zu begegnen.
Mein Boss stapfte vorwärts. Fast riss es mir den Sarg aus den Händen.
Zögernd schlich ich die drei Stufen zur Haustür hoch. Mein Herz klopfte bis zum Hals, meine Hände waren eiskalt und zitterten. Ich umklammerte den Sarg, der plötzlich bleischwer wurde, obwohl er aus Aluminium war, noch fester. Bloß nicht fallen lassen, hämmerte es durch meinen Kopf.
In den ersten beiden Jahren meiner Ausbildung hatte ich nichts mit den Toten zu tun gehabt. Ich musste mich nur um den Papierkram kümmern, bei der Organisation von Trauerfeiern und Beerdigungen mithelfen und die Formalitäten mit Versicherungen und Behörden erledigen.
Aber heute musste ich zum aller ersten Mal eine Tote abholen.
Ich schluckte schwer, als wir das Wohnzimmer betraten. Weinend standen zwei Menschen neben dem Ohrensessel, in dem eine alte Dame saß. Sie schien zu schlafen, hatte ihren Kopf entspannt an die Lehne gelegt und den Mund leicht geöffnet. Friedlich sah sie aus.
Zitternd stellte ich den Sarg auf den Boden.
Während mein Chef die Angehörigen aus dem Zimmer geleitet, stand ich regungslos vor der Frau und betrachtete sie. Ihre Augen waren geschlossen, ihre Wangen leicht eingefallen und wächsern. Vorsichtig streckte ich meine Hand aus und berührte ihre Stirn. Ihre Haut war kühl und trocken. Schnell zog ich meine Finger wieder zurück und wischte sie an der Hose ab. Ich hatte eine Tote angefasst, schoss es mir entsetzt durch den Kopf. Mein Herz klopfte zwar noch immer wild, und ich hatte einen Kloß im Hals, aber mir war weder übel noch wollte ich schreiend aus dem Haus rennen, wie ich es mir in meinen Albträumen ausgemalt hatte.
Ich hatte meinen Chef gar nicht bemerkt, doch er stand neben mir und betrachtete ebenso schweigend die Leiche.
„Es ist gut, wenn Sie Respekt vor der Toten haben“, wies er auf meine gefalteten Hände, die weniger ein Ausdruck des Gebetes waren. Vielmehr hatte ich mit der verkrampften Haltung versucht, mein Zittern zu verbergen.
Er verharrte noch einige Minuten bewegungslos neben mir, dann nickte er kurz mit dem Kopf, als würde er sich vor der alten Frau verbeugen.
„Jetzt müssen wir aber an die Arbeit. Sie fassen an den Füßen an.“ Langsam kam Bewegung in mich. Mechanisch ging ich zu ihren Beinen und umfasste die Unterschenkel, wie ich es schon oft an den Puppen geübt hatte.
Behutsam legten wir sie in den Sarg, bedeckten sie mit einem Tuch und schlossen den Deckel. Die Schlösser schnappten ein, und wir hoben sie an.
Obwohl eine Tote in ihm lag, wirkte der Sarg leichter als auf dem Hinweg.


Kommentar von Susanne

Hallo Claudia, danke für deinen Kommentar. Der Lehrplan für "Bestatter-Azubis" sieht erst im dritten Lehrjahr vor, Tote abzuholen; es soll erst eine gewissen Reife erreicht werden. Transportsärge können aus Alu sein, denn sie sind leichter. LG Susanne

Eingetragen am: 16.09.2009

Kommentar von Claudia Tyrchan

Hallo Susanne, du hast dieses Zögern, die Angst, dem Tod zu begegnen, sehr gut beschrieben. Ich hab nur rein inhaltlich zwei Fragen: sind Särge wirklich aus Aluminium?? Ich dachte immer, dass sie aus Zink sind, weil das stabiler ist. Ich nehme an, dass es sich um die Ausbildung zum Bestatter handelt. Meinst du, es ist in diesem Zusammenhang realistisch, dass er zwei Jahre lang nur mit Papierkram zu tun hatte? Ich denke, diese Ausbildung ist sehr vielfältig und umfasst drei Jahre. Da hat man mit Dingen wie Abholung von Toten, "Totenwaschung" für die Bestattung, etc. doch bestimmt schon viel früher zu tun. Ansonsten ein sehr eindrucksvoller Text! Liebe Grüße, Claudia

Eingetragen am: 15.09.2009

Eingetragen am: 13.09.2009 von Eva Marcuse
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3433

Dieser Text steht in Zusammenhang mit einer nächtlichen Taxifahrt durch die mexikanische Pampa - manche erinnern sich vielleicht.

Die Prota Anna ist von Jorge und Anastassia in Berlin zum Dia de los Muertos, zum Tag der Toten eingeladen worden....

(Ich weiß, dass der Text nicht gut formuliert und etwas chaotische ist, aber momentan kriege ich es nicht besser hin). Und jetzt geht's los:

Anna blickte hilfesuchend in den Raum, in dem schon viele Menschen versammelt waren, die meisten von ihnen waren dabei, ihre Gaben auf einem großen altarartigen Tisch abzulegen. Ein Meer von brennenden Kerzen hätte jeden Berliner Feuerwehrmann zum Wahnsinn getrieben, wenn denn einer dagewesen wäre, dachte Anna. Dazwischen Blumen, Bilder von den Verstorbenen, Essen, Süßigkeiten, Getränke, ein Schlüssel, ein Musikinstrument – Dinge, die eine besondere Verbindung der Gäste zu den verblichenen geliebten Menschen herstellten.

Anna war erstaunt, wie stark sie plötzlich eine Nähe zu den fremden Toten empfand. Es kam ihr so vor, als würde sie über die Kleinigkeiten, die hier ohne Scheu aufgestellt wurden, jene besser zu kennen als so manche von ihren lebenden Bekannten. Sie war gerührt von der Liebe, die die Gäste in ihre Gaben gelegt hatten.

Jorge und Anastassia waren noch immer noch eingetroffen - die einzigen Personen, die Anna hier kannte, wenn sie denn da gewesen wären. Die beiden hatten sie schließlich zum Día de los muertos eingeladen. Anna beschloß, sich keine Gedanken mehr darüber zu machen; stattdessen wollte sie „ihren eigenen“ Toten helfen, den Weg zu dieser Feier zu finden. Sie hoffte, ihrem Großonkel Albert „zu begegnen“, Albert „dem Mexikaner“ wie er in der Familie genannt wurde. Für ihn und für ihre Großeltern hatte Anna Kerzen dabei, die sie nun auf dem Altar, der Ofrenda, anzündete. Daneben stellte sie ein Foto von Albert und eine Flasche Corona Bier, zwei weitere Kerzen fügte sie für die Großeltern zusammen mit einer Weißwurst für Opa und einem Stück Streuselkuchen für Oma den Gaben hinzu.

Anna bemerkte nun erst die junge, ganz in weiß gekleidete Frau, die eine große brennende Kerze vor sich her trug und dazu ganz versunken in ihren liturgisch-monotonen Gesang war, dessen Texte Anna nicht verstand. Die Musik,das Gemurmel, die von den vielen Menschen, den Kerzen und Weihrauch geschwängerte Luft - alles das ließ Anna in eine Art Trance fallen.

[… ./. ….]

Punkt Mitternacht standen plötzlich sechs Mariachis in der Tür zusammen mit einer Calavera - der Tod als Frau in Gewändern, auf denen das Knochengerüst dargestellt war, mit einem riesigen Hut auf dem Knochenschädel. Die Calavera eröffnete den Tanz, das Fest dauerte noch bis weit in den Vormittag, während sich die lieben Toten allmählich wieder ins Jenseits verzogen.


Kommentar von Iris H.

Liebe Eva, mal davon abgesehen, dass ich mich ganz allgemein sehr freue, hier mal wieder was von dir zu lesen, finde ich auch diesen speziellen Text sehr ansprechend. Habe mir auch den Text aus dem RieJ rausgesucht. Und auch der Kuss-Text gehört doch dazu, oder? Also: Mir gefällt deine Erzählung, ich mag den Klang des Spanischen (das ich leider nicht beherrsche) und daher die Worte und Sätze, die du einstreust. Und mir gefällt sehr das beschriebene Ritual dieses Tages der Toten, etwas mit dem ich mich anfreunden könnte. Du lässt die Atmosphäre greifbar werden; das Bier, die Weißwurst, den Streuselkuchen finde ich rührend und schön. Ich überlege spontan für "meine Toten" auch so ein Ritual zu schaffen ... Was die Formulierung betrifft, würde ich ein paar Kleinigkeiten überarbeiten (z.B. zwei mal "wenn denn einer/ wenn sie denn da gewesen wären), aber das erwähnst du ja schon selbst am Anfang. Offen bleibt, was mit Jorge und Anastassia ist. Ich bin neugierig. LG Iris

Eingetragen am: 14.09.2009

Eingetragen am: 13.09.2009 von grüner Apfel
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3430

Ich sah zurück auf meinen gelebten Traum. Konnte ich mich beruhigt in die Ewigkeit verabschieden, blieb ich als Erinnerung in den Herzen jener, die mich begleiteten?
Plötzlich entluden sich Befürchtungen, meine Person war nicht das, was ich in ihr sah. Wie oft beleidigte ich Jemanden, der mir nahe war oder übervorteilte Gegner, um besser da zu stehen. Jawohl, mein Leben war geprägt von Erfüllungen und Werten die ich im Verlauf ansammelte. Mein Haus, mein Auto, meine Geliebten.
Mir fehlte es an nichts, nie. Warum versperrte ich mich also gegen meine Schwester, als sie meine Hilfe benötigte. Es war eine einfache Bitte, die Erfüllung hätte mich lediglich ein Lächeln gekostet, wenn man den finanziellen Aufwand anschaulich machen wollte. Aber nein, Sie nicht. Soweit ich mich erinnere, stellte sie die falsche Frage und vergriff sich im Ton. Ich verlangte, dass sie mir bettelnd zu Füßen lag und sich darüber im klaren war, wer in Zukunft über ihr mickriges Leben entscheiden würde. Ich wollte sie besitzen, wie ich alles andere besaß. Ausgestopft, ein Körper als leere Hülle, beraubt allen Lebens. Ihre Seele sollte mir gehören.
Jetzt stand sie vor mir, mit hängenden Schultern und verheulten Augen. Lange, schwarze Streifen liefen durch ihr Gesicht, an den Rändern verschmiert. Sie sah aus, wie eine hässliche Comicfigur.
Der Gedanke erschreckte mich. Wie konnte ich nur. Sie war gekommen, um von mir Abschied zu nehmen, als Einzige, und ich dachte so schlimme Sachen über Sie.
Gerade noch erzählte ich Ihr, dass mein Leben vermutlich verwirkt sei und schwupp, im nächsten Augenblick beherrschte mich der Gedanke, dass sie eine hässliche Comicfigur ist. Wie niederträchtig.
Ich wollte geliebt werden, tat aber alles dafür, der Teufel in Menschengestalt zu sein. Vielleicht stand deshalb kein Anderer an meinem Bett? Lag es wirklich an mir?
Wieso war ich allein? Wo waren alle, denen ich half und an meinem Leben teilhaben ließ?
Noch letzten Monat gab ich eine Party in meinem Haus. Ein rauschendes Fest, der Champagner floss in Strömen. Mein Garten war voll von Leibern und heute keine Sau in Sicht. Schon komisch.
“Ich werde auf dich warten.”
Meine Schwester wischte sich mit dem Handballen eine schwarze Träne ins Gesicht. Eine Squaw auf Kriegspfad, ging es mir durch den Kopf. Schrecklich.
“Das brauchst du nicht, ich komme nicht zurück.”
“Ach du blöde Kuh, natürlich tust Du das, sag nicht immer so schreckliche Sachen.”
“Nenn mich nicht blöde Kuh im Angesicht des Todes.”
“Wie bist du denn drauf? Ich warte hier, dagegen kannst Du nichts machen.”
Noch eine Träne rollte ihr aus dem anderen Auge und wurde fast synchron auf der anderen Gesichtshälfte verteilt. Ich musste lächeln und konnte mich nicht dagegen wehren. Es war das erste Lächeln seit Jahren, so kam es mir vor.
Dann wurde ich an meiner Schwester vorbei geschoben, der OP wartete auf mich. Sie griff nach meiner Hand, aber ich schlug sie aus. Schwäche war noch nie mein Ding und meine zitternden Glieder gingen nur mich etwas an. Ich schloss die Augen, ich hatte Angst.


Kommentar von Angela Barotti

Was für eine tolle Geschichte! Hier wird der Leser gefordert, denn die Geschichte erschließt sich ihm erst nach und nach. Das Verhältnis der Geschwister zueinander macht neugierig. Hier würde ich gerne weiterlesen.

Eingetragen am: 16.09.2009

Eingetragen am: 13.09.2009 von Janis
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3429

„Ich kann nicht schlafen.“ der Popstar steht im Türrahmen zum Wohnraum seiner Villa, welcher die Ausmaße eines Ballsaales hat, und sieht seinen Leibarzt erwartungsvoll an.
Letzterer hatte in einem der riesigen Ohrensessel Platz genommen, um sich dort in eine Zeitung zu vertiefen. Verblüfft lässt er das Tagesblatt sinken: „Das…das ist doch nicht möglich.“
„Sonst würde ich ja nicht hier stehen.“ in einer Mischung aus Triumph und Niedergeschlagenheit lehnt sich der Popstar mit einer Schulter gegen die Zarge aus edlem Holz. „Geben Sie mir noch was.“ fügt er dann noch seufzend hinzu.
Sein Leibarzt legt die Zeitung zur Seite und erhebt sich etwas umständlich aus den plüschigen Tiefen des Sessels. „Ich hatte Ihnen innerhalb weniger Stunden Unmengen von Beruhigungsmitteln verabreicht. Das hätte einen Elefanten umhauen müssen.“ murmelt der Mediziner kopfschüttelnd. Dennoch klappt er seinen Medikamentenkoffer auf, denn letztendlich ist sein Patient eine üppige Einnahmequelle, die schon lange sprudelt und hoffentlich nicht so rasch versiegt.
Doch vor allem letzterer Aspekt lässt den Arzt bei der Auswahl des Medikaments zögern. Nach kurzem Überlegen klappt er den Deckel des Koffers entschlossen wieder zu: „Ich möchte Ihnen nichts mehr geben. Das Risiko einer ersthaften Herz-Kreislaufstörung ist einfach zu groß.“ mutig schaut er in die matten Augen des Popstars.
„Es ist mein Risiko.“ die Stimme des Stars erscheint dem Mediziner heute seltsam dunkel und lange nicht so hell oder sanft wie sonst.
„Ich müsste dafür geradestehen, sollten Sie…nicht mehr aufwachen. Es ist also auch mein Risiko.“ Noch nie zuvor war der Leibarzt seinem wohlhabenden Patienten so energisch entgegengetreten.
Während Letzterer zittrig auf einem der ihm nahestehenden Stühlchen Platz nimmt, deren goldenes Gestell genauso zierlich ist, wie sein Körperbau, wird er nachdenklich von seinem Leibarzt betrachtet.
Was für ein seltsames Wesen, fährt es dem Mediziner durch den Kopf. Nicht typisch männlich. Nicht ganz klar weiblich. Weder schwarz noch weiß. Nicht jung. Nicht alt. Weder stark noch schwach. Aber eigenwillig und exzentrisch. Umjubelt und geliebt von der ganzen Welt und doch: einsam. Reich und doch arm. Was für ein seltsames Wesen…
„Denken Sie an Ihre drei Kinder, die bei Ihnen leben.“ der Arzt zieht seinen letzten Trumpf und sein Patient reagiert erwartungsgemäß heftig: „Ich denke immer an meine Kinder. Sie sind alles, was ich habe. Und ich bin alles, was sie haben. Es sind glückliche Kinder, denn sie werden zu nichts gezwungen. Aber morgen beginnen die Proben zur Welttournee. Ich muss ausgeschlafen und fit sein. Sehr fit. Geben Sie mir endlich noch eine Dosis. Propofol. Ich will Propofol. Das ist das Einzige, was hilft.“
Beeindruckt von der Heftigkeit des Ausbruchs öffnet der Arzt mal wieder den Deckel seines Koffers und hantiert ein wenig darin herum.
Der berühmte Patient, der höchstens 55 Kilo wiegt, schiebt in Erwartung einer Spritze einen Ärmel seines schneeweißen Seidenhemdes ein wenig höher und tatsächlich nähert sich der Leibarzt mit einer geladenen Kanüle.
„Und wenn nun doch etwas passiert…“ setzt Letzterer noch ein letztes Mal unbehaglich an.
Der Popstar lächelt erstmalig an diesem Tag. Es ist allerdings das traurigste Lächeln, das der Arzt je gesehen hat: „Sie wissen doch, Doc: Ich werde ewig leben und immer glücklich sein.“


Kommentar von Lillilu

Ja, so könnte es gewesen sein. Aber ich habe etwas Grundsätzliches anzumerken: "Was für ein seltsames Wesen" FÄHRT es ihm durch den Kopf" ist nach so langen Jahren einer intimen Arzt-Patient-Vertrauter-Beziehung nicht möglich. Das dachte er vor 10 Jahren (oder wann auch immer), er könnte höchstens ZUM HUNDERSTEN MAL so etwas denken. Ich finde auch die förmliche Anrede fehl am Platz. Da es im Englischen ja kein "Sie" gibt, wäre ein "Mr. Jackson" das engl. Equivalent und das nun wieder unglaubwürdig bei der Nähe der Beziehung. Also deshalb duzen sie sich, meine ich.LG Lillilu

Eingetragen am: 14.09.2009

Kommentar von Monika Han.

Hallo Janis, gute Beschreibung wie es sich vielleicht tatsächlich zugetragen hat, bevor Michael Jackson nie wieder erwachte. Am Besten gefällt mir der Abschnitt: Was für ein seltsames Wesen.... Gruß Monika

Eingetragen am: 13.09.2009

Kommentar von Babs

Hallo Janis, da läßt doch ein gewisser Mr. Jackson grüßen. Danach hatte er wohl seinen letzten "Thriller", oder irre ich mich? LG Babs

Eingetragen am: 13.09.2009

Eingetragen am: 13.09.2009 von Andriana
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3428

Der Krieg schien ewig zu währen, er wälzte sich wie ein Moloch durchs Land. Er zerstörte Felder, Städte, Leben. Cedrics Hof war abgelegen vom Dorf und der Landstrich selbst dünn besiedelt. Deswegen hatte er Hoffnung, daß sie verschont blieben. Es war schon Monate her seit ein Flüchtling bei ihnen gerastet hatte und von schrecklichen Gräueln berichtete. Cedric blieb nichts anderes als zu hoffen und auf Gott zu vertrauen. Er wollte sein Land nicht aufgeben und wie hätte er auf der Flucht seine Familie ernähren sollen? Seit Generationen lebten sie hier, bearbeiteten den Acker, säten, ernteten. Er war kein Mann der Gewalt; Leute wie er waren das Salz der Erde, sie lebten von ihrer Hände Arbeit. Es war ein klarer Tag im Spätsommer, als Cedric Rauch im Wind roch. Gerade war er noch mit den Gedanken beim Weizen, der golden in der Sonne glänzte, bald reif für die Ernte. Besorgt schaute er sich um und sah aus der Richtung des Dorfes eine Rauchsäule aufsteigen. Sein Herz verkrampfte sich in der Brust und er lief los in Richtung seines Hofes. Wenn sie nur nicht herkommen würden, wenn er nur verschont bliebe. Vielleicht könnte er sich mit seiner Familie in den nahen Wald flüchten. Seine Gedanken rasten, während er mit klapperden Holzschuhen den Pfad entlang rannte. Als er um die Ecke bog, fing er schon an nach seiner Frau zu brüllen. Da ertönte Hufgeklapper, mehrere gerüstete Krieger ritten auf den Hof. Cedric stand wie erstarrt; erst als einer der Männer auf ihn zukam, griff er in seiner Verzweiflung zur Mistgabel. Fast lässig schlug der Reiter sie ihm mit dem Schwert aus der Hand. Dann sprang er ab und griff ihn an. Cedric versuchte auszuweichen, aber er war zu langsam. In einem sauberen Bogen sauste das Schwert heran und schnitt ihm den Bauch auf. Mit einem Schrei fiel er zu Boden, brennender Schmerz durchfuhr ihn. Mit einem grausigen Zähnefletchen zog ihn der Krieger an den Haaren hoch, blickte auf die Wunde und liess wieder los. Bauchwunden sind immer tödlich, dachte Cedric, verdammt, ich will nicht sterben. Es dauerte etwas, bis er bemerkte, daß das laute Keuchen von ihm selbst kam. Blut, soviel Blut. Er lehnte halb an einem Wagenrad und sah das Zerstörungswerk. Die Mörder waren sehr effizient: einer trieb das Vieh aus dem Stall, einer belud einen Karren, zwei gingen ins Haus. Cedric bäumte sich auf, als er die ersten Schreie seiner Familie hörte. Tränen schossen ihm in die Augen. Warum, oh, warum nur? Das ist ungerecht, ich will nicht sterben, bitte verschont mich. Es gibt noch soviel zu tun, meine Familie braucht mich, der Weizen... Komisch, es tut gar nicht mehr weh. Die Sonne scheint schon unterzugehen, mir ist kalt, so kalt.


Kommentar von Angela Barotti

Gute Story. Für mich eins der Highlights dieser Übung. Diese Geschichte basiert auf Phantasie, wirkt aber dennoch absolut authentisch. Noch die Tippfehler eliminieren – perfekt.

Eingetragen am: 16.09.2009

Kommentar von Babs

Hallo Andriana, sehr anschaulich beschrieben. In meinem Kopf lief während des Lesens ein kurzer Film ab. LG Babs

Eingetragen am: 13.09.2009

Kommentar von Audrey81

Hallo Adriana, eine entsetzliche Geschichte. Aber sehr schön geschrieben. Beim lesen war ich mitten drinn, habe Cedric begleitet und mitgelitten. Liebe Grüße, Audrey

Eingetragen am: 13.09.2009

Eingetragen am: 12.09.2009 von Monika Han.
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3421

Tod eines Freundes

Immer wieder und wieder ging ich in der Wohnung weinend auf und ab, lief von einem Zimmer ins andere, legte mich aufs Bett, stand wieder auf. Dann stellte ich mich ans Fenster und sah zu, wie seine Familie seinen ganzes Hab und Gut aus dem Haus hinaustrugen. Ich versuchte mit dem Weinen aufzuhören, doch die Tränen liefen unaufhörlich weiter. Am liebsten wäre ich hinuntergegangen und hätte gesagt: Bitte, lasst mir etwas von ihm hier, als Erinnerung.

Warum nur hatte er sich umgebracht? Hätte er doch versucht, eine Lösung zu finden, eine andere Lösung als den Tod. Gesprochen hatte er schon öfters von Selbstmord. Aber spricht man nicht schnell davon, wenn man Probleme hat und würde es doch in Wirklichkeit nie tun?

Wie oft war er mir mit seinem nicht endenwollenden Redeschwall auf die Nerven gegangen. Manchmal hatte er sich nur mal schnell etwas bei mir borgen oder mich was fragen wollen - und dann hatte er nicht mehr aufgehört zu reden und es wurden leicht zwei Stunden oder mehr bis er wieder ging. Doch wenn ich mal ein paar Tage nichts von ihm gehört hatte, dann klingelte ich bei ihm, fand einen Grund dafür um ihn sehen und mit ihm sprechen zu können.
Irgendwie habe ich ihn gebraucht. Er war mein einziger Freund, mein einziger Kumpel - und eine zeitlang war ich auch ein bisschen in ihn verliebt gewesen.

Dass es ihn nun nicht mehr gab, konnte ich noch nicht begreifen. Es konnte doch nicht sein, dass er tatsächlich tot war, mit nur 22 Jahren.

Letzte Woche war bereits seine Beerdigung gewesen. Ich habe nicht dabei sein können, denn ich habe erst vor ein paar Stunden von seinem Tod erfahren. Vor drei Wochen war er zu seiner Familie nach Stuttgart gefahren. Nur ein paar Tage hatte er dort bleiben wollen.

“Ich hätte mich auch in Berlin umbringen können, aber dann hättet ihr die Überführung für mich zahlen müssen”, stand in seinem Abschiedsbrief an seine Eltern. “Bitte kauft mir nur den billigsten Sarg, ich habe nichts anderes verdient. Kauft keine Kränze, nur Rosen. Ich möchte nur Rosen auf meinem Grab haben. Die Tränen werden vergehen, aber bitte vergesst mich nicht. Ich liebe auch alle.”

Wie verzweifelt musste man sein, um so einen Brief zu schreiben?

Zwei Jahre lang war er in ein Mädchen verliebt gewesen, dass bereits einen Freund hatte. Dann war Schluß zwischen den beiden und er hatte sie doch noch bekommen. Wie glücklich war er darüber gewesen! Doch schon wenige Monate später gab es die große Enttäuschung für ihn. Sie kehrte zu ihrem früheren Freund zurück, machte mit ihm Schluß. Er konnte es nicht verstehen. Sie war doch seine große Liebe.
Dazu kamen Probleme im Studium. Einer der Professoren nörgelte ständig an seinen Leistungen, hielt ihm dauernd die wesentlich besseren Leistungen seiner Schwester vor, die das gleiche Studium absolviert hatte. Das war sicherlich nicht leicht für ihn zu ertragen. Er fühlte sich wohl als Versager.
Ein paar Tage nachdem er bei seinen Eltern in Stuttgart angekommen war, hatte er sich ins Auto gesetzt, war in einen Waldweg gefahren, hatte einige Schlaftabletten geschluckt und Abgase ins Auto geleitet. Als man ihn fand, kam jede Hilfe zu spät.

(Die Geschichte ist wahr, aber schon 1991 passiert)


Kommentar von Babs

Hallo Monika Han. es ist immer schrecklich für die, die nach einem Sebstmord zurück bleiben.Das Gefühl der Schuld und Ohnmacht muss schrecklich sein. Und doch trifft sie keine Schuld, man kann einen Menschen, der so verzweifelt ist oder so eine Kurzschlußreaktion hat, nicht daran hindern so etwas zu tun. LG Babs

Eingetragen am: 13.09.2009

Kommentar von Janis

Mitunter kann es so schlimm sein, die Liebe eines wertvollen Menschen zu verlieren, dass einem der Tod als Erlösung vorkommen mag. Sehr schön geschrieben Monika. Gefühlvoll. Auch deine eigenen Empfindung hast du gut formuliert.

Eingetragen am: 13.09.2009

Kommentar von Hadassa

Hallo Monika, die Geschichte ist so erschütternd, daß ich nicht weiß, was ich dazu schreiben soll. Es ist so furchtbar, wenn Menschen sich umbringen und es ist egal, ob die Geschichte 1991 oder gestern geschehen ist. Danke für den Mut die Geschichte aufzuschreiben. Es ist ein großartiger Text und man merkt in jeder Zeile die Betroffenheit. lg Hadassa

Eingetragen am: 13.09.2009

Kommentar von Audrey81

Hallo Monika, mit deiner Geschichte hast du es geschafft, mich zu Tränen zu rühren. Für mehr, fehlen mir gerade irgendwie die Worte. Liebe Grüße, Audrey

Eingetragen am: 13.09.2009

Eingetragen am: 12.09.2009 von Rosima Ka
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3427

DER LEBENDIGE TOD

Sie sagte es mir am Telefon. Einfach nur so: „Rosi, ich habe Krebs; das haben sie hier im Krankenhaus festgestellt. Übermorgen komme ich nach Hause, dann melde ich mich.“
Sie gab mir kaum Zeit zu reagieren. Meine beste Freundin: nun hat es auch sie getroffen. Doch vielleicht hat man es früh genug erkannt; vielleicht kann sie eine Therapie bekommen; vielleicht wird alles doch noch gut. Während ich auf ihren Anruf wartete, musste ich immer nur an Anne denken.
Endlich hörte ich von ihr und erfuhr Näheres. Man hatte ihr eine Chemotherapie vorgeschlagen, die lehnte sie ab. Wieviel Zeit ihr noch blieb? Da konnte man nichts Konkretes voraussagen. Und jetzt? „Jetzt warte ich,“ sagte sie ganz ruhig. Und sie fragte, „Kannst du vielleicht ein paar Tage zu mir kommen?“
Es war eher ich, die um Fassung ringen musste, als wir uns begrüßten. Anne erschien wie immer, gelassen saß sie im Rollstuhl mit ihrem strahlenden Lächeln, froh über meinen Besuch.
Im Rollstuhl war Anne schon seit vielen Jahren, nachdem das Gehen mit der Beinprothese nicht mehr gelang. Sie hatte ihr linkes Bein während des Krieges bei einer Explosion verloren.
Später kam ihr Arzt, der sie jetzt täglich besuchte. Er fixierte mich mit einem ernsten Blick und fragte: „Können Sie hier bleiben und für Ihre Freundin sorgen?“
Als ich zögerte und mir überlegte, wie das gehen sollte, wurde er ungeduldig und sagte barsch, „Können Sie oder können Sie nicht? Wenn nicht, dann muss sie zurück ins Krankenhaus.“ Auch er konnte uns keine Voraussagen machen.
Anne lebte allein; nur ein paar entfernte Verwandte wohnten in der Nähe, aber niemand, der bereit oder fähig zur Pflege gewesen wäre. Doch war ich das? Jetzt war nicht die Zeit, noch länger zu überlegen. Ich blieb.

Diese Wochen haben unsere Freundschaft vertieft und unvergesslich gemacht. Wir haben über vieles gesprochen, was in Annes Leben wichtig war. Wir haben auch öfter gelacht und uns an alte Zeiten erinnert. Ich habe sie gewaschen und habe versucht, ihre Lieblingsgerichte zu kochen, doch schon bald hatte sie keinen Appetit mehr. Ich klagte dem Doktor, dass sie nichts essen wollte. „Sie muss doch etwas essen!“, sagte ich.
„Nein“, sagte der Doktor, mit dem ich mich langsam recht gut verstand, „nein, sie muss nicht. Zu diesem Zeitpunkt machen wir es so, wie Anne es will, und so wird es gut sein für sie. Sie wollte keine Chemo, keine Infusionen, keine künstlichen Mittel. Wenn sie es braucht, bekommt sie etwas um die Schmerzen zu lindern.“
An einem Nachmittag bat sie mich, ihr einige Gedichte von Rilke vorzulesen; das war ihr immer wichtig gewesen.
Eine andere Freundin rief manchmal an und versuchte sie zu bewegen, dass sie sich doch noch zu der Chemotherapie entschließen sollte. Diese Freundin war Ärztin, aber Anne hatte ihre Gründe, warum sie nicht wollte. Als diese Freundin sie einmal zu sehr bedrängte, sagte sie, „Lotte, ich kann nicht mehr! Ich gebe den Hörer an Rosi weiter.“
Sie war unendlich geduldig und für alles dankbar. Wenn ich ihr den Po wusch, sagte sie: „Dass du das für mich tust!“ Sie ertrug die Schmerzen und den Gedanken an den Tod mit einer erstaunlichen Abgeklärtheit, ja fast so, als sei der Tod der Beginn einer neuen und wichtigen Erfahrung. Manchmal fragte ich mich, woher sie diese Gleichmut nahm.
Der Pfarrer war der einzige Mensch von der „Außenwelt“, der zu ihr durfte, außer dem Doktor. Alle anderen musste ich abweisen. Auch am Telefon. Und dann entwarfen wir zusammen ihre Todesanzeige; das wollte sie so.
Es war kurz vor Ostern, und da äußerte sie den Wunsch, die Johannespassion von Bach zu hören. Sie wusste, dass ich diese Passion besonders liebte, und sie wollte sie mit mir zusammen anhören.
Eines Morgens kam der Arzt und ich führte ihn zuerst ins Wohnzimmer, da Anne zu schlafen schien. Wir sprachen über ein Rezept, das er noch unterschreiben musste. Plötzlich hörte ich einen schwachen Aufschrei aus Annes Zimmer. Ich lief sofort hinüber, und Anne hatte sich aufgerichtet und schien etwas sagen zu wollen. Da rief ich den Doktor, und als er kam, sah sie uns an mit einem erstaunten Blick und dann sank sie zurück in ihr Kissen. Der Doktor sagte nur, „Sie hat es geschafft.“
Ich blieb noch an ihrem Bett, bis die Leute vom Bestattungs-Institut kamen, und später blieb ich in der Tür stehen, bis der Wagen mit ihrem Sarg im strömenden Regen auf der Straße verschwand.


Kommentar von Monika Han.

Hallo Rosima, dein Text gefällt mir sehr. Er ist sehr schön geschrieben, liest sich gut, voller Gefühl. Man ist traurig über das Schicksal der Freundin und glücklich über das Erleben dieser innigen Freundschaft. Genau so wie du es beschreibst muss eine echte Freundschaft sein, ohne Wenn und Aber für den anderen da sein, bis zum letzten Atemzug. Gruß Monika Han.

Eingetragen am: 14.09.2009

Kommentar von Susanne

Auch hier bewundere ich wieder zum einen die Klarheit und Rationalität der Kranken, aber auch die aufopfernde Pflege und Fürsorge, die du der Sterbenden entgegen gebracht hast. Ein sehr ermutigender Text für mich, mit dem Tod umzugehen.

Eingetragen am: 13.09.2009

Kommentar von Iris H.

Liebe Rosima, man kann jeder/ jedem Sterbenden nur so einen liebevollen Beistand wünschen wie du es für deine Freundin warst. Das ist etwas, das bleibt. Schön, dass du es aufgeschrieben hast. LG Iris

Eingetragen am: 13.09.2009

Kommentar von Babs

Liebe Rosima, es tut gut zu wissen und in Deinem Text zu lesen, dass es Menschen gibt, die ihre eigenen Ängste und Zweifel hinten an stellen um einem Verwandten oder Freund in ihrem letzten Lebensabschbnitt zu begleiten. Du hast das alles so eindrücklich beschrieben und sicher war es für Dich schwer, dies so zu tun. DANKE für Deinen warmherzigen und menschlichen Text zu diesem Thema. Alles Gute Babs

Eingetragen am: 13.09.2009

Kommentar von Audrey81

Hallo Rosmina, deine Geschichte ist traurig und schön zugleich. Traurig, weil der Tod von Anne, dass Ende der Freundschaft bedeutete. Schön, weil so wie du die Freundschaft beschreibst, sie niemals vergessen sein wird. Liebe Grüße, Audrey

Eingetragen am: 13.09.2009

Kommentar von Hadassa

Hallo Rosima, Dein Text geht mir furchtbar an die Nieren. Ich selbst habe vor vier Wochen einer meiner besten Freundinnen an Krebs verloren und diese Textaufgabe ging fast über meine Kraft. Ich finde es so gut, daß es Menschen gibt, die zu ihren Freunden stehen und bei ihnen bleiben - bis zur letzten Stunde und zum letzten Atemzug. Danke für Deinen Text - ich kann ihn ganz und gar nachvollziehen und Deinen Schmerz auch. liebe Grüße Hadassa

Eingetragen am: 13.09.2009

Eingetragen am: 12.09.2009 von Erwina
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3418

„Das wird so nicht bleiben“, wurde Resi von ihrer Freundin Bernhardine ermahnt, „die Trauer wird kommen!“ Resi wusste, dass ihre Freundin Recht haben musste; sie wollte sich auch nicht dagegen wehren, doch in diesem Moment, an diesem Abend hier in dem Weinlokal, in dieser ersten verrückten Woche nach Jürgens Tod, konnte sie es sich nicht vorstellen. Sie fühlte etwas komplett anderes!
Resi hatte Jürgen geliebt. Über 40 Jahre war sie immer treu an seiner Seite gewesen, hatte mit ihm zusammen zwei Kinder groß gezogen, hat die Zeit, als Jürgen noch studierte, getragen, ebenso wie die Zeit, in der Jürgen zwei Jahre arbeitslos war. Später ging es ihnen finanziell sehr gut, sie konnten reisen und das Leben genießen. Dann kam der Krebs, der mit den Scheren des Todes Jürgen über einen langen Zeitraum zerlegte und Stück für Stück mit sich nahm. Zwei Jahre der Furcht, zwei Jahre des Bangens und des Trauerns hatten vor einer Woche geendet. Resi hat die Zeit ertragen, hat ertragen, den Zerfall von ihrem geliebten Jürgen hautnah zu erleben, hat ertragen, Abschied nehmen zu müssen, in aller Demut. Und nun war es vorbei.
Resi fühlte sich frei, komplett befreit von einer schweren Last, die sich auf ihre Seele gelegt und sie um alle Lebensfreude beraubt hatte. Und genau das feierte sie seit einer Woche!
Sie fühlte sich plötzlich wieder jung, hatte Spaß, in der Stadt shoppen zu gehen, hatte sich Opernkarten besorgt, ging ins Kino und traf sich mit ihren Freundinnen, so wie auch heute Abend mit Bernhardine. Sie war so leicht wie eine Feder, fast spürte sie ein Glücksgefühl in sich aufsteigen, das eine ganz andere Wertigkeit besaß als jedes andere zuvor gespürte. Ja, und auch wenn Bernhardine ihr nun sagte, dass sie den Tod von Jürgen noch nicht begriffen geschweige denn verarbeitet hätte und eine Zeit des Trauerns kommen wird, waren dies Dinge, die sie nicht zu betreffen schien.
Resi schwieg. Wie könnte sie Bernhardine erklären, wie es in ihr aussah? Ihre Freundin schien eher entrüstet, als sie Resi nach langer Zeit wiedertraf, die jetzt in neuen, sehr schönen Kleidungsstücken und einer neuen Frisur vor ihr stand, anstatt eine erschöpfte Frau mit Trauer und Einsamkeit ins Gesicht geschrieben vorzufinden, die es aufzumuntern galt.
Resi erinnerte sich an Jürgens Tod. Sie hatte am Bett des Krankenhauses gesessen, doch war kurz eingenickt. Als eine Krankenschwester sie weckte, war Jürgen schon tot. Nun lag er da, die vorher durch Qualen gezeichneten Gesichtszüge waren geglättet, und er strahlte eine Friedlichkeit aus, die ihr tatsächlich das Herz erwärmte. Es war gut. Er war erlöst, und das sah man dem gebeutelten Körper an. Resi weinte, auch wenn sie viel Zeit gehabt hatte, sich auf diese Stunde vorzubereiten. Und doch – alles fühlte sich anders an, als sie es sich vorher vorgestellt hatte. Sie wusste, dass Jürgen gegangen war mit dem Wissen, dass Resi ihn immer geliebt hatte. Er war nicht allein.
Als sie an jenen Abend zuhause in ihr Bett ging, das sie schon seit vier Wochen nicht mehr mit ihrem kranken Mann geteilt hatte, weil er im Krankenhaus lag, und das Licht gelöscht hatte, wiewohl sie an die dunkle Zimmerdecke starrte, hatte sie plötzlich eine Art Vision. Es war ihr, als sei sie nicht allein. In ihrem Kopf nahm sie ganz deutlich Jürgens Stimme wahr, die zu ihr sprach ‚Na, wie ist’s?’ – eine Floskel, die er Zeit seines Lebens benutzte, wenn er wissen wollte, wie es Resi ging oder was ihr im Kopf herumspukte. „Ich bin froh, dass Du nun Frieden gefunden hast“, sagte Resi ins Dunkle. In ihrem Gefühl schien Jürgen neben ihr zu liegen; er hatte seinen Ellenbogen aufgestützt und war ihr zugewandt. Er schaute sie zärtlich an und streichelte ihr durch ihre Haare. ‚Und ich bin froh, dass Du das so siehst!’ sprach er. Dann schlief Resi ein mit einem friedlichen und versöhnten Gefühl.
Über diese Erscheinung, die sie niemals mehr hatte, sprach sie mit niemandem, auch nicht mit Bernhardine. Vielleicht hätte diese sonst eher verstanden, warum Resi nicht trauerte. Und doch: Die Trauer würde kommen, später. Aber später war nicht jetzt.
„Auf das Leben!“ Resi hob ihr Glas. „Lass uns auf das Leben anstoßen!“


Kommentar von Claudia Tyrchan

Liebe Erwina, vielen Dank für diesen schönen Text! Es ist mutig, weil er zeigt, dass es verschiedene Arten gibt, Abschied zu nehmen und zu trauern. Es ist legitim, dankbar und erleichtert zu sein, wenn jemand nach langer Qual stirbt. Und aufzuatmen, wenn man in der Pflege des geliebten Menschen jahrelang viel geleistet hat. Das sagt absolut nichts darüber aus, wie sehr man jemanden vermisst oder geliebt hat. Du hast das sehr gut geschrieben! Liebe Grüße, Claudia

Eingetragen am: 15.09.2009

Kommentar von Iris H.

Liebe Erwina, diese Schilderung erinnert mich an Berichte von verschiedenen Freunden, die ähnliches erlebt und gefühlt haben. Da gibt es doch sowieso kein richtig oder falsch, nur unterschiedliche Phasen, die durchlebt sein wollen. Mir gefällt Resis tröstliche Vision sehr gut, und auch, dass sie sie für sich behält. Das ist wie ein Schatz, der ihr ganz allein gehört. Schön und liebevoll geschrieben! LG Iris

Eingetragen am: 13.09.2009

Kommentar von Susanne

Zuerst war ich verwirrt, dass eine Frau, die nach 40 Jahren ihren Mann verloren hat, fröhlich durchs Leben geht. Aber als ich die Szene las, in der Jürgen während Resis Schlaf starb, erinnerte mich dieses an ein sehr trauriges, aber schönes Lied, indem der Sterbende während des Schlafes seiner Liebsten geht, um ihr den Anblick seines Sterbens und sich selbst die Tränen zu ersparen, die seine Frau weinen wird (Das Lied heißt "Softly, As I Leave you"). Damit war ich versöhnt und konnte Resis - momentane - Gefühle nachvollziehen.

Eingetragen am: 13.09.2009

Kommentar von Babs

Hallo Erwina, auch so kann es sein. Und Niemand sollte dies verurteilen. LG Babs

Eingetragen am: 13.09.2009

Kommentar von Audrey81

Hallo Erwina, deine Geschichte hat mir sehr gut gefallen, weil sie mal eine ganz andere Sichtweise zeigt. Ich kann mir vorstellen, dass es viele Menschen gibt, die nach so einem Schicksalschlag, ähnlich empfinden wie deine Resi. Aber nur die wenigsten würden es wahrscheinlich zugeben, weil sie sich dafür schähmen. Liebe Grüße, Audrey

Eingetragen am: 13.09.2009

Kommentar von lillilu

Liebe Erwina, dies ist eine Textperle! Ich gratuliere. Nur zwei Anmerkungen: Kleidungsstücke hört sich nach Inventarliste an - mach daraus Kleider oder ein Adjektiv mit Adverb wie "schön gekleidet", oder Garderobe. Den Satz " Als sie an jeneM(!) Abend zuhause in ihr Bett ging..." würde ich entschachteln und kürzere Sätze daraus machen. LG Lillilu

Eingetragen am: 13.09.2009

Eingetragen am: 12.09.2009 von Liliana-Louisa
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3417

Maman hatte mich zum Schularbeitenmachen in den Garten geschickt. Ich lag bäuchlings auf dem gemähten Rasen, das Heft vor mir, und versuchte mich zu konzentrieren. Es gelang mir nicht. Zu viele Dinge lenkten mich ab.
Zur Rechten wässerte Monsieur Dechamps singend seine Rosen. Ich schloss die Augen und gab mich seiner wohltönenden Stimme hin. Für wen er wohl sang? Ob er verliebt war?
Das Geschrei sich streitender Kleinkinder zur Linken riss mich aus meinen Gedanken. Luc und Lale kämpften darum, zuerst schaukeln zu dürfen. Gegen den Lärm, den die beiden machten, kam Monsieur Dechamps’ Stimme nicht an.
Ich seufzte und vertiefte mich wieder in meine Schularbeiten. Doch schon im nächsten Moment biss mich etwas in die Wade. Ich setzte mich auf und schlug danach. Eine zerquetschte Ameise zierte mein Bein. Mit Daumen und Zeigefinger schnippte ich sie weg. Sie landete bei den Tomatensträuchern, dort, wo unser Kater Filou saß und mit irgendetwas beschäftigt war. Mit seiner Vorderpfote stupste er ständig gegen ein undefinierbares Stück Etwas.
Neugierig krabbelte ich die kurze Distanz zu ihm. Als er mich sah, fauchte er mich an und hielt seine Pfote besitzergreifend auf dem Ding. Ich scheuchte ihn weg und sah auf ein totes Vogelbaby. Dessen Kopf wirkte zum Rest des Körpers unnatürlich groß. Nackt und schutzlos lag es da. Ameisen wuselten über seinen Körper. Ich nahm einen Stock und drehte es um. Dünne weiße Maden kamen aus dem Bauch des Vogels und wanden sich wie in Krämpfen. Ich wollte nicht, dass das tote Vogelbaby von Gewürm zerfressen wird und buddelte ihm neben den Tomaten ein Grab. Hier drinnen, so glaubte ich, wäre es sicher.


Kommentar von Iris H.

Liebe Liliana-Louisa, zunächst mal danke für deinen Kommentar, aus dem ich, genau wie aus deinen Texten, ein großes Herz für Kinder herauslese. Du kannst dich unvergleichlich gut in ihre Gedanken- und Gefühlswelt hineinversetzen, das gefällt mir sehr. Ich verfolge deine Julie-Texte mit großem Genuss und habe sie, glaube ich, nur noch nie kommentiert, weil sie einfach perfekt sind. LG Iris

Eingetragen am: 13.09.2009

Kommentar von Janis

Du hast es geschafft, Idylle und Horror wie selbstverständlich zusammenzufügen. Gratuliere, Liliana-Louisa, denn das ist ein besonderer Schreibstil, der nicht jedem gelingt.

Eingetragen am: 13.09.2009

Kommentar von Audrey81

Liebe Liliana-Louisa, deine Geschichte hat Kindheitserinnerungen in mir geweckt. Ein schönes Gefühl. Und wie immer, hast du sehr schön beschrieben. Vielen dank auch für deinen Kommentar zu meinem "Lebendigen Tod". Deinen Verbesserungsvorschlag habe ich gleich umgesetzt =) Liebe Grüße, Audrey

Eingetragen am: 13.09.2009

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