Schreiben Sie mit!
Verstecke
Aufgabe
Schreiben Sie heute einen Text, der Ihnen Asyl gewährt. Oder schreiben Sie auf, wie sich Ihre Figuren verstecken – schließen sie die Fensterläden, wenden den Blick ab, schalten das Handy aus? Oder beschreiben Sie den Ort, an den Sie sich im Notfall zurückziehen. Wie ist es, dort zu sein?
Leserbeiträge
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3768
Und plötzlich schrie das Telefon und ich schmiss den Hörer auf die Gabel ...
„Halts Maul, du erzählst mir immer und immer wieder Geschichten von Menschen, die mit Tieren aus den Gesellschaften ausgewandert sind, weil sie dieses normale Leben satt hatten! Ich hab die Schnauze voll von deinen Lügen!“
Ich stand im Zimmer, neben dem Tisch, auf dem das alte Telefon seinen Vorruhestand absaß.
„Erst gestern hab ich Angela Merkel angesprochen, hab ihr gesagt, wie toll ich ihre Idee von der Woche der Lenkradlosen finde und sie guckte mich an, als sei ich ner geschlossenen Psychiatrie entlaufen, dabei hast du mir gesagt, dass die Idee von unser aller Dr. Angela stammt und ich, ich hab dir geglaubt und sie angesprochen! Ja, immerhin hat sie mir zugehört! Die Kacke war am dampfen, wie die Berliner Großschnauzen so gerne sagen.
Die Stadt war voller Menschen, die meinten, wir sollten endlich mal richtig abschalten. Es ging um Atomkraft und die Folgen und vielleicht hatten die weit aufgerissenen Augen von unser aller Dr. Angela zu sagen, dass sie mir nur deshalb zuhört, um der aufgebrachten Masse der AtomkraftgegnerInnen zu entgehen. Ich weiß das nicht und ich wollte es auch nicht wissen, und ich wollte nicht ihr Seelsorger sein! Ich wollte mich dafür bedanken, dass sie diese tolle Idee hatte, weiter nichts!“
Wut klang in meiner Stimme mit und eigentlich wusste ich nicht so recht, weshalb ich mit meinem Telefon sprach. Es stand einfach so da und sah aus, als starre es mich an und es bewegte ganz zaghaft die Wählscheibe. „Du, du hast sie angesprochen, wegen der Woche der Lenkradlosen, hab ich dich da richtig verstanden?“
Ich hatte meinen Kopf auf die Hände gestützt und saß nun neben dem Telefon. Das Telefon wechselte die Farbe. Knallrot stand es nun vor mir und ich fragte mich, ob mich mein Wissen um die Phänomene der menschlichen Hirne narren.
Plötzlich sprang der Hörer in meinen Schoß und bei seinem Aufprall merkte ich deutlich, dass es Realität ist, dass mein Telefon wirklich nicht normal ist!
„Wie kann ein Telefon in einem Hauhalt, in dem nichts der Norm folgt, normal sein und bleiben? Das geht doch gar nicht!“, flüsterte die Hausspinne, die direkt über dem Telefon ihr Netz gewebt hatte.
Wenn die Sonne durchs Fenster lugte, dann leuchtete es silbern und ich saß oft stundenlang davor und redete mit der Spinne.
`Vielleicht war das Telefon eifersüchtig, dass es nun auch mit mir reden wollte?`
Ich schüttele mich! Was geht mich das alles an, wichtig ist doch lediglich, dass die Kanzlerin endlich die „Woche der Lenkradlosen“ für Berlin ausgerufen hat! In dieser Woche dürfen alle BerlinerInnen ihre Autos Zuhause lassen. JedeR darf sich ein paar Tage zuvor einen Rollstuhl aussuchen, der zu ihm passt. Wir haben in Berlin genau so viele Rollstühle zur Verfügung, wie die Stadt EinwohnerInnen hat. Die Touris werden Augen machen! Gut, dass einige BerlinerInnen ganz sicher keinen Rolli in Anspruch nehmen werden, da können ein paar Touris die Idee gleich mit nach Hause nehmen, weil sie sie hier ausprobiert und für gut befunden haben ...
Ich liebäugele schon lange damit, mal einen Rennrollstuhl ausprobieren zu können! Die ham ja beim Marathon immer ein Tempo drauf, mit den Dingern, das ist ja unglaublich und auch wenn ich untrainiert bin, werde ich viel Spaß dabei haben! Tempo kommt dann beim Trainieren ...
Da setzt kein Bauch Fett an, wenn er sich mit eigener Kraft durch die Stadt bewegt! Mit das Schönste daran ist, dass kein Benzingestank entsteht und auch kein Lärm. Wahnsinn! Das ist doch die Idee! Die Menschen in den Rollis können neben einander her fahren und miteinander reden! Und was das Allerbeste daran ist, die Öffentlichen fahren auch und die Menschen, die keinen Rollstuhl ausprobieren wollen oder können, die können mit Bahnen und Bussen kostenfrei fahren. Wer keine Kraft mehr hat, um mit dem Rollstuhl den Rückweg zu fahren, kann mit dem Rolli in die Bahn geschoben werden. Ohne Geld hingeben zu müssen, werden die Ausgepowerten nach Hause gebracht. So tolle Ideen kann doch eigentlich nur ne Kanzlerin haben, dachte ich bis gestern, bis ich sie dafür lobte und keine Antwort von ihr bekam! Wer ist es, wessen Stimme sich in meinen Gedanken versteckt?
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3749
Nicht ums Verrecken
Will ich mich verstecken
Die Wunden zu lecken.
Halt, nicht erschrecken
Um sieben Ecken
werd ich mich strecken
Figuren verstecken
die suchen und necken
mit wärmenden Decken
Heuschrecken.
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3384
Ich besaß nur ein altes Fahrrad und brauchte dringend ein Auto. Auf dem Weg zum Büro bremste mich ein Borgward Isabella, der zu verkaufen war. Ich läutete an der Haustür und wartete eine Weile. Nichts rührte sich. Ich wählte die Nummer, die auf dem Schild "zu verkaufen" stand, aber niemand nahm ab. Ich läutete nochmals und war in Gedanken schon auf dem Rückzug als aus dem Lautsprecher krächzte:
"Zu wem wollen Sie?"
"Es ist wegen dem Wagen", sagte ich, "kann ich ihn mal ansehen?"
"Ja, er steht auf dem Hof."
"Ich hab ihn gesehen, ich würde gerne mal unter die Haube sehen und mich auch mal reinsetzen."
"Das macht meine Schwester, sie ist nicht da, kommen sie später wieder, wenn sie daheim ist."
"Ok, wann kommt sie denn?"
"Weiss ich nicht, versuchen Sie es morgen mit dem Telefon, die Nummer steht dran."
"Ja aber können sie nicht mal rauskommen."
"Nein."
Ich wartete eine Weile, rief ein paar mal: "Hallo" in die Anlage, bekam aber keine Antwort. Ich stieg auf mein Fahrrad und wollte gerade losfahren, als sie ankam.
"Gehört Ihnen der Wagen?", fragte ich.
"Nein", sagte sie.
"Wem gehört er dann?"
"Dem Gerichtsvollzieher, wenn sie es genau wissen wollen."
"Oh, dann ist das seine Telefonnummer?"
"Ja."
"Vorhin hat mir jemand gesagt, dass Sie das regeln."
"Ach, er schreibt an seinem Roman."
"Oh. Sein erster?"
"Nein, nein. Aber das ist es ja gerade, es ist sein zweiter."
"Der erste war wohl ein Flop?"
"Wie mans nimmt."
"Ich meine, wenn schon der Gerichtsvollzieher kommt."
"Er weigert sich mit jemand zu reden, bevor das Manuskript fertig ist."
"Er schließt sich ein?"
"Er schottet sich ab. Vielleicht spricht er mit Ihnen."
"Ich fürchte nein, ich habs schon versucht."
"Na dann kommen Sie mal mit, wenn er sie sieht, macht er vielleicht eine Ausnahme."
Sie führte mich über einige verwinkelte Gänge in einen Kellerraum. Dort saß er, der Autor, umgeben von Bücherbergen und blickte gedankenverloren auf drei verschiedene Monitore.
"Sie will deine Karre kaufen", sagte die Frau ohne Gruss.
"Guten Tag", sagte ich.
"Der erste Mensch in drei Monaten."
"Bin ich keiner?", sagte sie.
"Ausser dir."
"Trinken Sie Kaffee."
"Ich interessiere mich für Ihr Auto."
"Unverkäuflich."
"Aber das Schild."
"Ach, der Kerl war ungeduldig. Ich habe keine Zeit, mich um Rechnungen und sowas zu kümmern, da pappt er mir einfach so einen Vogel an die Karre."
Die Schwester schüttelt den Kopf und geht hinaus.
"Na gut, dann danke für den Kaffee."
"Warten sie. Was ist es ihnen denn wert?"
"Keine Ahnung, woran haben Sie denn gedacht?"
"Sehen sie, das ist das Problem. Ich denke einfach an andere Dinge."
"Und da verschanzen sie sich hier hinter ihren Computern und lassen sich die Hütte über dem Kopf wegpfänden?"
"Psst, nicht so laut. Sie muss es ja nicht wissen. Ich will hier einfach nur meine Ruhe. Ich brauche Zeit, für meinen neuen Roman. Aber wenn sie so freundlich sein könnten und die Rechnungen für mich überweisen; sie muss ja nicht alles wissen, verstehen Sie?"
"Ich soll ihre Rechnungen überweisen? Das meinen Sie nicht ernst oder?"
"Naja, das Geld bekommen sie natürlich von mir, ich habs nur nicht so mit dem Papierkram."
"Ich kam nur wegen dem Auto."
"Ich weiss, sie müssen das nicht umsonst machen. Ich zahle gut."
"Nein danke, ich will nur ein Auto und wenn sie nicht verkaufen, dann suche ich weiter."
"Ich schenke Ihnen das Auto."
"Sie schenken mir das Auto?"
"Wenn Sie mir Ordnung in das Chaos bringen und die Rechnungen - von meinem Geld - bezahlen. Aber bitte oben, damit ich hier unten meine Ruhe habe."
"Das Auto gefällt mir gut."
"Also abgemacht?"
"Sie sind verrückt, aber ich machs, für das Auto."
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3364
Sorry, hab zwar schon einen Beitrag zu dem Thema .... aber einen will ich doch noch dazustellen.
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VERSTECKE
Der Tag verlief schrecklich bislang. Er hatte das Gefühl, dass er heute aber auch mit wirklich jedem Ärger bekam.
Endlich war er allein und konnte sich den wirklich wichtigen Dingen widmen.
Das Fahrzeug wurde von ihm, dem Meister persönlich, mit allem ausgerüstet, was das Herz begehrte. Es hatte Allradantrieb und konnte umschalten auf Kettenfahrt. Außerdem konnte es natürlich Treppen bewältigen.
Schwenkbare Laserkanonen waren auf dem Dach montiert, direkt neben den fliegenden Spion-Robotern. James Bond wäre vor Neid erblasst.
Die Fahrer stiegen von der Seite ein, der Einstieg von oben war für die Klonkrieger, die sich in einem extra Raum nach dem Vorbild des trojanischen Pferdes versteckten.
Langsam nahm die mobile Kampfzentrale Fahrt auf. Ganz vorsichtig fuhr sie auf den großen Berg zu. Die Späher hatten schon gemeldet, dass dort die feindlichen Truppen lauerten. Furchterregende Monster auf zwei Beinen, die ebenfalls mit Laserkanon ausgerüstet waren und deren Hände mechanische Greifer waren, die alles, was sie zu fassen kriegten, zerquetschten.
In sicherer Deckung stoppten die Helden.
Doch da! Die Feinde nahten mit einem Katapult und schossen Kanonkugeln auf die Helden!
Nun war es aber höchste Zeit, die Klonkrieger herauszulassen.
Gerade als der Meister vorsichtig den geheimen Raum öffnen wollte, ertönte der Ruf: „Räum bitte endlich das Legozeug weg und sammel die ganzen Papierkügelchen auf, die du hier in der Wohnung herumgeschossen hast.“
Liebe Veronika, wie schön, dass du diesen Text noch reingestellt hast! Du hast dieses Eintauchen eines Kindes in seine Fantasiewelt ganz wunderbar beschrieben. Und auch das "brutale" Gewecktwerden durch Erwachsene. Erinnert mich an die Zeit als meine Kinder noch klein waren und auch in unserer Wohnung Legos und anderes vertreut herumlag. Nicht immer konnte ich die nötige Geduld und Respekt dafür aufbringen, aber manchmal habe ich das Essen auf dem Herd stehen lassen und bin mit eingetaucht in das Spiel. Ich erinnere mich gern daran. Im Übrigen gefiel mir auch schon dein erster Text über den Mondspaziergang! LG Iris
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3363
Drei Seiten habe ich an meiner Geschichte schreiben können, da kam er nach Hause und sagte: „ Was machst du da?“
„Ich schreibe, wie du sehen kannst.“
„Und du glaubst wirklich, das interessiert jemanden? Was verdienst du damit?“
„Aber jetzt reicht es", sagte ich erzürnt, „ich gehe zum Nachbarn jetzt, damit ich meinen Frieden habe.“
„So zum Nachbarn? Zu diesem Waschlappen? Und der lässt dich schreiben?“
„Nein“, sage ich lächelnd, „aber er ist sehr nett zu mir.“
„Den Kerl bring ich um“, schnaubt er wütend, rennt in die Küche und sucht ein Messer. Dann rast er zur Tür hinaus.
Ihre Mundwinkeln zeigen ein kleines Lächeln, fast nicht sichtbar. Das ist gut, wenn er ihn umbringt, dann kommt er in die Kiste und ich kann schreiben. So bin ich beide auf einen Schlag los.
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3359
Verstecke
Es ist zum Haare raufen! Die neue Direktrice moniert mal wieder meine Arbeit. Mit Argusaugen prüft sie jedes Teil, kehrt es x-mal von außen nach innen und umgekehrt, als müsse sie mir etwas nachweisen - und – richtig. Wer nach Fehlern sucht, findet sie auch. Dabei arbeite ich schon seit über zwanzig Jahren für diese Firma. Ich weiß, dass ich mit Achtundfünfzig kurz vor der Rente stehe, und dass jüngere Kollegen geradezu auf den Job warten. Verärgert packe ich meine Arbeit wieder ein.
Ach, könnte ich doch einfach aussteigen, wo ich immer nur funktionieren muss, mich verbiegen, weil andere es so wollen!
Nur weg von hier – weit weg!
Ich steige in die nächste U-Bahn - will nach Hause. Der letzte Waggon ist mäßig besetzt. Ich entscheide mich für einen Fensterplatz und schließe die Augen, höre das Rauschen der Räder. Bilder der Erinnerung ziehen an mir vorüber.
Ja, ich sitze im Zug nach Moskau, fahre noch einmal durch die Weiten Ostpolens und Russlands. Vor meinem inneren Auge sehe ich die unberührte Natur, Wiesen, Wälder, wogende Kornfelder, so weit das Auge reicht. Einige Holzhäuser stehen auf einer Wiese am Waldrand.
Der Zug hält in Brest, Minsk, Smolensk – Bahnhofsgebäude und Städte von prächtiger Architektur. Wir kommen in Moskau am Weißrussischen Bahnhof an. Auf dem Bahnsteig umarmen mich Freunde und begrüßen mich mit einem Blumenstrauß. Sie fahren mit mir durch die belebte Stadt. Ihre Straßen, zehn Spuren auf jeder Seite, hinterlassen in mir einen bombastischen Eindruck.
Wir lassen Moskau hinter uns, fahren teils auf unbefestigten Straßen in ein Dorf bei Vladimir. Wieder begegnet uns die großartige russische Landschaft - dunkle Wälder und sonnige Birkenhaine. Wir erreichen das Dorf. Die Holzhäuser mit ihren kunstvoll geschnitzten Fassaden leuchten im Sonnenlicht. Ich gehe um das Haus in den Garten und fühle mich für einen Augenblick in meine Kindheit versetzt, weit weg vom alltäglichen Treiben. Hier ist Ruhe, hier sind Menschen die mich mögen und die ich liebe. Ich atme tief durch und genieße diesen Glücksmoment….
Die U-Bahnstation wird ausgerufen: „Rathaus Neukölln!“ Ich öffne die Augen und bin wieder auf dem Boden der Tatsachen. Dennoch verspüre ich eine innere Erleichterung. Es war die gedankliche Reise, die in mir etwas verändert hat. Was mich vor einer halben Stunde noch in Niedergeschlagenheit versetzte, ist verflogen. Es ist die Kraft der Gedanken, die Frust und Ängste bezwingt, und uns, wenn auch nur für einen Augenblick in eine bessere Welt befördern kann. Ja, die Gedanken sind frei, so frei, dass sie Grenzen und Mauern überwinden.
Die Gedanken sind frei? Tja, wenn ich ihnen das erlaube ... Herzliche Grüße aus Weißensee. Berthild
Liebe Ursula, besonders das Plädoyer "Gebt den Gedanken Raum, nährt euch an Träumen und schönen Erinnerungen" möchte ich unterstützen : ). Lieben Gruß Bärbel
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3344
Oft, wenn ich ein besonderes Bedürfnis nach Ruhe habe, besuche ich das alte Münster in der Stadt. Dort fühle ich mich geborgen und meine Gednaken werden selten von Geräuschen gestört; denn in der von mir bevorzugten Zeit, verirrt sich selten jemand hierher. Nur manchmal übt der Organist oder jemand, der es werden möchte, seine Fingerfertigkeit.
Auch heute betrete ich das Münster wieder durch einen kleinen Seiteneingang und nach der im Freien herrschenden Hitze umfängt mich die angenehme Kühle der alten Mauern. Erlechtert stelle ich fest, dass sich außer mir niemand in diesem wunderschönen Raum befindet und nach ein paar schnellen Schritten erreiche ich "meinen" bevorzugten Platz neben einer dicken Säule und setze mich auf die alte, harte, leicht knarrende Kirchenbank.
Minutenlang verweile ich gedankenverloren die durch die bunten Fenster einfallenden Sonnenstrahlen betrachtend, bis leise perlende Töne den hohen Raum durchfluten. Ich schließe meine Augen und lasse mich einfach von der Musik forttragen. Reine, leise Akkorde, wie blitzende Tautropfen an Gräsern und Büschen im ersten Morgensonnenstrahl, hallen von den Wänden. Dann scheinen sie bunte, zarte Schmetterlinge zu sein, die schaukelnd im leichten Sommerwind, von Blüte zu Blüte tanzen um im nächsten Moment von einer sanften Bö erfasst und von ihr fortgetragn werden. Dazwischen erklingt ein Jubilieren, leicht und hell, wie aus vielen Vogelstimmen.
Völlig losgelöst fühle ich mich auch bei den nächsten Tönen, die erst wie ein Bächlein leise plätschernd seinen Weg sucht und dann zum wilden Strom wird und alles mitreisst, was sich ihm in den Weg stellt. Um nach einer Herzschlagspanne sanft und in kleinen Wellen, in einem See voller Harmonie zu enden.
Danach absolute Stille!
Zögernd öffne ich meine Augen und blicke verwirrt um mich. Tief berührt und gestärkt vom eben gehörten Orgelspiel trete ich meinen Heimweg an.
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3341
Das Karussell dreht sich…es wird schneller...ich genieße es…es soll sich noch schneller drehen…so schnell! Und ich schließe die Augen. Und es dreht sich und ich freue mich. Ich verspüre ein Funken von Glück drehe mich mit dem Karussell…und es wird schneller und ich drehe mich mit und es dreht sich um mich und die Erde um mich herum dreht sich und die ganze Welt dreht sich mit und die Welt dreht sich um mich und ich schließe die Augen und ich genieße den Augenblick!
Ich öffne meinen Augen und die Realität holt mich wieder ein, als ich das Chaos hinter der Bühne in der Garderobe erblicke.
Es folgt der Fall ins schwarze Ungewisse. War ich wirklich gut oder war das nur ein Applaus aus Höflichkeit oder galt er nur meine Kollegen und nicht mir? Oder galt er einzig und allein nur mir?
Was kommt aus den Mündern meiner Freunde, Verwandten und Möchtegern Bekannten? Ein Lob ein schiefer Blick eine Eintrittskarte in den Himmel?
Ich betrete den Raum wo mich die Zuschauer erwarten…sie schauen mich an und fletschen die Zähne sie wollen mich beißen, vor Neid vor Stolz vor Abscheu…ich hab Angst ich will hier raus…ich will wieder auf mein Karussell das sich dreht und mich beschwingt und mir ein Gefühl von Leichtigkeit und Glanz schenkt!
Hallo Sophie, sehr schön geschrieben! Was mich vor allem beeindruckt hat, war die Passage, in der sich alles dreht. Ich musste diesen Teil zweimal lesen, denn auch bei mir hat sich alles gedreht beim Lesen. Eine gute Idee, keine Satzzeichen zu verwenden an dieser Stelle! Liebe Grüße, Claudia
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3336
e auf reisen... eigentlich eine lange Geschichte hier die kurzverison: angefangen hat sie mit dem verrirrten e, dass versucht hat zu renat zu gehören, also renate. Damit es nicht so aufgefallen ist hat sich das e teilweise hinter dem ersten e versteckt. dieses versuchte es auch am anfang zu schützen, einfach wenn es da stand. aber allmählich gelang es dem e eine eigendynamik, eine selbständigkeit ja sogar eine selbstsicherheit zu gewinnen es stand dann einfach am schluss von renat also renate. nicht mehr wegzudenken einfach so dastehen, es ist natürlich nur ein kleines e nicht so ein riesengrosses E, gar nicht zu vergleichen. eher bescheiden und klein, etwas kleinlaut und doch mit plötzlicher wichtigkeit, es steht am schluss. doch allmählich merkte natürlich das t, von renat welches zuerst den schluss gemacht hat, dass es jetzt plötzlich kein schlusslicht t mehr ist, sondern ein x beliebiges mittel t, also fing es an das e wegzudrängen, zu verdecken. auch die besitzerin renat merkte, dass sie nicht renate heisst sondern eben nur renat also das e muss weg. das mit dem verstecken hinter dem ersten e geht auch nicht mehr so, weil dieses natürlich auch nicht begeistert war, einem "plagöri", einem "einschleimer" asyl zu geben. also nun ist das e weg auf der suche nach einer neuen bleibe, es kann sich natürlich immer wieder mal hinter etwas verstecken, drumm schaue gut ob das e, dass da steht wirklich alleine ist oder ein e hinterrücks dir zuzwinkert???
Hallo Sorglos, die Idee gefällt mir. Auch bei der Kurzversion könnte man m.E. noch streichen. Zu der Schlussfolgerung beispielsweise, dass ein e am Schluss von Renat dann Renate heißt, kommt der Leser selbst. Worüber ich positiv stolperte, ist die Darstellung, dass das Schlusslicht seine Position verteidigt, weil ich diese Position eher als negativ besetzt kenne : ). LG Bärbel
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3335
VERSTECKE
Ich muss einfach mal weg hier. Das ewige Genörgel und die Ansprüche meiner Familie, für die ich nur zu funktionieren habe, zermürben mich.
Ich muss Kraft tanken, für mich allein sein; irgendwo, wohin mir keiner folgen kann.
Es herrscht ein eigentümliches Licht um mich herum.
Ich stehe am Rande einer tiefen Schlucht, die zum „Meer der Heiterkeit“ gehört. Hunderte von Metern geht es steil nach unten. Ich kann jedes Detail des Grundes erkennen. Unwirklich scharf. Alles ist von der Sonne hell erleuchtet, obwohl es um mich herum relativ dunkel ist.
In der Ferne erkenne ich die Haemus-Berge. Wüsste ich nicht, wie weit diese Berge entfernt sind, ich könnte es nicht schätzen in dieser steinigen Einöde. Hier verschwimmen die Konturen nicht in der Ferne, auch die Farben verblassen nicht. Alles ist gleichermaßen gestochen scharf.
Ich spaziere mit Siebenmeilenstiefeln und völlig schwerelos am Rande der Schlucht entlang, genieße die absolute Einsamkeit.
Wie mag diese Schlucht entstanden sein? Ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht, wann die Schlucht entstanden ist. Es gibt keine Verwitterung.
Um mich herum herrscht tiefe Stille. Kein Flugzeuglärm, keine plärrenden Fernseher, keine schwerhörigen Handybenutzer, keine Autos.
Auch kein Kinderlachen, keine Vögel, kein Windhauch.
Gerade, als ich überlege, dass auch ich hier keinen Laut hervorbringen könnte, da es keine Atmosphäre gibt, die den Schall überträgt, donnert ein Flugzeug über mich hinweg. Es fliegt genau zwischen meiner Teleskopöffnung und dem Mond hindurch und beendet damit abrupt meinen Spaziergang auf unserem Erdtrabanten.
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3324
„Verstecke, die man verrät, sind keine Verstecke mehr“, sagte Zoe und kletterte über einen Baumstamm, der quer über dem Weg lag.
„Mhm“, meinte Mag und überlegte, ob sie mit Anlauf über den Stamm springen sollte.
„Siehst du es anders?“, fragte Zoe. „Und wieso denkst du überhaupt über Verstecke nach?
„Weil mir die Frage bei diesem jährlichen Dienstgespräch gestellt wurde. Also nicht nur mir, sondern auch allen anderen. Und jeder von uns sollte darüber reden und erklären und anschließend über die Antworten nachdenken und reflektieren und nochmals reden.“
„Und was kam dabei herum?“, fragte Zoe neugierig.
„Nichts“, antwortete Mag. „Und man hat mich deshalb zu einem weiteren Gespräch gebeten. Die Menschheit wird immer verrückter. Man glaubt nämlich, daß ich mich selbst nicht kenne und Hilfe bräuchte. Dabei weiß ich um meine Verstecke, aber ich rede nicht über sie, weil sie mir zu privat sind. Aber selbst diese Antwort kann ich nicht geben, weil mir damit unterstellt wird, daß ich irgendein anderes Problem hätte, vielleicht nicht offen bin. Dabei möchte ich einfach meine Seele nicht vor anderen ausbreiten und zur Diskussion stellen. Sonst könnte ich ja sofort in einen Wohncontainer ziehen und mich rund um die Uhr begaffen lassen.“
„Ich wußte gar nicht, daß du dir solche Sendungen anschaust“, lachte Zoe.
„Tu ich auch nicht“, gab Mag zur Antwort. „Ich besitze noch nicht einmal einen Fernseher, um mich hinter einen langen Fernsehabend zu verstecken und einem Konflikt aus dem Weg zu gehen. Ich mag Schokolade, aber bekomme davon Pickel und kann sie somit nicht als Trostversteck einsetzen.“
„Das Bettversteck“, schlug Zoe vor.
„Geht auch nicht“, seufzte Mag. „Mein Oma sagte immer daß ich Hühnerallüren hätte und den Tag wie ein Huhn gestalte. Sobald es hell ist, wache ich auf und bin dann auch wach und sobald es dunkel wird, bin ich einfach nicht mehr so aktiv. Jetzt, wo die dunkle Jahreszeit kommt, werde ich mich früh wie ein Huhn auf meine Stange verkriechen und den Kopf unter die Federn stecken und schlafen. Wie soll ich mich dann noch verstecken?“
„Das wird dann aber sehr schwierig“, stöhnte Zoe.
„Ja, ich habe mir gerade überlegt, ob ich mir nicht ein Buch über Refugien kaufe, es durchlese und mir ein eigenes im Kopf gestalte. Zum Beispiel das Haus auf den Klippen, das nur über einen Pfad bei Ebbe zu erreichen ist.“
„Auf die psychologische Interpreation bin ich gespannt“, kicherte Zoe.
„Ich auch“, lachte Mag. „Wobei ich sie mit dieser Antwort nicht für dumm verkaufen will. Vielleicht sollte ich ihnen aber sagen, daß das Schreiben für mich ein Versteck ist und ich es nur für meinen Brotberuf verlasse.“
Danke @ Iris,@ Lillilu,@ Babs,@ Susanne für die Kommentare und Anmerkungen und Impulse. @Lillilu: mir war gar nicht bewußt, welche Rätsel ich mit dem Text aufgab. Wahrscheinlich hatte ich die Geschichte und die Figuren so sehr im Kopf, daß mir die Sache klar war, aber nicht unbedingt dem Leser. Deine Hinweise sorgen zumindest dafür, daß ich das Thema Verstecke weiter im Kopf behalte. Danke. lg Hadassa
Dein Text hangelt sich sehr schön an den Gedanken entlang, die ich auch hatte: Verstecke zu verraten, nimmt ihnen das Magische, Geheimnisvolle, und man entblößt damit auch einen Teil seiner selbst. Und das schönste Versteck ist dann doch das Schreiben, aus dem auch ich leider viel zu oft herauskriechen muss. Ich habe mich in dem Gespräch zwischen Zoe und Mag richtig gut wiedergefunden.
Liebe Hadassa, es gefällt mir, dass du Deine Verstecke nicht offenbarst, sondern Dir ein Refugium in Deinem Kopf für sie bereit hältst. Fast so, wie Schubladen, in der man Dinge versteckt, die nicht für Jedermann sichtbar sein sollen. Schön, dass Du mal wieder über Mag und Zoe geschrieben hast. LG Babs
Zuerst dachte ich an Kinder, die über Verstecke reden, dann an Scientology, aber als die Hühnerallüren und die Oma ins Gespräch kamen, war für mich der Text wieder geerdet. LG Lillilu
Liebe Hadassa, Verstecke und Geheimnisse dienen neben einer erholsamen Flucht vor Alltag und Realität auch der Wahrung der Integrität. Das lese ich als das Thema deines Textes heraus. Nichts kann mehr unser persönlichstes Eigentum sein und mit nichts anderem kann man seine Mitmenschen mehr vor den Kopf stoßen als mit der Wahrung eines inneren Geheimnisses. Ich finde, das hast du gut getroffen. LG Iris
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3323
Unter dem Dach unseres Hauses befindet sich ein kleines Kämmerlein, in das ich mich zurückziehe und schreibe. Dort ist es ruhig, da bin ich für mich alleine und sitze am Computer, der meine Gedanken aufnimmt. Die Ideen fliegen mir nur so zu. Meistens sind es welche, die Ereignisse aus meinem Leben umreißen, Dinge, die mich beschäftigen und über die ich mit fremden Menschen besser reden kann, als mit meinen Angehörigen.
Ich stelle es mir vor und denke, wenn meine Eltern mich hören, sehen und heute erleben könnten, würden sie staunen, was aus mir geworden ist, wie ich mich entwickelt habe. Leider leben beide nicht mehr. Sie waren stets mein Vorbild und auch wenn ich sie damals manchmal enttäuscht habe, so denke ich heute, dass ihre Erziehung bei mir Früchte getragen hat. Ich habe mich von einem stillen kleinen ruhigen schüchternen Mäuschen zu einer gestandenen Frau entwickelt, die weiß was sie will und die gelernt hat, dafür zu kämpfen, die sagt, was sie denkt, auch wenn sie dabei manchmal in Fettnäpfchen tritt und sich damit Eigentore schießt.
Ich bin jetzt in einem Alter, in dem ich nichts mehr beweisen muss, aber ich möchte, dass man mich beachtet. Dabei möchte ich nicht im Mittelpunkt stehen, sondern einfach nur beachtet werden. Darunter verstehe ich, dass man mir zuhört, und wenn ich es möchte, mir seine Meinung sagt, wobei der Ton, der angeschlagen wird, für mich eine große Rolle spielt.
Das Schreiben hilft mir, Erlebnisse in meiner Familie aufzuarbeiten und in einem anderen Licht zu betrachten. Vieles, was mich bisher belastete, fällt mit jedem Satz, mit jeder Seite von mir ab. Manche Verhaltensweise regt mich zwar noch auf, aber manchmal lächle ich einfach und sehe darüber hinweg. Ich stehe zunehmend gelassener vielen Problemen gegenüber, nicht nur familiären.
Ich erfand die Familie Schacht, die einen behinderten Sohn hat und schreibe, wie die drei ihr Leben gestalten, wie sie sich weiterentwickeln, welche Probleme auftreten und wie sie diese lösen.
Dabei ging ich von verschiedenen Sichtweiten aus, einmal als Erzählung, in der die drei agieren und ein anderes Mal, wo ich Hannes, den behinderten Sohn, erzählen lasse.
Hier eine Kostprobe aus der Erzählung von Hannes:
„Hannesgeschichten“
Prolog
„Heut ist ein wunderschöner Tag, die Sonne lacht uns so
hell“, klingt es aus dem Lautsprecher meiner Stereoanlage.
Ich habe diesen Titel aufgelegt, weil heute schönes Wetter
ist und die Sonne tatsächlich scheint.
Mein Name ist Hannes Schacht. Ich bin Anfang dreißig, etwa
einen Meter und fünfundsiebzig groß, schlank, habe blaue Au
gen und immer gute Laune. Mein starker Bartwuchs macht
mir zu schaffen. „Du musst dich öfter am Tag rasieren, damit
du gepflegt aussiehst“, sagt meine Mutti immer zu mir, aber
ich habe dazu oft keine Lust. Und ich habe Probleme beim
Haare kämmen, weil ich zwei Wirbel habe. Meine Mutti meint:
“Das sind Ansätze für Hörner, wie sie Ziegenböcke tragen.“
Irgendwie scheint sie Recht zu haben, denn manchmal bocke
ich, wenn ich was machen soll und nicht verstanden habe,
warum.
Aber sonst bin ich ein netter liebevoller junger Mann, der
sich mit Musik beschäftigt, Theater und Konzerte mag und
gern mit seinen Eltern verreist. Lesen und schreiben kann
ich nicht, aber ich liebe Adelheid und Madlen und ganz beson-
ders meine Mutti. Sie wird mir helfen, wenn ich meine Geschich-
te erzähle. Was ich alles erlebt habe, ist nicht alltäglich,
und sie weiß auch nicht alles so genau. Aber eins steht fest,
ohne sie und ohne meinen Vati wäre ich nicht der, der ich
heute bin.
Meine Erzählungen beginnen, als ich noch ein Baby war. Was
ich damals gedacht habe, entspringt meiner Phantasie und der von meiner Mutti. Das meiste in den folgenden Geschichten kenne ich aus Gesprächen mit meinen Eltern.
1.
Es war ein Montag im März. Ich lag in meinem Bettchen und erzählte vor mich hin, als Schwester Monika kam. Sie war meine Lieblingsschwester in der Wochenkrippe, in der ich seit einigen Monaten wohnte. Ich war damals sieben Monate alt und hatte die Windpocken.
„Komm mein kleiner Liebling“, sagte Schwester Monika, als sie mich aus meinem Bettchen herausnahm, mir einen frischen Strampelanzug anzog und mich liebevoll krabbelte.
Das tat gut. Ich lachte und fühlte mich wohl. Sie war wie ei-
ne Mutter zu mir.
„Komm, im Zimmer von der Chefin warten ein Mann und eine Frau. Die wollen dich kennen lernen. Vielleicht bekommst du
neue Eltern“, sagte sie lächelnd und drückte mich an sich.
Ich verstand das nicht, denn bisher waren die Schwestern der Wochenkrippe für mich da, auch an den Wochenenden. Manchmal nahmen sie mich mit zu sich nach Hause, wenn alle anderen
Babys von ihren Eltern abgeholt worden waren. In der Wochen-krippe wurden sie, genauso wie ich, gut betreut die Woche
über. Ich hatte den Eindruck, dass ich etwas Besonderes war. Wieso eigentlich? Vielleicht, weil ich die zwei Narben auf
dem Bauch habe? Schwester Monika brachte mich in das Zimmer von Schwester Inge, der Leiterin der Wochenkrippe.
„So, hier ist unser kleiner Liebling. Wir haben ihn alle ins
Herz geschlossen“, sagte Schwester Monika, als sie mich in
die Arme der fremden Frau legte, die ich mit meinen großen
blauen Augen neugierig ansah. Sie war mir sofort sympathisch.
Da ich noch nicht sprechen konnte, lachte ich sie an, fasste
sofort nach ihrem Finger und zeigte ihr so, dass ich sie
mochte. Ihren Finger ließ ich nicht mehr los, die ganze Zeit.
„Unser kleiner Hannes ist erst jetzt zu Adoption freigegeben worden. Er hat zwei schwere Operationen hinter sich. Die Windpocken sind gerade noch am abheilen. Ansonsten ist er
wieder hergestellt“, erklärte Schwester Inge.
Ich war froh, dass sie nicht mehr wehtaten. Na ja, mit den Windpocken sah ich nicht besonders attraktiv aus, aber ich
war ein kleiner niedlicher Kerl, den man einfach lieb hatte.
Die Frau und der Mann hörten sich alles genau an, was Schwes-
ter Inge sagte. Ich hatte den Eindruck, dass die Frau von mir
so begeistert war, dass sie nicht richtig hinhörte.
„Was ist mit seinen leiblichen Eltern“, wollte der Mann wis-
sen.
Ich verstand nicht, was Schwester Inge antwortete und hielt
immer noch den Finger der Frau fest. Ihre Augen leuchteten,
als sie sagte: „Den kleinen Kerl nehmen wir. Wir wollten ei-
nen Jungen als Baby. Andere Eltern können sich ihr Kind nicht aussuchen, die müssen nehmen, was sie bekommen.“
Der Mann, Schwester Inge sprach ihn mit „Herr Schacht“ an, nickte, lächelte und stimmte seiner Frau zu. Er getraute sich
nicht, mich anzufassen. Hatte er Angst vor mir? Das musste
er nicht. Ich war doch so ein lieber netter freundlicher klei-
ner Kerl, der mit seinen blauen Augen erwartungsvoll in die
Welt hinausschaute. Sie vereinbarten mit Schwester Inge,
dass sie mich am Wochenende nach Hause holen wollten, zu-nächst erst mal nur an den Wochenenden. Sie müssten sich
erst einmal an den Gedanken gewöhnen, Eltern zu sein. Die
nette Frau fragte Schwester Inge zögerlich:„Ist es möglich,
dass ich den kleinen Kerl zum ersten Mal bei Ihnen in der
Krippe füttern dürfte. Ich habe keine Ahnung, worauf ich ach-
ten muss, damit alles in Ordnung ist.“
„Aber natürlich ist das möglich. Kommen Sie am Samstag gegen elf Uhr. Sie können ihn dann füttern. Wir packen alles was
Sie für die Betreuung brauchen in einen Kinderwagen.“
Frau Schacht war erleichtert und drückte mich zum Abschied
noch einmal.
‚Hm, riecht die gut. Die Frau gefällt mir. Sie scheint sehr nett zu sein’, dachte ich, als sie mich Schwester Monika reichte.
Samstag, gegen zehn Uhr dreißig. Draußen war ein furchtbares Wetter. Es schneite und stürmte noch, als es klingelte und Schwester Monika mir zuflüsterte:„Hannes, das ist bestimmt
deine neue Mutti.“
Und so war es auch. Sie war ganz außer Atem und roch noch
nach Kälte. Schwester Monika legte mich auf ihren Arm. Mir wurde warm, als sie mich an sich drückte. Nach einem kurzen Moment brachte Schwester Monika den Möhrenbrei, der mein Mittagessen werden sollte.
„Halten Sie Hannes am linken Arm fest, so dass sein rechter
Arm an ihrem Körper liegt. Da kann er Sie beim Füttern nicht
stören“, wies sie Frau Schacht ein. Gesagt, getan. Frau Schacht begann mir den Löffel mit dem Brei in den Mund zu schieben.
Ich sperrte meinen Mund auch weit auf, weil ich viel Hunger
hatte. Aber etwas gefiel mir nicht und ich brüllte los. Frau
Schacht erschreckte und rief nach Schwester Monika, die
sofort kam und feststellte:„Sie füttern zu langsam, Frau
Schacht.“
Jetzt ging’s so richtig zur Sache. Wir waren schnell fertig. Schwester Monika wischte mir den Mund ab und zog mich schick an. Nun konnte es losgehen. Der Kinderwagen war voll gepackt, Schwester Monika legte mich hinein und zeigte meiner neuen Mutti noch, wie die Bremsen am Wagen funktionierten. Los ging’s! Hinaus auf den Bürgersteig und linksherum hinunter zur Hauptstraße. Dort bimmelte die Straßenbahn. Die Sonne lachte und ich sah weiße Wolken und einen blauen Himmel.
Toll, extra für mich gemacht. Es ging bergab ins Tal, quer durch die Stadt. Dann noch um eine Kurve und nach wenigen Schritten waren wir da. Der Himmel hatte sich wieder verdunkelt und es begann zu schneien. Frau Schacht fuhr den Kinder-wagen ins Treppenhaus, nahm mich heraus und trug mich drei Treppen hoch in die Wohnung. Nachdem sie mit mir oben ange-kommen war, rang sie nach Luft und legte mich auf das Sofa.
Sie zog mir meinen kleinen Teddymantel aus und legte mich in
ein Laufgitter, das im Wohnzimmer stand. Jetzt sah ich alles, was um mich herum geschah. Es war warm und gemütlich.
Kurze Zeit darauf kam Herr Schacht heim. Er musste noch arbei-
ten und konnte mich nicht mit abholen. Aber jetzt war er da,
das war schön. Nachdem er den voll gepackten Kinderwagen nach oben getragen hatte, setzten sich beide neben das Laufgitter und spielten mit mir. Herrn Schachts Stimme klang anders als die seiner Frau und die von den Schwestern in der Wochenkrippe. Ich schaute ständig zu hin zu ihm. So eine Stim-
me hatte ich bisher noch nicht gehört. Seit dem Mittagessen waren einige Stunden vergangen. Ich spürte, wie mein Darm arbeite-
te. Zum Glück hatte ich Windeln um.
„Ich glaube, jetzt muss ich unser Baby erst mal trockenle-
gen“, sagte Frau Schacht, nahm mich aus dem Laufgitter und
roch an mir herum. Herr Schacht rümpfte die Nase und verzog
sich.
‚Ist doch klar, dass ich nicht mehr so gut rieche wie vorher,
wenn die Windeln voll sind’, dachte ich, ‚das kann ja heiter werden. Hoffentlich bringt Frau Schacht die Windeln auch wie-
der ran. Ich werde beim ersten Mal ruhig halten.’
Sie trug mich ins Bad und legte mich auf eine Ablage, die
über der Wanne angebracht war. In der großen Badewanne stand eine kleine grüne, extra für mich. Nachdem sie die vollgemach-
ten Baumwollwindeln in einem kleinen Eimer verstaut hatte, machte sie meinen Po sauber und jetzt war ich gespannt. Es
dauerte eine Zeit, ehe die Windel richtig saß. Ich blieb ruhig
liegen, diesmal noch. Als ich wieder sauber war und gut roch, nahm Herr Schacht mich auf den Arm und trug mich in der Woh-nung umher. Das gefiel mir. Seine Frau hatte im Bad alle Hän-
de voll zu tun. Sie matsche noch einige Zeit im Bad herum.
Als sie fertig war, spielten beide mit mir bis zum Abendessen. Irgendwann bekam ich eine Nuckelflasche, die die Schwestern
von der Wochenkrippe vorbereitet hatten und die nur noch warm gemacht werden musste. Ich wurde ungeduldig, mir knurrte der Magen. Das viele Spielen und die neue Umgebung strengten an. Gleich beim ersten Mal wollte ich nicht mit der Tür ins Haus
fallen und verhielt mich ruhig. Es war Abend geworden. Ich
war müde geworden und wollte in mein Bettchen.
„Leider haben wir noch kein Kinderbettchen für dich, mein
kleiner Schatz“, sagte Frau Schacht, drückte mich an sich
und legte mich in den Kinderwagen, den sie neben ihre Ehebet-
ten gestellt hatten.
„Wir hoffen, dass wir bis zum nächsten Wochenende ein Kinder-bettchen für dich beschaffen werden“, entgegnete Herr Schacht,
der mit der Hand meinen Kopf streichelte und eine gute Nacht wünschte.
Frau Schacht setzte sich neben den Kinderwagen und sang lei-
se ein Schlaflied. Das war schön. Ich schlief schnell ein.
Die erste Nacht bei Schachts war gut verlaufen. Ich habe wunderschön geschlafen in dem Kinderwagen. Aber jetzt musste ich mich bemerkbar machen, weil es aus der Windel wieder
streng roch. Ich brabbelte leise vor mich hin. Im nu stand
Frau Schacht neben dem Wagen, wünschte mir einen guten Mor-gen, nahm mich heraus und drückte mich an sich, obwohl ich
nicht gut roch.
Sie ging mit mir auf dem Arm ins Bad, legte mich wieder auf
das Brett über der Badewanne, zog mich aus und wusch mich ab. Baden durfte sie mich noch nicht, weil ich die Windpocken hatte. Als ich wieder sauber war und gut roch, kämpfte Frau Schacht erneut mit der Windel. Diesmal klappte es schon besser. Sie
zog mir Strampelanzug an und legte mich ins Laufgitter, so-
lange bis mein Frühstück, die Flasche, warm war. Inzwischen
war Herr Schacht ebenfalls aufgestanden und schaute zu, wie
ich an meiner Flasche nuckelte.
„Kannst du ihn mal halten, solange, bis er sein Bäuerchen ge-
macht hat“, bat Frau Schacht ihren Mann als die Flasche leer
war. Sie legte ihm eine trockene Windel über die Schulter
und ich war noch nicht richtig auf seinem Arm, da kam ein
großer Schwab aus meinem Bauch. Der roch nicht gut und Herr Schacht gab mich schnell wieder seiner Frau zurück, die mich abwischte und etwas zu ihrem Mann sagte, was ich nicht ver-standen habe.
Während die beiden frühstückten, lag ich wieder im Laufställ-
chen und schaute mir die Spielsachen an, die sie mir gegeben hatten. Da war ein kleines abwaschbares Buch mit schönen
bunten Bildern, ein kleines Pferdchen, auf dem ich herum bei-
ßen konnte. Plötzlich hörte ich wieder die tiefe Stimme von
Herrn Schacht, als er zu mir trat und sagte: „Komm mein Klei-
ner, wir stellen dich heute unseren Eltern vor.“
Sie legten mich in den Kinderwagen und fuhren durch die halbe Stadt. Beide waren sich einig, dass sie mich behalten wollen.
Sie wollten meine neuen Eltern werden.
An diesem Tag lernte ich meinen zukünftigen Opa und die Oma kennen. Das waren die Eltern von Frau Schacht. Ich werde nicht mehr zukünftig sagen, weil ich hoffe, dass das meine neue Familie werden wird.
„Ach ist das ein niedlicher kleiner Steppke“, empfing mich
meine Oma und nahm mich aus dem Kinderwagen heraus. Ich schaute sie mit meinen großen blauen Augen an. Sie war mir sofort sympathisch. Der Opa brauchte noch ein bissel länger, um zu begreifen, dass ich sein neuer Enkelsohn werden würde.
Er hatte genauso eine tiefe Stimme, wie mein Papa.
Die beiden Frauen wechselten mir die Windeln, als die zu stin-
ken begannen. Oma gab meiner Mama einige Hinweise, wie sie
das besser in Griff bekommen wird. Ich ließ mir alles gefallen.
Es war schön. Wir verabschiedeten uns nach einigen Stunden.
Am kommenden Wochenende werde ich länger bei Oma und Opa sein. Das vereinbarten die vier miteinander. Ich verstand nicht, warum.
Am Montag früh brachten mich die Schachts wieder zurück in
die Wochenkrippe, drückten mich noch einmal herzlich und
sagten: “Tschüß bis zum Donnerstag.“ Donnerstag?
Schwester Monika nahm mich entgegen und sagte zu mir: „Das wird ein schnelles Wiedersehen. In der nächsten Woche ist Ostern. Da kommt der Osterhase.“ Ich hatte keine Ahnung wer das war.
Wie vereinbart, holten mich meine neuen Eltern am Donnerstag ab. Die Schwestern der Wochenkrippe hatten wieder alles zusam-mengepackt. Zu Hause bei den Schachts erwartete mich eine Überraschung. Ein eigenes Bett, ein großes Kinderbett, toll! Allerdings brachten sie mich zunächst zu Oma und Opa. Dort blieb ich die erste Nacht und den ganzen folgenden Tag, Karfreitag. Meine Eltern erzählten mir später, dass sie damals schon lange vorhatten, am Karfreitag die Küche zu malern.
Als sie das planten, hatten sie noch keine Ahnung von mir.
Weil beide berufstätig waren, konnten sie solche Arbeiten
nur an einem langen Wochenende machen. Und jetzt kam ich dazwischen. Sie beeilten sich, wurden schnell fertig und hol-
ten mich am Abend bei Oma und Opa ab. Opa hatte mich fotografiert und die Bilder sofort selbst entwickelt. Meine Mutti hat mich nicht darauf erkannt. Ja, sie kannte mich doch erst ein paar Tage. Am Karfreitagabend durfte ich dann zum ersten Mal in meinem neuen Bettchen schlafen. Herrlich war das.
Mutti hatte an die Wand Zwerge gehängt, die mir sehr gut
gefielen. Ich guckte immer wieder hin bis mir die Augen zu fielen.
Dann kam der Samstag vor Ostern. Weil meine Mutti mit Sauber-
machen in der Küche beschäftigt war, fuhr die neue Oma mich im Krippenkinderwagen spazieren. Dabei stellte sie fest, dass
ihr Enkelsohn Heinz, der sechs Monate älter ist, als ich, zu
groß für den Kinderwagen geworden war und ein Sportwagen für
ihn besser sei. Also beschloss sie, dass ich im großen Kinderwa-
gen gefahren werde in Zukunft. Das sagte sie sofort meiner
Mutti, als wir nach Hause zurückkehrten. Am nächsten Wochen-
ende lernte ich diesen Kinderwagen kennen. Es war ein toller Wagen, einer mit Fenstern, so dass ich hinausschauen konnte und von
allen gesehen wurde.
Am Ostersonntag kam der Osterhase. Er war weich. Ich hielt
ihn fest in den Händen und ließ ihn nicht mehr los, bis ich
ins Bett gebracht wurde. Mir gefiel, dass er neben meinem
Kopf sitzen durfte.
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3322
Mein bestes Versteck bin ich selber. Dies hat den enormen Vorteil, dass ich dieses Versteck stets bei mir habe, keines suchen muss, mich keinem Ritual unterwerfen muss, einfach weg bin, gleichgültig, wo ich bin, gleichgültig, wie viele Menschen um mich sind. Ich muss dazu nichts schreiben, auch wenn oft, aus meinem Versteck kommend, dann die besten Worte aus mir fließen.
Die Welt ist weder gut noch böse, sie ist einfach so wie sie ist. Muss ich deshalb alles und jeden jederzeit wahrnehmen? – Nein – denn es existiert noch eine zweite Welt, und das bin ich. In mir ist alles was zu einer Welt gehört, in mir steckt das ganze Universum mit seiner wie alten oder unendlichen Geschichte. Nichts existiert außerhalb, was nicht in mir ist, nichts ist in mir, was es nicht außerhalb gibt.
Zugegeben, dies ist nicht immer einfach für meine Umwelt. Bin ich in meinem Universum, verschwindet das andere Universum, das Universum um mich, außerhalb mir. Dann kann es schon vorkommen, dass ich in einem vollbesetzten Bus direkt meinen besten Freund ansehe, ohne ihn wahrzunehmen. Zum Glück hat dies bis jetzt noch nicht dazu geführt, das man mich freundlichen weißgekleideten Menschen zuführte, man hält mich einfach für verträumt. Das stimmt aber nicht, denn Träume sind nicht real, dagegen ist meine Welt sehr real für mich.
Ich gebe zu, dass ich mich oft in meine Welt zurückziehe, wenn mir die Welt um mich nicht gefällt. Es ist aber sehr hilfreich, wenn ein cholerischer Mensch vor mir tobt, ihn sich in einem Ballettkostüm vorzustellen, wie er ungelenkt herumhampelt. Sie werden nun sagen, also doch Träume. Nein, denn ich forme die äußere Wahrnehmung in die dahinter steckende Wahrheit um und schon geht es mir gut. Macht sich dieser Mensch nicht in diesem Moment lächerlich? Doch in der äußeren Welt kann dies für mich bedrohende Gefühle auslösen, transformiere ich dies in meine Welt, dann bleibt nur noch das einzig Wahre übrig, dass sich dieser Mensch lächerlich macht. Wie von selbst erscheint dann ein Lächeln auf meinen Lippen. Gut, dies kann nun wieder eine Gegenreaktion auslösen, aber mir ist dies egal. Wichtiger ist mir, dass ich in meiner Welt im Reinen bin.
Gewisse Rituale, wie das Handy auszuschalten, sind für mich nicht wirklich Räume des Versteckens. Vielmehr zeige ich meine Abhängigkeit, indem ich mir weismache, jetzt bin ich aber für mich, jetzt kann mich keiner erreichen, jetzt bin ich versteckt. Dies ist nur ein kurzes sich frei machen, denn es ist ja klar, dass das Handy wieder eingeschaltet wird, nichts hat sich verändert, der alte Trott ist wieder da, wenn nicht gar ständig ein schlechtes Gewissen mitschwang, vielleicht verpasse ich doch einen wichtigen Anruf. Von solch kurzen Verstecken halte ich nicht viel und sie sind für mich eine Selbsttäuschung. Ich schalte das Handy nicht aus, doch es hat für mich keine Bedeutung, wenn ich in mir bin, dann ist das Klingeln ein Geräusch wie das Vorbeifahren eines Zuges, es geht vorbei, ich lasse mich nicht ablenken. Nur wenn ich dies fertigbringe, bin ich versteckt, heißt, ich bin frei.
Und deshalb auch die Möglichkeit unter vielen Menschen keinen zu sehen. Ich benötige deshalb keinen Rückzugsraum, kein wirkliches Versteck, da wie gesagt, ich es ständig mit mir trage. Ich verstecke mich auch nicht in irgendwelchen Texten, im Gegenteil, in Texten offenbare ich mich. Ich schlüpfe auch nicht in irgendwelche anderen Rollen, denn dann bin ich nicht mehr ich, ich verstecke mich nicht, ich verleugne mich dann. Verstecken ist für mich nicht ein Anderer zu sein, verstecken heißt für mich, für mich zu sein. Gerade dann muss ich besonders ehrlich zu mir sein, denn sonst kehre ich aus meinem Versteck zurück und bin furchtbar unzufrieden, denn ich musste feststellen, dass ich jemand anderes sein will, weswegen ich mir etwas vorspielte, was ich vielleicht sein will, aber nicht bin.
Schreibe ich Trauriges, bin ich traurig, schreibe ich etwas Fröhliches, dann bin ich fröhlich. Überwiegt das eine oder das andere, dann überwiegt generell das eine oder das andere. Etwas Fröhliches kann einen traurigen Hintergrund haben. Viele Komiker waren in Wirklichkeit depressive, traurige oft auch aggressive Menschen. Sie konnten mit ihren Gefühlen nur umgehen, indem sie sich lustig über sie machten. Ihre Aggression und ihren Hass gegenüber der Welt verpackten sie in Pointen, mit denen sie ihren Mitmenschen den Spiegel vor das Gesicht hielten. Diese erkennen dies allzu oft nicht als ihr Gesicht, es ist natürlich das Gesicht des Nachbarn. Was mich ängstigt, über das lache ich. Wenn mir jemand böse kommt, eile ich in mein Versteck und bin geschützt, aber mein Versteck, das bin ich.
Hallo Manfred Pe. Zuerst philosophisch, dann realistisch und am Ende für mich futuristisch. "Verstecken ist für mich nicht ein Anderer zu sein, verstecken heißt für mich, für mich zu sein," das ist für mich futuristisch . Toller Text! LG Babs
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3321
(Elsa und Paul wohnen seit drei Jahren in ihrem "Garagenhaus", nachdem sie ihr eigenes Haus verkaufen mussten. Es ist September 1942 und wenige Tage nach dieser Szene wird die Gestapo sie abholen.)
Die Redelsheimer
Die Tage waren noch warm, aber gegen Abend kam mit der Dunkelheit auch eine herbstliche Kühle, die alle von ihren Gartentischen und Stühlen in den Gastraum trieb, wo ein Kaminfeuer prasselte. An der Eingangstür hing das Schild ‚Juden unerwünscht’, so war man unter sich. Am runden Stammtisch hatte der Ortsgruppenleiter Oertel sich schon wie gewohnt niedergelassen und brüstete sich mit seinen linientreuen Taten. Seine kräftige Stimme drang durch den Raum.
„Ja, Herrschaften, das kann man sich jetzt gar nicht mehr vorstellen. Is gerade man drei Jahre her, dass wir hier noch verjudet waren!“
Er hob sein Bier und prostete seinen Mitbürgern zu, einer murmelte beifällig „Gut gemacht ,Wilhelm!“ Wilhelm Oertel nahm einen großen Schluck und ergänzte dann: „Jetzt ist Sacrow judenfrei – sind alle weg ins Ausland abgehauen und die Häuser gehören nun uns!“
Die Einheimischen wussten, dass der NSdAP-Ortsgruppenleiter und Gemeindevertreter die Zwangsenteignungen jüdischer Villen schon vor Jahren beantragt hatte und die meisten schwiegen oder vertieften sich in Gespräche an ihren Tischen, während sie aßen. Irmi half beim Servieren, sie war jetzt schon alt genug, um ihren Vater in dessen Restaurant zu unterstützen. Ente mit Rotkohl und Klößen, oder Sülze mit Bratkartoffeln trug sie von der Küche in den Gastraum. Wilhelm Oertels Reden beunruhigten sie und in der Küche flüsterte sie mit ihrer Schwester: „Ich muss mal kurz weg, bin in zehn Minuten wieder da. Übernimmst du bitte?“
Sie verschwand in der Dunkelheit im Weinmeisterweg und stand dann vor dem kleinen, alten Garagenhaus der Redelsheimer. Es lag völlig im Dunkeln und es war nichts zu hören. Aber Irmi wusste es besser, denn sie brachte alle paar Tage Lebensmittel zu der Hintertür des kleinen Fachwerkhauses. Als sie um das Haus herum ging, sah sie auch Licht in einem Fenster, das zum Schiffgraben hinaus ging und von der Straße aus nicht einsehbar war. Sie klopfte leise wie verabredet und Elsa öffnete die Tür: „Frau Redelsheimer, der Oertel sitzt im Rittersaal und hält laute Reden und sagt, Sacrow sei judenfrei. Der weiß immer noch nicht, dass sie hier sind. Ich hoffe, es verrät sie niemand!“
Sehr gut geschrieben und so beschrieben, dass es unter die Haut geht. Das zeigt schriftstellerische Qualität, die ich nur bewundern und anerkennen kann : ). LG Bärbel
Du schreibst sehr dicht, sehr sparsam, machst keine unnötigen Worte. Ich kann mir - leider - die Szene sehr plastisch vorstellen.
Danke Iris und Leander! @Hadassa: Der Rittersaal, den es immer noch gibt, serviert dauernd Rotkohl und Ente, aber ich bin mir auch nicht sicher, ob es damals so war. Deshalb werde ich es lieber gegen den ganzjährig genießbaren Schweinebraten austauschen. Danke für den Hinweis. LG Lillilu
Liebe Lillilu, bevor ich auf Deinen Text eingehe: Danke für Deinen positiven Kommentar zu meinem "Versteck". Es fällt mir immer noch schwer, eines meiner Gedichte aus seinem Versteck zu entlassen. Nun zu Deinem Text. Ich bin sehr beeindruckt über das Was und Wie Du es schreibst. Deine zurückhaltende Beschreibung der Nazizeit ist ein gut gelungener Kontrast zur Grausamkeit in jener Zeit. Durch Deine Verknüpfung mit ganz alltäglichen Dingen (Sülze mit Bratkartoffeln z.B) kann man sich die "Redelsheimer" sehr gut vorstellen. Bin auf Deinen nächsten Text gespannt! LG Babs
Liebe Lillilu, ich bin jedesmal zutiefst erschüttert, wenn ich Szenen aus jener schrecklichen Zeit lese. Sehr bewegend geschrieben! Im Übrigen bin ich Dir schon lange noch eine Auskunft schuldig: Barbapapa ist Zuckerwatte.
Liebe Lillilu, diese Geschichte muss ich wohl ich mal im RieJ nachlesen. Du hattest schon mal einen Abschnitt hier eingestellt. Mir gefällt deine zurückhaltende Sprache, die sich auf das Wesentliche beschränkt. Es ist nicht nötig, Spannung zu erzeugen und würde diesem Thema auch nicht gerecht. Das Grauen stellt sich - vor allem, wenn es um Einzelschicksale geht - ganz von selbst ein. LG Iris
Hallo Lillilu, schön, daß es einen weiteren Text von den Redelsheimern gibt. Der Text ist durch und durch stimmig. Eine Korinthen-Fratge: gab es damals! in der noch warmen Jahreszeit Ente mit Rotkohl und Klößen? Hier, bei uns ist der Rotkohl noch nicht geerntet, steht noch auf den Feldern. Und auch beim Geflügel gab es zumindest damals ganz bestimmte Schlachtzeiten. Aber vielleicht interpretiere ich das jetzt auch falsch. Wie gesagt, der Text ist hervorragend und du bringst mit Deinem Stil und Deiner Sprache die Szene so stark herüber, daß man sie vor sich sieht. Chapeau! lg Hadassa
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3318
Ein Salzwiesenlamm, das fraß
zu viel vom salz'gen Wiesengras,
Es wurde rund und runder.
Dann kam die Flut.
Das war nicht gut!
Nun wohnt es bei der Flunder.
Ein toller Limerick, ich grinse immer noch vor mich hin.
Ich hatte liebe Freunde zu Besuch und las ihnen Dein Gedicht laut vor. Menschenskind, haben wir gelacht! Hab Dank, Maladicta, für den fröhlichen Moment!
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3302
Verstecken, das liegt mir grundsätzlich nicht. Verstecken heisst auch vor Unangenehmem davonlaufen. Das geht grundsätzlich gegen mein Naturell. Ich konfrontiere lieber, als dass ich ausweiche.
Verstecken kann aber auch Koketterie sein. Vielleicht möchte ich ja bloss gefunden und dann getröstet werden in meiner Angst. Für immer verstecken geht eh nicht, ist viel zu anstrengend. Jeder Krimi oder Spionage Roman bestätigt das.
Ich wollte mich nicht einmal verstecken, als ich von einer lebensbedrohenden Krankheit angegriffen wurde. Meine Flucht war, wie immer, nach Vorne. Ich machte Publik, was mir helfen könnte, ganz klar, ganz pragmatisch, ganz einfach. Viele haben mitgespielt, einigen war das suspekt. Sie konnten mit schonungsloser Offenheit nichts anfangen und haben sich lieber vor mir versteckt während dieser Zeit.
Später wurde mir klar, dass die Taktik, den Stier bei den Hörnern zu fassen und dem Unaussprechlichen in die Augen zu sehen, auch eine Art Verstecken ist. Verstecken vor dem Getuschel hinter vorgehaltener Hand, Verstecken vor geheuchelter Anteilnahme, Verstecken vor dem Unausgesprochenen, dem Ungewissen, dem Tappen im Dunkeln das tausend Mal mehr Angst macht, als das Wissen und die Gewissheit.
Liebe Agatha, Dein Text hat mich zutiefst berührt. Ein sehr weiser Text! Ganz unter uns: Ich verstecke mich hinter meinen schwarzhumorigen Geschichten ...
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3286
Ziellos irre ich durch die Straßen. Die Dunkelheit dieses Oktoberabends schluckt meine trübe Gestalt fast vollständig. Kaum ein Mensch auf der Straße. Und wenn schon.
Wieder eine sms auf meinem Handy. Ich habe aufgehört, sie zu zählen, ebenso wie die Anrufe, die ich nicht annehme. Ich weiß, dass ihr mich sucht. Jeder aus einer anderen Intention heraus. Christian, rasend vor Wut. Vivian, verunsichert und nach Antworten verlangend. Und du? Machst du dir wirklich Sorgen um mich? Oder nur darum, dass dein Kartenhaus doch noch zusammenfällt?
„Mach keinen Scheiß! Wir können es ihnen nicht sagen. Ich werde alles verlieren. Meine Ehe, meine Tochter…“ Nein, du musst dir keine Sorgen machen. Die einzige, die verliert, bin ich.
Ich renne durch Häuserschluchten und Straßen, die ich bisher nie gesehen habe. Ein Friedhof liegt hinter einer nassen Backsteinmauer. Das Tor steht einen Spalt breit auf und lädt mich ein. Im Dunkeln leuchten die Grablichter. Wie Irrlichte wirken sie und ziehen mich magisch an. Es sieht alles so friedlich aus. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, nachts auf einen Friedhof zu gehen, aber heute kommt es mir passend vor. Es gibt Momente, in denen man jegliche Angst vergisst.
„Wenn du dieses Balg bekommst, wirst du eine alleinerziehende Mutter mit drei Gören!“ Vor Stunden hatte Christian mir sein Ultimatum ins Gesicht geschrien. Ich hatte nichts gefühlt in diesem Moment. „Wenn ich jetzt gehe, wirst du morgen alleinerziehender Witwer mit zwei Kindern sein.“ Mein Handy leuchtet auf. Christian hat Panik. War ich so überzeugend?
Ich schalte mein Handy aus. Auf dem Friedhof sollte man sein Handy ausmachen. Auch nachts. Ich setze mich auf eine Bank. Um mich herum ist Dunkelheit. Die Grablichter haben zu wenig Kraft, ihre Umgebung zu beleuchten. Der Regen kriecht durch meine Hose und die Strickjacke. Im Gehen hatte ich nach irgendeiner Jacke gegriffen, ohne darauf zu achten, dass sie nicht ausreichen würde für das nasskalte Herbstwetter. Nur weg! Weg von Christian, der mir Dinge hinterher brüllte, die ich nicht mehr hören wollte. Weg aus dieser scheinbar heilen Familienidylle, von der auf einmal nur noch Trümmer übrig waren. Die Kälte kriecht durch meinen Körper, aber ich spüre sie nicht. Ich spüre nichts mehr, habe keine Kraft aufzustehen.
Seit ich gestern dein Kind verloren habe, ist Dunkelheit in mir. Ich wusste, dass es nicht funktionieren kann und doch wollte ich es. Entgegen aller Vernunft. Wir sind beide verheiratet, nur nicht miteinander. Du bist die Liebe meines Lebens. Und nun ist alles vorbei. Unser Kind ist tot. Und ich werde es auch bald sein, wenn ich hier noch lange sitze. Meine Seele ist schwarz. Verbrannte Erde.
Zumindest die Fassade eurer Ehe werde ich schützen. Christian hatte keine Zeit verloren und sofort Vivian informiert. Natürlich wollte sie Gewissheit und ich gab sie ihr. „Nein, da war nichts.“ Ich saß auf eurer Couch und fühlte nichts. „Es war alles nur erfunden! Ich wollte Christian wach rütteln. Ihm einen Denkzettel verpassen.“ Ich spürte nur Leere in mir. Und ein schmerzhaftes Ziehen – dort wo bis gestern dein Kind war. „Paul war dir treu! Du kannst ihm vertrauen.“
Langsam stehe ich von der Parkbank auf und schleppe mich zum Ausgang. Ich bin durchnässt vom Regen und den Tränen, die nicht versiegen wollen. Du hast nichts zu befürchten. Du kannst dich hinter meiner Lüge verstecken und weiterleben in deiner heilen Welt. Ich liebe dich. Für immer.
Nein Claudia, es gibt keinen Grund sich zu verstecken. Für Dich nicht. Wenn ich das lese wird mir auch Angst. Es sind mehr Menschen für Dich da als Du glaubst... James
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3284
Das Versteck
Ich ging zum Arzt.
Meine Röntgenbilder trug ich unter dem Arm, versteckt zwischen den Seiten der Frankfurter Allgemeinen. Mein Innenleben ist schliesslich Privatsache. Aber dem Doktor streckte ich es vor die Nase und forderte: „Sagen Sie mir, wo sie stecken.“
„Was meinen Sie mit ‚sie’?“, fragte er.
„Steine im Wert von mehr als zwei Millionen Euro.“
Der Kopf des Mediziners zuckte. „Und die Juwelen sollen in Ihrem Körper sein?“
„Ja. Ich trage ein Vermögen in meinen Innereien herum“, erklärte ich bescheiden.
Der Doktor saugte die Lippen ein. Garantiert dachte er, ich sei bekloppt. „Haben Sie die Steine etwa verschluckt?“, wollte er wissen.
„Genau.“
„Aha. Und warum?“
„Um sie vor Einbrechern zu verstecken.“
„Gute Idee. Wann haben Sie sie denn eingenommen?“
„Vor ungefähr einem Monat.“
„Und sie seither nicht ausgeschieden?“
„Nein. Meine Hochkarätigen sind todsicher noch in mir drin.“
„Mehr als zwei Millionen Euro ...“, murmelte der Arzt in sich hinein und verschob den Unterkiefer. Er ging zum Fenster, drückte die Röntgenbilder ans Glas und studierte sie lange.
„Und?“, drängte ich ungeduldig.
„Ich habe die Brillanten und Diamanten gefunden“, gab er zögernd zu und saugte einmal mehr an den Lippen.
„Wo? Wo hat sich das Zeug eingenistet? Im Magen? Im Gedärm?“
Der Doktor gab keine Antwort. Er fächelte mit den Röntgenbildern.
Weil ich dringend Geld brauchte, um Spielschulden zu bezahlen, fragte ich erregt: „Kann man die Edelsteine mit einem Eingriff ans Tageslicht befördern?“
„Das ist kein Problem.“
„Dann operieren Sie mich bitte so schnell wie möglich!“, bettelte ich.
Der Arzt schien kurz nachzudenken und meinte dann: „Ich habe eine bessere Idee“. Mit angespannten Händen kam er süffisant lächelnd auf mich zu.
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3285
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Boot Dunst Pemba Flaute Bucht Gewürznelken Sonnenuntergang
Indischer Ozean Tansania komische Flagge liebliche Insel herrliche Tauchgründe viel Spaß noch
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3282
Wo bist du?
Ich vermisse mich! Ich vermisse, wer ich einmal war. Ein fröhliches Mädchen, ohne Sorgen. Unbeschwert, verspielt und auch ein bisschen verrückt. Verrückt nach Musik, verrückt nach Mode. Verrückt danach gesehen zu werden, etwas Besonderes zu sein.
Heute versteckt sich dieses Mädchen. Ganz tief, irgendwo in mir. Ich schließe die Augen um sie zu betrachten. Ich sehe sie rennen. Sie rennt durch ein Labyrinth. Ihre Gefühle versperren ihr den Weg. Sie ist traurig, verzweifelt und hat Angst. Ich kann ihre Angst spüren, sie erschüttert mich. Was ist, wenn sie niemals den richtigen Weg finden wird? Niemals die richtige Tür öffnet?
Es ist ganz still und sie flüstert mir zu: Es gibt keinen Weg hinaus. Solange du dich nicht selbst gefunden hast. Du musst stark sein. Du musst den Glauben finden. Den Glauben an dich selbst.
Ich lächle.
Es ist immer leichter gesagt, als getan.
Liebe Audrey, guter, melancholischer Text der mich bewegt und dazu veranlasst, Dir zu wünschen, dass Du den Glauben an Dich findest und Dein Lächeln nicht verlierst! Danke für Deinen Kommentar zu meinem "Versteck" LG.Babs
Liebe Audrey, hier scheint es um mehr zu gehen als den normalen Prozess des Erwachsen- und Älterwerdens, verbunden mit dem manchmal wehmütigen Blick zurück in Kindheit und Jugend. Da muss sich etwas ereignet haben, das dir/ deiner Protagonistin die frühere Unbeschwertheit genommen hat. Ich frage mich, was da wohl vorgefallen ist. LG Iris
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