„Ich habe das Buch Raum zum Schreiben genannt, weil jede Seite, jedes Kapitel eine Tür öffnet: zur Fantasie, zum Intellekt, zur Seele und zur Gefühlsebene."

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Mama Mia!

19.08.2009


Aufgabe

Schreiben Sie über Ihre Ansichten zum Thema Mutterschaft und Mutterdasein – soweit Sie es können. Suchen Sie sich eine berühmte Person aus und beschreiben Sie, wie man sich als ihre Tochter gefühlt haben könnte. Schreiben Sie in der ersten Person, um Ihre Eindrücke wiederzugeben. Oder schreiben Sie ganz einfach über Ihre eigene Mutter.



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Leserbeiträge

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Eingetragen am: 25.10.2009 von Charlotte Cambone
[ Lesezeichen ]

3777

Mama mia

Ich habe schöne Erinnerungen an meine Mutter. Zum Beispiel die Samstag-Abende. Nach dem Abendessen wurden meine Schwester und ich gebadet, in frische Nachthemden und anschliessend ins Bett gesteckt. Ich durfte noch lesen, die Geschichten des Reader´s Digest waren zu dieser Zeit meine Lieblingslektüre, meine kleinere Schwester spielte im Bett und alle zusammen hörten wir die Wunschkonzerte mit Pelz von Felinau, dessen Stimme noch heute in mir klingt und mir nicht nur die Schlager und populären Lieder, sondern auch die Oper nahe brachte. Er vermittelte mir das Gefühl, dass ich Gigli nicht im Bett sondern in der Mailänder Scala hörte. Ich sah die Ränge und Logen vor mir.... er beschrieb sie so, dass man den Samt der Sitze roch; und dann kam unsere Mutter aus der Küche, in der sie den Sonntagsbraten vorbereitete und brachte uns jedem ein kleines Stückchen ´Kruste´ vom Schweinebraten, mit ein paar Zwiebelchen und etwas Salz als ´Betthupferl´. Der herrliche Geruch des Bratens war während all der Zeit durch die wenigen Räume unserer Wohnung gedrungen und hatte sie noch heimeliger werden lassen... Wenn ich nachts wach wurde, sah ich meine Mutter noch immer in der Küche stehen; sie bügelte.

Meine Kindheit fand kurz nach Kriegsende statt. Die Welt befand sich in friedensähnlichem Zustand, aber sicher war sie nicht. Ein Kind mit so gut wie keinem Zeitgefühl, grosser Liebe zu Wald und Wasser, einem unsäglichen Freiheitsdrang und wenig häuslichen Neigungen musste mit Strafen rechnen. Ich wurde öfter versohlt. Aber zu keiner Zeit hatte ich das Gefühl, zu Unrecht oder brutal geschlagen worden zu sein. Das Handwerkszeug zum Strafvollzug war die Hand meiner Mutter. Eine verarbeitete Hand, zu deren Pflege keine Zeit erübrigt werden konnte. Eine sehr saubere, eine raue Hand. Sie konnte uns abends, wenn wir tiefen Schlaf vortäuschten, sehr zart streicheln.

Als wir etwas grösser waren, ging unsere Mutter öfters mit uns, meiner Schwester und mir, in einer mit vom Krieg unbeschädigten kleinen Häusern bebauten Strasse, in der Haselnussträucher wuchsen und Bäume standen, spazieren. Sie ging mit uns, wie sie uns sagte, um in der Dunkelheit die Nachtigallen singen zu hören.

Erst viele Jahre später erfuhren wir, dass unser Vater zu dieser Zeit eine Affaire mit einer sehr koketten Amerikanerin hatte, die offen erklärte, dass sie sich in ihn verliebt habe und die in dieser Strasse wohnte...


Meine Mutter hatte, wie man heute sagt, Hauptschulabschluss. Zu weiteren Schulbesuchen oder auch Studien war kein Geld da. Sie arbeitete im Büro und erzählte uns aus der Erinnerung Amuesantes von und über Kollegen und Chefs, Dinge, die oft zu stehenden Redensarten in der Familie wurden.

Nachdem sie verheiratet war arbeitete sie mit ihrem Mann, unserem Vater. Sie war die Seele seiner Praxis, sie war seine Stuetze, sein Halt und im hohen Alter seine Zuflucht.

Sie war – im Gegensatz zu meinem Vater – eine eifrige Leserin. Sie setzte es durch, der Büchergilde beizutreten und so nach und nach eine beachtliche Anzahl von guten Büchern zu sammeln. Sie las mit Begeisterung die Frankfurter Rundschau, die sie mitnahm auf das gewisse Örtchen, um sich mit etwas Ruhe der Lektüre widmen zu können. Der Vater klopfte hin und wieder an die Tür.... Im Weitergehen murmelte er, halb veraergert, halb amuesiert: „Aha! Sie hat wieder einen Fetzen Papier bei sich.... " Wir Kinder stoerten sie wohlweislich nicht.

Obwohl sie immer einmal wieder äusserte, dass sie eigentlich sechs Buben hätte haben wollen wie der deutsche Kaiser (natürlich mit einem anderen Vater, da unser Vater eigentlich überhaupt keine Kinder wollte), und sie Kaiser Wilhelm II aus diesem Grund vergötterte, war sie stolz auf ihre zwei Mädchen und wählte dem Vater zuliebe SPD. Sie konnte nicht verstehen, dass sich die Herren so garnicht um uns rissen. Meine Schwester hat nie geheiratet wurde aber Tänzerin, klassisches Ballet selbstverständlich. Ich heiratete zweimal, beide Male mit wenig Erfolg, ausser vier prachtvollen Kindern, die mir die zweite Ehe gluecklicherweise einbrachte. Unsere Mutter hat auch das durchgestanden, das Gerede der Nachbarn über sich ergehen lassen und sich an den Kindern gefreut.

Sie hat das Hin und Her und die Hoehen und Tiefen meines Lebens mitgetragen. Es war sicher nicht einfach und manches Mal bitter fuer sie. Ich habe nie eine Klage zu hoeren bekommen.

Meine Mutter war eine stolze Frau und es war für sie schwer, zu aktzeptieren, dass der Vater in seinen siebziger Jahren krank wurde; dass aus dem attraktiven Mann, der ihr Traum gewesen war und den sie aus Liebe geheiratet hatte, ein Greis, krank und wirr, geworden war. Lange nahm sie die traurige Geschichte mit Humor. Irgendwann musste sie akzeptieren, dass er nicht nur krank war, sondern dass er auch im Sterben lag. Es war zuviel. Meine Schwester war da, half und stützte.

Der Vater starb.

Als ich mein fünfzigstes Lebensjahr erreichte, kam ich aus Suedamerika zurück. Wieder einmal. Diesmal mit meiner kleinsten Tochter. Meine Ehe bestand nur noch auf dem Papier. Mein Sohn stand noch im Studium bei uns zuhause, meine älteste Tochter studierte in Wien, meine zweite Tochter war mit 17 Jahren Mama geworden und musste nun Mutter werden. Die Jahre waren turbulent gewesen. Nun hatte ich keine Kraft mehr, hatte ein Arbeitsangebot in Deutschland und dachte an einen Aufenthalt von zwei Jahren im Land meiner Geburt, um Kraft aus meinen Wurzeln zu ziehen.

Ich stellte fest, dass ich keine Wurzeln habe. Aber ich hatte noch immer eine Mutter. Mama mia, was für eine Mutter.

Und meine Mutter nahm uns auf, wie immer....wie immer wieder......

Aus den zwei Jahren wurden viele Jahre. Nach drei Jahren kam meine zweite Tochter mit ihrem kleinen Mädchen an, auch sie zog ´zu uns´ ins Haus meiner Mutter. Dann wurde auch meine Schwester Mitglied der Hausgemeinschaft. Lösungen für fast alle anfallenden Schwierigkeiten brachte meine Mutter, inzwischen eine alte Frau.

Sie war das Zentrum des Clans. Sie hatte nie ihr ansteckendes Lachen verlernt. Ihr Humor und ihre Waerme hielt alles und alle zusammen. -

Nach einer Weile fing die Familie an, wieder abzuwandern. -

Ich ging ich wieder ins Ausland. Mein drittes Kind zog mit seinem Kind in eine eigene Wohnung. Mein viertes Kind fing an bei mir in der Karibik zu studieren, dann zog es weiter, um in New York sein Studium zu beenden. Die Trennung fiel meiner Mutter schwerer als die vorhergegangene unruhige Anwesenheit dieses Clans. Aber nun wurde es endlich wieder einigermassen ordentlich und wesentlich ruhiger im Haus. Meine Schwester blieb. Sie war stets der ruhende Pol für meine Mutter. Solide. Beständig. Da.

Nun fingen die Besuche an. Kurze Besuche. Jedesmal wurde man liebevoll bedacht mit Apfelschnitzen auf dem Nachttisch, vollen Tellern, speziell Gekochtem. Die Ehemänner der nächsten Generation, die Kinder wurden ihr vorgestellt und vorgeführt. Sie nahm an allem und allen Anteil. Jeder von uns holte sich Rat bei der alten Dame. Jeder von uns genoss ihre Lebensweisheit, ihre Belesenheit, ihren klaren Geist, ihren Humor und ihre Bescheidenheit.

Fischbrötchen waren für sie fast Luxus. Hin und wieder nahmen wir uns die Zeit, mit ihr durch die Stadt zu wandern und bei Fischbrötchen-Verkäufern anzuhalten. Eine kleine aber sehr geliebte Abwechslung in diesem so arbeitsreichen Leben. Ich sehe sie noch heute vor dem Eckgeschäft stehen, sich nach mir umdrehen, mit dem Zeigefinger auf das Schaufenster zeigen und darauf hinweisen: ´Hier gibts Fischbrötchen!!!!´. Sie hat diese Fischbrötchen mehr genossen, als all das gute Essen und die edlen Lokale in die wir sie im Laufe der Jahre eingeladen haben.

In ihren spaeten achtziger Jahren beichtete sie ihren beiden Töchtern, die inzwischen gut auf die Sechzig zugingen, dass auch sie während ihres langen Ehelebens eine Affaire gehabt habe. Sie war der Meinung, wir sollten es wissen. Sie hatte hochrote Bäckchen bei dieser Beichte, und wir waren sehr erstaunt.

Sie starb mit 87 Jahren, nachts, alleine, in ihrem Haus, in ihrem Bett. Sie starb auf den Tag 12 Jahre nachdem der Vater gestorben war. Ihre letzte Liebeserklärung an diesen Mann, der ihr Mann gewesen war. Der Vater ihrer Kinder, auch wenn er eigentlich nicht so recht wollte.

Als meine jüngste Tochter vor Kurzem zu Besuch war, fand ich sie tränenüberströmt in der Küche stehend..... Auf meine Frage sagte sie zu mir: Mami, ich habe so Sehnsucht nach der Omi...

Nicht nur mein Kind hat Sehnsucht.


Eingetragen am: 10.10.2009 von Berthild Lorenz
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3747

„Ja, Sie haben Recht! Herzlichen Glückwunsch!“
„Danke“ , erwiderte ich leise. Mein Kopf hing schlaff auf meinen Schultern und ich blickte vor mir auf den Fußboden.

‚Was soll das; er beglückwünscht mich und weiß überhaupt nicht, ob ich Mutter werden will. Was weiß er denn, was das heißt, in diese Welt ein Kind zu setzen, noch dazu eines, das garantiert keine glatten blonden Haare haben wird!? Wird es dem Kind so gehen, wie mir, allein einer Mutter ausgeliefert? Wovon werden wir leben?’, all diese Gedanken jagten wie Blitze durch meine Sinne und mir lief ein kalter Schauer den Rücken hinunter und wieder hinauf. Ich zuckte zusammen und raffte mich wieder auf! Kerzengerade saß ich ihm gegenüber, an seinem Schreibtisch.

'Mein Beruf taugt nur dazu, nach Feierabend eigentlich keine Kraft mehr für ein Kind zu haben. Wenn ich mir stundenlang das ganze Psychiatriegejammer der sich hilflos ihrem Dasein Ausgelieferten angehört habe, habe ich keinen Nerv mehr, das Geplärre eines in der Kinderkrippe überfordert gewesenen Kindes anzuhören und geduldig zu bleiben; da brauch ich meine Ruhe und er beglückwünscht mich!'

“Gott, was können Männer blöd sein!“, dachte ich und im selben Augenblick erschrak ich. Ich war ja wie meine Mutter. Ich verallgemeinerte! EIN Mann hatte mich etwas unsensibel, aber aus freudigem Herzen zu dem Schönsten, was eine Frau erleben kann, zum Mutterwerden beglückwünscht und was machte ich daraus? Was tat ich uns da eigentlich gerade an?
Als gäbe es nur eine Sorte von Männern! Es ist doch wie bei den Frauen, viele unterschiedlich denkende sind auf unserer Erde unterwegs! Ich hatte doch auch einige andere Mütter erlebt, als nur meine.

Ich wusste ganz genau, wie unterschiedlich Menschen ticken und doch verallgemeinerte ich? Woran lag das? Lag das daran, dass ich so viel Zeit meiner Kindheit mit meiner Mutter verbracht hatte? Meine Mutter hatte mir schon, als ich noch ein sehr kleines Mädchen war erzählt, dass sie von Gott in den Dienst an seiner Gemeinde gerufen worden war und seitdem die Kirche putzte.

Sie spielte die Orgel, leitete den Gitarrenchor und sang im gemischten Chor. Ihr Lebensinhalt war die Gemeinde und so wurden meine Kindheit und meine Jugend zum größten Teil zum Leben in der Gemeinde. Ich hatte ihr und Gott zu gehorchen, bis ich mit 16 Jahren auszog!

Und nun hatte ich schon seit 16 Jahren dieses Zuhause hinter mir und noch immer hing so etliches von dem Antrainierten in meinem Hirn fest!
Wie sollte da das Leben mit einem Kind funktionieren; ich wollte das Leid, das ich erlebt hatte, auf keinen Fall weitergeben, sondern durchbrechen! Und plötzlich sah ich unsere Chance!

Dieses Kind und ich werden beweisen, dass ein anderes Herangehen möglich ist! Wir machen alles besser! Bei uns gibt es keinen Rohrstock und keinen Stubenarrest und kein Musikinstrument-Lernen-Müssen! Angebote wird es geben und das Kind wird sagen, was ihm Freude bereitet, dann geht es uns beiden gut!


Jahre später, als die Erste sagte: „Du hast Martin aber gut erzogen!“, sagte ich laut und deutlich: „Nein!“
Sie guckte mich an, stutzte und sagte: „Du willst doch wohl nicht sagen, dass Martin nicht gut erzogen ist!?“ „Doch, genau das will ich sagen!“ Sie guckte mich an und zweifelte schon an meinem Verstand.

„Sag, was willst du denn noch?! Martin geht auf alle Menschen freundlich zu, grüßt freundlich, packt an, wenn ein Mensch Hilfe braucht! Das ist doch ein Zeichen dafür, dass du ihn gut erzogen hast!?!“ Sie wollte, dass ich ihr endlich zustimme und ich sagte: „Nein, er ist nicht gut erzogen! Ich habe ihn nicht erzogen; ich habe ihn einfach leben lassen!“


Eingetragen am: 05.10.2009 von Michele
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3690

In meinem Leben gab es fuer mich immer zwei Muetter die ich liebe und geliebt habe!Zum einem meine eigentliche Mutter, die fuer mich immer eine richtige Mutti ist und war, sowie meine beste Freundin!Sollte sie einmal micht mehr sein, wuerde eine Welt fuer mich zusammenbrechen und dabei spielt weder mein noch ihr Alter eine Rolle! Meine zweite Mutter war meine Grossmutter, die sich um mich gekuemmert hat und mich wie eine Omi verwoehnt hat!Trotzdem sie jetzt schon 17 Jahre tot ist, lebt sie in meinem Herzen weiter!


Eingetragen am: 02.10.2009 von britta khokhar
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3668

ich hatte kein besonderes verhältnis zu meiner Mutter. ich wurde von meiner Tante zum grösstenteils grossgezogen und leider wiederholt sich das muster bei meiner vierjährigen enkelin die jetzt schon sagt. Ich mag meine Tante mehr wie Mama manchmal. besonders wenn ihre Mutter mit ihr schimpft


Eingetragen am: 22.09.2009 von putzi
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3583

Die Geburt des Stammhalters stellte das vollkommene Glück von Gerhard und Julia auf eine harte Probe.
Er fühlte sich um seine geliebte Frau betrogen, weil aus seiner attraktiven, vor Energie sprudelnden Lebensgefährtin eine fürsorgliche, jedoch langweilige Mutter geworden war. Gerhard stand nicht mehr im Mittelgrund ihres Lebens, sondern wurde auf ein emotionales Abstellgleis geschoben. Diesem verschissenen Schreihals schenkte sie jene Aufmerksamkeit, die er für sich beanspruchte. Gerhard wurde eifersüchtig auf seinen Sohn Armin.

Von Selbstmitleid geplagt suchte er nach einem Ausweg.
Jeden Abend saß er frustriert vor dem Fernsehen und genehmigte sich eine Flasche Bier zum entspannen. Wenigstens die musste er nicht mit dem Balg teilen.
Im leicht berauschten Zustand vor sich hinzudämmern verschaffte ihm ein Glücksgefühl, auf das er bald nicht mehr verzichten wollte. Um dies zu erreichen, benötigte er immer mehr Alkohohl.
Wenn Gerhard direkt aus der Flasche trank und Julia ihn auf seine schlechten Manieren hinwies erwiderte er:
„Im Glas bleibt einfach zu viel hängen“.
Er amüsierte sich prächtig über diesen Witz, doch ihr blieb das Lachen im Hals stecken.
Dass er Alkoholabhängig wurde, wies Gerhard weit von sich, doch seine Sucht schnitt tiefe Wunden in das Familienleben. Aus dem ehemals intelligenten, liebenswerten und verantwortungsvollen Menschen wurde ein aggressiver und hochmütiger Trinker, der keinerlei Kritik an seiner Person duldete.
Nachdem er seine Arbeit verloren hatte, lästerte er zum Ausgleich über Alles und Jeden her.
Es wurde einsam um ihn. Niemand wollte sich noch mit ihm abgeben. Bis auf seine Familie, hatte er jeden sozialen Kontakt verloren.

Zu Hause fing Gerhard an Vorschriften zu machen. Überall mischte er sich ein. Alles wusste, oder konnte er besser.
Immer öfter stritten sich Amins Eltern.
Meistens in der Nacht, wenn sie annahmen ihr Sohn würde friedlich schlafen. Oft endeten solche „Aussprachen“ damit, dass Gerhard einfach zuschlug. Mit steigendem Alkoholspiegel sanken auch seine Hemmungen vor Ausübung körperlicher Gewalt.
Wenn Armin wegen der unvermeidlichen Schreie aufwachte, zog sich das Kind ängstlich die Bettdecke über den Kopf und fühlten sich auf seltsamer Weise schuldig. Zu gerne hätte er seiner Mutter beigestanden, doch um gegen den kräftigen Vater aufzubegehren war er noch viel zu klein gewesen. Außerdem liebte er ihn doch auch. Armins Seele litt.

Am Morgen nach dem Streit tat Julia so als sei nichts geschehen. Jedoch verrieten Blutergüsse in ihrem Gesicht, was im elterlichen Schlafzimmer geschehen war.
Niemand sprach ein Wort darüber. Tapfer lächelte Julia ihrem Sohn entgegen, wenn er am Frühstücktisch saß. Als Mutter zog sie es vor ein Tuch des Schweigens über das zu legen, was nicht verheimlicht werden konnte. Um keinen Ärger mit dem Vater zu bekommen, hielt sich Armin auch daran.
So ging das mehrere Jahre.

Anfangs hatte Armin noch Mitleid mit seiner Mutter. Doch mit zunehmendem Alter begann er ihr Vorwürfe zu machen. Seine ganze Jugend war von Angst geprägt gewesen und ihr gab er die Schuld daran. Warum hatte sie sich nicht scheiden lassen und all diese Demütigungen ertragen?

Nach Abschluss seiner Berufsausbildung wollte Armin auf eigenen Beinen stehen und sich von seinen Eltern nichts mehr sagen lassen. Prompt bekam er Ärger mit dem Vater.
Wie gewohnt schlug Gerhard zu. Nicht ins Gesicht, sondern in die Magengegend. Dort wo es sehr weh tat, aber keine sichtbaren Spuren hinterließ.
Eine Weile lang schluckte der Heranwachsende die Schläge noch herunter. Wenn der Vater nüchtern war, dann wurde er wieder zu jenem wundervollen Menschen, in den seine Mutter sich verliebt hatte. Doch niemand wusste wie lange dieser Zustand andauern würde.
Im Geheimen fing Armin an eisern zu sparen. Der Tag seines Auszugs rückte in greifbarer Nähe.

Es kam der Tag an dem Gerhard das Zimmer seines Sohnes durchwühlte und das Sparbuch entdeckte.
Dass Armin so viel Geld beisammen hatte erstaunte ihn. Davon wollte er auch etwas abhaben. Freudig rechnete er sich aus, wie viel Freibier er demnächst ausgeben könne. Nur in der Kneipe fand er Gleichgesinnte und wurde anerkannt.

Gerhard war immer knapp bei Kasse. Julia verdiente das Geld. Es mangelte ihm an nichts, doch seine Sauftouren musste er aus eigenen Mitteln bezahlen.
Für ihn war das ein weiterer Grund von Minderwertigkeitskomplexen geplagt zu werden.

Fest entschlossen sich Armins Geldsegen einzuverleiben wartete Gerhard ungeduldig darauf, dass sein Sohn Feierabend hatte. Wie gewohnt stellte er den Jungen zur Rede und unterstellte ihm seine Mutter bestohlen zu haben. Doch Armin konnte beweisen, dass die Beschuldigung aus der Luft gegriffen war. Außerdem weigerte er sich beharrlich seinem Vater einen Cent vom Ersparten abzugeben. Wütend ballte Gerhard die Faust.
Doch dieses Mal zog er dem Kürzeren.
Das erste Mal in seinem Leben wehrte sich Armin und schlug zurück.
Nun war geschehen was er immer vermeiden wollte und ließ sich nicht mehr rückgängig machen.
Böses ahnend saß Armin in seinem Zimmer.

Wutentbrannt, aus der Nase blutend, stürzte Gerhard in die Küche. Julia war gerade dabei Gemüse zu putzen.
„Was ist denn nun schon wieder mit euch beiden los?“, wollte sie gerade fragen. Doch Gerhard riss seiner Frau das Küchenmesser aus der Hand. Schweißperlen glänzten auf dem erhitzten Gesicht.
„Au“ schrie Julia, weil die Klinge einen tiefen Einschnitt hinterließ.
Gerhard achtete gar nicht darauf. Aufgeregt keuchte er:
„Dein Sohn, jetzt hat er es endgültig zu weit getrieben. Ich bring ihn um! Keine Stunde länger verbringt dieser Haufen Scheißdreck unter meinem Dach!“
Alkoholgetränkte Atem schwebte wie ein böses Omen im ganzen Raum.
Bevor Julia etwas erwidern konnte sah sie, wie ihr Mann mit dem Messer bewaffnet zu Armins Zimmer eilte.
Vor Entsetzen bleich geworden wusste Julia, dass Gerhard alles zuzutrauen war. Ihre Hand umklammerte einen Fleischspieß aus Metall. Wieso sie gerade den aus der Lade gezogen hatte und was sie damit anfangen wollte, hätte sie nicht sagen können. Nachdenken konnte das Leben ihres Sohnes gefährden, sie musste handeln. Entschlossen rannte sie ihrem Mann hinterher.

Gerhard stand an der geöffneten Zimmertür und fuchtelte mit dem Messer herum. Er drohte seinen Sohn abzustechen, wenn dieser nicht sofort das Weite suchen würde.
Armins Augen waren vor Angst weit aufgerissen. Er zweifelte keine Sekunde daran, dass sein Vater fähig wäre ihn zu ermorden.

Gerhards Rücken war zur Treppe gewandt. Er konnte das Herannahen seiner Frau nicht sehen.
Julia erfasste im Bruchteil einer Sekunde die gefährliche Situation. Nichts konnte Gerhard zurückhalten, seine Drohung wahr zu machen.
Hatte er nicht seinen über alles geliebten Schäferhund getötet, weil das Tier aus Notwehr ihn in die Hand biss?

Jetzt erhob er sich sogar über Menschenleben. Jeder Tag, an dem sie gelitten hatte, schrie nach Vergeltung.
„Du bist nicht Gott! Woher nimmst Du das Recht, deinem Sohn nach dem Leben zu trachten?“
Verwundert drehte Gerhard ich um.
„Halts Maul und verschwinde in die Küche. Das hier ist eine Sache unter Männern, die geht dich nichts an!“
„Dir zeige ich was mich nichts angeht“.
Ohne zu zögern stieß Julia den Fleischspieß mit voller Wucht in Gerhards Rücken.
Ganz leicht bohrte sich das spitze Metall ins lebende Fleisch, prallte an der Wirbelsäule ab und durchstieß einen Lungenflügel.
Ungläubige Augen sahen Julia an.
„Du? Was hast du das getan?“, konnte Gerhard gerade noch röchen, dann sackte er in sich zusammen. Blut quoll aus seinem Mund heraus.

„Geb’ mir Dein Handy“, verlangte Julia von Armin, der wie angewurzelt dastand.
„Na los, her mit dem Ding“, schrie sie ihren Sohn an um ihm wachzurütteln.
Sie war die Ruhe selbst, als sie bei der Polizei anrief. Pflichtgemäß gab Julia ihren Namen und Adresse bekannt und sagte gelassen, soeben auf ihren Mann eingestochen zu haben.
Die Haustür sei nicht verschlossen, sie würde die Polizisten in der ersten Etage erwarten.
Mit einem Seufzer der Erleichterung widmete sie sich danach ihrem Opfer.

Gerhard lebte noch. Wenn er Glück hatte, dann würde er diesen Anschlag sogar überleben. Seine Augen waren immer noch auf Julia gerichtet.
„Du fragst mich was ich getan habe. Kannst du dir nicht vorstellen dass ich schon lange davon träumte? Jetzt kann ich dir endlich sagen was ich wirklich von dir halte, du erbärmlicher Wicht.“
Dann sagte Julia alles, was ihr seit Jahren auf dem Herzen gelegen hatte. Gerhard hatte weder Luft noch Kraft um sie zu unterbrechen. Nur ein leises
„du hasst mich ja“,
brachte er zustande.
„Ich? Dich hassen? Glaube mir, ein so starkes Gefühl bist du gar nicht wert.“
Jeder Ton drückte Julias Verachtung aus.

Schneller als erwartet stürmten Polizisten, gefolgt vom Notarzt und Sanitätern, ins Haus.
Ein Blick genügte, um zu wissen wie ernst die Lage war. Während sich der Arzt um Gerhard kümmerte, wurde Julia befragt.
„Augenblick bitte, ich muss nur noch was meinem Sohn sagen, dann können Sie über mich verfügen.“
Eindringlich sprach Julia zu Armin.
„Du bleibst hier. Dies ist dein Zuhause, aus dem dich niemand vertreiben darf. Deinem Vater hätte ich schon viel früher Einhalt gebeten sollen, doch ich war zu feige. Verzeih mir bitte, ich habe versagt.“


Eingetragen am: 10.09.2009 von marga
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3378

Mama mia, was soll ich sagen, ich hatte das Glück neben meiner Mutter noch andere Mutterfiguren zu erleben. Meine Tante war Mutter Nummer zwei, die liebte ich besonders, weil sie ihre beiden Kinder und ihren Mann sehr liebte und sie Kissenschlachten miteinander machten. Mutter Nummer drei war die Frau meines Lehrers, die Klavier spielte und viele Stunden am Tag bei offenen Fenstern Opern-Arien sang, so laut dass es die Dorfstraße hinunter schallte. Damals fuhren dort noch keine Autos und kaum jemand hatte je eine Arie gehört. Die liebte ich weil sie nie ein böses Wort sagte und ihren vier Kindern das Musizieren und den Gesang lehrte. Mutter nummer vier war meine Großmutter. Ich liebte sie weil sie meine panische Angst vor zu Hause spürte und immer eine Lösung hatte. Sie wusch meine Sachen, wenn sie verdrekt waren und trocknete sie über dem Herd. Während wir warteten, saß sie am Spinnrad. Ich hockte eingewickelt in eine Decke auf der Bank und sie sang aus voller Kehle "...von der Masulka gerührt mit dem Stiel und der armen Frau Palm mit der Bude voll Qualm... "


Eingetragen am: 01.09.2009 von Bärbel
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3222

du warst rebell als tochter
bist es noch
im muttersein kannst du die rollen wechseln
siehst neugeboren dich in jedem kind
suchst selbstverliebt ein meisterstück zu drechseln
und stößt auf gegenwind
erzeugst verletzungen durch widerstreben
in dir nicht jenes material
um die gewünschte form zu geben
zwar schenkst du viel
an zeit, an kraft und das gefühl
das jeweils wichtigste und wertvollste zu sein
doch lerne: nicht dein eigen


Kommentar von Berthild Lorenz

Nachdenken erwünscht - vorgedacht hast du, danke. Herzliche Grüße dir. Berthild

Eingetragen am: 06.09.2009

Eingetragen am: 28.08.2009 von Lilli Bernstein
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3167

"Des Nachbars Küche"

"Muuuutter!", schrie ich aus Leibeskräften. Wo blieb sie nur? Es war dunkel um mch herum. Duft von alten Kartoffeln und nasser Erde lag in der Luft. Ich nieste kräftig. Es war ein Alptraum. So sehr ich mich auch konzentrierte, ich wollte nicht nicht aufwachen. Ich saß auf kalten Boden, der aus Erde bestand. Ja, ich musste hüpfen. Eins, zwei, drei. Weiter, weiter, wenn ich lang genug hüpfen würde, würde ich wieder in meinem warmen Bett zuhause aufwachen. Ich stockte. Hinter einer dieser Wände hörte ich Schritte - kalte, sich nähernde Schritte auf einer knarzenden Treppe. Ich spürte Gänsehaut auf meinen Armen. Ich wollte, ich hätte eine Jacke an, stattdessen hatte ich nur ein dünnes T-Shirt an. Die Schritte stoppten. Ein Schlüssel wurde in ein Schloss gesteckt. Metall auf Metall. Die Kälte kroch mir bis zum Herz. Dann öffnete sich eine Tür rechts schräg hinter mir. Ich wandte mich um und sah in die Augen unseres Nachbarn. Dunkel erinnerte ich mich wieder daran, dass er mich etwas fragte, aber nur was? Ich kratzte mich am Kopf und tatsächlich war über dem rechten Ohr eine leichte Erhebung zu spüren. Ich schluckte. Was wollte der Typ von mir? Mir wurde klar, dass er mich wohl in seinen Keller eingesperrt hatte. Wie spät mochte es sein? Gut, dass ich ein leuchtendes Zifferblatt hatte. Oh, bereits nach 20 Uhr. Mutter musste mich bereits vermissen. Ich sollte um 18 Uhr zuhause sein. Ich hatte nur diese eine Chance, also schrie ich wieder aus Leibeskräften:"Muuuuutter!" Der Nachbar, ein Typ mit Halbglatze und Bierbauch, giftete mich an. "Schweig, sonst brat ich dir noch eins drüber." Unerwartet traf es ihn - ich rammte mit voller Kraft meinen Kopf in seinen Bierbauch. Er stöhnte und ich rannte die Stufen so schnell es ging hoch. Nie war mir meine Mutter so wichtig gewesen wie in diesem Moment. Ich wimmerte leise. "Bitte, bitte, finde mich." Meine Mutter hatte einen siebten Sinn. Ihr war schon letzte Woche aufgefallen, dass dieser Typ mich beim Spielen beobachtet hatte. Nichts Ungewöhnliches, so weit, aber seine Augen hätten einen komischen Glanz gehabt und das war schon Grund genug für sie mich zu warnen. Hätte ich doch nur auf sie gehört. Mist, der Typ hatte sich wieder zusammengerappelt. Er nahm zwei Stufen auf ein Mal, gleich hat er mich eingeholt. Mit letzter Kraft sprang ich nun auch zwei Stufen auf ein Mal hoch. Ich landete außer Atem mitten in seiner Küche, sauber, aufgeräumt, jeden Verdachts erhaben. Irgendwo musste doch die Haustür sein. Bloß wo? Ich bog rechts ab und tatsächlich da war sie. Ich drückte den roten Plastikgriff nach unten. Abgesperrt! Ich ruckelte an ihr. Da vernahm ich eine leise Stimme auf der anderen Seite. "Sophie? Bist du das?" Mit halb erstickter Stimme erwiderte ich. "Ja, schnell, hol mich hier raus." Da stand der Typ plötzlich hinter mir. Mit einer Holzlatte in der Hand. "Na, mein Schätzchen, dann werde ich dich wohl mal wieder ins Land der Träume schicken müssen." Ich schrie und schrie. Er kam langsam auf mich zu. Mein Gefühl sagte mir, dass ich Zeit schinden musste. Ich stammelte. "Was, was wollen Sie von mir?" Er grinste teuflisch. "Na, was denkst du denn?" Mir wurde schlecht. Wo blieb nur Mutter? Mit ruhigen selbstsicheren Schritten näherte er sich. Ich konnte sein billiges Rasierwasser riechen, vermischt mit einer Alkoholfahne. Da sah ich einen Schatten von links nach rechts huschen. Hatte er einen Komplizen? Dann hätte ich Null Chance. Als ich dies dachte, sauste bereits eine gußeiserne Bratpfanne auf den Typen nieder. Meine Knie waren weich wie Pudding. Meine Mutter, auf sie war Verlass. Sie grinste mich an. "Na, Sophie, der Typ hat wohl die Pfanne heiß, was?" Ich rannte zu ihr, umarmte sie. Sie roch nach Lavendel und nach Geborgenheit und ganz viel Schutz. Ich bereute es, dass ich sie heute morgen beschimpft hatte. "Du bist die beste Mutter der Welt." Sie lachte. "Und die beste Kletterin der Welt. Es war gar nicht so einfach über das Badezimmerfenster einzusteigen." Sie fischte dem Typen die Schlüssel aus der Tasche und schloss die Tür auf. Ich glaube, dass ich sie niemals wieder beschimpfen würde. Auch wenn sie diesen Aufräumtick hatte, weswegen wir uns oft in der Wolle hatten. Das, worauf es ankam, besaß sie. Sie konnte mich beschützen.


Kommentar von Berthild Lorenz

Die Spannung ist enorm, finde ich. Mich interessiert es, seit wie vielen Jahre die drei Personen schon leben, ganz besonders das Mädchen. Er hatte das Mädchen beim Spielen beobachtet und um 21 Uhr findet die Mutter es erst, obwohl es um 18 Uhr Zuhause sein sollte - ja, versuchen als Gastleser zu lesen - deshalb kommen wir her, um uns gegenseitig bewusst zu machen, was wo klemmt ...

Eingetragen am: 06.09.2009

Kommentar von Bärbel

Hallo Lilli,ich fühle mich jetzt noch schwach..., die Situation ist so gut beschrieben, dass man als Leser alles mit durchlebt. Der Alptraum! Was mich nicht überzeugt, ist die Wortwahl der Mutter in solch einer Situation. Wie konnte sie überhaupt in die Wohnung gelangen? "Sie roch nach Lavendel und nach Geborgenheit und ganz viel Schutz" würde mir als Schluss genügen. Diese Geschichte muss ich erst noch verkraften und mich ermahnen, meine Kinder nun nicht "überzubehüten" : ). LG Bärbel

Eingetragen am: 02.09.2009

Kommentar von Lillilu

Liebe Lilli, eine ganz wunderbare Geschichte! Habe ich ganz gespannt gelesen. Nun solltest du auf jeden Fall all die kleinen Fehler entfernen. Hier zwei Beispiele:"Ich wollte, ich hätte eine Jacke an, stattdessen hatte ich nur ein dünnes T-Shirt an"( Wortwiederholung "an": stattdessen TRUG ich nur...)"Dunkel erinnerte ich mich, dass er mich etwas fragte"(Falsche Zeitform: erinnerte ich mich, dass er mich etwas GEFRAGT HATTE.) Wenn die Geschichte gut ist, lohnt es sich sie immer wieder zu überarbeiten, okay? LG Lillilu

Eingetragen am: 30.08.2009

Eingetragen am: 26.08.2009 von Babs
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3142

Mamma Mia
Wer war meine Mutter?
Eine fröhliche, lebensbejahende Frau. Berufstätig, um unserem Leben ein klein wenig mehr „Extras“ zu ermöglichen. Das war, nur mit Vaters Lohn, nicht möglich. Wir waren sogenannte „Schlüsselkinder“.
Mutter sang gerne, auch wenn sie die Melodie nicht halten konnte, was bei meinem Bruder und mir immer zu Lachsalven führte. Ihr Lieblingslied, „Ich wollt`, ich wär ein Huhn, ich hätt nicht viel zu tun…“ sang sie, wenn sie gut gelaunt war. Das war sie eigentlich immer. Oder: „Ein Regenwurm hat`s gut“, mal zur Abwechslung. Wenn wir gar zu sehr lachten, sang sie „Maikäfer flieg, dein Vater ist im Krieg. Deine Mutter ist im Pommernland, Pommernland ist abgebrannt, Maikäfer flieg“. Schlagartig verstummte unser Lachen, wollten wir unsere Eltern doch nicht im Krieg oder im abgebrannten Pommernland wissen.
Ich erinnere mich, dass sie im Garten hinter unserem Haus eine erste Fahrt mit Vaters Moped machte. Es war gleichzeitig ihre Letzte und endete in den Johannisbeersträuchern. Mutter kochte gerne Gemüse aus dem eigenen Garten. Einmal gab es Jägerkohl, er war ein wenig angebrannt und schmeckte ziemlich streng. Aber sie „verkaufte“ ihn so geschickt als Spezialität, dass wir später noch öfter danach verlangten. Nichts verurteilte sie so sehr, wie das Wegwerfen von Nahrungsmitteln. Das gab es nicht. Von Brotresten wurde Brotsuppe gekocht, die mein Bruder und ich eklig fanden.
Mutter liebte uns, da bin ich mir eigentlich sicher, auch wenn sie uns nicht mit Zärtlichkeiten verwöhnte, das kannte sie auch nicht von ihren Eltern. Mutter liebte Vater, das war für meinen Bruder und mich nicht zu übersehen. Eifersüchtig war ich nur, wenn die Nachbarstochter auf ihrem Schoß sitzen durfte.
Wenn ich an meine Mutter denke, steht am Schluss ihr viel zu früher Tod.
Obwohl schon 25 Jahre vergangen sind, schmerzt es immer noch. Abschied nehmen konnte ich nicht, Vater wollte nicht, dass sie über ihren Zustand aufgeklärt wurde. Ich habe lange gebraucht, mich damit auseinander zu setzen. Sie hatte keine Gelegenheit ihre Enkel aufwachsen zu sehen, vielleicht wären ihr bei ihnen die Zärtlichkeiten nicht so schwer gefallen. Und was hätte ich dafür gegeben, ihr im Alter meine Liebe zu ihr beweisen zu können. Mutter starb mit 55 Jahren.


Kommentar von Babs

Hallo Angela, zunächst danke für Deinen Kommentar. Du hast Recht, zum besseren Verständnis hier ein Beispiel: Unsere Eltern "himmelten" sich an, der Austausch von Zärtlichkeiten vor uns, den Kindern, bestand aus Blicken und aus,wie zufälligen, Streicheleinheiten. Kam Vater von der Arbeit, wurde er umarmt und bekam einen Begrüßungskuss. Aber das war für unsere Familie schon sehr viel. Liebe Grüße Babs

Eingetragen am: 28.08.2009

Kommentar von Angela Barotti

Man spürt, wie viel ansteckende Fröhlichkeit die Mutter verbreitet hat. Das spricht für ein intaktes Familienleben. Schade, dass sie ihre Enkelkinder nicht mehr hat aufwachsen sehen. Nur eines habe ich nicht verstanden: Die Mutter hat zwar die eigenen Kinder nicht mit Zärtlichkeiten verwöhnt, doch die Liebe zum Ehemann war „nicht zu übersehen“. Hat sie Zärtlichkeiten mit ihrem Mann vor den Kindern ausgetauscht, oder worin äußerte sich diese Liebe? Dieses „nicht zu übersehen“ bedarf zwecks besserem Verständnis eines Beispiels.

Eingetragen am: 27.08.2009

Eingetragen am: 26.08.2009 von Ursula Menzel
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3139

Mama Mia
Die Mutter – gestern und heute

Mit dieser Aufgabe versuche ich über drei Generationen hinweg ein Bild der Mutter zu zeichnen. Damit greife ich u. a. auf eigene Beobachtungen, Erlebnisse und Erfahrungen zurück.

Mutter sein, von der Natur vorgegeben, ist eine wertvolle Lebensaufgabe. In früheren Jahrhunderten war es keine Seltenheit, dass eine Mutter acht, zehn oder mehr Kinder zur Welt brachte. So kümmerte sie sich ausschließlich um den Haushalt und die Erziehung ihrer Kinder. Aus dem Berufsleben war sie verdrängt, da Kinder und Karriere sich nicht miteinander vereinbaren ließen. Sie war nun mehr die tüchtige Hausfrau, die das Geld verwaltete und Mutter der Kinder.

Während der Zeit des Nationalsozialismus stand die deutsche (arische) Mutter hoch im Kurs. Dies aber geschah ausschließlich aus Rasse ideologischen Gründen. So wurde ihr, je nach Anzahl der Kinder, das Mutterkreuz verliehen; bereits ab dem vierten Kind in Bronze, ab dem sechsten Kind in Silber und ab dem achten Kind in Gold. Diese Auszeichnung brachte ihr in der Gesellschaft Ansehen und viele Vorteile ein.
Meine Großmutter war nicht in diesen Genuss gekommen, da sie es „nur“ bis zu zwei Kindern gebracht hatte, bekleidete jedoch die Rolle der Hausfrau und Mutter ein Leben lang. Stets eiferte sie dem Vorbild ihrer Mutter nach. „Was würde sie dazu sagen wenn… .“
Schon als ihre Tochter längst erwachsen war, hielt sie ihre schützenden Fittiche über sie, so, wie sie es von ihrer Mutter übernommen hatte. „Wie werdet ihr bloß ohne eure Mutter zurechtkommen“, sagte sie oft. So weitete Großmutter ihre beschützende Hand auch auf ihre Enkelkinder aus und gab ihre Lebenserfahrungen und die ihrer Mutter an die nächsten Generationen weiter.

Dass auch Mutter ihre Rolle aus Hausfrau ein Leben lang innehatte, war das typische Familienbild, das mir aus Kindertagen in Erinnerung geblieben ist. Von den Kindern – ob erwachsen oder noch nicht – wurde Gehorsam erwartet. Mutter setzte eins zu eins um, was Großmutter verlangte und was sie für ihre Nachkommen für gut oder besser hielt. Noch heute denke ich an ihre Worte: „Ich bin vierzig und muss noch gehorchen.“ Wie oft hörte ich von Frauen dieser Generation den Ausspruch: „Wir haben immer auf unsere Mutter gehört.“
Ganz anders verhielt es sich in meiner Generation. 1945 geboren, zählte ich zur ersten Nachkriegsgeneration, die sich, wie ich später feststellte, von der Vorkriegsgeneration in Ansicht und Wertvorstellung deutlich unterschied. Mit dem Erwachsenwerden verblasste die Bedeutung des Gehorsams. „Selbst ausprobieren, eigene Erfahrungen sammeln, macht einen Jugendlichen erst zum Erwachsenen“, so meine Devise. Der Vogel wollte dem goldenen Käfig entfliehen.

Bereits mit dem Ende des Krieges änderte sich auch das Bild der Mutter. Im Zuge von Flucht und Vertreibung, und weil die Männer in der Kriegsgefangenschaft, vermisst oder gefallen waren, mussten jetzt auch Frauen und Mütter eine Arbeit aufnehmen, um sich und ihre Kinder zu versorgen. Ich erinnere mich, dass viele Flüchtlingsfrauen, die in unser Dorf kamen, vom Frühjahr bis zum Herbst bei den umliegenden Bauern auf den Feldern arbeiteten. Für meine Mutter war diese Tendenz ein böses Omen. Oft hörte ich sie sagen: „Wie kann eine Mutter außer Haus arbeiten gehen und ihre Kinder sich selbst überlassen?“ Es prägte sich das Wort: „Schlüsselkinder“. Was in den vierziger bis fünfziger Jahren für viele Mütter schicksalsbedingt war, wurde mit dem späteren Wirtschaftswunder Normalität. Es war „in“, wenn Mutter dazuverdiente. Somit stiegen die Ansprüche. Da konnte die Familie auf Mutters Einkommen nicht mehr verzichten.
Als ich Mitte der siebziger Jahre selber Mutter wurde, hätte ich mir gewünscht, wenigstens in den ersten Lebensjahren meiner Kinder Hausfrau und Mutter zu sein. Stattdessen musste ich meine Pflichten im Geschäft meiner Schwiegereltern erfüllen. Meine Kinder waren teils allein zu Hause, teils wurden sie von einem Kindermädchen betreut. Das vereinbarte sich absolut nicht mit meinem Gefühl und Verständnis als Mutter. Wie sehr wünschte ich mir, sie an meinen Arbeitsplatz mitnehmen zu dürfen. Es wurde Anstoß daran genommen: „Hier ist ja Kinder!“ Ich musste auch die Erfahrung machen, dass das Einkommen eines Verdieners für eine vierköpfige Familie recht knapp war. Ich nahm später eine Heimarbeit an. So konnte ich Beruf und Familie auf einen Nenner bringen.
Diese Tatsache brachte mir die Erkenntnis ein, meinen Kindern im Zuge des Heranwachsens, mehr und mehr Eigenverantwortung an die Hand zu geben. Das Bild der ständigen Besorgtheit von Mutter und Großmutter, hatte sich bei mir gewandelt. Mein Ziel war es, meine Kinder zu verantwortungsvollen Menschen anzuleiten, was ebenso ein Naturgesetz ist. Jede Tiermutter bereitet ihre Jungen auf das Leben und Überleben in der Wildnis vor. Das hatte ich mir zum Vorbild genommen. Heute weiß ich, dass meine Kinder mit beiden Füßen im Leben stehen, und das macht mich mit dem Älterwerden zufrieden und glücklich.


Kommentar von Berthild Lorenz

Ja, ich bin zutiefst gerührt von dem von dir Geschriebenen, denn ich bin 1951, in der ehmaligen DDR geboren. Das Wort "Eigenverantwortung" fällt mir in einem deiner Sätze angenehm auf! Genau diese, meine ich, wurde Krippenkindern ab-er-zogen, sogar auf den Topf hatten sie zu müssen, wenn Zeit dafür war! Von den Tieren können Menschen viel lernen - das erwähnst du ebenfalls, danke!

Eingetragen am: 06.09.2009

Eingetragen am: 26.08.2009 von Veronika Oswald
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3129

MAMMA MIA

Abendbrotszeit. Wir sitzen mit unseren Kindern am Tisch. Das Telefon klingelt.
„Hallo. Hier ist Mama. Stör ich gerade?“
„Wir sitzen beim Abendbrot...“
„Na, das ist ja fein. Ich wollte eigentlich nur mal hören wie es euch so geht?“

Perfektes Timing!
Was soll ich sagen? Mein Mann hat seit 2 Jahren Krebs. Heute haben wir erfahren, dass der Tumor wieder gewachsen ist. Aber wir sprechen nicht vor den Kindern darüber. Sie sind zu klein, um es verstehen zu können, aber alt genug, um vom Schreckgespenst Krebs gehört zu haben.

„Naja...“, antworte ich daher ausweichend.
„Ach. Hat Dieter wieder was mit seinem Bauch?“ Meine Mutter spricht nicht von Krebs.
„Ja...“
„Ist er denn im Krankenhaus?“
„Nein...“ Eigentlich bin ich sonst nicht so einsilbig.
„Na, dann ist es ja gut.“ Pause
„Und sonst so? Alle gesund?“

Ich nehme mir vor, beim nächsten Treffen mit meiner Mutter dieses Thema ausführlicher zu behandeln. Vielleicht hat sie ja doch noch nicht richtig verstanden, worum es bei Dieters „Bauchgeschichte“ geht.

Die Gelegenheit ergibt sich zwei Wochen später. Ich fahre zu meiner Mutter in meine alte Heimatstadt und mache mit ihr zusammen einen Ausflug. Nur wir beide. Keine Kinder dabei. Ideale Gelegenheit.

„Mama....“ Das Thema ist nicht leicht für mich. Ich spreche zwar darüber, wenn ich gefragt werde, aber von mir aus fange ich üblicherweise nicht davon an.
„Ich wollte mit dir über Dieters Krankheit reden“
Keine Reaktion.
„Also... das ist nicht irgendeine Bauchkrankheit. Dieter hat einen faustgroßen Tumor in der Leber und die Ärzte...“
„Ach, guck doch mal eben, das Haus da drüben! Da hat der Herr Mackenheller drin gewohnt, bevor er dann nach Isenbüttel gezogen ist.“

Keine Ahnung, wer Herr Mackenheller ist, aber meine Mutter wird wohl weiterhin mit der „Bauchgeschichte“ leben müssen.


Kommentar von Berthild Lorenz

Ich lese: "Ich wollte mit dir über Dieters Krankheit reden." Keine Reaktion. - Gib ihnen Zeit, viel Zeit, bitte. Es geht der Mutter tief unter die Haut, genau wie dir, die du reden willst, eine Zuhörende in der Mutter suchst. Versteck dich nicht hinter den Ärzten, bitte, sag doch, dass du Angst hast, dass du dir Sorgen machst und in den Arm genommen werden möchtest, versuch das bitte mal. Wissen wir nicht alle, wie schlimm es für uns ist, eine solche Botschaft zu hören und wir Schrei(b)enden können diese erstarrten Denkmuster hinterfragen und aufweichen. Wir haben die Aufgabe, Menschen zu zeigen, dass ein anderes Denken und Tun gefragt sind und ihnen zu zeigen, wie das Zuhören und verbindende Kommunikation funktionieren.

Eingetragen am: 06.09.2009

Kommentar von Angela Barotti

Die Mutter betreibt eine perfekte Vogel-Strauß-Politik. Wenn ihr ein Thema unangenehm ist, dann schaltet sie wie bei einem Fernseher auf ein anderes Programm um. Ich weiß nicht, ob solch ein Verhalten auf reinem Egoismus basiert. Fürchtet sie sich davor, tröstende Worte finden zu müssen? Fühlt sie sich damit überfordert? Als Mutter sollte sie darin eigentlich geübt sein. Mich persönlich würde solch ein Verhalten in den Wahnsinn treiben. Bewundernswert, wie viel Verständnis die Prota trotz all ihrer Sorgen noch für die Mutter aufbringt.

Eingetragen am: 27.08.2009

Kommentar von Lillilu

Das kenne ich gut. Natürlich weiß man, dass solche Reaktionen - oder Nicht-Reaktionen - auf Mutters Ängste zurückzuführen sind, aber irgend eine Generation muss dann mal den Anfang machen und den Mut aufbringen, über Krankheit und Tod zu reden. Jedenfalls hat die Tochter mein Mitgefühl, wenn sie Mutter und Ehemann verliert und dabei noch nicht einmal geredet werden darf.

Eingetragen am: 27.08.2009

Eingetragen am: 24.08.2009 von Angela Barotti
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3118

Kann man nach dem Tod eines Menschen noch sein Leben auslöschen? Doch, das geht. Ich habe zwar nicht meine Mutter getötet, doch ich habe ihr Leben ausgelöscht.

Als meine Mutter viel zu früh an Krebs starb, war es an mir, mich um ihre Hinterlassenschaft zu kümmern. Meine Schwester wohnte weit entfernt und hatte zudem drei Kinder unter fünf Jahren zu versorgen.
Ich habe die Wohnung meiner Mutter gekündigt und gemeinsam mit meinem Mann ihre Möbel entweder verkauft oder auf die Müllkippe gefahren. In den Müll wanderten auch die Inhalte sämtlicher Schränke. Alles, was ihr einmal etwas bedeutet hatte, warf ich weg. Sechzehn Fotoalben voll mit ihren Erinnerungen, unzählige Liebesbriefe von diversen Männern, Nippes, an dem ihr Herz gehangen hatte, Gläser, Porzellan und Tischdecken. Ich verschenkte ihre Ölbilder und Elektrogeräte.
Ihre Anziehsachen für das Rote Kreuz zusammen zu packen, kostete mich am meisten Kraft. Den Kleidungsstücken entströmte noch ihr ganz besonderer Duft. Eine Mischung aus Haarspray, Parfüm, Seife und ihrem so eigenen vertrauten Körpergeruch. Ich wusste bei den meisten Sachen noch genau, zu welcher Gelegenheit sie sie getragen hatte. Diese Dinge gaukelten mir vor, dass sie gar nicht tot sei, denn ich konnte ihre Gegenwart noch so stark spüren.

So warf ich alle Dinge auf den Müll, die noch von der Seele meiner Mutter behaftet waren. Ja, ich habe ihr Leben ausgelöscht.


Kommentar von wladimir

Liebe Angela Barotti, ich sah mir gerade alle möglichen und unmöglichen alten Texte in meinem Computer an, landete schließlich in diesem Forum und, Zufall oder nicht, als ich einen bekannten Namen sah (Deinen), las ich den Text darunter. Ach, er hat mich seltsam angerührt! Auch meine Mutter ist an Krebs gestorben ( letztes Jahr), mein Vater ist ein halbes Jahr später ins Altersheim gezogen, das Haus meiner Kindheit wurde verkauft.Und damit auch meine Kindheit. Nichts ist von ihr übrig geblieben, nichts außer Nippes.Wie gern hätte ich noch an ihrer Kleidung gerochen, doch als ich nach Hause kam, war alles weg. Auch sie liebte Kerzen, alte Vasen und Gläser. Mein Vater überließ mir alles, für den Flohmarkt.Ich konnte die Sachen nicht verkaufen.Ich wollte nicht. Und auch nicht wegwerfen. Mir war, als würde ich den letzten Hauch meiner Kindheit wegwerfen.Ich habe alles sorgfälig, vielleicht sogar liebevoll eingewickelt, in einen schönen Karton gepackt und auf den Dachboden gebracht. Wahrscheinlich habe ich auch die Reste ihrer Seele mit eingewickelt, ich weiß es nicht. Als ich Deine Geschichte las, wurde mir ganz wehmütig zumute... Nein, Du hast ihr Leben nicht ausgelöscht. Dass Du über sie schreibst und was Du schreibst,erhält sie auf eine zärtliche Weise am Leben. Klingt kitschig - ist aber wahr! Wladimir

Eingetragen am: 02.10.2009

Kommentar von Angela Barotti

Vielen Dank für eure Rückmeldungen, aus denen ich ersehen kann, dass es vielen gefühlsmäßig ebenso ergangen ist. @Maria: Ja, es fällt schwer sich zu trennen. Wenn man schon die Person nicht mehr um sich hat, möchte man wenigstens viele Erinnerungsstücke behalten. Doch der Verstand schaltet sich ein und du weißt, dass in deiner kleinen Mietwohnung kein Platz dafür ist. @Lillilu: Nicht fiktiv, sondern 100% autobiographisch. Und merkwürdigerweise bohrt sich der Stachel von Jahr zu Jahr tiefer ins Fleisch. @Hadassa und Iris H.: Doch, ich mache mir Vorwürfe, obwohl ich weiß, dass das Quatsch ist. Aber ich habe das Gefühl, dass ich mit der Auflösung ihres Haushaltes mir selbst die Chance genommen habe, mich an sie zu erinnern. Ich bin ein Mensch, der z. B. visuelle Anreize braucht, um sich zu erinnern. (oder Gerüche, oder Musik) Und ich grübele, ob ich nicht doch die ein oder andere Vase, einen Kochtopf, oder ein Ölbild hätte behalten sollen. Diese Alltagsgegenstände hätten mir mehrmals am Tag die Erinnerung an meine Mutter zurückgebracht. So jedoch denke ich viel zu selten an sie. Da ich mir also mit der Auflösung ihres Haushaltes die Möglichkeit genommen habe, mir persönliche Erinnerungsanreize zu schaffen, lastet der Druck auf mir, ihr Leben ausgelöscht zu haben. Wenn ich die Zeit nochmals zurück drehen könnte, würde ich zwar aus Platzgründen wiederum nichts behalten, doch ich würde von allen Gegenständen vorher Fotos machen und mir ein persönliches Erinnerungsalbum anlegen. @M.P.: Ich habe mal einen Text geschrieben, der „auf der anderen Seite“ spielt. Darin wundern sich die Seelen, warum manche von ihnen schon nach kurzer Zeit auf Nimmerwiedersehen verschwinden, andere jedoch die Jahrhunderte im Himmel überdauern. Des Rätsels Lösung: Die Einen wurden irgendwann vergessen, die anderen hatten entweder irgendetwas Bedeutendes getan, oder etwas besonders Grausames. Diesen Menschen wird in den Geschichtsbüchern und Museen bis zum heutigen Tage gedacht. Ich glaube inzwischen fest an den Spruch: Tot ist nur, wer vergessen ist. Doch diese Erkenntnis hat sich leider zu spät bei mir eingestellt. @Babs: Vielen Dank auch dir für deine aufbauenden Worte. Hat mir gut getan.

Eingetragen am: 27.08.2009

Kommentar von Babs

Hallo Angela, ich kann sehr gut nachempfinden, wie Du Dich gefühlt haben musst. Auch mir fiel es schwer, mich von Dingen zu trennen. Ich habe ein Kleidungsstück meiner Mutter drei Jahre in meinem Kleiderschrank aufbewahrt, um ihren Duft nicht zu verlieren. Und es fiel mir dann auch noch schwer, mich davon zu trennen. Schöner Text von Dir! Gruß Babs

Eingetragen am: 26.08.2009

Kommentar von Iris H.

Liebe Angela, mir ging es ganz ähnlich nach dem Tod meiner Mutter. Man löscht so viele Spuren mit dem Entfernen der Dinge, die ihr etwas bedeutet haben. Zum Glück bleiben die Spuren, die sie bei den Menschen hinterlassen hat, denen sie etwas bedeutete. Mir gefällt dein Text sehr gut. Iris

Eingetragen am: 26.08.2009

Kommentar von M.P.

Hallo Angela. Der Tod ist der Abschluß, manche glauben auch, dass er der Beginn sei. Irdische Habe sind für die Verstorbene wertlos, denn auch sie verschwinden irgendwann oder verblassen, wie ein altes Foto. Unsterblich sind die, die Erinnerungen zurücklassen und auf der Seite der Lebenden Freunde haben, die sie aufleben lassen. Unterschwellig sagt mir dein Text genau das, und das beeindruckt mich. LG M.P.

Eingetragen am: 26.08.2009

Kommentar von Hadassa

Liebe Angela, Du hast in Deinem Text eine interessante Sichtweise beschrieben. Fast kommt es mir so vor, als würdest Du Dir im Nachhinein Vorwürfe machen. Ich möchte Dir das aber nicht unterstellen! Irgendwann versterben Eltern und man muß sich um diesen Teil ihres Lebens kümmern, der von ihnen zurückbleibt. Ich habe auch den Haushalt meiner Eltern auflösen müssen und das war sicherlich nicht einfach. Aber ich wollte auch nicht ihren Teil durch mein Leben mitschleppen. Es war ein Teil, der ihnen gehörte und den ich nun fortgab. In meinen Augen löscht man einen Menschen aus, wenn man die Erinnerungen an ihnen löscht. Und das hast Du ja nicht getan. lg Hadassa

Eingetragen am: 26.08.2009

Kommentar von Lillilu

Stimmt, man kann! Darf ich davon ausgehen, dass dies fiktiv ist? Aber sicher doch. Dann sag deiner Prota, dass sie zwar all diese Dinge tun kann und damit de facto die Erinnerung an ihre Mutter auslöscht, aber sie hat sie damit auch mit Widerhaken in ihrer Seele verankert. Nur frei wird man durch eine aufgearbeitete Vita und durch Verzeihen. Der Text hat etwas Gruseliges an sich und ich könnte mir gut vorstellen, dass hier die erste Seite eines Romans über Mutter und Tochter zu lesen ist. Lass deine Prota Wasser saufen, bis sie erlöst ist. LG Lillilu

Eingetragen am: 26.08.2009

Kommentar von Maria

Mit 17 bin ich zu meiner Oma gezogen. Sie wohnte im gleichen Haus, hatte ein Zimmer frei und nach ihrem Schlaganfall Angst, allein zu sein. (Bisher teilte ich mir ein Zimmer mit meiner kleinen Schwester ein Zimmer.) Wie oft stand sie, vor allem in den Ferien, gegen halb 6 Morgens in der Tür, wollte wissen, welcher Tag ist oder ob sie für's Mttagessen Kartoffeln schälen solle? Wie oft hätte ich sie am liebsten aus ihrer eigenen Wohnung geworfen, weil sie mich, natürlich unabsichtlich und rückblickend auf sehr charmante Art, genervt hat. Als sie starb, war ich die erste, die ausgezogen ist. Ich konnte das alles einfach nicht ertragen, den Duft, die vertrauten Geräusche und vor allem die Leere. Es hat ewig gedauert, bis wir die Wohnung ausräumen konnten. Egal, ob man wegwirft oder aufhebt, das Gefühl, dieses Leben entgültig auszulöschen, bleibt. Der Text ist wirklich gut. Vor allem der Absatz mit den Sachen; da merkt man, wie schwer das alles fällt.

Eingetragen am: 25.08.2009

Eingetragen am: 24.08.2009 von Maren
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3100

„Erzähl mir doch die Geschichte von deiner Mutter, ich schreibe sie dir auf“, sagte ich zu ihm.
„Ja, das tue ich noch so gerne, du weißt ja, Schreiben ist nicht mein Hobby“.

Meine Mutter war eines von 16 Kindern, es waren je acht Kinder aus zwei Ehen. Sie war die Jüngste aus der ersten Truppe. Ich habe ein Foto von meinem Grossvater mit seiner zweiten Frau und den 16 Kindern.
An Weihnachten 1908 wurde meine Mutter geboren, einige Wochen nach der Geburt starb ihre Mutter.
Liny, so war ihr Name, verlebte ihre Kindheit bei der Schwester des Vaters. Als sie die Schule abgeschlossen hatte, durfte sie eine Schneiderlehre machen bei einer älteren Cousine, sie zog zu ihr.
In diesem Dorf lernte sie auch meinen Vater kennen. Einen flotten Schreinermeister. Sie heirateten und es wurde bald ein Mädchen geboren, meine Schwester und dann kam ich, später kam noch eine Nachzüglerin, meine jüngste Schwester.

Vierzig Jahre lebten meine Eltern in dem Wohn- und Geschäftshaus, in dem wir Kinder aufwuchsen.
Meine Mutter war nicht nur unsere Mutter, sie erledigte alle Büroarbeiten meines Vaters, nähte noch in Heimarbeit für einen Textilladen oder unsere Kinderkleidung, führte den Haushalt, war im Kirchenchor, hatte einen Frauenstammtisch und sorgte für manchen Auftrag für die Schreinerei.
Meine Mutter war immer zu einem Scherz aufgelegt, sie war sehr gesellig, als Sängerin wurde sie im Chor geschätzt, sie spielte auch Handörgeli.
Ich war ihr Sonnenschein. Vielleicht auch deshalb, weil ich fröhlicher Bub war. Beim Geschirrabwaschen half ich ihr immer, dafür erzählte sie mir lustige Geschichten.

Natürlich machte ich ihr auch viel Sorgen und manchmal auch Ärger. Als kleiner Bub war das Skifahren für mich das Wichtigste in der Welt. Morgens wurde ich in einen Skianzug gesteckt und mit guten Ermahnungen frei gelassen. Ich war so fanatisch, dass ich oft erst abends wieder zuhause erschien.
Musste ich aufs WC, machte ich einfach in die Hose. Meine Mutter schimpfte, stellte mich in die Badewanne und ich wurde abgespritzt. Das hatte sie immer sehr geärgert.
Und die Schule! Immer musste ich vor der Türe stehen, natürlich gab es vorher auf die Finger. Dummerweise ging meine ältere Schwester auch in die gleiche Schule. Sie hat dann meiner Mutter gepetzt. Wenn ich dann heim kam, musste ich erzählen, warum. Meistens war der Grund derselbe, entweder bin ich unter die Schulbank gekrabbelt und habe den Mädchen unter ihren Röcken die Beine gekitzelt, oder ich wurde für einen dummen Streich bestraft.
Meine Mutter schämte sich im Dorf. Als ich zur Prüfung für die Sekundarschule sollte, aber es vorzog ins Kino zu gehen, da war der Topf voll. Daraufhin musste ich ins Internat.
Später studierte ich in Deutschland, danach war ich in verschiedenen Ländern tätig. Für mich war das schön, aber nicht für meine Mutter.Sie hat mich kaum noch zu Gesicht bekommen.

Heute weiss ich, dass ich viele ihrer Gene geerbt habe. Sie war eine engagierte, fleissige Person, eine treue Ehefrau, eine gute Mutter, eine Handwerkerfrau, nahm am geselligem Dorfleben teil. Sie starb an Herzversagen, wie die anderen 15 Geschwister.
Damals gab es keine Waschmaschine, keinen Geschirrspüler, keinen Zweitwagen, aber es gab auch keinen Fernseher oder Computer. Meine Mutter hatte für uns immer Zeit. Erst jetzt sehe, was sie alles geleistet hat. Mein Vater hätte sein Geschäft nie so erfolgreich führen könne, wäre meine Mutter nicht gewesen.
Ich habe ihr das nie gesagt. Auch habe ich ihr nie die verdiente Anerkennung gegeben. Ihre Art, ihre lustigen Sprüche, ihr weises verhalten in Krisensituationen und und ihr fröhliches Lachen werden nie vergessen.
Es scheint mir oft ein Schicksal einer Mutter zu sein, dass sie erst nach ihrem Tode geehrt wird. Eigentlich schade.Kinder nehmen eine Mutter wie selbstverständlich und sind mit sich selbst so beschäftigt,dass sie sich keine Gedanken über die Mutter machen.


Kommentar von Berthild Lorenz

Und dann gibt es noch die Jetzt-Zeit, in der so viele Menschen ständig jammern, dass sie keine Zeit haben, weil sie Beruf und Haushalt unter eine Decke bringen müssen ... Ich möchte auf des Satz eingehen: "Kinder nehmen eine Mutter wie selbstverständlich und sind mit sich selbst so beschäftigt,dass sie sich keine Gedanken über die Mutter machen." Mein 8 jähriger Sohn hat von einer Ferienreise geschrieben: "Ich liebe nichts so wie dich, Mama." Ich habe von Kindern immer das zurück bekommen, was ich ihnen geschenkt habe. Wenn ich ihnen Aufmerksamkeit und Lebenszeit widme, schenken sie sie mir ebenfalls - Kinder sind das Spiegelbild der um sie seienden (V)Erwachsenen ...

Eingetragen am: 06.09.2009

Kommentar von Maren

Danke Lillilu,mit dem Handörgeli hast du es erfasst, aber der Text ist nicht Mundart, sondern " Hochdeutsch" ,wie man hier sagt. Auch dir M.P. Danke, es stimmt, da ist eine Sperre, an der ich nicht alle teilhaben lassen will. VG Maren

Eingetragen am: 26.08.2009

Kommentar von M.P.

Hallo Maren. Ein schöner Streifzug durch die Erlebniswelt der Mutter deines Mannes. Da stimme ich auch Lillilu zu, das waren noch Powerfrauen. Aber warum hast du nicht über deine eigene Mutter geschrieben. Gibt es dafür einen Grund? Ein schöner Text. LG M.P.

Eingetragen am: 25.08.2009

Kommentar von Lillilu

Das waren wahre Powerfrauen damals! 15 Kinder, 16 Kinder, berufstätig, Chor, Haushalt, zwei Weltkriege (die hast du vergessen zu erwähnen), Chapeau! Schön, dass der Text in Mundart geschrieben ist - welche genau ist es? Ich als Norddeutsche kann das schlecht einordnen. Aber eine 'Handörgeli' kann es doch nur in der Schweiz geben, oder?

Eingetragen am: 24.08.2009

Eingetragen am: 23.08.2009 von Claudia Tyrchan
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3096

Vier Minuten sind uns geblieben. Vier Minuten werden dir später vorkommen wie eine Ewigkeit.
Ich liege auf deiner nackten Brust und spüre die Wärme deiner Haut. Du umklammerst mich mit deinen Armen, als würdest du ahnen, dass jemand mich ihnen entreißen wird. Ich höre dein Herz rasen, es dröhnt an meinem Ohr. Ganz anders als der beruhigende Rhythmus, der mir so vertraut war aus der Zeit, bevor ich hervorgezerrt wurde in diese Welt, die mich kalt und grell empfangen hat. Nun ist es still um uns herum, und auch dein Herzschlag ist wieder etwas ruhiger geworden. Die vielen Stimmen, die noch vor Minuten den Raum hektisch erfüllt haben, sind weggegangen, denn dieser Augenblick gehört uns ganz allein.
Du hast mir so oft gesagt, wie sehr du dich auf diesen Moment freust. Hast mir erzählt, wie du meine Ankunft vorbereitest und dass du die Tage zählst, bis du mich in den Armen halten kannst. Warum habe ich das Gefühl, dass nun alles anders wird? Was wird aus den Plänen, die du für mich gemacht hast? Reicht dieser Augenblick, um auf mich stolz sein zu können? Oder wirst du mich vergessen?
All deine Liebe, die für ein ganzes Leben reichen sollte, legst du in diese letzte Umarmung. Ich fühle mich geborgen in deinem Arm und spüre keine Angst. Du musst mich nun gehen lassen, denn ich bin ein Sternenkind. Ich wünschte, uns wäre mehr geblieben als diese vier Minuten.


Kommentar von Berthild Lorenz

Innige Herzlichkeit; eine Verbindung, die bleibt, spüre ich. Ich weiß nicht, welche Verbindungen wir zu den Vorausgegangenen haben, bis wir ihnen folgen werden ... Herzliche Grüße dir! Berthild

Eingetragen am: 10.10.2009

Kommentar von Hadassa

Liebe Claudia. Ein Text, der erschüttert und für Tränen sorgt. liebe Grüße Hadassa

Eingetragen am: 25.08.2009

Kommentar von Monika Han.

Hallo Claudia, ein sehr gefühlvoller, trauriger und gut geschriebener Text. Gruß Monika Han.

Eingetragen am: 24.08.2009

Kommentar von Lillilu

Erschütternd!

Eingetragen am: 24.08.2009

Kommentar von Angela Barotti

Ein Text voller positiver Traurigkeit. Ich habe ihn mehrmals gelesen, und mit jedem Mal hat er mich mehr berührt.

Eingetragen am: 24.08.2009

Kommentar von James Bond

Das ist sehr, sehr schön und traurig. Du schreibst wirklich gut und legst Deine Seele in Deine Texte. Hut ab, ganz ehrlich..... LG James

Eingetragen am: 24.08.2009

Kommentar von suze

Hallo Claudia, als Schwester einer 3-fachen Sternenkind-Mutter, hat mich Dein Text sehr berührt...

Eingetragen am: 24.08.2009

Eingetragen am: 23.08.2009 von Rosima Ka
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3094

MAMA MIA

Sie war eine widersprüchliche Frau. Vielleicht war ich auch eine widerspruchsvolle Tochter. Wer kann das genau unterscheiden oder wissen, wie dieses manchmal gegensätzliche Verhältnis zwischen Müttern und Töchtern entsteht oder woraus es genau besteht.
Das fing schon in der Schulzeit an. Da bekam ich zum Schulanfang eine Klapptafel! Sowas hatte kein anderes Kind in der Dorfschule. Die anderen Kinder hatten einfache Schiefertafeln, mit einem Loch an der Seite, durch das ein Band gezogen war, an dem ein Schwämmchen und ein Tafellappen aus dem Ranzen heraus hingen. Das hatte ich schon immer bei den Schulkindern gesehen und fand es, na ja, cool, würde man heute sagen. Aber meine Klapptafel hatte keine solche Vorrichtung, und außerdem, Mutti fand auch diese baumelnden Schwämmchen nicht so toll, und so bekam ich außerdem eine Schwammdose! Auch das noch! Und wenn ich protestierte: „Aber die anderen Kinder . . .“, dann hieß es, „du bist nicht wie die anderen Kinder!“ Diesen Satz sollte ich noch oft hören, aber verstanden habe ich das nicht. Wenn ich schon keine blonden Zöpfe hatte wie die anderen Mädchen, sondern eine kurze, schwarze Ponyfrisur, meistens noch mit einer großen Schleife im Haar, so war es mein sehnlicher Wunsch, so zu sein wie die anderen Kinder.
Weihnachten, vor allem der Heiligabend, war immer etwas Besonderes in unserer Familie, und es ging auch ziemlich harmonisch zu. Wir alle haben viel und gern gesungen. Beide Eltern waren im Kirchenchor gewesen, meine kleine Schwester und ich sangen zweistimmig, und einer der Brüder hatte als Junge eine wunderbare Sopranstimme. Vor der Bescherung wurde also immer erst gesungen, von ‚O Tannenbaum’‚ ‚Ihr Kinderlein kommet’ bis ‚Stille Nacht. . .’ und wir alle sangen mit Andacht und Begeisterung. Für uns Kinder waren natürlich die Geschenke der Höhepunkt des Abends, aber dann kam der Moment, wenn die Mutti nostalgisch an ihre Internatszeit in Liverpool zurück dachte, und da wussten wir, was jetzt auf dem Programm stand: sie sang das englische Weihnachtslied, ‚Oh Holy Night’. Mit viel Gefühl und dramatischem Ausdruck trug sie es vor. Zugegeben, sie hatte ein schöne Mezzosopran-Stimme, aber dass sie ausgerechnet ein englisches Lied singen musste, das fanden wir unpassend. Es war so ganz anders als unsere deutschen Weihnachtslieder, fast wie eine Opernarie. Ich weiß nicht, ob sie gemerkt hat, wie peinlich uns Kindern das damals war. Seit ich älter bin, denke ich Weihnachten immer an ‚Oh Holy Night. . .’ und muss bekennen, dass ich Muttis Stimme jetzt manchmal vermisse.
Wie die meisten heranwachsenden Kinder hatte ich keine große Lust, im Haushalt zu helfen. Vor Abtrocknen, Staubwischen und dergleichen drückte ich mich gerne und wurde entsprechend zurechtgewiesen. „Was willst du später mal machen, wenn du wenn du verheiratet bist und selber einen Haushalt hast?“
„Da habe ich dann ein Dienstmädchen,“ war meine flapsige Antwort, und diese Art Dialoge gab es oft. Auf der anderen Seite war Mutti immer stolz, wenn ich gute Zeugnisse hatte, und dann wurde ich gelobt und meinen jüngeren Geschwistern als Beispiel vorgehalten.
Als ich etwa dreizehn oder vierzehn war, machte Mutti öfter Radtouren mit mir durch das Weserbergland, und daran erinnere ich mich gerne. Aber dann wieder nervte sie, wenn sie genau bestimmte, was für Kleidung ich zu tragen hätte. Am schlimmsten war das bei der Tanzstunde. Zum Abschlussball hatte ich gehofft, ein Kleid zu bekommen, wie die meisten anderen Mädchen. Rosa, bleu, oder eine andere zarte Farbe. Dieses Ballkleid war Thema Nummer eins unter uns Fünfzehnjährigen. Als es dann soweit war, entschied die Frau Mutti, dass gelb die Farbe ihrer Tochter sei – bei den schwarzen Haaren und dunklen Augen. Ich war maßlos enttäuscht. Und dann wurde dieses Kleid auch noch aus Taft geschneidert und mit einer blauen Schärpe in der Taille gebunden. Wieder einmal musste ich etwas Apartes tragen, was kein anderes Mädchen hatte. Ich ging ziemlich unglücklich zu diesem Abschlussball. Doch trotz allem wurde es doch noch ein schöner Abend, und ich bekam sogar ein paar Komplimente für das Kleid. Nach ein paar Tänzen war der Groll ziemlich vergessen.
Und heute, nach all den vielen Jahren kommt mir der Gedanke, ob meine Mutter vielleicht gar nicht so unrecht hatte mit iher Wahl. Vielleicht stand mir dieses gelbe Taftkleid wirklich gut, und ihr machte es einfach Freude, ihre Tochter in einem aparten Kleid tanzen zu sehen.
Ich muss zugeben, dass sie immer stolz auf uns Kinder war. Wenn sie Besuch hatte, zeigte sie gern die Patchwork-Wandbehänge meiner Schwester, und immer betonte sie: „Alles mit der Hand genäht!“ Auch meine Tiffany-Glasbilder wurden bewundert und bekamen den Kommentar: „Alle selbst entworfen! Nicht nach Vorlagen gemacht!“
Meine Mutter ist 92 geworden. Ihre letzten sechs Jahre habe ich mit ihr zusammen gelebt. Wir wohnten zusammen in einem Haus, wenn auch in separaten Wohnungen. Wir kamen ganz gut miteinander aus, aber in unserem Zusammenleben holperte es auch gelegentlich. Mir wurde klar, dass in der späten Lebensphase meiner Mutter ein Rollentausch zwischen uns beiden entstanden war. Und nun war sie es, die sich manchmal gegen meine „Autorität“ wehrte. Zum Beispiel, wenn ich mit ihr spazieren gehen wollte. Ich sagte, „Du weißt, was der Doktor gesagt hat. Du musst jeden Tag Bewegung haben, und ich soll mit dir raus gehen!“ Sie sträubte sich und wehrte sich und erwiderte: „Ich will heute nicht. Ich bin müde. Du wirst noch an mich denken! Warte nur, wenn du erst richtig alt bist.“
Und wie so oft, sie hatte recht. Den Gang um den Block, zu dem ich sie damals meisens lange überreden musste, den kann ich jetzt selber gerade mal mühsam bewältigen. Mit meinem Rollator.


Kommentar von Berthild Lorenz

Lächelnd kann ich sagen: "So ist das Leben - wie sich doch die Fälle ähneln ..." Ich finde es so wichtig, dass die letzten Sätze zeigen: "Hey, guck dich an, LesendeR!"

Eingetragen am: 06.09.2009

Kommentar von M.P.

Der Kreis schließt sich. Nur zu oft werden die Töchter wie ihre Mütter. Anschaulich dargestellt in schnörkellosen Sätzen. LG M.P.

Eingetragen am: 25.08.2009

Kommentar von Hadassa

Hallo Rosima, auch dieser Text von Dir ist beeindruckend geschrieben - schön, den Sichtwechsel zu erleben. lg Hadassa

Eingetragen am: 25.08.2009

Eingetragen am: 23.08.2009 von Susanne
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3081

„Fahr’ vorsichtig! Pass’ auf!“
„Ja, Mama“, rief ich ihr zum Abschied zu, genervt von den ständigen Ermahnungen. Ich war schließlich kein Baby mehr, sondern konnte mittlerweile sicher Fahrrad fahren und kannten den Weg zur Grundschule.
„Wo warst du denn? Ich habe mir solche Sorgen gemacht!“ Verständnislos sah ich meine Mutter mittags an, als sie mir laut schimpfend mit hochrotem Kopf entgegen lief. Ich kam von der Schule, woher denn sonst!
„Du hättest doch schon vor einer Stunde zu Hause sein sollen!“, zeterte sie.
War die Schule wirklich schon so lange aus? Das konnte doch gar nicht sein! Zu meiner Entschuldigung brachte ich nur hervor, dass wir uns um die Mückenlarven gekümmert hatten. Ich hatte mit meinem besten Freund Peter extra einen Umweg gemacht, um in dem kleinen Tümpel im Wald den sich ständig vermehrenden Insekten zuzusehen. Sie musste doch verstehen, dass das halt dauerte, bis wir nach Hause kommen konnten! Warum sah sie mich nur so böse an? Lag es daran, dass ich in dieser Woche schon mehr als einmal länger für den Rückweg von der Schule gebraucht hatte als normal? Aber das kleine Feuerchen hinter den Mülltonnen hatte am Montag lange gebraucht, bis es endlich brannte. Und gestern mussten wir den Baggern zusehen, wie sie für die Neubausiedlung die Baugruben aushoben.
Zum Glück hatte ich noch einen kleinen Strauß Gänseblümchen gepflückt. „Hier, Mama, der ist für dich!“, überreichte ich ihr eine Handvoll welker Blümchen. Ihre in Falten gelegte Stirn glättete sich ein wenig, ich sah ein kleines Lächeln über ihr Gesicht huschen. Aber schon nach Sekundenbruchteilen war es wieder verschwunden und übrig blieb nur der zusammengekniffene Mund, der mir zwei Tage Stubenarrest verordnete.

„Wenn du angekommen bist, ruf’ kurz durch! Ich bin noch wach!“
„Ja, Mama“, stöhnte ich, gab ihr einen Abschiedskuss und setzte mich in mein Auto. In gut fünf Stunden und nach über 500 Kilometern Autobahn würde ich meine Studentenbude erreicht haben. Dann wäre es schon nach Mitternacht. Trotzdem musste ich noch den obligatorischen Anruf tätigen, damit meine Eltern wussten, dass ich gut gelandet war. Es konnte noch so spät sein, meine Mutter blieb immer im Wohnzimmer sitzen und wartete auf mich. Selbst als ich nach meiner Abiturfeier erst morgens um sechs Uhr den Weg nach Hause fand, saß sie im Nachthemd auf dem Sofa.
Und jeden Sonntag morgen, Punkt zehn Uhr, riefen meine Eltern an, um zu hören, ob ich gesund war, ob ich genug zu essen hatte und ob sie etwas für mich tun könnten. An manchen Wochenenden war es einfach nur nervig, wenn ich schlaftrunken von der durchfeierten Nacht auf einer Studentenparty zum Telefon taumelte und mir eine Stunde Ermahnungen und Warnungen anhören musste. Schließlich war ich erwachsen, wann begriff das meine Mutter endlich? Sollte es noch weitere zwanzig Jahre dauern, bis sie endlich aufhörte, mich zu betütteln?

„Fahrt’ vorsichtig und langsam! Und ruft sofort an, wenn ihr zu Hause seid!“
„Ja, machen wir.“ Hörte ich da einen leicht genervten Unterton in der Stimme meiner Mutter, als wir uns voneinander verabschiedeten? Ich mache mir doch nur Sorgen um meine Eltern. 300 Kilometer über die dicht befahrenen Autobahnen sind immerhin gefährlich.
Ich schaue auf die Uhr. Gut drei Stunden sind nach ihrer Abfahrt vergangen. Wo bleibt nur ihr Anruf?
Nervös laufe ich durch die Wohnung. Endlich klingelt das Telefon.


Kommentar von Berthild Lorenz

Ein paar Menschen gibt es auch, die es anders gemacht haben, als die sie genervt habenden (A)Eltern ... Die, die sich schon als Kinder gesagt haben, das mach ich besser; ich behalt meine mich einengende Angst bei mir, geb sie nicht an mein Kind, sondern ich schmeiß sie aus meinem Leben hinaus!

Eingetragen am: 06.09.2009

Kommentar von Iris H.

Liebe Susanne, habe mich in beiden Rollen wiedergefunden: der besorgten Mutter sowie der genervten Tochter. Tja, das ist wohl ein ewiger Kreislauf, den du sehr genau und humorvoll dargestellt hast. Gruß, Iris

Eingetragen am: 26.08.2009

Kommentar von M.P.

Hallo Susanne. Ein schönes Bild hast du da gemalt. Und es wird sich nie etwas daran ändern, dass die Persönlichkeiten der Eltern, insbesondere der Mutter, auf ihre Kinder abfärben. Warum auch. Lustiger Text, finde ich. LG M.P.

Eingetragen am: 25.08.2009

Kommentar von Lillilu

Ja, so werden Strukturen von einer auf die andere Generation weiter gegeben. Und zu der sich ewig sorgenden Mutter/Tochter/Ehefrau fällt mir eine Karikatur in dem empfehlenswerten Psychologiebuch "Familie sein dagegen sehr" von Skynner/Cleese ein:Eine Ehefrau rast auf ihren Mann, der aus seinem Auto aussteigt, zu und ruft: "Gottseidank, da bist du ja endlich! Ich hatte mir vorgestellt, wie du in einem Unfall verletzt wurdest - es war herrlich!" Hoffentlich werde ich jetzt nicht wegen unbotmässigem britischen Humors des Saales verwiesen! Ich meine es nur gut. LG Lillilu

Eingetragen am: 24.08.2009

Eingetragen am: 23.08.2009 von Hadassa
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3078

Was bleibt:

der Klang deines Cellos- er ist immer noch da, obwohl du fort bist
die Liebe zu deinem Garten – bei dir blühten die Blumen immer ein wenig mehr
deine Loyalität und Liebe – zu deinem Mann, zu deinen Kindern, zu deinen Freunden
deine Treue – du hast deine Versprechen immer gehalten
deine Bescheidenheit – Angeber hast du verachtet
deine Fähigkeit sich anzupassen - ohne dich selbst aufzugeben
den Mut, das Neue und Fremde auszuprobieren – ohne das bewährte Alte zu vergessen
deine Verschwiegenheit – selbst heute bleibst du mir in vielem ein Geheimnis
deine Hilfsbereitschaft – und es gab viele, die sie ausnutzten
deine Unfähigkeit sich zu wehren – und es traten zu wenige für dich ein
dein Ja zu Schicksalsschlägen – du hast sie angenommen und weiter gemacht

du bist nun fort, aber du hast Zeichen gesetzt, die geblieben sind.


Kommentar von Berthild Lorenz

Wärme, die du empfangen hast, gibst du weiter - da zählt das, was das Leben lebenswert macht. Hat sie Angeber wirklich verachtet? Ich denke fast, dass das eine Fehlinterpretation ist; ich kann mir gut denken, dass sie ihre Not sah, den Mangel, in dem sie meinten, leben zu müssen, den sie überspielen wollten ... War es Unfähigkeit, dass sie sich nicht wehrte? Es kann ebenso gut Weisheit gewesen sein ...

Eingetragen am: 06.09.2009

Kommentar von Babs

Hallo Hadassa, Dir ist eine liebevolle Beschreibung Deiner Mutter gelungen, voller Achtung und Wertschätzung für sie. Ich glaube, unsere Mütter prägten uns mehr, als wir glauben. Gruß Babs

Eingetragen am: 26.08.2009

Kommentar von Hadassa

Danke Euch für Eure Kommentare. Es war das erste Mal, daß ich über meine Mutter geschrieben habe. Und erst bei dieser Übung ist mir richtig bewußt geworden, wie viele Facetten sie aufwies, wie viel sie 'so nebenbei' tat und wie vieles mir zumindest zeitweise fast selbstverständlich war - weil sie mir als Mutter eben so vertraut war. lg Hadassa

Eingetragen am: 26.08.2009

Kommentar von M.P.

Ich erlange immer mehr den Eindruck, dass die Mütter stärker sind, als die Väter. Wer liest schon von einem Vater, der sich um den Haushalt kümmert, Musik macht, die Kinder erzieht oder den Einkauf erledigt. Und das alles neben der regulären Arbeit. Ein super Lobgesang und eine interessante Skizze einer Mutter. LG M.P.

Eingetragen am: 25.08.2009

Kommentar von Lillilu

Sehr behutsam und liebevoll. ich bin mir sicher, dass unsere Mütter in irgendeinem Sinne bei uns bleiben, wie auch unsere Väter und unsere Kinder.

Eingetragen am: 24.08.2009

Kommentar von Liliana-Louisa

Eine wunderschöne Liebeserklärung an die eigene Mutter. Der Klang des Cellos, die Blumen im Garten und das Ja zu den Schicksalsschlägen sagen eine Menge über den positiven Charakter deiner Prota aus. Du hast ein wunderbares Gesamtgemälde eines geliebten Menschen erschaffen.

Eingetragen am: 24.08.2009

Eingetragen am: 23.08.2009 von ulli
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3079

Hallihallo! Na, mein Schatz, wie geht’s? Hab ich dich aufgeweckt? Wie? Na fein. Gut, dass du soviel schlafen kannst, das hast du von deinem Vater. Ich ja leider im Augenblick gar nicht, der Husten ist so arg, na ja mach’ dir mal keine Sorgen. Wird schon werden. Hab ich dich aus dem Bett geholt? Na, dann zieh dir schnell was an, ich warte solange. Ja, ich weiß, du hast gesagt, ich soll dich nicht anrufen. Aber ich wollte nur wissen, ich dachte nur, ich fahr jetzt nämlich, das Telefon hat irgendwas, und da dachte ich, du hättest mich vielleicht…
Warst du beim Arzt? Na, hoffentlich hast du nicht auch eine Gürtelrose, wie die arme Ilse, die sieht ja furchtbar aus, und dann diese Schmerzen! Und wie geht’s dir? Auch schlecht? Na, das ist schön. Da sehen wir uns aber jetzt lange nicht - wenn du dann mal Zeit hast, muss ich mit dir mal …. Wie machst du das denn mit deinen armen Katzen, wer füttert die? Soll ich nicht rauskommen? Nein? Na ja, ich sag dir, ich huste, huste die ganze Nacht. Alle in der Stadt sind krank, hab ich dir schon gesagt, dass Emma im Krankenhaus liegt? Ja, klar, der Fred könnte sich jetzt mal ein wenig ausruhen, aber er muss ja jeden Tag hin. Aufopfernd ist er, dieser Mann. Und sie kann immer nur meckern. Aber natürlich, durch die Krankheit, wer weiß wie ich mal …..Also meinen Husten kriege ich überhaupt nicht mehr weg, der bringt mich noch um…. Vorige Nacht habe ich wirklich gedacht, ich sterbe. Werde mal den Arzt fragen, ob das schon chronisch ist, muss ja ohnehin Montag zur Blutsenkung, was sie da wieder alles finden werden! Vielleicht sollte ich die Hustentabletten doch nehmen, die er mir verschrieben hat, ich lebe ja ohnehin nur noch von Tabletten, essen mag ich gar nichts mehr, heute früh nur ein Müsli, zu Mittag hat mich dann Ilse zum Essen rübergeholt, sie hat Tafelspitz gemacht, aber ich sag dir, so viel wie die isst!!!! So viel kann ich nicht essen! Und dabei kocht sie jeden Tag, na ja wenn ihr Lover da ist, geh ich ja nicht rüber, da lädt sie mich ja nicht ein….warte mal, ich muss mal husten. Bist du sicher, dass du nichts brauchst, ich komm gerne raus, ich muss ohnehin zum Friedhof. Übrigens weißt du wer gestorben ist? Unser ehemaliger Tischler, ich komm’ jetzt nicht auf den Namen, aber natürlich hast du den gekannt, so ein blonder dicker, hat sich immer nach dir erkundigt! Was hast du gesagt, Ach so. Na bitte. Entschuldige schon. Ja, ich weiß, dass wir ausgemacht hatten, dass ich dich nicht anrufen soll, weil du soviel schläfst. Wie dein Vater. Glückliche Natur! Schläft sich auch immer gesund. Na ja, ich muss jetzt auf die Bank und wollte nur wissen, wie’s dir geht! Was? Dir ist kalt? Na dann, husch husch zurück ins Bettchen. Nein, bitte, dann ruf ich eben nicht mehr an. Morgen muss ich zur Blutsenkung, wenn du was brauchst komme ich raus. Was hat eigentlich der Arzt gesagt? Ein Virus? Hab ich mir gedacht. Also, hier in der Stadt sind alle krank, ist ja auch kein Wunder, das Wetter ist ja nicht normal. Trotz Grippeimpfung. Im Gegenteil. Ich glaub’ ich lass’ mich nicht mehr impfen. Mit der Impfung kriegt man die Grippe noch viel leichter, das sagt die Frau Haslinger auch. Ich lebe ja ohnehin nur noch von Tabletten, habe überhaupt keinen Appetit mehr, esse so gut wie gar nichts mehr. Dabei nehme ich kein Gramm ab. Das sind die Medikamente. Wenn mich nicht hin und wieder die Ilse zum Essen holen würde, natürlich nur wenn ihr Romeo nicht da ist, sonst lädt sie mich ja ……

CUT


Kommentar von Berthild Lorenz

Puh, und das ist ja an so manchem Telefon täglich Erlebtes und ich wünsch mir, dass das vielen Menschen bewusst wird, damit sie ihre Art, nicht zuzuhören und nicht zu unterbrechen sofort ändern, damit das Reden mit einander geschehen kann ... Ich finde, es ist eine exzellent real beschrie(b)ene All-täglichkeit! Danke!

Eingetragen am: 06.09.2009

Kommentar von Angela Barotti

Das Dauerquasseln der Mutter drückt für mein Empfinden gut ihre Einsamkeit aus. Sie weiß, dass ihre Zeit am Telefon begrenzt ist und packt so viel wie möglich hinein. Das sie sich dabei wiederholt, fällt ihr nicht auf. Beim Leser sorgt das für ein Schmunzeln.

Eingetragen am: 24.08.2009

Kommentar von Lillilu

Gut, auch einmal diese Variante Mutter zu lesen! Ist gut nachvollziehbar, diese ständigen Grenzüberschreitungen.

Eingetragen am: 24.08.2009

Eingetragen am: 23.08.2009 von Monika Han.
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3075

Meine Mutter

Meine Mutter ist eine Frau, die ich irgendwie gar nicht so richtig kenne. Ich weiss nicht, was sie wirklich denkt oder fühlt und was in ihr vorgeht. So lange ich sie kenne, also seit meiner Geburt vor fast 44 Jahren, kenne ich sie nur als eine Frau, die kaum Gefühle zeigt und auch nicht über ihre Gefühle spricht. Ihre Kinder in den Arm nehmen, mit ihnen kuscheln, das hat meine Mutter nie getan. Das höchste der körperlichen Berührungen waren ein kurzes Streichen über die Haare oder die Wange. Worte der Zuneigung kommen ihr ebenso wenig über die Lippen. Aber auch wir Kinder haben sie nie umarmt, da wir das ja von ihr nicht kennen. Ihre Art der Zuneigung besteht darin, uns etwas zum Essen zuzubereiten oder uns kleine Geschenke von ihren Einkäufen mitzubringen.

Seit dreißig Jahren lebt sie in der selben dunklen Altbau-Wohnung, mit Ofenheizung und ohne Badezimmer. Seit dem Tod ihres Lebensgefährten vor zehn Jahren lebt sie alleine darin. Einen Umzug in eine schöne, helle und moderne Wohnung lehnt sie ab.

Sie fährt nie in Urlaub und verlässt nur ganz selten ihre gewohnte Umgebung. Ihr Bewegungsradius beträgt etwa einen Kilometer. Alle Geschäfte, die sie fürs tägliche Leben braucht, befinden sich in fußläufiger Nähe. Nie fährt sie mit dem Bus oder der Bahn mal woanders hin. Sie macht keine Ausflüge und besucht ihre Kinder nur einmal im Jahr, zum Geburtstag. Aber das auch nur, wenn sie mit dem Auto abgeholt wird. Wir Kinder besuchen sie hingegen regelmässig.
Seit zwei Jahren weiss sie, dass ihr Herz nicht mehr in Ordnung ist, die Mitralklappe nicht richtig schließt und sie eigentlich eine neue bräuchte. Doch sie verweigert die Operation.
Ihre Tabletten nimmt sie jedoch regelmässig, da sie Angst hat, sonst zu sterben.

Im November feiert sie ihren 70. Geburtstag. Die Familie hätte sie gerne an diesem Tag in ein Restaurant eingeladen um ihren Geburtstag dort zu feiern und damit sie mal etwas anderes erlebt. Aber es besteht keine Chance, sie in ein Restaurant zu bekommen.
“Es ist mein Geburtstag und den feiere ich so, wie ich es will. Es wird bei mir zu Hause gefeiert, so wie immer!” war ihr Kommentar auf unsere Einladung.

Das Schlimmste aber finde ich, dass sie kaum Interessen hat. Die meiste Zeit, die sie zu Hause verbringt, sieht sie aus dem Fenster und beobachtet andere Leute. Abends hört sie Radio. Einen Fernseher hat sie seit ein paar Jahren keinen mehr und möchte auch keinen neuen.
Wir haben oft versucht, sie dazu zu bringen, wenigstens zu lesen, Handarbeiten zu machen, zu Rätseln oder zu Puzzlen. Alles lehnt sie ab.
Als ich ihr einmal einen Kochkalender schenkte, und ihr sagte, da würde sie viele neue Ideen finden um mal neue Gerichte auszuprobieren, war sie beleidigt und meinte, mir schmecke ihr Essen nicht mehr.

Einfach ist es nicht mit meiner Mutter. Eigentlich ist es traurig, dass sie niemanden richtig an sich heranlässt und keine Veränderungen in ihrem Leben zulässt. Aber da ich nun mal nur eine Mutter habe, muss ich irgendwie mit ihr klarkommen, so wie sie ist. Ich werde sie weiterhin regelmässig, meist einmal wöchentlich, besuchen, und rechne damit, dass es mit zunehmendem Alter immer schwieriger mit ihr wird.


Kommentar von Berthild Lorenz

Ja, und ich weiß, was eine 90 Jährige geöffnet hat ... Ich bin in die Gefühlsmonster, die sich alle Menschen unter www.gefuehlsmonster.de ansehen können, regelrecht verliebt. Mit diesen Karten gelingt es, jeden Menschen zwischen Sprechanfänger und Sprachverweigerer zu beleben. Guckt euch die Website mal an und rechnet damit, dass es leichter wird, im Miteinander, das gibt es auch! Herzlichen Gruß. Berthild

Eingetragen am: 06.09.2009

Kommentar von M.P.

Dieser Typ Mensch, der sich in sein Schneckenhaus zurückzieht und niemanden an sich ran lässt, außer die engsten Familienangehörigen, ist mir fremd. Dein Text wühlt auf und lässt mich nachdenklich zurück, denn ich versuche mir vorzustellen, wie ich mit der Situation umgehen würde. Und, wie ich mich selbst motivieren würde, meine introvertierte, wortkarge Mutter zu besuchen. Klasse Text. LG M.P.

Eingetragen am: 26.08.2009

Kommentar von Liliana-Louisa

Die Welt der Mutter ist durch freiwilligen Verzicht sehr beschränkt. Sie braucht keine Zerstreuungen wie fernsehen oder Hobbys. Ein ungewöhnliches Exemplar Mensch. Das macht sie interessant. Für die meisten wäre es eine Strafe, solch ein Leben zu führen.

Eingetragen am: 24.08.2009

Kommentar von Hadassa

Ein sehr trauriger Text. Leider kann man sich seine Eltern nicht aussuchen und manchmal sind Kinder und Eltern so unterschiedlich, daß sie kaum eine gemeinsame Ebene finden können. Und es ist häufig befreiend, daß man sich den Kummer von der Seele schreibt und das Verhalten des anderen reflektiert. Manchmal kommt man dann zu ganz erstaunlichen Ergebnissen und Erkenntnissen. Liebe Monika, ich kenne Dich nicht näher, aber allein der Text zeigt schon, daß Du anders mit Deinem Leben umgehst als Deine Mutter es tut. lg Hadassa

Eingetragen am: 24.08.2009

Kommentar von Janis

Monika..., das ist ja bedrückend. Ich wünsche dir, dass das Verhalten deiner Mutter dich darin bestärkt, anders als sie zu sein. Denn wenn du anders bist, als die Frau, die du geschildert hast, dann hast du gute Chancen, glücklich zu sein/zu werden.

Eingetragen am: 24.08.2009

Kommentar von Susanne

Schön, dass du dich um deine Mutter trotz aller Schwierigkeiten kümmerst! Leider ist es oft schwierig, das Leben der Eltern "positiv" zu beeinflussen. Vielleicht sind sie ja gar nicht so unglücklich, wie wir glauben.

Eingetragen am: 23.08.2009

Eingetragen am: 23.08.2009 von Lillilu
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3074

(In meinem Text findet auch mein Vater einen Platz, da ich gerne die Geschichte von beiden erzählen würde. Irgend wann kann ich an diesem Thema arbeiten, bis dahin ist dies hier nur als Anregung (für mich) konzipiert.)

„Auf meinem Grabstein soll der Mädchenname meiner Mutter stehen, ich hab mir das überlegt. Kümmerst du dich drum?“

Mutter sitzt mir gegenüber im Bett, die Ärmel der rosa Häkeljacke tief über ihre mageren Finger gezogen, zwei große Kissen im Rücken. Ich liege erschöpft im Sessel, lang hingestreckt. Sie wird nur noch wenige Wochen leben, und ich versorge sie seit neun Monaten zuhause. Die Beerdigung ist eines unserer Themen.

„Was, Anny Füllgraf?“

„Unsinn – Anny Iffland, geb. Füllgraf natürlich. Ich will den Namen meiner Adoptiveltern nicht auf meinem Grabstein haben, sie sollen endlich aufhören eine Bedeutung für mich zu haben.“

„Warum nicht? Papas Name und der deiner Mutter. Das mach’ ich doch gerne.“

Mutter seufzt zufrieden und schließt die Augen, sinkt in einen kleinen Schlaf. In den letzten Monaten haben wir ihr ganzes Leben Revue passieren lassen.

Sie ist immer das kleine Mädchen geblieben, das sie war, als ihre Mutter starb. Auch als erwachsene Frau, selbst bei den härtesten körperlichen Arbeiten, konnte ich das Kind in ihr spüren. Sie trug Rüschen an allen Kleidern und hohe Absätze, am liebsten knallrot. Hatte rabenschwarze, wilde Locken, hohe Wangenknochen. Ich kenne alle ihre Leidensgeschichten und habe sie mit ihr geteilt. Sehe sie damals, Anfang des letzten Jahrhunderts vor meinem inneren Auge – das ungeliebte, aber schöne Mädchen. Im Waisenhaus und später als Pflegekind gedemütigt und misshandelt. Als Dienstmädchen vor den Pflug gespannt, als das Pferd lahmte. Keine Schande oder Lieblosigkeit der damaligen Zeit blieben ihr erspart. Als ihre Tochter habe ich gelernt, dass Liebe bedeutet, unerfüllt sich zu sehnen, so wie ich mich nach ihr sehnte. Es bedeutete auf jeden Fall sich immer in den Falschen zu verlieben, in den, der einen nicht wollte. Das traf sowohl auf sie als auch auf mich zu. Sie konnte mich, ihre Tochter, nicht lieben, weil sie selbst nicht geliebt worden war. Für mich gab es Wege aus diesem Dilemma heraus, für sie nicht.

Ich selbst bin all das, was meine Eltern nicht sein konnten, weil die Zeiten nicht danach waren. Es war Krieg als sie Kinder waren und schon wieder Krieg als sie einen kleinen Bauernhof bei Berlin hatten, wo ihre Kinder und die Großmutter sicher vor den Bomben waren. Sie selbst arbeiteten zum zusätzlichen Lebensunterhalt in der Stadt und kamen nur am Wochenende auf den Hof in Brieselang bei Berlin. Die Großmutter aber war die ehemalige Geliebte meines Vaters und wann der Status des Ehemaligseins einsetzte behielten Vater, Mutter und "Oma" für sich. Aber sie teilten sich ein Zimmer. Wo ich ein Leben lang meine Nase in Bücher steckte, mehrere Berufe erlernte und endlose Jahre zur Therapie ging und mich im Psychodrama leidvoll vergnügte, hatten sie schlechte Karten der Mensch zu sein oder zu werden, der in ihnen angelegt war. Mein Vater erkrankte an Polio und hatte als viertes Kind eines Bahnschrankenhilfsanwärters in einem kleinen Dorf im Anhaltinischen keinerlei medizinische Betreuung. Er hat ein Jahr lang schreiend in seinem Bett gelegen, während sein linkes Bein langsam abstarb. Es blieb für immer das schlaffe Bein eines Dreizehnjährigen. Mein Großvater baute ihm ein großes Brett mit Rädern drunter, auf das er sich bäuchlings legen und mit den Händen abstoßen konnte. Als der 1. Weltkrieg vorbei war lud sich Großvater seinen nun 15jährigen Sohn auf den Rücken und schleppte ihn nach Berlin, zur Charité. Da begann für Vater ein neues Leben. Er bekam einen Gehapparat und durfte eine Ausbildung zum Orthopädiemechaniker und Bandagisten machen. So ließ er sein Dorf im Anhaltinischen hinter sich und suchte seinen Platz in der großen Stadt. Und er suchte sich auch eine Frau. Auch Mutter kam aus dem Anhaltinischen und das hörte man: "Lauter Fikukjen und Sperenzien! Iß deine Bemme und sei ruhig!" Sie war das unerwünschte Ergebnis einer außerehelichen Beziehung. Als ihre Mutter 1916 starb war sie selbst drei Jahre alt. Ihr Vater, von Beruf Zimmermann, war nicht ihr Erzeuger und gab sie in ein Kinderheim und die sieben Jahre ältere Schwester Gertrud, die sehr wohl vom Zimmermann gezeugt worden war, gleich noch hinterdrein. Auch Hans, der Halbbruder meiner Mutter, kam ins Heim. Der Zimmermann heiratete wieder und setzte weitere Kinder in die Welt, während meine Mutter, Gertrud und Hans auf neue Eltern warteten. Diese kamen auch, aber nur als Pflegeeltern. So kassierten sie Pflegegeld für Mutter und ließen sie auf ihrem Hof, wieder im verfluchten Anhaltinischen, auf dem Acker Disteln jäten und zuhause im Haushalt arbeiten. Zum Schlafen stieg Mutter eine Leiter hoch in den Dachboden, wo sie wie Heidi beim Alm-Öhi im Stroh schlief. Da war sie dreizehn und die Zeiten standen schlecht für eine Selbstfindung. Aber irgendwann würde sie einen Mann finden, der sie aus dem Elend errettete.


Kommentar von Berthild Lorenz

Ja, ein anderes Leben hatten sie damals und ich finde so wichtig, dass du das auch hervorhebst, was wir jetzt nutzen dürfen. Vielleicht wäre es gut, das Gute an den Schluss des Ganzen zu schreiben, weil das Letzte in den Hirnen hängen bleibt und sich Menschen daran erinnern ... Übrigens tragen wir ALLE unsere Kindheit in uns herum, nur sehen wir es an anderen Menschen meist, wärhrend wir es bei uns nicht sehen können oder wollen. Der Balken im eigenen Auge ist aus Glas, damit wir den Splitter im Auge des Gegenübers sehen können ...

Eingetragen am: 06.09.2009

Kommentar von Angela Barotti

Liebe Lillilu! Deine Eltern hatten jeweils eine erschütternde Kindheit durchleben müssen. Die von dir beschriebene Lieblosigkeit und die Ausbeutung, die deine Mutter als Arbeitskraft erfahren hat, kenne ich aus vielen Erzählungen dieser Generation. Damals wurde nicht viel Federlesen gemacht. Jeder bekam seinen Platz und seine Aufgabe und wenn er die nicht pünktlich erledigte, setzte es Prügel. Es war keine Zeit der zärtlichen Gefühle. Ob die heutige Generation weiß, wie gut sie es hat?/ Eine Sache habe ich nicht verstanden. „Die Großmutter aber war die ehemalige Geliebte meines Vaters und wann der Status des Ehemaligseins einsetzte behielten Vater, Mutter und "Oma" für sich. Aber sie teilten sich ein Zimmer.“ Wer teilte sich ein Zimmer? Vater und Mutter? Vater und „Oma“? Oder teilten sie sich ein Zimmer zu dritt? Und warum hat deine Mutter das geduldet? Diese Familiengeschichte hat genügend Sprengstoff für einen spannenden Roman voller Tiefgang.

Eingetragen am: 27.08.2009

Kommentar von Lillilu

@Susanne und Hadassa: Hey, das macht ja Mut, danke euch beiden. Es ist in der Tat ein erster Entwurf und bis auf den Dialog am Anfang kann es so nicht stehen bleiben. Es ist alles viel zu komprimiert, wie ein Exposé. Lieben Gruss von Lillilu

Eingetragen am: 24.08.2009

Kommentar von Hadassa

ich schließe mich Susannes Kommentar an. Der Text hat viel Potential und macht neugierig. An einigen Stellen konnte ich aber nicht genau nachvollziehen, wer genau gemeint war und mußte diese Sätze wiederholt lesen. Das hat den Lesefluß gestört. Aber Du schriebst ja in Deiner Einleitung, daß es sich hier um eine Art Rohentwurf o.ä. handelt. lg Hadassa

Eingetragen am: 24.08.2009

Kommentar von Susanne

Eine sehr schöne, traurige Geschichte, die du angefangen hast. Du solltest sie unbedingt weiter erzählen und aufschreiben!

Eingetragen am: 23.08.2009

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