Schreiben Sie mit!
Die Quelle der Erinnerung
Aufgabe
Beginnen Sie mit »Ich erinnere mich« und fangen Sie an zu schreiben. Es spielt keine Rolle, ob Sie sich auf nur eine Episode konzentrieren oder mehrere. Es spielt auch keine Rolle, ob Sie etwas aus Ihrer Kindheit (oder aus einem früheren Leben !) nehmen oder etwas, das Sie gestern erlebt, gesehen oder gehört haben. Wenn Sie nicht mehr weiter wissen, wiederholen Sie einfach »Ich erinnere mich«, bis sich etwas anderes in Ihr Bewusstsein drängt.
Machen Sie sich keine Gedanken darüber, ob Ihre Erinnerung stimmt. Schreiben Sie einfach auf, was Ihnen in den Sinn kommt.
Leserbeiträge
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Ich erinnere mich an die Sonntage mit Oma-Anna. Oft bin ich als Kind am Sonntag wach geworden vom Geruch des Sonntagsbratens. Was für ein wohliges Gefühl das war. Ich wusste genau, dass Oma-Anna schon in der Küche werkelte und hab mich schnell angezogen, um mich zu ihr zu setzen. Als allererstes bettelte ich immer darum, ein kleines Eckchen vom Braten und etwas Soße zu bekommen. Häufig hatte meine Bettelei auch Erfolg – wenn der Braten aber noch nicht soweit war, musste ich noch warten. Dann bekam ich ein kleines Frühstück , und Oma-Anna erzählte mir aus ihrem Leben! Meistens erzählte sie, wie sie als junges Mädchen „in Stellung“ ging. Sie hatte viel erlebt, und fühlte sich aber immer gut aufgehoben bei den „Herrschaften“. Sie beschrieb ausführlich die Arbeit, die sie schon als sehr junges Mädchen von 14 Jahren erledigen musste, aber sie berichtete auch oft über ihre freien Nachmittage, von denen sie nur einen in der Woche hatte. An diesen Nachmittagen ging sie dann gerne mit ihrer Cousine oder einer Freundin „zum Vergnügen“. Meist ging sie zum Tanz oder in den Luna-Park in Berlin. Dort flanierten die Mädels, und die Jungen schauten sich jeweils ein Mädchen aus. Oma-Anna berichtete, dass die Mädchen, die „in Stellung“ waren, natürlich nur zu den Tanzveranstaltungen gehen durften, die für das Dienstpersonal angemessen waren. Dorthin, wo die feinen Herrschaften zum Vergnügen gingen, dort hatte das Personal nichts zu suchen. Ich erinnere mich, dass ich das schon als Kind immer sehr ungerecht fand. Auch solche Begebenheiten, wie z.B., dass das weibliche Dienstpersonal von den Herrschaften mit Ohrfeigen bestraft wurde, wenn sie auch nur 5 Minuten am Abend vom Tanzvergnügen zu spät nach Hause kamen, empfand ich als ungerecht und erschreckend. Was für Zustände! „Tja, mein Kind, aber die Zeiten waren so“, pflegte Oma-Anna dann immer zu sagen, wenn sie meine Empörung über diese Behandlung bemerkte.
Ich sehe Oma-Anna, die am Sonntag stets eine weiße Schürze trug, noch genau vor mir. Sie hatte sich einen Hocker an den Herd gestellt, um jederzeit den Braten begießen zu können. Dort saß sie, den einen Ellenbogen auf dem Herd oder der sich daneben befindenden Arbeitsplatte, aufgestützt. Je länger der Braten schon im Ofen war, desto zerzauster waren Oma-Anna’s Haare, da sie durch die Hitze und Nähe des Ofens mächtig ins Schwitzen kam. Sie wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn, und zerwühlte somit auch ihre Haare, die sie für den Sonntag am Morgen ganz besonders hübsch hergerichtet hatte. Ich habe diese Sonntage in der Küche mit Oma-Anna immer sehr geliebt. Ihre Geschichten und Erinnerungen fand ich stets sehr spannend und konnte nicht genug davon bekommen. Leider kann ich mich an ihre einzelnen Geschichten nicht so gut erinnern – an das vertraute Gefühl, mit ihr in der Küche zu sitzen und mich so gut bei ihr aufgehoben zu fühlen, erinnere ich mich sehr warm und dankbar. Sie war diejenige, der ich all meine Sorgen erzählen konnte: ich beichtete ihr als erste meine schlechten Noten in den Klassenarbeiten, meine Ängste davor, im Mathematikunterricht an die Tafel zu müssen, sie erfuhr von meinem Liebeskummer, von Streitigkeiten mit meiner Schwester oder von Eifersüchteleien zwischen uns Freundinnen...sie hatte immer ein Wort des Trostes für mich. Ich habe Oma-Anna als den für meine Entwicklung wichtigsten Menschen in Erinnerung, sie war so unglaublich warmherzig. Als ganz kleines Kind litt ich oft unter schrecklichen Ohrenschmerzen und konnte nicht schlafen. In diesen Nächten nahm ich wie ein Sandmännchen den Schlafsack, mein Kopfkissen über die Schultern, und stieg zu Oma-Anna ins Bett. Ihre Körperwärme und ihren Geruch, kann ich heute manchmal noch in meinem inneren riechen und fühlen. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, zu meiner Mutter ins Bett zu wollen, wenn ich mich so sehr krank gefühlt habe. Die Wärme und den Trost konnte mir immer nur die Oma-Anna geben.
Ich erinnere mich, dass mir meine Mutter telefonisch mitteilte, dass die Oma-Anna gestorben sei. Ich war 31 Jahre alt. Das Erste und Einzige, das mir am Telefon zu ihrem Tod einfiel, war der Satz, den sie mir so häufig sagte, wenn ich wieder Zank und Streit mit meiner Schwester hatte: „Nimm den Handfeger, Kind, und wehr dich!!“ Diesen Satz sprach ich am Telefon zum ersten Mal selber aus. „Nimm den Handfeger, Kind, und wehr dich!!“. Meine Mutter wusste mit diesem Satz nichts anzufangen und war auch etwas überrascht. Ich war nicht in der Lage, ihr diesen Satz zu erklären, der mir auch heute noch hin und wieder so viel Kraft gibt.
Manchmal denke ich, dass es tatsächlich so etwas wie Schutzengel gibt, und dann bin ich mir völlig sicher, das die Oma-Anna MEIN Schutzengel ist. Ich fühl mich immer noch geborgen und aufgehoben in den Erinnerungen, die ich an sie habe.
Die Oma-Anna – sie war nicht meine wirkliche Großmutter, sondern sie war die Haushälterin meiner Eltern. Sozusagen in meinem Elternhaus „in Stellung“.
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3531
Ich erinnere mich, dass ich vergaß, über das Ende dieser Geschichte (Beitrag 3529) zu berichten. Sorry, ich schwelgte in Erinnerungen und Gefühlen.
Und eigentlich endete sie nicht wie erwartet, weil ...
Sein Angebot erschien mir so unmoralisch, seine Worte so berechnend und dreist.
Doch dann betrachtete ich meine Hände, meine Kleidung, die Spuren, die das vernachlässigte Erdbeereis hinterließ.
Und diesen Mann, der, mit hochrotem Kopf zu stottern gegann:
"Oh nein, ... das war ... voll daneben ... und ich bin ... ein ..."
Ich schenkte ihm ein Lächeln und sprach: "Ja, Dir möchte ich den Kopf so richtig waschen. Und mir könnte eine Dusche auch nicht schaden, also los, gehen wir."
Er besaß eine große Wanne und wir benutzten sie, ohne viel Worte.
Ich weiß nicht, wie es geschah, vielleicht lag es am warmen Wasser oder duftendem Schaum. Oder war es doch Schicksal?
Es ist inzwischen viel Zeit vergangen - seit zwölf Jahren baden wir gemeinsam, in unserer Liebe. Mit und ohne Erdbeereis.
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3491
Ich erinnere mich an meinen letzten Konzertbesuch - es war eine Nacht, die mein Leben total auf den Kopf stellte. Obwohl ich mich wie verrückt auf Aerosmith gefreut hatte, war meine Stimmung an jenem Tag stark getrübt worden. Ich hatte am Morgen die seit Wochen größte Auseinandersetzung mit meinem Freund, als er mir meine Laune vermieste mit einem einzigen kleinen Satz: "Heute pass ich auf, dass sich kein Mann an dich ran macht!" Mich hätte dieser Satz nicht dermaßen aus der Fassung gebracht, wenn er mir nicht schon wochenlang mit seiner unbegründeten Eifersucht die Nerven geraubt hätte. Ich konnte es einfach nicht mehr hören, dass er mir ständig unterstellen wollte, ich könnte der Versuchung nachkommen, ihn zu betrügen. Er schaffte es tatsächlich mir den Beginn eines ersehnten Tages zu verderben, indem er mich anfeindete, nachdem ich ihm, wie schon unzählige Male, klar gemacht hatte, dass ich seine misstrauische Art nicht ertragen konnte.
Das Badezimmer bot mir, wie immer, meine Zuflucht. Ich schloss mich darin ein und machte mich fertig zum Gehen, während Svens kalte raue Stimme aus dem Wohnzimmer über den Flur, sich durchs Schlüsselloch des Bades zwängend, den Weg in meine Ohren folgte. Als er sich beruhigt hatte und ich nur noch den Fernsehapparat hörte, rief ich meine Freundin an, um sie zu fragen, ob ich bereits jetzt zu ihnen rüber kommen könnte, statt erst in zwei Stunden. Nachdem ich ihre sofortige Zustimmung bekam, packte ich Svens und meine Konzerttickets heimlich ein und machte mich ohne ein Tschüs auf den Weg zu Tina und ihrem Freund.
Ich lief gerade das Treppenhaus hinunter, da hörte ich, wie Sven durch die Wohnung polterte, die Wohnungstür auf riss und mir hinterher schrie, ich bräuchte nicht wieder zu kommen. Anschließend schloss er die Tür mit einem lauten Rumsen. Mit Druck in meinem Herzen verließ ich das Haus den Tränen nahe und floh die regnerische Straßen entlang bis ich etwa zehn Minuten später bei meiner Freundin ankam. Sie und Jörn fragten mich sofort besorgt was los war und ich erzählte ihnen von den Anwandlungen meines Freundes bei einer heißen Tasse Tee, die sie mir frisch aufgebrüht hatten. Dann packte ich das Ticket aus, das für Sven bestimmt war, und schob es den beiden zu mit der geäußerten Hoffnung, dass sich noch jemand aus ihren Bekanntenkreis finden möge, der das Ticket möchte. Und tatsächlich fiel Tina eine Freundin ein, die die Band mochte: Alisa!
Also rief Tina Alisa an und wie der Zufall es wollte, hatte sie sogar Zeit und Lust mitzukommen. Somit blieb das Ticket nicht ungenutzt und wir konnten uns etwa anderthalb Stunden später zu viert im Auto von Jörn auf die Spuren machen. Bevor es losging, hatte ich mir die langen Haare trocken geföhnt, da sie im Regen ganz nass geworden waren. Tina und Jörn brauchten auch noch etwas Zeit, um sich zurecht zu machen.
Während der einstündigen Fahrt war ich anfangs noch immer ziemlich nachdenklich und betrübt, doch das sollte nicht lange anhalten, denn Alisa, die mir mit ihren kurzen schwarzen Haaren, die sie am Scheitel zu einem kleinen Iro frisiert hatte, ihrem Nasenpiercing und ihrem lässigen Kleidungsstil eher jungenhaft erschien, schaffte es, mich noch vor unserer Ankunft mit ihrem unglaublich witzigen Temperament dermaßen zum lachen zu bringen, wie ich es schon lange nicht mehr erlebt hatte. Wie sie es vermochte, sich über primitive Angewohnheiten von Männern lustig zu machen, war einfach ansteckend und am Ende saßen wir Mädels, uns kringelnd vor Lachen, auf unseren Sitzen, während Jörn nichts anderes übrig blieb, als es ebenfalls mit Humor zu nehmen. Als wir ausgestiegen waren, klopfte Alisa mir vertraut auf die Schulter und sagte lächelnd: „Kein Typ der Welt ist es wert, dass du wegen ihm traurig bist!“
Sie hatte vollkommen Recht. Das ging mir den ganzen Nachmittag und Abend, während wir auf die Band warteten, durch den Kopf. Ich war überhaupt nicht auf Sven angewiesen. Er tat mir nicht mehr gut und nach seinem Auftritt heute, war es wirklich allerhöchste Zeit, dass ich ihn hinter mir ließ. Er war nicht der Mann, nachdem ich gesucht hatte. Er war viel zu grob, eifersüchtig und musste sich ständig etwas beweisen. Ich war froh, dass Alisa mit uns das Konzert besuchte anstelle von ihm. Denn es wäre wirklich nicht lustig geworden mit Sven. Wenn ich daran denke, wie er mich in der Menschenmenge besitzergreifend umarmt hätte, nur damit jeder sehen konnte, ich gehörte zu ihm ... Einfach abstoßend. Wie konnte ich mich nur so lange einengen lassen?!
Nach langem Warten und einer Vorband, rockten Aerosmith endlich die Bühne und ihr kraftvoller Klang dröhnte laut und hart in mein Gehör, trieb mir die unangenehmen Gedanken der letzten Stunden aus meinem Verstand, machte mich frei von der Vergangenheit und Zukunft, so dass ich nur im Augenblick lebte. Der Rhythmus erfasste meinen Körper und ließ mich zu einem Teil der Musik werden. Hin und wieder versuchte ich einen Blick auf die Bühne zu erhaschen. Vor mir bewegte Alisa ihre Gestalt auf eine ganz besondere Art und Weise. Ich hatte sie heute erst kennen gelernt, doch mir kam es so vor, als kannten wir uns schon lange. Sie wirkte so locker und schien den Moment zu genießen. Das sollte ich in Zukunft auch tun.
Von hinten wurden Tina und Jörn gelegentlich nach vorne gedrängt, so dass sie mich anschoben, da die zwei hinter mir standen, und ich Alisa ungewollt vor drücken musste. Aber so war das nun mal bei Konzerten. Was mich nur irritierte war, dass ich mich irgendwann nicht mehr nur der Musik und dem Geschehen auf der Bühne hingab, sondern mich immer mehr dabei erwischte, wie ich Alisa in ihren einzigartigen Bewegungen beobachtete, vor allem, als sie nicht mehr direkt vor mir stand, sondern durch das Hin und Her schieben der Menge schräg vor mir landete. Schon komisch, wie ein Mensch einem immer sympathischer werden konnte, obwohl sie mir heute auf den ersten Blick bei der Begrüßung noch nicht so vorkam, als würde ich mich mit ihr gut verstehen können. Aber da war ich wieder mal zu voreingenommen gewesen.
Die Show nahm ihren Lauf. Steven Tyler schwenkte den Mirkofonständer und die Menge tobte und zeigte ihre Hände. Auch Alisa hatte ihre rechte Faust mit abgespreizten Zeige- und kleinen Finger erhoben. Der schwarze Lack auf ihren Nägeln war bereits ein wenig abgeblättert und am Handgelenk bemerkte ich ein schwarzes dünnes Lederbändchen mit zwei silbernen ineinander verschlungenen Frauenzeichen. Ich musste zweimal hinschauen, um dessen Bedeutung zu realisieren.
Plötzlich sah ich sie mit anderen Augen. Auf eine gewisse Weise machte es mich neugierig. Aber zugleich verwirrte es mich. Denn die ganze Zeit, während sie so nah vor mir stand und ich an sie geschubst wurde, fühlte ich so ein Wohlbehagen. Einmal hatte ich mich sogar dabei ertappt, dass ich mir wünschte, Sven hätte ihre Art. Es war so unverkrampft mit ihr. Meine Gedanken drehten sich zunehmend um ihre Person. Die kreischende Stimme des Sängers und seine musikalische Begleitung rahmten Alisa und mich ein. Alle anderen um uns herum verschwammen immer mehr in einem nebeligen Dunst der Unbedeutsamkeit.
Auch später, als wir das Stadion verließen, schwebte ich wie in einer anderen Ebene neben den anderen her. So richtig begreifen konnte ich das alles nicht. Was passierte da mit mir? Warum zog es mich in ihre Nähe? Fühlte ich bei ihr die Sanftheit, die ich bei Sven vermisste? Die ich bei jedem Mann vermisste? So etwas hatte ich noch nie zuvor gespürt. Warum kam dieses Gefühl gerade bei ihr auf? Ich schaute sie an, beobachtete sie, wie sie sprach, wie sie über das lachen musste, was sie zum Besten gab, wie ihre Blicke mich kurz streiften, während ein Lächeln noch immer ihre Lippen schmückten. Verwirrt riss ich meine Pupillen weg von ihr und schaute mir irgendetwas an, woran wir vorbei kamen. Wie sollte ich die Heimfahrt durchstehen, wenn ich die ganze Autofahrt wieder mit ihr hinten sitzen würde?
Diesmal war es dunkel im Auto. Nur die Scheinwerfer der hinteren Fahrzeuge brachten uns hin und wieder Helligkeit. Während mich am Anfang der Fahrt mitunter ein reges Geschwatze zurück in meine bewusste Wahrnehmung holte, damit ich am Gespräch teilnehmen konnte (man durfte mir schließlich nichts anmerken), wurde es bald schon immer ruhiger. Nun gab sich jeder seinen eigenen Gedanken hin und schon kam ich wieder bei Alisa an. Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte. Versuchte mir die wunderbare Show und den charismatischen Sänger ins Bewusstsein zu rufen, doch die Gedanken drängten immer wieder zurück zu ihr. Ich schaute sie an, als sie aus dem Fenster in die Dunkelheit spähte, kontrollierte gleich anschließend im Rückspiegel über dem Fahrer, ob Jörn nicht gerade zu mir sah, um festzustellen, dass Alisa meine Aufmerksamkeit fesselte. Immer wieder riskierte ich einen Blick auf sie und einmal begegnete ich ihren; sie lächelte kurz und schaute wieder auf die Straße hinaus. Sie wirkte müde. Auch Tina fläzte mit dem Kopf auf dem am Fenster abgelegten Arm ziemlich schläfrig auf ihrem Sitz.
Nach einer Fahrt, die mir wie eine Ewigkeit vorkam, rollten wir am Ausgangspunkt ein. Bevor wir uns von Tina und Jörn verabschiedeten, bot mir Alisa an, mich in ihrem Auto mitzunehmen. Ich lehnte zunächst verlegen ab, denn immerhin sind es nur zehn Minuten bis zu mir, doch sie scherzte, dass es zu dunkel sei und sie unmöglich riskieren könnte, dass mich die Dämonen der Finsternis packten.
So fand ich mich Augenblicke später in ihrem kleinen Wagen auf der Beifahrerseite wieder. Wir winkten den beiden anderen noch einmal zu und dann fuhr sie in die Richtung, die ich ihr vorgegeben hatte.
„Und du willst jetzt wirklich zu dem Tyrannen?“, fragte sie mich nach wenigen Metern ernst.
„Ich muss“, gab ich ihr zur Antwort.
„Du musst überhaupt nicht.“
Ich schaute sie fragend und zugleich unsicher an. Sie blickte kurz zurück und es schien als könnte sie ihr Grinsen nicht ganz verbergen. „Wenn du willst, kannst du bei mir übernachten. Ich bin eh allein.“
Ich war mir nicht sicher, ob ich das wollte. Die Idee war reizend, doch ich hatte Angst, dass die aufkeimenden Knospen meiner Gefühle stärker werden könnten, wenn ich mit ihr ginge. Immer wieder bewegten sich meine Augen zu dem Armbändchen an ihrem Handgelenk. Zwei in sich verschlungene Frauenzeichen ... Was, wenn sie bemerkt hatte, dass sie meine Aufmerksamkeit bündelte? Konnte sie sich ihrer Wirkung auf mich so bewusst sein? Spürte sie vielleicht sogar dasselbe und zeigte es nur nicht so deutlich, weil sie mehr Erfahrungen im Umgang mit diesen außergewöhnlichen Empfindungen hatte? Hatte sie vor, mich gänzlich in ihren Bann zu ziehen? Schließlich sagte ich: „Ich weiß nicht. Mein Freund wird vor Eifersucht platzen, wenn ich die Nacht nicht nach Hause komme ...“.
Für diesen demütigen Satz hätte ich mich ohrfeigen können. Wieder überließ ich es meinem Freund mich zu bestimmen, auch wenn meine eigentliche Absicht darin bestand, sie von dem Einfall, mich zu sich zu holen, abzubringen.
„Sag ihm, du hast bei einer Freundin übernachtet. Und wenn er das nicht glaubt, dann soll er mit mir telefonieren, um sich davon zu überzeugen.“
Ich wies ihr ein letztes Mal die Richtung, in die sie als nächstes einbiegen sollte und dann waren wir auch schon da. Alisa lehnte sich nun entspannt zurück, die linke Hand noch immer am oberen Rand vom Lenkrad, den Motor abgestellt, und fragte gespannt: „Und?“
Ich beugte mich ein Stück vor zur Windschutzscheibe, und versuchte zu sehen, ob in unserem Fenster Licht zu erkennen war. Meistens blieb er lange wach, wenn ich abends weg war, um mitzubekommen, wann ich die Höhle seiner Herrschaft wieder betrat. Dann sah ich Alisa an. Wollte ich dieses wohlig warme Gefühl, das sie in mir auslöste, gegen die kalte Hölle im dritten Stock eintauschen?
„Du hast Recht!“, ich beugte mich noch einmal vor, um das Flimmern im Wohnzimmerfenster zu sehen, „Wie es aussieht, ist er noch munter. Ich hab um die Zeit wirklich keine Lust auf eine große Diskussion mit ihm. Fahren wir zu dir!“
Strahlend ließ sie den Motor wieder an.
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Ich erinnere mich
Ich erinnere mich an meine erste Probevorlesung:
Nach meiner Diplomprüfung hatte ich mich an mehreren Stellen beworben und war auch verschiedene Male eingeladen worden und von München aus dauernd mit der Bundesbahn unterwegs gewesen. Zu einer Probevorlesung aber war ich bis dahin noch niemals eingeladen worden, wie jetzt von einer „Sozialakademie“ in Norddeutschland.
Wie meistens begann ich mit der Arbeit an meinem Vortrag viel zu spät. Konzept und Lektüre legte ich viel zu breit an. Auch war mir damals, wie ich mich erinnere, kaum bewusst, dass ich mich einem wichtigen Datum meiner beruflichen Karriere, vielleicht einem Wendepunkt meiner bisherigen Lebens näherte.
Trotz Tag- und Nachtarbeit in der letzten Phase ist es deshalb längst kein vortragbares Vorleseskript , das ich – völlig übermüdet und mit hastig gefülltem Koffer – auf die lange Straßenbahnfahrt vom Münchener Stadtrand zum Hauptbahnhof mitnehme. Im Grunde liegt nicht mehr vor als ein Wust von kaum geordneten Blättern, teils erst grob mit Bleistift skizziert. Im übrigen ist s ein heißer Frühsommertag in München. In den Biergärten suchen die Leute den Schatten, und ich bin frühsommerlich gekleidet. ( Die für den nächsten Tag vorgesehene „bessere Kleidung“ liegt im Koffer ).
Am Hauptbahnhof ist vor der Abfahrt des Zuges nach Hamburg noch etwas Zeit – gerade so viel, soweit ich mich erinnere, um im Bahnhof einige Dinge einzukaufen. Eilig suche ich für meinen Koffer ein größeres Schließfach.
Ich erinnere mich, dass ich
so schnell wie möglich ich ein paar Einkäufe besorge, vor allem Proviant und Kosmetika. Dann ist die Zeit knapp geworden. Schnell renne ich zu den Schließfächern zurück und muss, wieder einmal, umständlich nach dem Schließfachschlüssel suchen. Endlich finde ich ihn. Das dauert alles viel zu lange! Schließlich erkenne ich auch das Schließfach mit der richtigen Nummer wieder. Aber das Schließfach ist leer! Kein Koffer, auch als ich, nach kurzem Schock, in dem großen Schließfach meinen Versuch wiederhole. Auf dem Boden, rechts und links, steht der Koffer auch nicht. Und auch nicht in den umliegenden leeren Schließfächern, in denen ich ihn versehentlich abgestellt haben könnte. Der Koffer ist weg.
Und in ein paar Minuten geht mein Zug. Ich muss mich sofort entscheiden: Entweder ich setze diese nicht sehr aussichtsreiche Suche fort und verzichte damit schon jetzt auf diese aussichtsreiche Stelle. Oder ich eile so, wie ich bin, in dieser lockeren sommerlichen Kleidung, dem bisschen Proviant und meinem unvollständigen Skript, aber ohne das gesamte Hintergrund-Material und einige wichtige Bücher zum abfahrbereiten Zug.
Ich erreiche ihn noch mit knapper Not und finde endlich in irgendeinem Abteil einen freien Platz Allmählich beruhige ich mich und greife wieder zu den ungeordneten losen Blättern, aus denen mein Skript bis jetzt besteht. Am Abend am Zielort , nach langer, anstrengender Fahrt, sind es noch viel mehr, zum Teil kaum lesbare Seiten, aber längst noch kein einigermaßen vollständiger, zusammenhängender und vorlesbarer Text.. Und am nächsten Vormittag, als ich in der Akademie meinen Vortrag beginne, ist es kaum besser, obgleich ich in meinem Hotelzimmer ( oder in einem Restaurant bei Bier oder Wein ?) noch bis spät in die Nacht weitergearbeitet habe.. Es ist nur eine große, unübersichtliche, den Autor selbst erschreckende Menge.
Je mehr wir uns der Stadt, in dem für mich noch recht fremden Norddeutschland nähern, desto mehr Wolken tauchen auf, desto schlechter wird das Wetter (eigentlich unvorstellbar nach der langen Hitzeperiode in München!) Als ich auf den Bahnhofsvorplatz trete, regnet es in Strömen. In meiner Hochsommerkleidung friere ich erbärmlich. Nie habe ich mir bis dahin vorstellen können, dass es im Hochsommer so kalt sein kann – wenn es gleichzeitig in einer anderen deutschen Stadt so heiß ist.
Der Taxifahrer betrachtet mich in meinem gänzlich unpassenden Aufzug verwundert bis misstrauisch. Richtig unwillig, fast abweisend wird er, als ich mein Fahrziel nenne; so etwas hatte ich bis dahin noch niemals erlebt! Die Strecke erscheint ihm wohl zu kurz und unlukrativ, und er wohl lieber an seinem jetzigen, günstigeren Standort stehen geblieben. Und wirklich: Wir fahren nur wenige hundert Meter.
Der Pförtner in dem Gästehaus – es ähnelt eher einem Hospiz als einem Hotel – schaut mich ebenfalls misstrauisch, ungläubig an: Der in diesem Aufzug und fast ohne Gepäck soll ein angehender Hochschullehrer sein, der zu seiner Probevorlesung angereist ist?
Bis spät in der Nacht arbeite ich weiter an meinem Vortrag, ohne Unterlagen aus dem Gedächtnis. Der ist, wie gesagt, längst nicht fertig, und noch eine richtige Struktur. hat er auch noch nicht. Wo und wie dies im einzelnen geschieht, weiß ich nicht mehr Aber solche Nachtarbeiten, mit dem einen oder anderen Glas Bier oder Wein, sind damals fast die Regel; und nach den aufregenden Ereignissen und angesichts der bevorstehenden Prüfung hätte ich auch kaum früher einschlafen können.
Am anderen Morgen bin ich jedenfalls, wie man vielleicht denken könnte, nicht sonderlich groggy. Mit Sicherheit komme ich nicht auf die Idee, mir für meinen bevorstehenden Auftritt noch neue Sachen zu kaufen! Zeitlich wäre das auch kaum möglich gewesen; die Veranstaltung ist auf 10 Uhr oder noch früher angesetzt
Welches Wetter herrscht an diesem Morgen? Gießt es weiter in Strömen? Jedenfalls herrscht nicht das gewohnte warme Sommerwetter..Ich habe keine Erinnerung.
Aber ich erinnere mich,
dass ich an diesem Morgen genau so, wie ich am Abend zuvor angekommen bin, in das Taxi steige: in völlig verregneter, nun schon zerknautschter, wahrscheinlich, gemessen am Wetter, viel zu dünner, denkbar ungeeigneter Sommerfreizeitkleidung, vermutlich auch gar nicht oder schlecht rasiert – also ziemlich genau so, wie man nicht, zu einem wichtigen Prüfungstermin fahren soll..
Wieder fährt das Taxi nur eine ganz kurze Strecke, kaum fünf Minuten. Der Taxifahrer, dieses mal ein freundlicher, trotz des kargen Lohns, erklärt mir, dass ich bis jetzt in der Tat fast nur um den großen Bahnhofskomplex gefahren bin, und als Einheimischer auch alles gut zu Fuß hätte bewältigen können. Und er erklärt mir auch, weshalb diese Gegend, in die er mich eben gefahren hat, so ruhig und freundlich ist und trotz der kurzen Distanz zur Innenstadt eher an Urlaub und Ausflug erinnert als an Hochschule und Prüfung.: ein größerer Park, ein freundlicher Kanal, über die eine kleine Brücke führt, am Rande eines gutbürgerlichen Viertels. Und eine angenehme Stille. Hier wäre es schön, zu arbeiten und vielleicht sogar zu wohnen, denke ich. Aber im Grunde „weiß“ ich: das, was mir jetzt bevorsteht, kann nur schief gehen – in diesem miserablen Verfassung und in diesem lächerlichen Aufzug, so schlecht vorbereitet, wie zu keiner der zahlreichen Prüfungen in meinem bisherigen Leben. Und hier, in dieser schönen, stillen Gegend, werde ich niemals wohnen und arbeiten. Fast habe ich mich mit dieser Niederlage schon abgefunden - wie ein Sportler, der in einem Match hoffnungslos zurückliegt.
Ich erinnere mich:
Die deutlich österreichisch sprechende Rektorin , sie ganz besonders, ein oder zwei
Dozentinnen (hieran erinnere ich mich nur sehr verschwommen) und der Verwaltungschef empfangen mich ausgesprochen freundlich. Dass ich mein Missgeschick schildere und meinen „Aufzug“ entsprechend erkläre, scheint „anzukommen“ und mit Wohlwollen registriert zu werden.. Man versucht, meine Anspannung zu verringern und mir zu vermitteln, dass alles „halb so schlimm“ werde.
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Dieses freundliche Gefühl schwindet aber schnell , als mich meine Gastgeber in eine ziemlich große Halle ( in eine Art Aula ?) begleiten: „Unendlich viele“ Augenpaare von Studenten und (in der Mehrzahl ) Studentinnen blicken auf mich - wohl auch die einiger potentieller KollegInnen. Niemals zuvor habe ich vor so vielen Menschen geredet, geschweige denn einen längeren wichtigen Vortrag gehalten. Und nicht alle Augen blicken freundlich..
Dann habe ich genügend mit mir selbst zu tun: Erst muss ich meine losen Zettel, die ich manchmal selbst kaum lesen kann, ordnen. Im Folgenden geraten sie mir immer wieder durcheinander. Fast automatisch beginne ich zu reden, teils stockend die Blätter herunter buchstabierend, teils extemporierend. :Sofort weiß ich, dass dies alles was ich jetzt sage, sagen kann und noch sagen werde, im großen Ganzen richtig, jedenfalls niemals direkt falsch sein wird, aber auch kaum einmal neu, den Kern des Problems betreffend.. Es wird langweilen, und es langweilt. Alle, die sich mit dem Thema schon befasst haben ( also damals fast alle Sozialwissenschaftler und Sozialpädagogen) kennen diese Daten, Thesen und Forderungen, einige vielleicht besser als ich selbst. .Und einiges, was mir in den letzten Stunden an vielleicht Interessantem bruchstückhaft eingefallen ist, bringe ich jetzt nicht richtig auf den Punkt. So ist es kaum verständlich, wie ich selbst finde.
Die Aufmerksamkeit nimmt ab. Ich merke es. Auch dass mich die Gastgeber, die Rektorin und ihre Adjutanten, nicht mehr so wohlwollend betrachten, wie anfangs, sondern schon etwas irritiert und skeptisch. Ich wiederhole mich, verliere vielleicht den Faden Irgendwann weiß ich überhaupt nicht mehr weiter und höre einfach auf zu sprechen. (Womöglich stoppen mich auch der Diskussionsleiter oder die Diskussionsleiterin mit Rücksicht auf die fortgeschrittene Zeit . Ich erinnere mich nicht mehr.)
Am liebsten würde ich jetzt davon laufen, auf der Stelle ,bzw. schnellstens zurückfahren zum Hauptbahnhof und dann den nächsten Zug nach München nehmen. Aber es geht noch weiter: Jetzt wird erst einmal ( für mich überraschend, aber ich hätte damit rechnen können) die allgemeine Diskussion eröffnet. Und diese „Diskussion“ (das geht mir als Linkem erst allmählich schmerzhaft auf) läuft letztlich auf eine elende Gesinnungsschnüffelei hinaus!
Und sie haben alle – soweit ich mich erinnere – nichts mit meinem Vortrag zu tun:
Vor allem wollen sie - das sind nicht irgendwelche Studenten. sondern eher Funktionäre und nur Männer ( während sonst Studentinnen deutlich überwiegen; einer, das fällt mir gleich auf, sieht aus wie Lenin) - wissen, wie ich `s mit der studentischen Mitbestimmung halte. Ich versuche eine abwägende, differenzierte Antwort zu geben, die auch meiner tatsächlichen Meinung entspricht: etwa dass ich in Fragen der Festlegung des Lehrstoffes und der Prüfungen nicht hereinreden lassen möchte und dass in Lehrveranstaltungen jede These, auch marxistische, kritisch diskutiert werden müsse und nicht einfach „gepredigt“ und „geglaubt“ werden dürfe..
Das wollen sie nicht hören. Das zeigen sie deutlich. Ich bin nicht ihr Mann. Einige Worte hin und her bringen keine Klärung. Bald verlieren auch die Funktionäre ihr Interesse. Und auch sonst wird es unruhig in der Runde. Man will zum Mittagessen. Der Diskussionsleiter (oder die Rektorin ?) beendet die Veranstaltung mit wenigen Worten. Auch die Gastgeber ( Veranstaltungsleiter ?) sind spürbar weniger freundlich als beim Empfang und vor Beginn meines Vortrags. Auch bei ihnen habe ich verloren.
Ich erinnere mich:
An mein Gefühl, dass alles umsonst gewesen ist, dass ich durchgefallen bin. Mögichst schnelI will ich weg von hier, zurück zum Bahnhof, weg aus dieser Stadt, die ich vielleicht nie mehr sehen werde und momentan auch nie mehr wiedersehen will. Die kurzen Floskeln, dass ich von ihnen hören werde (oder ähnlich), nehme ich nur noch resigniert zur Kenntnis.
An die Rückfahrt nach München erinnere ich mich nicht mehr, nur noch an ein tiefes Gefühl der Erleichterung, das sich trotz der vermeintlichen Niederlage, oder fast im Widerspruch zu ihr, meiner bemächtigt . Auch weiß ich nicht mehr, welches Wetter bei meiner Ankunft in München herrscht. Nur dass mein geklauter Koffer nie mehr auftaucht. Eigentlich habe ich das Kapitel Sozialakademie abgeschlossen, als nach einigen Tagen von dort die Nachricht kommt, dass man mich nehmen wolle und dass ich, falls ich mich meinerseits positiv entscheide, möglichst bald noch einmal anreisen solle.
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Ich erinnere mich ... an ihre Hände. Ganz fest hielten sie mich, wenn wir herumtobten und ich spielte, ich wäre ein Akrobat am Trapez. Fest und warm waren ihre Hände, hatten viel gearbeitet. Und ich fühlte mich sicher in ihnen. Wunderbar weich waren ihre Hände, wenn sie mir über das Gesicht strichen. Und geduldig waren ihre Hände, wenn sie mir frischgepflückte Trauben von dem Rebstock, der an der Hauswand aus rotem Backstein wuchs, reichte. Tante Schulz hatte wunderbare Hände.
Ich erinnere mich an das kleine Osternest mit den bunten Ostereiern, das sie für mich entdeckt hatte und an den Weihnachtsmann mit der vertrauten Stimme. Später habe ich mir überlegt, dass es Onkel Schulz gewesen sein mußte, der unter dem dicken roten Mantel versteckt gewesen war. Der dicke Bauch hatte ihn verraten.
Onkel Schulz war mit Tante Schulz verheiratet, schon sehr lange. Überhaupt waren die beiden unvorstellbar alt. Viel mehr Jahre hatten sie gelebt, als ich damals zählen konnte. Sie liebten Kinder und so hüteten sie mich während meine Eltern arbeiteten.
Onkel Schulz rauchte jeden Nachmittag eine Pfeife. Die duftete phantastisch. Er saß dabei in seinem speckigen alten Sessel. Der Sessel warf schon richtige Beulen, dort, wo Onkel Schulz immer saß. 'Er buckelt', lachte Onkel Schulz oft darüber, 'wie ein Pferd', und schmauchte den Tabak. Dabei wiegte er mich auf seinem Schoß, während Tante Schulz uns mit Kuchen versorgte. Dann wurde erzählt. Die neusten Erlebnisse von Morle, der schwarzen Katze, oder vom Schneemann, der immer kleiner wurde. Wichtige Dinge kamen auf den Kaffeetisch und wurden genau besprochen. Tante und Onkel Schulz waren großartige Menschen und ich gehörte zu ihnen.
Ich erinnere mich, ... damals war ich zu Hause. Ich fühlte mich bei ihnen sicher, wie in einem Nest. So sicher, wie ich es später nie wieder gespürt habe. Aber, ich erinnere mich.
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2426
Ich erinnere mich an den stolzen Raben, der die Dachrinne des Nachbarhauses hoch und runter trottete.
Das Schwarz seiner Federn schillerte in der Nachmittagssonne. Ein paar grüne so wie blaue Farbnuancen erfüllten das Schwarz des Federkleids. Er sah aus wie ein Edelstein, der in der Sonne funkelte. Seine Schritte waren raumergreifend und seine Bewegungen waren fließend wie von einem König, der in seinem neuen Gewand auf dem Dach stolzierte, das er als sein Königreich betrachtete. Seinen scharfen Augen entging nicht, dass sein Königreich mit verrotteten Blättern bedeckt war.
Wind kam auf und brachte die Blätter der Baumwimpfel zum Rascheln. Der Rabe streckte seine Flügel aus und erhob sich empor. Er verließ sein Königreich und machte sich zu neuen Welten auf.
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2406
Ich erinnere mich…
…immer wieder. Ohne es zu wollen an die schrecklichen Momente vor einigen Jahren. Ich kann nichts daran ändern, die Bilder drängen sich mir ungehindert auf. Einerlei wo ich mich gerade aufhalte, gleichgültig womit ich gerade beschäftigt bin, egal, mit wem ich gerade zusammen bin.
Die Bilder melden sich zwar an, allerdings so kurz vorher, dass ich mit absolut nichts dagegen steuern kann. Unaufhörlich, unaufhaltsam. So war es auch gestern wieder.
Ich war gerade auf dem Sprung zur Post. Wieder einmal hatten die Postzusteller es nicht geschafft, meine Briefe sondern die meiner Nachbarin gleichen Namens in meinen Briefschlitz zu werfen. Langsam wurde dieses ewige hin- und her lästig. Ziemlich genervt und auch recht müde habe ich mich auf mein Fahrrad geschwungen, um zum Postzentrum zu fahren. Die Strecke ist nicht weit. Ich brauche dafür etwa 5 Min. und muss nur 2x links abbiegen und eine Ampel an der Ringstrasse in Kauf nehmen. Genau da ist es dann wieder passiert. Die Ampel zeigt grün für den Autoverkehr und ich halte an, steige von meinem Rad ab, um zu warten. Plötzlich fährt an mir ein hupendes Auto vorbei. Der Vorderwagen hat wohl unkontrolliert gebremst. Heute kommt mir das alles völlig unspektakulär vor. Gestern allerdings hat mich der Klang der Hupe, ich würde es als eine Art „Schnarren“ beschreiben, anscheinend völlig aus der Bahn geworfen. Es hat urplötzlich laut geknallt. Flammen schlugen ungehindert in den Himmel. Obwohl es dunkel war, war der ganze Himmel vom Feuerschein erhellt. Ich wusste, dass ich mich in Sicherheit bringen musste und fuhr schnell los. Einfach nur weg aus diesem Inferno. Das nächste woran ich mich erinnern kann, ist dass ich die Augen aufschlug und mich im Krankenhausbett wiedergefunden habe. Gestern. Ich bin trotz roter Ampel auf mein Fahrrad gestiegen und einfach losgefahren. Mitten auf die Kreuzung. So liest sich das jedenfalls zusammengefasst im Polizeibericht. Ich bin glimpflich davongekommen. Ein paar Brüche, ein paar Prellungen und Schürfwunden. Das heilt alles in Ruhe wieder. Jeder sagt mir, dass ich wirklich Glück gehabt habe. Ich bin mir da nicht so sicher.
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2400
Ich erinnere mich: Jochen, hast Du deine beiden Kaninchen gefüttert?' ich log schon mit 12 Jahren gern:'ja Papa' -leider hatte es geschneit und mein Vater scheute keine Kälte, nochmal in den Garten zu schauen. Er fand keine Spuren im Schnee in Richtung der Kaninchenställe. -Am nächsten Tag wollte ich mich, mit ein paar Möhren und Löwenzahn bewappnet, bei den Kaninchen für mein Versäumnis entschuldigen. Der Käfig war leer, kein schwarz-weißes und auch kein graues Kaninchen da. Auf Nachfrage bei meinem Vater erfuhr ich, sie seien bei Herrn Scherer, einem Kaninchenzüchter unten am Wald am Ende unserer Straße. Ich dachte, harte Strafe,und dass er sie nach dem Abklingen seiner Wut schon irgendwann wieder zu uns holen würde. Tatsächlich, am Sonntag waren sie wieder da, als Braten auf dem Esstisch unserer Familie. Ich kann mich verstehen, wenn ich als Sohn eines Postoberrates später in der militanten Hausbesetzerszene eine Familie fand. Mein Vater hatte eine Nische gefunden, an ihm begangene Gräueltaten an mir auszuleben, ohne mich zu schlagen. Er hält sich heute noch für einen fast antiautoritären Vater, weil er mich nie schlug. Ich habe ihm jetzt mit 50 Jahren verziehen, hoffentlich die Hasen zumindest mir auch.
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1995
Ich erinnere mich an die Fahrt nach Hause. Ich hatte meine Mutter als Fahrerin engagiert und daheim alles auf den Neuankömmling vorbereitet. Der kleine Schäfer-Mischling war ein halbes Jahr alt und hatte bis dahin die Zeit mit seinen Wurfgeschwistern im Tierheim verbracht. Bereits diese allererste Autofahrt verlief völlig ohne Probleme. Und so ist es bis heute geblieben. Merlin ist viermal mit mir umgezogen und hat sich brav in jede neue Umgebung eingefügt, stets bemüht zu gefallen. Er hat in der Hundeschule alles gelernt, was ein Hund können muß und noch ein bischen mehr. Manch ungewöhnliche Problemlösung verdankt meine Firma einem langen Hundespaziergang. Manche Tafel Schokolade ist dank der morgendlichen, gemeinsamen Joggingrunden nicht auf meiner Hüfte gelandet. Und ja, in schwierigen Zeiten hatte ich einen Grund, aufzustehen und einen fantastischen Zuhörer. Heute, 13 Jahre später, liegt er an einem heissen Sonntagnachmittag unter meinem Schreibtisch und ist noch immer mein Wegbegleiter. Unauffällig und immer da. Seit der ersten Autofahrt ,damals.
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1898
Ich erinnere mich an unser erstes Kennenlernen. Der Gatte einer Arbeitskollegin hat einen seiner Arbeitskollegen "organisiert". Wir treffen zusammen. Wir gehen Billard spielen. Wir übernachten gemeinsam bei den Arbeitskollegen. Er nervt. Er begleitet mich am nächsten Tag nach Hause. Er nervt. Er redet so viel! Okay, ich treff mich nach dem Urlaub nochmal mit ihm.
Die Arbeitskollegen sind geschieden. Wir sind seit 20 Jahren zusammen, 13 davon verheiratet.
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1860
Schöne Tage
Er wollte Kinder. Aber nur Jungen. Er wurde Vater von fünf Töchtern.
Wenn du ein Junge wärst, ja dann ... hörte sie ihn oft sagen. Sie war die Krönung von vier fehlgeschlagenen Versuchen.
Nun sollte Schluss sein. Er wollte sich abfinden. Das war nicht so einfach. Der Satzanfang „Wenn du ein Junge wärst“ kam trotz Gegenwehr fast zwanghaft, unkontrollierbar über seine Lippen und brachte ihn mehr auf Distanz als ihm lieb war. Er wollte ihn nicht mehr sagen. Er wollte sich nicht länger abschneiden. Doch da gab es schon kein Zurück mehr. Er war längst abgeschnitten. Und weil er keine neuen Worte fand, kam sein zunehmendes Interesse eher sprachlos daher.
Und so richtete er einen letzten Satz an sie kurz vor seinem Tod, bevor ein weiterer Schlag in sein Sprachzentrum einschlug „Mach dir ein paar schöne Tage.“
Daran erinnerte sie sich jetzt. Banaler und bedeutungsschwerer hätte dieser letzte Satz nicht ausfallen können.
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1780
Ich erinnere mich an unsere erste Küche - ein schmaler Schlauch mit Fenster zum Garten hinaus. Für uns war das Kinderzimmer der Vorbewohner umgebaut worden. Die alten Holztüren von 1938 waren zum Flur hin frisch holzfarben lasiert, im Raum weiß gestrichen. Den Fußbodenbelag aus beigebraunem PVC in Kachelform hatten wir aus einem Musterbuch selbst aussuchen dürfen. Für die kleinen beigen Kacheln an den Wänden waren wir mit dem Vermieter im Fliesenstudio gewesen. Dort hatte ein Verkäufer uns erklärt, dass man heutzutage keine großen Kacheln mehr in der Küche verlegen würde. Kleine Kacheln waren angesagt. Ob wir einzelne Kacheln mit Muster eingelegt haben wollten?
An der Wand vor dem Fenster stand Oma Marthas alter Küchentisch von 1930 und ihre alten Küchenstühle. Am Fenster hingen meine selbstgenähten Gardinen aus bedrucktem weißem Baumwollstoff mit roten Kaffeekannen. Aus demselben Stoff hatte ich Stuhlkissen und einen Vorhang für Richards Kinderzimmerregal genäht, das jetzt als Vorratsregal diente.
Die Sonne schien auf den Frühstückstisch. Das schlichte warmbraune Töpfergeschirr, das sowohl Richard als auch ich aus unseren Studentenzimmern mitgebracht hatten, stand noch dort, der Brötchenkorb mit Richards orangefarbenem scharfen Sägemesser, mein silbernes Konfirmationsbesteck neben den Tellern. Es roch nach warmem Kaffee aus der Kaffeemaschine.
Der Handwerker klingelte, ich führte ihn zum Elektroherd, den er anschließen sollte. Er zog ihn von der Wand und mit wenigen Handgriffen war das Kabel an die Starkstromleitung angeschlossen.
Richard schaute sich alles genau an: "Das hätte ich auch selbst machen können! Aber das darf man ja nicht, wegen der Hausversicherung. Für Starkstromanschlüsse muss ein Elektriker kommen!"
Er und der Handwerker unterhielten sich ein wenig. In diesem Augenblick war ich vollkommen glücklich. Wir wohnten zusammen.
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1749
Ich erinnere mich an den Abend, als meine beste Freundin mit ihrer Familie auf dem Bahnhof in Dresden stand und wir gekommen waren, um Abschied zu nehmen. Abschied für immer? Abschied für eine lange Zeit? Oder?
Keiner wußte damals, wie wird es mit dem gespaltenen Deutschland weitergehen. Wir trafen Hermann und Ingeborg sowie die beiden Söhne in einer nicht zu beschreibenden Stimmung an. Schwer zu sagen, wie die Gefühle von Freude, Abschiedsschmerz und Zukunftsangst einem Gesicht Ausdruck verleihen. Der Zug, der viele Ausreisewillige nach dem Westen bringen sollte, hatte nun schon fast eine Stunde Verspätung.
Die Unruhe, der auf dem Bahnsteig Wartenden nahm von Minute zu Minute zu. Sehr unterschiedlich waren die Szenen in dieser Nacht anzusehen. Die einen, besonders die sehr jungen Leute, feierten den Abschied lautstark aber doch irgendwie verhalten und stießen mit den Zurückbleibenden immer wieder mit Sekt an. Die älteren Jahrgänge verhielten sich lange nicht so euphorisch. Immer wieder nervös zur Uhr schauend wechselten unsere Freunde mit uns und ihren Verwandten letzte Worte. Es waren nur oberflächliche kurze Gespräche, denn jetzt hatte eigentlich jeder einzelne damit zu tun, seine Aufgeregtheit zu verbergen. Kraft wollte man denen geben, die in Kürze in einer völlig anderen Welt leben würden. Stark sein wollten die anderen für die, die zurückbleiben mussten.
Endlich erlöste der Bahnhofssprecher die Menschengruppe aus dieser wahnsinnigen Situation. Langsam setzte sich der Zug in Bewegung. Die Emotionen erreichten ihren Höhepunkt. Jetzt flossen auf beiden Seiten, die bis hierher zurückgehaltenen Tränen. Erst als der letzte Wagen nicht mehr zu sehen war, schlichen die Zurückgebliebenen zurück in ihren DDR-Alltag.
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1697
Sie hat ihr erstes Kind bekommen, einen kleinen Buben.
Ich halte ihn im Arm, voller Dankbarkeit und ein bisschen verloren in dieser grossen Stadt voller Verkehr, voller Leben und Unruhe und ich erinnere mich....
Ich erinnere mich an ein kleines flaches Haus ausserhalb von Lima,
eine Haengematte mitten im Garten, dessen Boden aus Sand bestand, auf dem aber Rosen bluehten. Ich erinnere mich an den Duft des nassen, muehsam gegossenen Rasens und ich erinnere mich an die Stille, denn es war Abend, und Jacinto hatte die Wasserpumpe abgestellt.
Wir hatten uns in die Haengematte gekuschelt, ein Ritual. Wir lagen beide auf dem Ruecken und mein kleines Mädchen lag auf mir mit dem Blick nach oben. Wir warteten auf die Sterne am hohen dunkler werdenden Himmel. In der Ferne war eine Quena zu hoeren, nichts sonst.
Und dann kamen die Sterne, einer nach dem anderen, einer schoener als der andere...mit Jubel begruesst.
Ich erinnere mich. Es war das reine Glueck.
Und nun hat sie ihr erstes Kind bekommen. Einen hinreissenden kleinen Buben...
Liebe Charlotte, ab und zu schaue ich noch mal unter den ersten Kapiteln, ob noch was neues dazu gekommen ist. Es fällt mir nicht ganz leicht, weil ich mit meinen Gedanken schon an ganz anderer Stelle unterwegs bin. Aber diesmal freue ich mich, deinen Text entdeckt zu haben. Er spricht mir so aus der Seele. Diese Wehmut, wenn die Kinder groß werden, die Erinnerung an glückliche Augenblicke, die unwiederbringlich der Vergangenheit angehören. Ich könnte manchmal weinen über die Schönheit, das Glück, den Fluss des Lebens. ... Das alles ruft dein Text in mir hervor. Ich finde ihn wunderschön. Hoffe, dass du hier noch mehr Texte reinsetzt. LG Iris
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1644
Ich erinnere mich genau an diesen Traum. Nur einmal habe ich ihn geträumt. Und obwohl es schon viele Jahre her ist, habe ich das Erlebnis nie vergessen. Manchmal ist es mir, als könne ich ihn wieder erleben, wenn ich mich nur stark genug konzentriere.
Und manchmal – in ganz seltenen Momenten des Glücks – kann ich nicht glauben, dass es nur ein Traum ist; kann nicht glauben, dass ich nicht auch in Wirklichkeit fliegen kann.
Natürlich haben die Menschen schon immer vom Fliegen geträumt. Seit Ikarus versuchen sie, sich mit technischen Hilfsmitteln mehr oder weniger lange in der Luft zu halten.
Die Luft. Sie war schon immer mein Element, solange ich zurückdenken kann. Wenn es ein früheres Leben gäbe, dann wäre ich bestimmt ein Vogel gewesen. Könnte ich es mir aussuchen, dann am liebsten ein großer. Einer, der nur die gewaltigen Schwingen ausstrecken muss, um majestätisch dahin zu gleiten.
Ich bin inzwischen mit so ziemlich allem geflogen, das mich in die Luft bringen kann.
Kleine Flugzeuge, die sehr schaukeln und so laut sind, dass man sein eigenes Wort nicht versteht. Große Flugzeuge, die einen völlig vergessen lassen, dass man sich überhaupt in der Luft befindet. Wie schade.
Hubschrauber, die faszinierende Manöver vollbringen können und innen erstaunlicherweise nicht so laut sind wie von außen.
Ultralights, die jedes Gefühl von Erhabenheit im Lärm ersticken.
Und natürlich auch Segelflugzeuge, die tatsächlich geräuschlos im Luftstrom dahin gleiten. Allerdings müssen diese sich alle Nase lang eine geeignete Thermik suchen, in der sie sich, immer im Kreise fliegend, langsam nach oben schrauben.
All diese Fluggeräte sind spannend und ich kann nicht genug davon kriegen. Aber keines davon kann mir dieses Gefühl vermitteln, das ich in meinem Traum hatte.
Ich fliege. Ich! Ohne jedes Hilfsmittel. Ich strecke die Arme aus, laufe einen kleinen Abhang hinab, bis ich spüre, dass die Luft mich trägt. Mit langsamen Armschwingen schaffe ich es, höher zu steigen. Ich probiere vorsichtige Kurven, werde langsam immer mutiger, steige höher und höher. Ich sehe mein eigenes Dorf unter mir; sehe unser Haus von oben. Ich wusste gar nicht, dass wir schwarze Dachziegel haben. Ich fliege eine Straße entlang, lasse mich tiefer sinken, muss dann wieder ein paar Mal meine Arme bewegen, um aufzusteigen. Ich spüre die Luft an mir vorbeirauschen. Aber vor allem spüre ich, dass sie mich trägt, dass Luft nicht Nichts ist.
Vielleicht fühlt sich Tauchen ähnlich an. Ich weiß es nicht. Ich kann nicht tauchen. Im Gegensatz zum Aufenthalt im Wasser spüre ich aber sehr wohl die Schwerkraft, das Wechselspiel der Kraft, die mich nach unten zieht und der Strömung, die mich nach oben trägt.
Ich wünschte, ich könnte meine Träume beeinflussen. So wie im Kino: ich entscheide, was ich heute Nacht erleben möchte.
Meinen Traum vom Fliegen hatte ich nie wieder. Aber er war der wirklichste Traum, den ich je hatte und wenn ich mich ganz intensiv erinnere, dann spüre ich noch immer den Moment, in dem meine Füße den Boden verlieren und die Luft mich trägt.
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1427
Ich erinnere mich.
Ich erinnere mich. Ja, tief in mir erinnere ich mich an mich. Irgendwo dort drin ist ein Funken von mir. Ich erinnere mich an Zeiten ohne unsichtbare Mauern um mich, als ich die Wärme der Sonne und den Wind auf der Haut spüren konnte, die Luft flirrt vor Hitze und raubt mir angenehm den Atem. Ich bin. Einfach nur sein, ganz im Augenblick versunken. Der Fluss wird zu Meer, der Wind im Weizenfeld wird zum Meeresrauschen. Ich kann den Strand riechen, kann ihn unter meinen Füssen spüren. Mit ausgebreiteten Armen umfasse ich das Nichts, die Leere, die warme Luft, mich, mein Sein, alles, alle Lebewesen, mein Herz, meine Seele, mein ganzes Leben. Es berührt mich, ich berühre mich selbst, ich bin ich, zusammengeschmolzen zu einem Kern, dem reinen Sein, ich kann fühlen wer ich bin. Ein Geschöpf verschmolzen mit dem Universum, eine Ahnung von Gefühl wallt in mir auf, die Verbundenheit mit allem, empfunden von einem Individuum. Ich erinnere mich so gerne.
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1423
Ich erinnere mich noch genau, wie es war als ich ihn das erste Mal sah. Genau genommen war es nur ein Foto, das zufällig auf meinem Bildschirm gelandet war, aber ich hatte das Gefühl, dass er mich direkt ansah. Diese dunklen, fast schwarzen Augen, der offene Blick, vertrauensvoll, unternehmungslustig, erwartungsvoll, dabei aber auch wachsam und nachdenklich - ich wusste sofort, das ist er. Dabei war ich nicht auf der Suche, wusste ja nicht einmal, ob ich jemanden wollen würde, und doch - wenn ich einen wollte, dann ihn, das war mir sofort klar.
Ohne wirklich zu wissen was ich tat, hatte ich das Foto ausgedruckt inklusive aller Informationen, die ich über ihn bekommen konnte. Ich wollte mehr über ihn wissen.
Aber wollte ich wirklich eine neue Verantwortung übernehmen? Eine solche Beziehung, das bedeutete Bindung, bedeutete Verantwortung. Aus einer spontan aufschwappenden Zuneigung folgenschwere Entschlüsse zu treffen wäre leichtfertig. Und leichtfertig war ich nie gewesen. Was, wenn es am Ende doch nicht klappen würde? Was, wenn er meine Zuneigung erwiderte und dann würde ich seiner überdrüssig – könnte ich ihn dann sang-und klanglos aus meinem Leben streichen? Mit Sicherheit nicht. Trennungen waren immer schwer, und egal ob ich sie initiierte oder mein Gegenüber – gelitten hatten doch immer beide. Und hatte ich mich nicht gerade erst damit abgefunden, den Rest meiner Tage lieber allein, als unglücklich zu zweit zu verbringen? Hatte ich nicht gerade erst die letzte unglückselige Geschichte überwunden, die mir trotzdem immer noch nachhing?
Also beschloss ich zunächst, die ganze Sache zu vergessen. Vergaß das Foto in meiner Tasche, vergaß ihn und alles was ich über ihn gehört hatte. Sei vernünftig, redete ich mir ein, Du hast für sowas gar keine Zeit. Bist sowieso fast nie zuhause, ständig unterwegs, mit immer neuen Projekten befasst, die Kinder sind grad dabei, flügge zu werden. Dein Leben ist auch so mehr als ausgefüllt und wie es in den nächsten Monaten und Jahren weitergeht, weiß niemand. Nein, ich würde mich jetzt nicht von meinen Gefühlen dazu leiten lassen, weitreichende Entscheidungen zu treffen, die ich doch zur Zeit noch gar nicht überblicken konnte. Kurze Zeit später, als ich die Tasche wechselte, warf ich die Ausdrucke weg. Gar nicht mehr über ihn nachdenken war bestimmt die beste Lösung.
Aber so einfach war es dann doch nicht. Denn zwei Wochen später tauchte er unvermittelt wieder auf. Und meine Begeisterung war sofort wieder da. Ich erinnere mich, wie ich meinen Kollegen nach ihm fragte. „Ist er immer noch da? Und zu haben ist er auch noch?“ Ja, war er. Also rief ich die Telefonnummer an, mit klopfendem Herzen und sehr, sehr unsicher. Die ersten zögerlichen Gespräche fachten meine Zweifel und Fragen erneut an.
Noch zwei weitere Tage den Nachdenkens, Grübelns und Abwägens – leichtfertig war ich tatsächlich nie gewesen - und ich fuhr zu der angegebenen Adresse.
Von da ab schien alles vorbestimmt. Er hatte auf Anhieb Vertrauen zu mir. Ohne zu Zögern ging er mit, sprang in mein Auto und schaute nicht ein einziges Mal zurück zu dem Ort, an dem er die letzten Wochen verbracht hatte.
Seitdem ist er mein treuer Begleiter, mein felliges Baby, Freund und Partner in allen Lebenslagen - mein kleiner, schwarz-weiß gefleckter Pointer-Mischling.
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1363
Ich erinnere mich.
Ich erinnere mich an so vieles, dass ich nicht wuesste wo ich anfangen soll zu erzaehlen. Ich erinnere mich an meine Kleinkinderzeit. Das kann doch garnicht sein sagen viele. Ob es sein kann? Es bedrueckt mich, wenn ich merke, dass mein Erinnerungsvermoegen in Frage gestellt wird. Dass man mir nicht glaubt, was ich sage. Dass man mich fuer eine Geschichtenerzaehlerin haelt, eine die Geschichten erfindet. Aber ich erinnere mich tatsaechlich. Erinnere mich an Begebenheiten, an Worte, an Gesichter, an Orte. Ich erinnere mich an so vieles. Ich wuesste wirklich nicht wo ich anfangen soll.
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1285
Ich erinnere mich noch ganz genau an den Tag der Geburt meines Bruders. Ich war 3 Jahre alt und weiß nicht mehr wie ich dorthin kam, aber sehe mich noch ganz deutlich heulend und mit lebkuchenherzenverschmiertem Mund im Schwesternzimmer eines Krankenhauses sitzen, während meine Mutter als großer weißer Berg auf einem Krankenbett an mir vorbeigefahren wird, schnell, hektisch, schlafend, weiß, mit kurzen dunklen Haaren, aus dem bleichen Gesicht gekämmt,sehe ich sie durch das Fenster des Zimmers, ohne dass sie mich wahrzunehmen scheint, Angst, Panik, Kloß im Hals. Meine Mutter stirbt! Ich bin allein und verlassen. Eine freundliche Schwester redet auf mich ein, versucht, mich zu besänftigen, zu trösten, stopft mich mit Lebkuchenherzen voll, süß und klebrig, weihnachtlich, tröstlich. Immer wenn ich welche esse, fällt mir alles wieder ein, meine erste Erinnerung.
Das sind ja mal heftige Erinnerungen. Sowas behält auch ein dreijähriges Kind in Erinnerung.
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1119
Ich erinnere mich an den Tag, als wir Abschied nahmen von unserer Kindheit. Selbst Horst war da, der schon 16 war, und mit seinem dunklen Haar und den zusammen gewachsenen Augenbraunen wie die leibhaftige Verkörperung seinen Nachnamens wirkte: Boes. Jähzornig sollte er sein, schwierig und verschlossen. Er war das dunkle Pendant zu seinem Bruder Uwe, der wie ein lebendes Klischee blond und blauäugig seinen Charme spielen ließ und schon jetzt, mit 14, wusste, wie er Menschen für sich gewinnen konnte. Seine Mutter war sein erstes Opfer. Jedes zweite Wort von ihr war „mein Uwe“, als gäbe es keinen weiteren Sohn, so wie es keinen Vater gab. Sie arbeitete bei der Bahn, wie alle hier, als Schaffnerin im Schichtdienst. Die Jungen waren viel allein, viel auf der Straße. Sie lebten noch nicht lange in unserem Mietshaus, einem Wohnblock in einer grünen Großstadt.
Von den sieben Lenz-Kindern wohnten nur noch drei hier, alle unverwechselbar mit ihren roten Haaren, als hätten sie irische Vorfahren. Ihr Vater war vor einigen Jahren verstorben. Mutter Lenz zog ihre sieben Kinder allein groß, verdiente ihr Geld mit Putzen oder stand im Bratendunst einer Würstchenbude und verkaufte Schaschlik und Thüringer, wenn der Jahrmarkt kam. Ihr Bernd war uns schon als 5-Jähriger auf die Nerven gefallen, wenn er auf seinem Roller laut „Tatü-Tata“ rufend um die Blocks fuhr. Jetzt, zehn Jahre später, wollte er noch immer zur Polizei. Astrid, die Jüngste, pflegte lange ihren Ruf als Rotzgöre. Es gab kaum ein Kind in der Nachbarschaft, das sie nicht verprügelt hatte. Mit 13 half sie ihrer Mutter und sorgte sich um die Penner, die vor dem Würstchenstand die Reste aus den Abfalltonnen klaubten. Silke besuchte die Sonderschule. Sie war die einzige der Sieben, die den Weg aus der Armut nicht schaffte.
Links neben Lenz lebten die drei von Fischer. Ingo war schon aus dem Haus, seine Schwester Yvonne ein Jahr jünger als ich. Auch sie hatte uns früher das Leben schwer gemacht. Sie biss. Eine Narbe auf meinem linken Oberschenkel erzählt noch heute davon. Inzwischen trug sie Zahnspange, Make up und falschen Schmuck um den Hals. Sie wirkte unten auf dem Rasen mit dem Baseballschläger in der Hand so fehl platziert wie ein Pfau im Kuhstall. Ihr Bruder Christian war mit seinen 10 Jahren das einzige Kind im Spiel.
Es war Samstag und ich beobachtete aus dem Küchenfenster im zweiten Stock, wie die Sieben eine Mischung aus Baseball und Brennball spielten.
„Nun geh endlich“, sagte meine Mutter.
Ich war mir nicht sicher. Wir hatten seit Jahren nicht mehr zusammen gespielt, kaum gesprochen. Die unterschiedlichen Schulen waren schuld. Vielleicht wollten sie keine vom Rispenweg dabei haben, keine von den „Eingebildeten“.
Dann sah Horst zu unserem Fenster hinauf.
Ich wurde zu Stein, atemlos, bewegungslos, nur das Pochen in der Halsschlagader verriet, das ich noch lebte.
Er winkte einmal kurz mit der Hand.
Zwei Minuten später schlenderte ich über den Rasen.
Wir spielten bis zur Dunkelheit.
Am nächsten Morgen standen wir gleich nach dem Frühstück wieder auf dem Feld. Während wir die Mannschaften einteilten, sahen wir die Bewegungen hinter den letzten beiden Küchengardinen. In der mittleren Eingangstür erschien Jens, ein „Eingebildeter“ wie ich, das halbe Frühstücksbrot noch in der Hand. Er grinste uns fragend an.
Als letzter kam der Schwarz-Junge, Außenseiter von Kindesbeinen an, blass und schüchtern, zu gut gekleidet für einen 13-Jährigen. Zögernd ging er auf uns zu. Wir drückten ihm den Schläger in die Hand.
Wir spielten den ganzen Tag. Die Sonderschülerin, die Gymnasiasten, die anderen in der Mitte. Wir spielten ohne ein böses Wort, ohne Hader und Zank. Wir spielten, als gäbe es keine Unterschiede. Wir spielten, als wüssten wir, dass es das letzte Mal wäre.
Dann war der Sonntag vorbei.
Die Lenz-Kinder nahmen ihren Schläger und ihren Ball.
Wir sagten „tschüß“ und trafen keine Verabredung.
Jeder ging zu seinem Eingang.
Das Wochenende war vorbei.
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